Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1909)
- Date
- 1909-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 25 24. Juni 1909 Der Mraellt. Leite 4 Kongreß wird die „Fremdenliebe" der rumänischen Kollegen zu würdigen wißen und sie als Entschuldigungsgrund gelten lassen . . . Allein der Bauer hatte Recht: „auch wo anders sind die „Fremden — Juden". Rumänien macht Schule, und sein Fremdengesetz, das sich als so ausgezeichnetes Mittel in der Hand der Antisemiten bewährt hat, findet überall Nachahmung. Auch Oesterreich hat ein Gesetz, mittels dessen es sich eines lästigen Ausländers ohne Weiteres entledigen kann. Getroffen werden von diesem Gesetze ausschließlich Juden, zumeist jüdische Hausierer, die man, wenn sie aus Rußland stammen, einfach von Wien ausweist und abschiebt, wenn sie aber, wie es zumeist der Fall ist, aus Galizien kommen, also österreichische Staatsbürger sind, mit der Motivierung brodloS macht, daß nur nach Wien zuständige Hausierer das Wandergewerbe betreiben dürfen. So hat es die Weisheit des christlich-sozialen Gemeinderates ausgedacht, und es ist auch bereits für einen Gesetzentwurf gesorgt, der zweifelsohne im Landtage angenommen werden wird, und der das Hausierer-Verbot überall als zulässig erklärt, wo es die Ortsverhältniffe als an gezeigt erscheinen lassen, also das Schicksal des Hausierers dem subjektiven, zumeist antisemitischen Empfinden eines jeden Landchefs anheimstellt. Und was die Reichshauptstadt für gut und recht findet, ist natürlich auch für die Provinz und für die Kronländer maßgebend. Selbst im freien Ungarn hörte man in letzter Zeit von der Abschiebung eingewanderter oder nur durchwandernder Juden, während die Erteilung von Hausiererscheinen an jüdische Bürger der anderen Reichshälfte schon lange dort oen Gegenstand großer Verhandlungen im Landtage bildet. Am schlimmsten liegen aber die Verhältnisse in der B u k o w i n a, im Lande des offiziellen Antisemitismus. Dort nehmen die Ausweisungen von „Fremden" und Abschiebungen, die von der Polizeidirektion in Czernowitz täglich in brutalster Weise und ohne Grund und Veranlassung vorgenommen werden, riesige Dimensionen an, derart, daß sich der Jüdische Club wieder einmal zu einer Interpellation veranlaßt sah. Die Interpellation wird voraussichtlich das Schicksal aller jüdischen Interpellationen im österreichischen Reichsrate teilen. Man wird lärmen, schreien und, wie schon oft, das Wunder erleben, daß auch im Widerstreite der nationalen Meinungen und Interessen sich die Vertreter verschiedenster Gruppen einig fühlen, in der Billigung der Fremden- Politik, d. h. der Judenpolitik. Bedarf es noch der Erwähnung, daß auch im Landungshafen von England Hunderte von Juden jährlich zurückgehalten und zurückgeschickt werden, kraft eines Gesetzes, das nicht Judengesetz, sondern Alien-Bill, Fremdengesetz heißt, und daß auch in Amerika eine Bewegung gegen die Immigration mit antisemitischem Hintergründe immer mehr an Boden gewinnt. All' dieses ist zu bekannt. Er hatte Recht, der rumänische Bauer: „auch anderswo sind Fremde Jude n." Mäcenaten- ««0 protrentum. (Schluß.) Es ließe sich allerdings manches gegen die hier wiedergegebenen Ausführungen des Dr. Frosch einwendenaber doch eigentlich nur mehr aus unserem jüdischen Empfinden als aus logischen Erwägungen heraus. Die Tatsache bleibt bestehen, daß der rasch erworbene Reichtum gewisse jüdische Kreise mit einem verächtlichen Parvenütum heimgesucht hat, das uns mehr zum Unsegen, als zum moralischen Aufstieg geworden und uns in den Augen der christlichen Mitwelt mehr geschadet hat, als aller Antisemitismus zusammen. Oft ist dieses jüdische Parvenütum der Ursprungsherd des latenten wie des manifesten Judenhasses, weil es aufdringlich, ohne Würde und Selbstkontrolle in die Oeffentlichkeit tritt, die sein Lebenselement nun einmal ist. Gemeinsam mit dem nichtjüdischen Brotzentum ist ihm die innere Verlogenheites heuchelt geistige Bedürfnisse, die es gar nicht empfindetes maßt sich mit Phrasen und Kunstausdrücken Urteile über Dinge an, die es gar nicht versieht, nicht einmal üherdacht hat. Es genießt nicht mit der ruhigen und selbstsichern Selbstverständlichkeit des alten Patriziertums, ohne Geräusch und Herausforderung der Umgebung. Der Emporkömmling, der darnach dürstet beobacht zu werden ist persönlich nichts, deswegen braucht er Blendwerke des Besitzes, der ihn erst zu etwas macht. Alles in Allem eine unangenehme Erscheinung, die dem Gebildeten das gefi Üschaftliche Leben verleidetnichts selber zu schaffen vermag und Schaffende entmutigt, wo der Selfmademan als Protektor und Förderer noch in die Erscheinung tritt. Nichts Sympathisches, nichts Edles versöhnt den Feinfühligen mit dem Parvenü, der nur eine Devise auf seine unsaubere Flagge geschrieben hat: Erwerben, Besitzen, Genießen. Es wäre schlimm, sehr schlimm um uns Juden bestellt, wenn wir denn doch nicht einen, wenn auch kleinen aber Gottlob dauerhaften Stamm altvornehmer Judenaristokratie besäßen. Aber dieser Stamm ist stark zusammengeschmolzen und man kann auch ihm nicht den Vorwurf ersparen, daß er seine vornehme Aufgabe, der jüdischen Wissenschaft als Mäeen entgegenzukommen, nicht erfüllt. Wenn unsere jüdischen Reichen und Philantropen auch reichlich ihrer Wohltätigkeitspflicht — noblesse oblige — Nachkommen, so haben sie damit denn doch noch nicht ihre Pflicht gegenüaer den Trägern der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Mit ein paar Stipendien an arme Studierende ist nur sehr wenig getan und das verdient noch lange nicht den Namen des Mäcenatentums, der ein gar vornehmer und edler ist. Jo, wir müssen sogar ernst fragen, ob es denn überhaupt noch ein jüdisches Mäcenatentum gibt? In dem Verhalten jüdischer Mäcene gegenüber jüdischen Geistesträgern. und nichtjüdischen, ist die Frage ob es für jüdische Geistesträger ein jüdisches Mäcenatentum gibt, mit einem entschiedenen Nein zu beantworten. Der jüdische Künstler, Musiker, Maler, Dichter, Schriftsteller, Gelehrte erscheint im Hause oder an der Tafel des jüdischen Mäcens erst, wenn er bereits, vielleicht gar durch nichtjüdische Veranlassung sich einen Namen erworben hat. Und dann auch nur bedingungsweise. Hingegen erscheint der nichtjüdische und noch nicht zünftige Geistesträger, selbst wenn seine Lorbeeren zunächst noch gar nicht gepflanzt sind, wenn er zunächst erst noch Novize, erst noch Privatdozent, anstatt Professor und Geheimrat, zunächst noch Kunstschüler aber noch kein Künstler ist, schon so sicher beim jüdischen Kommerzien- und Geheimrat, böim jüdischen Millionär und Großindustriellen, wie die Schwalbe bei uns im Sommer. Wer je einmal in Berliner „vornehmen" jüdischen Häusern wahrnehmen konnte, wie dort erst noch werdende, nichtjüdische Zu kunftsgrößen umschmeichelt werden, wie ihnen alle möglichen finanziellen und persönlichen Unterstützungen förmlich aufgedrängt werden, während man für mindestens gleichbegabte, weniger glückliche, jüdische Talente und sogar für Genies, kaum soviel Interesse erwecken kann, daß auch nur eine kurze uno kärgliche Gunst daraus entspringt, wer das alles persönlich mit angesehen und miterlebt hat, der geht mit stark reduzierter Hochachtung aus dem Hause des vornehmen und reichen Juden. Da sieht man so viel Liebedienerei und Servilismus vor dem Nichtjuden, soviel erbarmungswürdige Selbstverleugnung und Aengstlichkeit, um nur um Gotteswillen seine jüdische Eigenart nicht durchbrechen zu lassen, daß man schon recht viel Unschönes zu überdenken hat, was uns den Schlüssel zu der betrüblichen Abneigung so vieler Geister von Juden und Judentum deutlicher erklärt, als ganze Abhandlungen über dieses betrübliche Kapitel. Ein jüdisches Mäcenatentum gibt es aber trotz alledem nichtin Deutschland sicherlich nicht. Anstrengungen nicht nur des Marsches, sondern auch der vielfachen Belehrungen an seine Begleiter über die Erosion und den Vulkanismus der alpinen Erdschichten, welche diese Niesenwunder der Natur erzeugten. Selbstverständlich ist ja alles Natur, sein? Kathederweisheit hat Gott längst ausgeschaltet aus dem Getriebe des Lebens. Kalt und sinnlos erscheint ihm die Grüfte überirdischer Poesie: Ewiger, mein 0wtt, du bist sehr groß. Glanz und^ Schön heit sind dein Gewand. — Mir ging ein Schauder durch die Seele, als ich daran dachte, das; heutzutage so mancher zünftige Vertreter der Wissenschaft den Atheismus als Voraussetzung derselben betrachtet, und das Herz blutete mir, das; auch unsere jüdische Jugend in Schaaren den Hallen zuströmt, wo solche vergiftende Weisheit gepredigt wird. Ist es ein Wunder, daß jüdische Eltern, die ängstlich besorgt sind auch um das seelische Wohl ihrer Kinder, letzteren die Segnungen einer solchen Wissenschaft einfach verschließen? Inmitten solcher Meditationen treffe ich einen bekannten Landsmann, und das Gespräch lenkte sich natürlich sofort auf die jüngsten Vorkommnisse in der Schweizer Metropole, auf die durch Einbürgerung der Vene Bris Loge dort geschaffene Situation. Zur Orientierung der Leser möchte ich bemerken, daß vor kurzem auch in d'e Schweiz durch eine mit großenr Pomp in Zürich abgehaltene Versammlung jene Loge verpflanzt wurde. Wie anderwärts wurde von Seiten der Initianten der (>?,.. ralsehler begangen, manche Herren, deren Unantastbarkeit des Charakters feststeht, ja sogar solche, die im jüdischen Gemeindeleb?n eine führende Stellung einnehmen, einfach auszuschließen, während andere, die in ihrem ganzen Verhalten die Antithese von Geld und Geist dokumentieren, ohne Weiteres eingeladen und ausgenommen wurden. Mein Reisebegleiter meinte — eine Meinung, der ich beipslichtete — daß die ganze Konföderation der Bene Bris-Loge, soweit er über die Zwecke und Ziele derselben unterrichtet sei, ihm trotz ihres internationalen Charakters nicht ganz jüdisch erscheine. Im allgemeinen ist wohl nicht zu leugnen, daß die Loge eine Organisation der jüdischen Geldaristokratie bedeutet, und das wäre doch ein Abschluß gegenüber den minder bemittelten Klassen des Volkes. Nach dem Grundsatz: SjnttF ^3 DTIK hat aber gerade der Begüterte die Verpflichtung, dem notleidenden Bruder nach jeder Richtung hin die Schwere des Daseins zu erleichtern. So scheint die Loge, die wegen ihrer lAklusivität schon an dem beigelegten Prädikate'22 sündigt, einen Staat im jüdischen Staate zu bilden. Sollten wir in dieser Meinung über die Schaffensziele dieser Bereinigung irren, so wären wir für Aufklärung fehr zu Dank verpflichtet, um so mehr, als gar manche unserer jüdischen Eidgenossen die geäußerte Ansicht vertreten. — In der Gemeinde Zürich hat die getroffene Auslese entschiedene Mißstimmung hervorgerufen, was sich schon aus der Ankündigung einer außerordentlichen Generalversammlung kundgibt. Wir besprachen bei oieser Gelegenheit auch die Verhältnisse der schweizerischen Judenheit im allgemeinen. Dieselbe scheint gegenüber ihren europäischen Glaubensgenossen in " der Tat eine eigenartige Stellung einzunehmen. Wohl ist es ein YJÜ2 DP — etwa 12000 — aber tu Anbetracht der Regsamkeit der Schweizer Bürger im politischen Leben, ist der Jndisferentismüs oer Schweizer Juden fast Stagnation zu nennen. Selbst die großen jüdischen Bewegungen der Gegenwart sind spurws a»r Leben unserer jüd. Mitbürger vorüoergegMgen. Der Schomre-Schahtzps-Bercin, der eine geheiligte Institution des Judentums auf sein Programm schrerüt, steckt erst in den Anfängen und findet vorerst lewer nicht die Förderung, die er verdient. — Möchte die Zukunst Besseres bringen, und namentlich die Intelligenz Der Schweizer Juden, die in Angelegenheiten allgemeiner Natur so viel Initiative bekundet, sich im Dienste des traditionellen Judentums frrtchtbar betätigen. Li« neuer jüdischer Roman. Bon I. U. Wir besitzen auf dem Gebiet der jüdischen Belletristik nur wenige Werke, die man als empfehleirswert nach jeder Richtung bezeichnen kann. Was von jüdischen Autoren geboten wird, das ist oft nichts weniger als eine gerechte Würdigung des Judentums. Erzählungen z. B. wie die von Kurl Emil Franzos u. a. sind eher geeignet, Verachtung gegen das Judentum zu erzeugen als Liebe zu ihm. Andererseits ist die jüdische Crzählungliteratur, überhaupt auch diejenige, in der mehr Verständnis für das Judentum und sein Wesen sich zeigt, nicht reich an solchen Erzeugnissen, die in künstlerischer Hinsicht den berechtigten Anforderungen entsprechen. Um so mehr ist das Erscheinen eines Werkes zu begrüßen, das als eine Bereicherung unseres Bttcherschatzes bezeichitet werden darf. „Schanrsche, Roman ans dem jüdischen Gemeindeleben", ist der Titel des Buches, das von Dr. S. Luß in Mannheint herausgegeben ist. Die Schilderung ist lebensvoll und ansprechend, und es ist jüdisches Leben, das uns da geschildert wird. Es ist kein Ten- .. denzroman zur Verherrlichung des Judentums, aber das Milieu, in das wir hineinblicken, die Gestalten, ’ f '■ •‘iiiT^iififtijrwffiiifilfri tnir»rfi&inü,> ‘fartri fi'i-ini?! tni lirifrtir i iiniiirffliri -lÜÜI