Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449379--65647-2508297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
oet Mraeltt. No. 26 SetteS 1. Juli 1S0S und Anwürfe gegen die galizifch-jüdifchen Gemeinden wiederholte und mit harten Worten die Regierung für die „Schandwirtfchaft in den Kultusgemeinden" verantwortlich machte. Die Schandwirtfchaft besteht natürlich darin, dag die Kultusgemeinden statt sich der Gefamtorganisc.tion aus Gnade und Ungnade auszuliefern, gegen die geistige Bevormundung heftigen Protest erhoben. Diese Proteste konnten, nach Vermutung des Herrn I)r. Gabel, nur durch die Machinationen der ungesetzlich gewählten und durch die BezirlShauptleute aus Eigennutz in ihrem Amte behaltenen Vorstände zustande kommen. Wir wissen nicht, ob und inwieweit diese Darstellung der Wahrheit entspricht. Es mag sein, daß es bei Gemeindewahlen in Galizien hier und da nicht ganz mit rechten Dingen zugeht. Daß aber die Klage» über „Mißwirtschaft" jmb „Unordnung" in den Kultusgemeinden in der Budgctfitzung des Parlamentes, die überdies keine bestimmten, in die Autonomie der Konfessionen dmjidfeubeit Beschlüsse nad) irgend einer Richtung zu fassen hatte, nicht am Platze waren, empfanden alle, von den jüdischen nichtnationalen Abgeordneten, die laut und offen sich über die Kompromittierung beschwerten, bis zu den vergnügt schmunzelnden Christlichsozialen, die mit gespitzten Ohren aufmerksam lauschten und manch kräftig Wörrlcin ad notam nahmen. Daß die nach solcher Einleitung zum Ausdruck gebrachten berechtigten Klagen, Wünsche und Forderungen der galizischen Judenheit wirkungslos verhallten, kann nicht mehr wundcrnehmen. Wir aber fragen: Wird die galizische Judenheit auch diese neuerliche öffentliche Beschimpftrng durch ihre berufenen Vertreter ruhig hinnehmen? llm dieses zu glauben, müßte man sich schon die Meinung der genannten Abgeordneten über den moralischen Wert der galizifch-jüdifchen Gemeinden zu eigen machen. Diese Meinung wird indessen, hoffen wir, anläßlich der nächsten Reichs - ratSwcchlen ihre gründliche Widerlegung finden. Ptisntssie-Pogroms. Ucbcr Bukarest kam Ende voriger Woche die Schreckensnachricht von furchtbaren Jude uuusfchreitungeu in Bessarabien. Wir beeilten uns nicht mit der Wiedergabe der Alarm-- berichte, da uns die Quellen etwas trübe schienen, und wir an den Wunsch dachten, der leicht in diesem Falle der Vater des Gedankens sein könnte, llnsere Hoffnung hat uns Gott Lob nicht getäuscht. Tie Pogromnachrichten haben sich nicht bestätigt, und es verlohnt sich nun, an Hand dieser Mystifikation einen kleinen Blick in die Psychologie des russisch-rumänischen Antisemitisnrus zu tun. Es bedarf freilich schon einer besonderen Vertrautheit, auf dem verschlungenen Pfade der antisemitischen Methode in den Ländern der Rassischen Judenverfolgung, um hier den ganzen Zusammenhang herauszufinden. Kruschewan, d e r g r o ß e R u m ä n e r u s s is ch e r Staatsangehörigkeit, ist tot und I v r g a lebt noch, Professor G u z z a und Anhang, die derzeitigen Leiter der rumänischen Politik auch. Und sie „e r w a r t e n" Judenausschreitungen, die ihrer Ansicht nach bei Anlaß der Beerdigung Kruschewans nicht ausbleiben „d ü rf e n." Sie sehen in ihrer von Chauvinismus und Judenhaß genährten Phantasie schon die jüdischen Flüchtlinge in hellen Scharen über die rumänische Grenze strömen, und zwei Kompagnien werden an die Grenze gesandt, mit der Weisung, nur den A u s z u g, aber keinen Einzug von Juden zu gestatten. Um aber diese Maßnahmen vor der Welt zu rechtfertigen, und vielleicht auch noch aus anderen dunklen Gründen, werden durch die rumänischen Zeitungen (so auch in dem in Bukarest erscheinenden „Addeverul") die Progromnachrichten hinausposaunt, die Metzeleien, ganz wie sie in der Vorstellung der rumänischen Patrioten leben, haarklein geschildert und sogar die Zahl der getöteten Jude»: genau angegeben. Die rumänischen „Erwartungen" haben sich nun glücklicherweise nicht erfüllt. Vielleicht bedeutet der Umstand, daß eine Kruschewanseier ohne Blutvergießen, ohne jüdische Opfer vor sich gehen konnte, in der Tat einen kleinen Umschwung nach der im heutigen Leitartikel bezeichnten Richtung. Allein die Tatsache, daß Rumänien inaner noch oft in der Lage ist, seine Grenze vor jüdischen Flüchtlingen sperren zu müssen, spricht doch für den Janlmer und die tieftraurige Lage der Juden in Südrussland ganze Bände . . . -Madam Leiger'r religiöser Ldaraltter. Von Rabbiner Dr. Kautz in Zabrze. (Fortsetzung.) Für diese Stelle war Geiger in Aussicht genommen. Er gab privatim dem Dr. W. Freund, dem Vorsitzenden des „Komitees zur Berufung eines Gemeinderedners", mit dem er schon vorher freundschaftlich verbunden war, seine Bereitwilligkeit zu erkennen, das Amt anzunehmen*) Er, der sich früher in ehrlicher Entrüstung über diejenigen ereifert hatte, die „nicht vor Scham erbleichen, nicht vor Zorn über sich selbst, über ihre Unwahrhaftigkeit, über ihr schädliches Wirken erglühen, wenn sie religiöse Entscheidungen geben, ob das Geschirr brauchbar sei u. s. w.", bewarb sich um eine Stelle als Dajan, von dem „strenge Religiosität" gefordert wurde, der kasuistische Anfragen nach dem Relrgiouskodex zu entscheiden verpflichtet war. x Im Jahre 1838 legte Geiger sein Amt in Wiesbaden nieder. Die Stelle war klein und die Wirksamkeit eine begrenzte. Er hatte vergebens versucht, eine Organisation der jüdischen Gemeinden des nassauischen Herzogtums durch die Regierung herbeizuführeu und dadurch sein Amt zu erweitern. Einige gesetzestreue Juden reichten eine Gegeneingabe, die sich gegen den Organisationsplan wie gegen die Persönlichkeit Geigers richtete, bei der Regierung ein, und diese betrachtete die Angelegenheit als eine intern jüdische und ließ sich aus nichts ein. Geigers Wünsche wurden nicht erfüllt, und so verließ er Wiesbaden am 2. Juli 1838 und begab sich zunächst nach Frankfurt a. M. Seine Amtsniederlegung kam zwar überraschend, war jedoch eine freiwillige. Es verbreitete sich aber im Publikum das Gerücht, daß er nicht aus freien Stücken, sondern unfreiwillig gegangen sei, weil er am Sabbath beim Anbrennen einer Tabakspfeife überrascht worden wäre. Kurze Zeit später erschien auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1838, Nr. 99) folgende Notiz: „Wiesbaden, 1. Mgist. (Privatmilteilung.) Ta die?lllg. Zeit. d. Jud. mehrere Artikel aus frankfurter Blättern zu Ehren des von uns geschiedenen Tr. Geiger ausgenommen hat, so erlauben wir uns auch, sie um Aufnahme der Bemerkung zu ersuchen, daß der Herr Dr. Geiger nicht freiwillig sich von uns getrennt hat, und daß dies der Erfolg einer offenen Verletzung des « a b b a t h g e s e tz e s gewesen, welche mit den Pflichten eines jüdischen Geistlichen nicht vereinbar schien/' Diese Mitteilung wurde in einer späteren Nummer widerrufen 1838, Nr. 113): „Magdeburg, 2. September. Wir freuen uns, endlich ein Gerücht in seiner ganzen Lügenhaftigkeit nachzuweisen, welches, nachdem es seinen Weg durch mehrere Zeitschriften genommen, auch in unsere Zeitung sich eingedrungen hatte. Tie Nachricht in Nr. 99 über den Abgang des .Herrn Dr. Geiger von Wiesbaden, war uns mit drei namhaften Unterschriften versehen, zugekommen, und konnten mir ihm so die Ausnahme nicht veriveigern. Wir würden diese Herren hier namentlich ausführen and der öffentlichen Schande übergeben, wenn wir sie nicht zu sehr verachteten, um uns noch länger mit ihnen zu beschäftigen." Tie „Allg. Z. d. I." veröffentlichte außerdem ein Schreiben des Wiesbadener Gemeindevorstandes, in welchem die Angabe, daß Geiger llicht freiwillig, sondern in Folge einer offenen Verletzung des ^abbathgesetzes gegangen sei, a m t l i ch als „vollkommen wahrheitswidrig und verläumderisch" bezeichnet') und das freiwillige ') Vgl. Abr. Geigers Nachgelassene Schritten l, S. 48. , sie jeder bet setmm Gescylechle und unter diesem wieder jede.' um das Haus seiner Väter geschart." Und noch in anderer Beziehung sah der Scharfblick des Bileam einen Vorzug in der Lagerung Israels: ni "Ute n? dvisq dhw® „Die Etngöng in die Zelte waren nicht einander zugewandt, so daß eS unmöglich war, daß einer in daS Zelt seines Nachbars schauen konnte." Die Fawi-ien waren frei, unabhängig von einander. Wiewehl Liebe und Eintracht herrschte, obschon man zur Hilfe und z> m Beistand bereit war, man misch e fich ntckt in die inneren Verhältnisie der Häuser, man ließ fich Freiheit und Unabhängigkeit. Man hütete fich, in das Zelt des Nachbars hinüber zu schauen, es auszukundschaften und zu verraten, was darin gesehen und gehört wurde. Man achtete die Eigenart des andern, wie man se:ne eigene nicht beeinflußen ließ von der deS andern. 1H2H Sü *?HK *pnf? pW , Man schaute überhaupt nicht in daS Zelt seines Nachbarn." Da war auch die Begehrlichkeit ausgeschloffen, der Neid kam nicht auf, das Prahlen war verpönt und niemand trug seinen Besitz zur Schau: D’JTDÖ D.THHfi s'tw Hl HJ32 Hl „Denn ihre Hauseingänge waren nicht gegenemander angelegt." Es hätten sich ober alle diese vorzüglichen Eigenschaften der Familientrrue und d.r Menschenliebe nicht zu derjenigen Höhe in Israel entwickelt, wenn fie nicht getragen wären von der Liebe zu Gott und Hingebung zu seiner Thora. Denn diese Thora hat erst diese Tugenden so tief und unauslöschlich in Israels Charakter eingeprägt, erst die Erziehungsarbeit der 2 Hora hat fie an vieles andere gewöhnt, io auch die Juden an ihre Familien wie mit eisernen Ketten gesckmiedct, zur tätigen und allumsichtigen Menschenliebe fie w lltg und fähig gemacht. Und nur wo die Thora gepflegt wird, kann wirkliches jüdisches Leben gedeihen. Freilich bewirk bas Leven nach der Thora eine gewisse Abgeschlossenheit nach außen, eine Art Gegensätzlichkeit zu anderen Stämmm und Nationen. Aber diese ist von ausschlaggebendem Nutzen für das Bestehen des Volkes. Denn nur, waS fich vom Allgemeinrn unterscheidet, hat ein Dasein, nur was von dem grauen All verschieden ist und besondere Merkmale aufmeist, wird als eine Größe für fich geachtet, besonders im Völkerleben. Da ist es wiederum Bileam, besten Weisheit und Weltkenntnis den ganz besonderen Ch Hattet Israel« preist: niMJÖl 1JKHK Dm* WIÖ’2 awnrp xb dhäi pa«r nnab dp jn mwn „Denn vom Felsengipfel sehe ich'S und von Hügeln schaue ich'»-, das ist ein Volk, gesondert wird es wohnen und unter die Völker sich nicht rechnen." Israel hat andere Ideale und andere Anschauungen, denn die übrigen Völker. Eine ganz verschiedene Lebensweise ist die Folge davon. DiTtPPD2 ffJWÖ naiv an bzpb wb^' or« maian Ssö (Moed Katon 16 b). „Eine Fülle von Gutem und Genuß kann das heutige Israel nicht annehmcn." (Jebamot 47 s.) Israel, das w. hre Israel trägt die Sorge um die Gebote seines Gottes und wird dadurch davon abgelenlt, im Genuß und in der Sinnlichkeit aufzugehen. Ta muß der wahre Israelit eine Stärke und Ausdauer in der Selbstbeherrschung beweisen, dre ihn — man möchten fast sagen, zum Helden stempelt. Die israelitische Frau, fie darf nicht in allem der eben herrschenden Sitte folgen, nicht der alles bezwingenden Mode gehorchen, *prib D’XH kS Hl “Dn btt SnK' nicht hineinblicken in daS Zelt ihrer Nachbarin und das dort Gesehene wahllos nachahmen. Sie, wie ihr Gatte müffen in jedem Augenblicke die Unabhängigkeit und Freiheit der Wahl sich wahren. bw uöö pi'2Pv min bv vbv bapön jHK "pH Swi „Wer die Erfüllung der Thora fich vorgenommen hat, an dem geht daS Joch der politischen Verhältnisie vorüber" und die Herrschaft der Mode kann er an fich Vorbeigehen lasten. Aber dafür tauscht er höhere Güter, höheres Glück ein, denn die höchste Freude, es ist die Freude der Mzawah, die Freude über die Erfüllung der Pflicht, die allein wahre Ruhe und wavre Glückseligkeit zu spenden vermag. Es ist die Genugtuung, betgetragen zu haben zu der Fortdauer der Thora, mttgearbeitet zu haben an dem Bestände des BolkeS. Nicht für die Vergänglichkeit schafft JSrael. Der Midrasch erklärt unseren Bers:p^2 1\T xb- 2VNH' xb DHJ2 mölXH -irw DT nSa „Unter die Völker wird esl nicht gerechnet, Israel wird nicht daS Los der Völker teilen. Denn jene verschwinden vom Schauplatz der Geschichte, aber JSrael wird nie aushören." 12D HÄ Simm TTTDSTCD 2pr T'SHK „Die Tugend wohnt in deinen Zelten, JSrael, darum werden die Zelte JakobS, zu Wohnungen der Ewigkeit für Israel."