Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1909)
- Date
- 1909-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 ftfe S5 Der Israelit. 24. Juni 1202 eüüaung tn Frankfurt a. M. ganz »u daher noch einen neuen Verein für gleiche Zwecke, es soll doch wohl hierdurch der Freien Bereinigung ttine 5hm mrrenz geboten werden? Loch, meine Verehrten, nichts weniger als dies; wir erkennen die Leistungen der Freien Bereinigung in ihrem ganzen Umfange an, aber die leitenden Momente zur Gründung dieses Ber eins find nicht etwa baS Resultat einer flüchtigen Besprechung, eines raschen Entschlusses, sondern eS wurde die Frage dieser BeretnSgründung schon vor längerer Zeit von einigen bayrischen Rabbinern gemeinschaftlich mit anderen interessterten Herren angeregt und nach mehreren deshalb stattgehabten Sitzungen in Fürth, Frankfurt und Würzburg kamen wir nach reiflicher Ueberlegung zum dem Resultate, daß es als eine wichtige Sache bezeichnet werden muß, für Bayern einen Verein zu grün den, dessen Aufgabe darin bestehen svll, für die Erhaltung und Förderung beS gesetzestreuen Judentums und seiner Institutionen zn sorgen. Denn, wenn für jede Zeit der Grundsatz unseres Weisen vU2 2121 DM1? 21V die Bereinigung, die Verbindung, das Zusammentreten und Zusammenwirken ber GotteSfürchtigen ist wohltuend für fie und heilbringend für die Welt, wenn dieser Grundsatz zu allen Zeiten von höchster Wichtigkeit war, so machen eS uns die Erfahrungen 6er Gegenwart, die Erscheinungen, die Pläne und Vorschläge ber Neuzeit zur unbedingten Pflicht, zur heiligsten Aufgabe, fest und unverbrüchlich "jr,K 2^21 NNX V'«2 wie ein Mann mit einem Sinn, einem Gedanken, einem Ziele gemeinsam für die Erhaltung unserer 7212A M wirken. Unsere hohen und höchsten Staats behörden müssen darüber unterrichtet werden, daß das wirkliche und wahre Judentum nur durch das religiöse Bewußtsein, durch Wort und Tat sich kennzeichnet; diesen Behörden muß es klar unterbreitet werden, daß nicht die Prinzipien der Liberalen Bereinigung als das Judentum bezeichnet werden können, denn was müßte bedenklicher und gefährlicher für dessen Er Haltung wirken, alS wenn unsere heiligsten Institutionen alS „veraltete, abgestorbene" Borfchrtstm bezeichnet werden, wenn der einzige Maßstab, das richtige Vorbild für unsere Religion daS Haus sei! Nach dieser Richtung hin sucht die Liberale Bereinigung falsche Begriffe über Juden und Judentum auch bet dm Behörden zur Geltung zu brtngm. Diese Liberale Bereinigung stellt unsere heiligen ReltgionSvorschrtsten tn ein solches Licht, als würben diese nur von einer unbedeutenden, verschwtndendm Minorität einiger Orthodoxen noch beachtet, baß aber die große Majorität ber bayrischen Juden sich über alles hergebrachte Religiöse, waS seit Tausmdm von Jahren unser Höchstes und Heiligstes, unser Glanz und unser Stolz war, fich heute leicht hinwegsetze, und solches nur noch etnm historischen Wert, aber kome wirkliche Verbindlichkeit oder Berpflichtnng mehr habe. Deshalb ist nur eine Bereinigung von Gesetzestreuen von Bedeutung und Einfluß, um offen und klar erkennen zu geben, daß die Liberale Bereinigung nicht unsere Vertretung ist, daß wir tn der Erhaltung und Förderung ber Grundsätze des unverfälschtm Judentums unsere höchste Auf- «abe erblicken und dieses, unser Prinzip, mit Recht die aatliche Anerkennung beanfpruchm und erwarten kann und muß. Durch eine solche gesetzestreue Bereinigung dürste aber auch ein Weg gebahnt werden, auf dem kleinm letstrmgsschwachen Gemeinden zur Erhaltung ihrer religi- Vsm Justitutionm geholfen, wie nicht minder die Lage der Lchrer und Beamtm gebessert würbe. ES kann dies natürlich nicht sofort erreicht werden, aber die Sache könnte hierdurch in geeignete Bahnen geleitet werden und was eS heißt, hierin Ersprießliches zu leisten, braucht wohl nicht erst auseinandergesetzt zu werben. Darüber herrscht doch wohl nur eine Stimme, baß nach dieser Richtung hin alles mögliche aufgeboten werbm muß, nm ebenso unseren ReltgtonSlehrem zur Seite zu stehen, damit sie beruhigt um die Zukunft fich ihrem edlen Berufe widmm. Ohne Zweifel aber meine Berehrtm, würben fich durch die Gründung eines Vereins zur Wahrung der gefetzestrmm Interessen tn Bayern noch vielfache unvorhergesehene Vorteile zur Hebung unserer Religion einstellen. Gedenken wir daher, meine Verehrten, der Worte des Propheten N1VA'k7N2 vttz'2 N22 *6l /11K23C nlcht durch Macht, welche durch irdische Mittel und vergängliche Größe herbeigeführt, nicht durch Kraft, welche durch täuschende Vollkommenheit und falsch aufgefaßte Ehre gedeiht, kann Israel geholfen werbm, sondern nur durch meinm Geist, dm Geist der Gottesfurcht und der Menschenliebe, der alles erleuchtet und entflammt, ist daS wahre Glück zu erretchm. Und sollte auch der Anfang ein verhältnismäßig noch kleiner sein, so gebenkm wir jmeS herrlichen Trostes "Jfl’ttWl iTfll möge der Anfang ein' schwacher fein, so wird fich unsere heilige Sache immer mehr stärken und auSdehnen, immer mehr erweitern und vervollkommnen zur Kräftigung unserer heiltgm Religion, zur Verbreitung unseres heiligen GotteSgesetzes und zur Verehrung GotteS und seiner ewig wahren, ewig unvergänglichen, ewig heiligen Thora." Dürkheim, 18. Juni. Vor kurzem brachten wir einen Artikel, über die Ausschreibung der Rabbinerstelle in Bad Dürkheim durch das Königl. Bezirksamt Dürkheim, in welcher es u. a. hieß: «Der anzustellende Rabbiner darf nicht über 35 Jahre alt sein und soll in seinen religiösen Anschaungen einer zeitgemäß liberalen Richtung huldigen." Das Königl. Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten hat nunmehr die Ausschreibung annulliert und eine neue Ausschreibung ohne die beanstandeten Bedingungen angeordnet. Oestewetctz. Wien, 10. Juni. Mit der Entführung eines minderjährigen jüd. Mädchens ins Kloster zur Taufe hatte sich der Kaffationshof in Wien zu beschäfttgen. DaS Mädchen ist bereits zweimal auS dem Elternhaus ins Kloster der Fettcia- Nt rinnen nach Krakau entführt worden. Das erstemal kehrte es, alS die Mutter mit einem Polizeikommissar im Kloster erschien, ohne wei teres wieder nach Hause zurück. Nach der zweiten Entführung aber erklärte das Mädchen seiner Mutter, im Kloster bleiben und Katholikin werden zu wollen, so daß die Mutter unver richteter Dinge daS Kloster verlassen mußte. Einen Monat später kehrte das Mädchen nach Hause zurück, ohne in der Zwischenzeit ihren Glauben gewechselt zu haben. Acht Personen, darunter der Pfarrer von Czchow Pater Josef Stopa und der Arzt Dr. Franz Janczy wurden vor dem Landesgericht wegen Entführung und Beihilfe zu diesem Verbrechen angeklagt. Sie verantworteten sich dahin, sie hätten keineswegs die Absicht gehabt, das Mädchen der elterlichen Gewalt zu entziehen. Das Landesgericht Krakau sprach alle Angeklagten frei mit der Begründung, daß sie nicht in der Absicht gehandelt hätten, die Minderjährige der elterlichen Gewalt zu entziehen, daß somit der subjektive Tatbestand des Verbrechens der Entführung mangle. Gegen den Freispruch erhob die Staatsanwaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde. Der Kassationshof verwarf aber die Nichttgkeitsbeschwerde und bestätigte das freisprechende Urteil. (Unfaßbar! Red.) Ungarn. Die Behörden und 9er jftOifdie Kultus. Budapest, 20. Juni. Eine Deputation der Borstehung und des Vertretungskörpers der Pester autonomen orthodoxen israelitischen Religionsgemeinde unter der Führung des Präsidenten Moses Freudiger, Vizepräsidenten Dr. Jakob Schaechter und Oberrabbiner Koppel Reich erschien vor einigen Tagen beim Bürgermeister Dr. Stefan Barczy, dem der Sprecher der Deputation, Dr. Jakob Schächter, eine Denkschrift überreichte, in welcher die Religionsgemeinde mitteilt, daß sie in der Kazinctz-utcza eine neue Synagoge, eine Rabbinerwohnung und ein Gemeindegebäude sowie ein Elementar- und Bürgerschulgebäude zu errichten beabsichtige. Die Bauten beanspruchen etwa eine Million Kronen. Da die Religionsgemeinde nicht in der Lage ist, diese große Summe aus Eigenem zu decken, richtet sie an die Hauptstadt die Bitte um einen Beitrag von 200000 Kronen. Oberrabbiner Koppel Reich richtete sodann an den Bürgermeister eine gehaltvolle Ansprache, in welcher er dessen Tätigkeit in schwungvollen Worten würdigte und ihm sodann den Segen erteilte. Der Bürgermeister erklärte, die Bitte der Religionsgemeinde mit größter Freude zu unterstützen; sei es doch Pflicht der Hauptstadt, alle kulturellen Bestrebungen zu fördern. 4» * * Kultus- und Unterrichtsminister Graf Apponyi hat mit Berufung auf einen älteren Ministerialerlaß die grundsätzliche Entscheidung gefällt, daß als selbständige israelittsche Religionsgemeinden nur jene Religionsgemeinden zu betrachten sind, in denen die Rabbinerstelle besetzt ist. Dementsprechend hat der Minister an mehrere Religionsgemeinden in der Provinz, darunter auch Temesvar, in denen die Rabbinerstelle derzeit unbesetzt ist, die Aufforderung gerichtet, diese Stellen innerhalb sechs Monate zu besetzen, widrigenfalls ie chren Charakter als Muttergemeinden verlieren. Itaftland. Petersburg, 20. Juni. Mit den Jahreszeiten wechseln die Sorgen und die Kümmernisse für die russischen Juden. Im Winter leiden die Unbemittelten unter ihnen — und das ist die bei weitem überwiegende Mehrheit — in schrecklicher Weise durch den Mangel an Heizmaterial. Hunderttausende von armen Juden müssen beim größten Frost in kalten Räumen wohnen. Die Wohltätigkeit kann diesem Elend auch ncht annähernd Abhilfe leisten. Nun ist die strenge Winterkälte vorüber, und da kommen die „Früylingsmotive" — in Gestalt eines vom Minister des Innern an sämtliche Lokaladministrationen gerichteten Zirkulars mit dem gegen die Juden gerichteten Verbot, sich im Sommer auf dem Lande zur Erholung aufzuhallen. Dieses Verbot ist charakteristisch für den Geist der russischen Judenpolitik. Die russische Regierung pflegt gewöhnlich zu behaupten, sie sei zu den beschränkenden Maßnahmen gegen die Juden gezwungen „aus Rücksicht auf die nationalrussische Bevölkerung, deren ökonomische Schwäche eine Konkurrenz gegen die Juden unmöglich mache und deren materielle Interessen die Beschränkungen der jüdischen Rechte erforderten. Nun hat aber gerade das obige Verbot wie kein anderes die Entrüstung und den Unwillen der christlichen Interessenten hervorgerufen. Die russischen Landbewohner protestieren überall gegen die erwähnte Maßnahme, da sie von dem Sommeraufenthalt der Juden in chren Orten große materielle Vorteile hatten und auf die erzielten Einnahmen großenteils angewiesen sind. Das diesbezügliche Verbot ist somit gegen das offenkundige Interesse der Russen selbst. Und das kennzeichnet die Judenpolitik der russischen Regierung als eine Politik des Hasses um des Haffes willen, als ein System der Entrechtung um der Entrechtung willen ohne jeden materiellen oder moralischen Sinn. Es ist eine barbarische Bedrückung als Selbstzweck. — Uebrigens kann man hier — wie bei allen Handlungen der jetzigen Machthaber im Zarenreiche — von einem „System" nicht gut reden. Widerspruch und Sinnlosigkeit tteten auch dabei zutage. Für Kaukasien ist den Juden der Sommeraufenthalt in den dortigen Mineralbadeorten nach langen Bemühungen allerhöchst gestattet worden. Der Kiewer Generalgouverneur Trepow wurde vom Premierminister Stolypin telegraphisch davon verständigt, daß seine Bitte, den Juden den Aufenthalt in den Sommerwohnungen des Kiewer Rayons zu gestatten, „einstweilen" genehmigt ist. Dagegen wird das Verbot in allen anderen Bezirken aufrecht erhalten. In Dwinsk wurde das Verbotszirkular sämtlichen Juden vorgelegt, die durch ihre Unterschrift bescheinigen mußten, dieses Zirkular gelesen zu haben. Ueber das Sommeraufenthaltsverbot herrscht große Bestürzung unter den Juden in allen Orten, da viele von ihnen bereits auf das Land übergesiedelt sind, oder dort schon Wohnungen gemietet haben, und der Landaufenthalt für die meist körperlich schwachen Juden von eminenter Wichtigkeit in gesundheitlicher Beziehung ist. Die gesamte jüdische Bevölkerung fühlt sich dabei einmütig in ihrem Schmerz. Die „Privilegierten" unter' ihnen — die Diplomierten und die Kaufleute erster Gilde — haben in vielen Städten beschlossen, von ihren „Vorrechten" keinen Gebrauch zu machen und auf den Landaufenthalt zu verzichten, wenn das gegen ihre ärmeren Brüder gerichtete Verbot nicht aufgehoben wird. Gngian!». fflarmnadiriitten aus 9er Cüihel. London, 18. Juni. Der Konstantiuopler Korrespondent des „Jewish Chronicle" meldet seinem Blatte, daß in parlamentarischen Kreisen ein verhängnisvoller Umschlag der bekanntlich der jüdischen Einwanderungin der Türkei bisher überaus günstigen Stimmung drohe. Das Wort „Austonomie", das in Westeuropa in der letzten Zeit von jüdischer