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Der Israelit · 1909-06-24 · Heft 25 (24.6.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 25 (24.6.1909)
Date
1909-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette L Kt. 25» Der Asraeltt genügenden Ablehnungsgrund mehr bilden. Die kulturellen und seit kurzem auch die staatlichen und politischen VerhältMe im ganzen türkischen Reiche haben sich wesentlich geändert, und was vor jenen 30 Jahren als schlecht und ungeeignet erschien, mag heute bei der veränderten Sachlage als gut und erreichbar erscheinen. Das Abenteuerliche liegt aber, wie gesagt, weder in Mesopotamien noch in Cyrenaika, noch sonstwo. Das Abenteuerliche wurzelt überhaupt in keinem Lande, sondern im S y st e m e der „Jto", die nur Palästina aufgab, im übrigen aber alle Kardinalfehler, die aus der einseitigen Auffassung des nationalen Gedankens durch die^ionistische Partei resultieren, übernommen und sich besonders auf die Autonomie versteifte, sich also quasi als „Zionismus ohne Zion" etablierte. Sie konnte daher weder in assimilatorischen, noch in nationalen Kreisen an der Werbekraft gewinnen, und muß, an einem chronischen Fehler krankend, alle ihre Ziele notwendig verfehlen. Es ist unseres Wissens denn auch das vierte der außerpalästinischen Kolonisationsprojekte, die vom praktischen Flügel der zionistischen Partei vor und nach der Tennung aufgestellt, mehr oder weniger geprüft wurden und immer zu einem negativen Erfolge führten. Mit dem Wadi el Arisch- Projekt setzten die territorrialistischen Versuche ein, das, nach dem ungünstigen Berichte, über dem heute noch geheimnisvolles Dunkel schwebt, durch Ostafrika abgelöst wurde. Das Uganda- Projekt hat dann bekanntermaßen nach seinem Scheitern, und nachdem es der siebente Kongreß auch im Prinzip abgelehnt hatte, zum Exodus der Zangwill-Gruppe und zur Bildung der selbständigen territorialistischen Partei geführt, welche nun auf eigene Kosten und Gefahr neue Versuche unternahm und nun an dem zweiten derselben, an Mesopotamien, angelangt ist. Daß all diese Versuche nicht allein an den ungünstigen Berichten der (Speditionen gescheitert sind, sondern sich durch die beharrliche Weigerung der jüdischen Philantropen und großen Organisationen, auf die abenteuerliche Politik und auf die Autonomie-Träume der Territorialsten einzugehen schon von vornherein als unausführbar erwiesen, ist allbekannt. Um von diesem Gesichtspunkte aus die Chancen des neuen Versuches recht zu bewerten, muß man sich immer und wieder die von uns bereits an anderer Stelle wiedergegebenen Worte des Herrn Jakob H. Schiff vor Augen halten. Er ist, obzwar ihm, dem Finanzmann, ganz andere Zahlen als Mr. Zangwill vorschweben, einer Kolonisation in Mesopotamien mit Rücksicht auf die Beschaffenheit und Entwicklungsfähigkeit des Landes, wie auf die dort jetzt obwaltenden politischen Verhältnisse durchaus nicht abgeneigt, aber er erklärt kategorisch: „Ich habe keine Sympathie für irgend einen Plan, der politische Bedingungen in sich greift, wie z. B. die einer Autonomie oder Aehnliches, und werde keinerlei Anteil an einem derartigen Unternehmen nehmen. Ich möchte, daß die Juden nach Mesopotamien genau so gehen, wie sie jetzt nach Amerika gehen. Allen nationalen Plänen bin ich durchaus abgeneigt." Diese Worte sind, wenn auch nicht im Aufträge, so doch im Sinne aller großen in Betracht kommenden Organisationen, besonders der „Jca", ohne welche eine Kolonisation im großen Style, wie sie die „Jto" beabsichtigt, gar nicht denkbar ist, gesprochen, und sie können, recht verstanden und beherzigt, von höchster Wirkung sein und größter Bedeutung für die Bestrebungen der Jto, die, insofern sie sich auf die Versorgnng der jüdischen heimatlosen Massen beziehen, ja allen jüdisches Kreisen gleich warm am Herzen liegen. Die Jtopläne verlieren ihren abenteuerlichen, utopistischen Charakter sobald ein Schritt weiter getan und die letzte Konsequenz gezogen wird, sobald die Jto ohne Betonung der reinnationalen Seite und der damit verbundenen Autonomie ihre ganze Sorge und Arbeit der Schaffung einer Heimstätte für die von Not und Verfolgung getriebenen, überall zurückgedrängten jüdischen Scharen unter dem Schutze der Landesgesetze einer konstitutionellen, nach modernen Staatsnormen geleitetenMacht widmet. Daß dieser Schritt, wie heute manche sagen, eine Entwicklung nach rückwärts bedeuten würde, kann nur derjenige behaupten, der es mit der Jto und ihren Bestrebungen nicht gut und ehrlich meint. Und fast wollte es scheinen, als sei dieser Schritt von Zangwill, wenn auch noch nicht offiziell getan, so doch genügend vorbereitet. Gerade Amerika, das von Zangwill als Land des Glückes und des Friedens für das jüdische Volk besungen wird, sollte doch wohl den besten Beweis liefern, daß jüdische Glücksmöglichkeiten nicht von einem autonomen jüdischen Staatswesen abhängig sind. Allerdings mag hier Herr Zangwill die Farben ein wenig stark aufgetragen haben. Das jüdische Leben in Anrerika ist in Wirklichkeit sowohl in materieller wie aber noch viel mehr in geistiger Beziehung nicht gar so rosenrot, wie es Herr Z. in einer dichterischen Aufwallung ausmalt. Aber so viel haben doch die amerikanischen Verhältnisse in der Tat gezeigt, daß der Ostjude als freier Bürger eines Rechtsstaates auf Grund seines Fleißes, seiner angeborenen Fähigkeit, seiner durch Jahrhunderte des Druckes gestählten Energie sein Fortkommen, ja auch sein Emporkommen findet. Sollte es dann möglich sein, durch vereinte Arbeit eine groß angelegte jüdische Ansiedelung, sei es auf agrarischer, gewerblicher 24. Juni 1900 oder industrieller Basis zu schaffen, und sie auf Grund oer im betreffenden Staate obwaltenden Gesetze über die Sicherheit der Person und des Eigentumes zu befestigen, so könnte bei planmäßigem und von jüdischen Gesichtspunkten geleitetem Vorgehen auch leicht ein neues Zentrum echt jüdischen Geisteslebens geschaffen werden. Der Erfolg der „Jto", ganz unabhängig davon, wie der Bericht über Mesopotamien ausfällt, ist mit der Frage eng verknüpft, ob und inwiefern sie die nationalen Aspirationen nach der Seite einer Autonomie aufgibt. Tut sie das, so würde sie nicht nur auf oer einen Seite sich das Vertrauen des Volkes, die Mitarbeit der in Betracht kommenden Faktoren sichern, sondern auch, was ebenso wichtig ist, auf der anderen Seite mit einem Schlag die Reibungsfläche mit dem Zionismus, den Anlaß zu ewigen Streitigkeiten verlieren, insofern sie ja dann kein Konkurrenz-Unternehmen der zionistischen Partei mehr bilden würde, sondern eine von ganz anderen Prämissen ausgehende, auf anderen Voraussetzungen beruhende und ganz anderen Zielen zustrebende Organisation. Diese Voraussetzungen und Ziele würden aber dann denen keiner anderen Organisation, selbst der zionistischen, mehr zuwiderlaufen. Also auf der einen Seite eine unerquickliche Reibungsfläche verloren, auf der anderen eine vielversprechende gemeinsame Basis gewonnen. Könnte man der „Jto" noch einen besseren Erfolg wünschen? Und diesen zu erringen, hängt ausschließlich von ihr selbst, von ihrer Taktik ab, von ihrem Entschlüsse, endlich mehr praktisch denn poetisch schwungvoll den einzigen Schritt zu wagen, der in diesem Falle in der Tat ein glücklicher vielverheißender Schritt dem Ziele entgegen bedeuten würde. M. * * Anmerkung der Redaktion: Wir glaubten dem vorstehenden Artikel seines sachlich interessanten Inhalts wegen die Aufnahme nicht versagen zu sollen, meinen aber, daß der geschätzte Herr Verfasser zwei wichtige Momente außer acht läßt. In dem Augenblicke, in dem die Jto auf das Postulat der „Autonomie" verzichtet, wird sie neun Zehntel ihrer Anhänger einbüßen und nichts anderes mehr sein als ein — höchst überflüssiger — Schatten der I. C. A. Wir halten es auch für thöricht, einer autonomen jüdischen Ansiedlung in der Türkei zu widerstreben. Ist sie politisch und — angesichts der eingeborenen nichtjüdischen Bevölkerung — praktisch erreichbar, dann haben wir Juden gewiß keinen Anlaß, dem Versuche einer provinzialen Selbstverwaltung zu widerstreben. Von diesem Wollen bis zur Ausführung ist freilich Kleines Feuilleton Mische Studeimnträume. Die nahe Turmuhr schlug eine späte Nachtstunde, als wir lärmend auf die Straße traten. Die frische Luft, die uns sofort umgab, wirkte im ersten Moment ernüchternd auf unsere von Wein, Zigaretten und Gesang aufgclvirbelten Sinne, und das dunkle Bewußtsein vom kommenden Tag, der ebenfalls, und zwar ohne Fest, gelebt sein will, dämmerte in uns auf: der erste Vorbote des Katzenjammers, der meist weit weniger in den körperlichen Nachwirkungen des Genusses, als vielmehr in dem seelischen Unvermögen besteht, nach Fortfall eines Ereignisses, in dessen Erwartung man wochenlang gelebt, sich nun sofort neue Ziele zu stecken, die uns in neue Spannung zu versetzen imstande sind. „Kommst Du morgen ins Kolleg?" so kragten wir uns, einer den anderen, und dann schüttelten wrr uns die Hände, und lachend und scherzend gingen tvir auseinander. Auch ich ging. Die Stille, die mich alsbald umgab, erschien mir nach all dem Trubel außerordentlich, ja unerträglich. Ich konnte mich nicht entschließen, nach Hause zu gehen uno mich, die Brust voll tausend widerstreitender Empfindungen, zur Ruhe zu begeben, um dann am Morgen zerschlugen und zerdroschen aufzustehen. Denn daß es so kommen toürde, wußte ich. So schritt ich denn an meinem Hause vorbei, weiter in die Nacht hinaus. Es war eine Lindenallee in Mitten der Straf;?, die über den Fluß weit hinaus führte in den kühlen Wald. Betäubenden Duft strömten die Bäume nnter dem Kusse der Nacht aus, und meine Seele sog ihn . in langen Zügen ein, und siehe, wie mit Zauberschlag öffnete auch sie sich und ergoß über mich das Meer ihrer trautesten Geheimnisse. Wunderbare, segenbringende Macht des Weines! Du spülest den Staub des Alltags von uns ab, du räumst die Hüllen fort, »kit denen wir uns alle so sorgfältig im Leben den Blicken anderer und ach! auch unserem eigenen Blicke verbergen, du lassest uns sein, lvas wir sonst nie sind: Mensch unter Menschen. Wunderbare Macht der Geselligkeit, erst recht dann empfunden, wenn iit der auf sie folgenden nächtlichen Stille die feiernde Seele sich rückhaltlos ben durch sie wach gewordenen Gefühlen hingibl, in der Seele leise all die Töne nack^ittern, die vorher lärmend an sie geschlagen. Aber noch war es keine Harmonie von Tüllen, die in mir erklang, sondern ein buntes Durcheinander, das mich noch mehr verwirrte. Jedes Witzwort, das lvährend des Festes gefallen, hörte ich wieder, -alle Lieder, die wir gesungen, summten zusammen mir nach, und in diskreten Reminiszenzen gab auch mein treuer Magen mir einen zusammenfassenden Auszug voll allem, kvas ich genossen. Ich schritt weiter in die Nacht und merkte es kaum, das; ich ging. Deutlich, in gespenstiger Lebendigkeit, stiegen jetzt vor mir die Bilder meiner Tafclgenossen wieder auf, ich sah sie alte bei mir sitzen, ivackere Gesellen. Wie ihnen die Freude aus dein Gesichte straht, wie sie jubeln und singen, weltvergessen, selbstvergessen, Menschen, nichts als Menschen. Sind noch vom Leben nicht abgebrüht, ihres Jchs noch nicht vom Beruf beraubt, diesem grausen Prokrustesbett, dieser gleichmacherischen Maschine, die nichts verschont, als die fade Normalität. Noch ist in ihnen der gewaltig magnetische Zug herrschend, der die Seele zur verwandten Seele reißt, aus den ersten Blick, unwiderstehlich, für immer. Für immer? Harrt nicht auch ihrer das Leben, auch ihrer der Beruf? Sind nicht dieselben Gefühle reinen Menschentums in tausend anderen Herzen nach frohem Fest, in stiller Nacht, im Mondenschein und Lindenduft, mit derselben Kraft lebendig geworden, in Herzen, die längst scholl verkohlt, in Seelen, längst schon ihres Schwunges beraubt, verdeckt, verschüttet, vergraben vom Geröll und Schutt des Berufes, verzweifelt, und gebrochen, und endlich, ihrer Schönheit beraubt, fortgerafst vom alles bändigenden Tod? llnd ivic der Wind leise seufzerrd durch die Bänlll? fuhr, da glaubte ich ihrer aller Klagetoil zu vernehnteu, und ihre Gestalten, durchfurcht und cutftellt, glaubte ich hinter den ragenden Bäume,i zu sehen, llnd in stiller Klage vereinigten sich alle Töne in ineiner Seele zu jener Melodie des echtesten aller Studentenlieder: „Ubi sunt qui ante nos in mundo fuere? „Vadite ad superos, transite ad inferos! Ubi jam? Fuere.“ Da überkam ntid) eine tiefe Wehmut, ein schweres Leid über das Schicksal der Menschen, die, in sich die Idee der ewigen Schönheit tragend, dennoch in das (betriebe der Ze't eingefügt sind, und trauernd sank ich aus eine Bank inmitten der Waldesbäume. Aber die Wehinut und das Leid schmerzten meine Seele nicht, taten ihr eher wohl. Da fühlte ich, daß Wehmut der Seele nicht wesensfremd, ja, daß ihr Grundton darauf gestimmt ist. Das brausende Leben ist ihr fremd, scheu und keusch zieht sie davor sich zurück, aber gleichwie der Engel der Liebe das Schlacht-

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