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Der Israelit · 1909-06-24 · Heft 25 (24.6.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 25 (24.6.1909)
Date
1909-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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34. Juni 1909 Der JSraeltt. No. 35 «eite 2 auch in Mesopotamien ein weiter Weg, nicht so weit und gefährlich vielleicht wie in Palästina, aber immerhin weit genug. ölaubensfreiheif im darenlande. „An einem Kaiserwort soll man nicht drehen noch deuteln." * Der Satz scheint zu alt zu sein, um im modernen konstitutionellen Rußland Beachtung zu finden. Und niemand versteht sich auf das Drehen und Deuteln so gut wie der russische Ministerpräsident Stolypin. Im Oktober-Manifest von 1905 wurde vom Zaren den russischen Nationen volle Glaubensfreiheit zugesichert. Die Regierung und die ihr zur Seite stehenden Parteien hatten mithin volle vier Jahre Zeit, um an einer geeigneten Interpretation dieses Manifestes zu arbeiten, die es ermöglichen sollte, bequem an diesem fatalen Toleranz-Editte vorbeizukommen. Nunmehr ist man denn auch so weit, daß der Ministerpräsident in der Duma-Sitzung, die über diesen Gegenstand verhandelte, erklären konnte, die in der Verfassung gewährleistete Glaubensfreiheit beziehe sich nur auf die rechtgläubige Lehre der Altruffen, die nunmehr von einer Sekte zu einer staatlich anerkannten Religion erhoben werden soll. Bezüglich der anderen Konfessionen und speziell des Uebertritts von der russisch-katholischen Kirche zu einer anderen Religion, meinte Stolypin, man müsse sich mit Rücksicht auf das Volk und den russisch-katholischen Kaiser davor hüten, die herrschende Religion den anderen Konfessionen gleichzustellen. Trotzdem nahm die Reichsduma in ihrer Sitzung vom 14. ds. den Gesetzentwurf über die Glaubensfreiheit mit einer kleinen Aenderung gemäß dem Anträge der Oktobristen an. Nach dem neuen Gesetze, das noch der Sanktion des Zaren bedarf, soll ganz im Sinne des Oktober-Manifestes der Uebertritt aus einer christlichen Konfession zu einer nicht-christlichen gestattet sein. Zu den vielen Mißerfolgen Stolypins kommt somit ein neuer hinzu, der gewiß nicht dazu angetan ist, seine ohnehin wankende Position zu befestigen. Bei der ganzer Behandlung des Gegenstandes, bei all den Redeschlachten, die pro und feld flieht, nach geschehener Schlacht aber wiederkehrt, die Verwundeten heilt, d'e Sterbenden tröstet, und die Toten begräbt, so die Seele des Menschen. Sie ist nicht Richtung gebend, sondern wertend, beurteilend, sie ist, gleichwie ihr reinster Interpret, der Dichter, ein rückwärts gewandter Prophet. Und so grub meine Seele sich immer tiefer ein in das Schicksal vergangener Menschen, deren Tragik sie initempfand, als wäre es ihre eigene. Denn die Seelen sind alle mit einander blutsverwandt. Vor mir stieg die Gestalt eines Menschen auf, der einst auf Erden gewandelt. Ungebrochen, naturwüchsig, wie ein Baum des Waldes, so schien er mich zu umschweben, er, längst weggerafft vom Strudel des Lebens, verkommen, „verkracht", wie die liebenden Mitmenschen es nennen. „Er wußte sich nicht zu zähmen, darum zerrann ihm sein Leben und Dichten." Schönheitstrunken, das Herz voll schwellender Gefühle, so war er ins Leben äusgezogen und war „verkracht", weil er — kein Berufsmensch werden konnte. Wollte ewiger Student bleiben. Was aber kann das Leben mit so einem anfangen? „Nicht einmal ein einziges Examen hat er bestanden", das war das Todesurteil, welches das Leben über ihn fällt. Und war doch ein ganzer Mensch, Vollblut, aus einem Stück. Du bist mir nahe, ich fühle es, in diesem Augenblick des Feierns meiner Seele, Du warst ein großer Mensch, ob Du gleich in keinem Lexikon stehst, ein tüchtiger, hast Du's auch zu nichts bringen können. Schönheitsdürstend war deine Seele, aber die Schönheit fandst bu nicht im Leben, und sie, nach Künstlerart, aus dir heraus zu projizieren, dazu reichte Tein Genius nicht aus, Du armer Thor. Der Kopf sank mir tiefer herab und lange verharrte ich in «Stille. Aher meine Seele arbeitete contra den Entwurf geschlagen wurden, ist kaum ein Wort über Juden und Judentum gefallen. Und trotzdem hat ein Stück Judenfrage mit diesem Beschlüsse seine, hoffen wir, endgiltige Erledigung gefunden. Bekanntlich befindet sich außerhalb des Rayons und besonders in Petersburg und Moskau, eine überaus große Anzahl getaufter Juden, die, als sie die Jgnatiewschen Maigesetze von 1882 trafen, nicht die Kraft besaßen, ihr Hab und Gut und die Scholle, auf der sie zumeist geboren waren, aufzugeben und ihre bedrohte Existenz durch den Uebertritt zur christlich-orthodoxen Kirche retteten. Daß viele von ihnen, von Polizei und Geistlichkeit eifersüchtig bewacht, von der Gesellschaft zurückgedrängt, ein innerlich unglückliches Leben führten, umsomehr als sie bei den obwaltenden Gesetzen keinen Ausgang aus dieser Seelennot mehr fanden, ist leicht begreiflich. Nach dem Bekanntwerden des Kaisermanifestes von 1905 kehrten solche Renegaten in hellen Scharen zum Judentume zurück. Sie wußten wohl, daß sie ihr Wohnrecht auf dem heiligen Boden der Heimat dadurch verwirkten, hofften jedoch, im jüdischen Ansiedelungsrayon, wohin sie sich still zurückziehen wollten, nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden zu können. Wer die Verhältnisse in Rußland kennt, muß dabei noch an eine andere, weit sympatischere Sorte von Marranen denken. Fast in jeder russisch-jüdischen Stadt sind noch einige Invaliden, Ueberreste der sogenannten Nicolai-Soldaten, die vor weit 60 oder 70 Jahren als zarte Kinder aus der Schule oder direkt vom Mutterschooße aus entführt worden sind und in eine Erziehung gegeben wurden, wo sie zur Zwangstaufe und zum Militärdienst vorbereitet wurden. Nach 25 jähriger Dienstzeit wurden diese Unglücklichen, zumeist als mittel- und hilflose Krüppel ihreur Schicksale überlaffen, und sie kehrten dann zum größten Teile in ihre jüdischen Heimatgemeinden zurück, wo sie als D'Tj, von der jüdischen Wohltätigkeit abhängig, im Geheimen ein elendes Dasein fristeten. Bekam durch irgend einen unglücklichen Zufall die Behörde von einer solchen geheimen jüdischen Existenz Wind, so war das Schicksal des Betroffenen besiegelt und der „treulos der russischen Kirche Entlaufene" mußte zum Danke für die während eines halben Menschenalters geleisteten Militär- und Kriegsdienste seinen Lebensabend im Gefängnis beenden. Nun winkte nach dem Oktober-Manifeste auch diesen Unglücklichen ein Sonnenstrahl der Freiheit und groß war die Freude derer, die nun aus ihrem dumpfen Verstecke sich an das Licht und an die Sonne wagen zu dürfen glaubte«. Umso größer und bitterer aber ihre Enttäuschung, als sie, trotzdem, wie ihre aus dem Innern des Landes zustrümenden weiter, nachdem sie die Fesseln des Alltags einmal durchbrochen, und^ je länger, desto friedlicher ward sie. Die ganze Süße der wunderbaren Poesie rein menschlichen Empfindens genoß ich in diesem Moment. Und plötzlich kam mir der gewaltige Psalm des Weltschmerzes und seiner Heilung in den Sinn, den einst unser großer Lehrer gesungen. „All unsere Tage gehen zur Wende durch Deinen Grimm, wie endigen unsere Jahre wie einen Gedanken. Die Tage unserer Jahre siebenzig Jahr, und kommen sie auch auf achtzig Jahr, so war ihr Stolz Mühsal und Unrecht." Aber dann! ' „Unsere Tage zählen lehre uns, dann bringen wir heim ein weises Herz." Und endlich: „Das Tun unserer Hände gründe auf uns, das Tun tzrnserer Hände stelle Du fest, und unser ist die Schönheit." Jawohl, die Tage zählen! Die künstlerische Idealisierung des Alltags, jedes eigenen .Erlebens im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, das ist die Lehre des Judentums. Das ist's, woran Du hast zu Grunde gehen müssen, mein armer, armer Freund, daß Du von diesem Schaffen der Seele nichts wußtest oder nichts wissen wolltest, daß Du die Schönheit außerhalb Deiner selbst suchtest und nicht fandst, sie produzieren wolltest und nicht konntest, aber von jenem Dritten keine Ahnung hattest, sich im Gegensatz zum öden Alltag ein Innenleben zu schaffen, voll Schönheit und Poesie, und so das Hochziel zu erreichen, das selbst dem gegeben, der nicht zum Genius erkoren: Der Dichter seines eigenen Lebens zu werden, nicht für das große Publikum, aber — für sich selber. Und die Nacht schritt weiter, und ein leises Frösteln gemahnte mich zum Aufbruch. Langsam trat ich den Heimweg an. Der Morgen graute schon, als ich pr Ruhe ging. Auf den Zweigen der Bäume begannen schon die Vögel die Stimmen zu üben und Leidensgenoffen, die Hand der strafenden Gerechtigkeit traf und sie ihrem Schicksal auslieferte. , Der „Judenminister" Stolypin, dem all dieses wohl bekannt ist, ist indes mit denk bestehenden Zustande wohl zufrieden und plaidirt mit Aufwand seiner ganzen rhetorischen Kraft und Fähigkeit für seine Beibehaltung, ja für die möglichste Verschärfung der Uebertrittsgefetze. „Das Kaisermanifest dürfe keine falsche Auslegung erfahren und die lhristlich-orthodoxe Kirche nicht mit anderen Konfessionen gleichgestellt werden." Die Mehrheit der Duma war indessen anderer Meinung über den Begriff der Glaubensfreiheit. Fragt sich nun, ob man am Kaiserhofe dem Willen der legislativen Volksvertretung Rechnung trägt, oder sich nach einem besseren Premier umsieht, der es beffer versteht, kaiserliche Edikte vor „Mißverständnissen und falschen Interpretationen" zu bewahren. Sremde Juden. Vor einiger Zeit passierte, wie die Zeitungen damals mitteilten, einem rumänischen Bauer, der über die österreichische Grenze ging, das Mißgeschick, von den kroatischen Dorfbewohnern für einen Juden gehalten und als solcher gründlich verprügelt zu werden. Heimgekehrt, soll der biedere Rumäne ganz erstaunt seinen Mitbürgern erzählt haben, daß nicht allein in Rumänien, sondern auch wo anders die „Fremden" Juden seien, riet ihnen aber im übrigen davon ab, sich fernerhin an Bauernrevolten und Judenausschreitungen zu beteiligen, da, wie er am eigenen Leibe erfahren, auch Schläge, die man als Fremder und Jude erhält, recht weh täten. Zu djxser simplen Bauernlogik können sich die Leiter der rumänischen Intelligenz, d. h. des rumänischen Antisemitismus, leider nicht emporschwingen. Den Professoren I o r g a und G u z a, diesen erbittertsten Judenfeinden aller Zeiten und aller Länder ist ein ganz ähnliches Mißgeschick passiert. Sie wurden, als sie just auf österreichischem Boden ihrem Hetzwerke nachgingen und den rumänischen Nationalkampf predigten, aus Oesterreich-Ungarn ausgewiesen. Darob ungeheuere Entrüstung bei den Rumänen, und sie sprechen ungehalten von Unduldsamkeit, von ungerechter und intoleranter Behandlung der Fremden seitens des Nachbarstaates. Der Aerger der rumänischen Intelligenz, die es sonst ruhig zusieht, wie Tausende von treuen Bürgern jährlich unter dem Drucke eines raffinierten Fremdengesetzes das Land verlassen müssen, und die aktiv an einer solchen Ausrottungspolitik mitarbeitet, ist nun so groß, daß sie' beschlossen hat, den jetzt in Budapest tagenden internationalen Kongreß der Aerzte und Apotheker zu boykottieren. Der dem jungen Tag entgegen zu jubeln. Es war auch eine Nachtigall darunter. Dann schlief ich ein. Ich habe das Kolleg verschlafen. vliel aus der Scbwtiz. Bern, 14. Juni. Der Sommer ist angerückt und mit ihm der gewohnte Fremdenstron», der seine Zuflüsse erhält aus aller Herren Länder, sie konnnen immer wieder, die alten Gäste und Naturfreunde, um die majestätische «chönheit der Berge und die blauen Seen unserer freiheitlichen Schweiz bewundernd zu genießen. Und auch der Sport, dieser unentbehrlich scheinende Begleiter fortschreitender Kultur, er feiert in den himmelanstrebenden Schweizerbergen seine wildesten Triumphe. Man sollte es nicht für möglich halten: Alljährlich heischen Sport und Leidenschaft ihre bedauernswerten Opfer, und wieder und wieder finden Sportmenschen einen prickelnden Reiz darin, selbst auf die Gefahr des Lebens hin über die trügerische Schnee- und Eisdecke der Gletscher hinweg die Höhe zu erklimmen. Erkühnt man sich gar, im Kreise solcher Genußnrenschen jenes frevelhafte Wagnis für Siinde und Wahnwitz zu erklären, so begegnet rnan augenblicklich dem Vorwurf der Rückständigkeit. Ich dachte an das Wort der Weisen: riX V'X'LIV 1172711 711X71.11 .1X2,11 übm D1X1- Ungezähmte Leidenschaft stößt den Menschen aus der Welt: in den Bergen, wie im Tal, wo die Parteikämpse, leider auch im jüdischen Lager, oft »outen wie der brüllende Foh« der Schweizerberge. — Neben mir schreitet eine bebrillte Größe, ein Professor der Geologie, einer Sennhütte zu, offenbar, um sich zu restaurieren von den n

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