Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1909)
- Date
- 1909-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(I Der Israeli m Ein Centralorgan für das orthodoxe Judeotom i Begründ« “. Lehmann in Iflainz 50. Jahrgang SranMurfa. M. 8en g^E^flSS. M 2». Abormement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr, Rußland 1 Rnb., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur dirett. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die fechSgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen Per: Conto bei de« P-stscheck.«»t Frankfnrt a. M. Ro. 344. Conto bei der ft ft. Postsparkaffe «te» «o. 7» Conto bei dem ft. Vostsparkaflenamt Budapest R-. 18 484. Conto bei der Rigaer Conunerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Nttikel unS torrelponSenren des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es Tieft um größere Hufffibe -handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gehottet. Die Entdeckung Mesopotamiens. Die bekannte große Rede des Herrn Zangwill auf der jüngsten Massenversammlung in London, die das Mesopotamien-Problem in den Vordergrund des Interesses gerückt har, begann, wie man es beim Schmelztiegel-Dichter nur zu erklärlich finden kann, mit einem Hymnus auf Amerika. Er sagte: „Amerika ist das Land der Freiheit und des Glückes, ein Land ohne Staatskirche, ein Land, wo Jedermann Stimme befitzt und jedes in dem, Gebiete geborene Kind anstreben kann, Präsident zu werden. -Das ist ein Land, wo schon zwei Millionen Juden die Sicherheit ihrer Nachfolger garantieren. Das ist ein Land, wo Dorf an Dorf glücklicher, jüdischer Farmer sich verbinden, um ein kleines „Jto"-Land zu bilden. Wenn Sie eine Aarikulturkolonisation wollen, bilden schon Tausende dieser Farmer einen Kern. Wenn sie eine industrielle Kolonisation wollen, sorgen Tausende neuer Städte für eine bedeutend bessere Chance als der welke Orient. Es ist ein Land, frei von Militarismus, eifersüchtigen, nationalen Streitereien, Kriegen und Massakres Europas. Die Meinung, daß jüdisches Kapital und jüdische Arbeit unbedingt nach dem Osten strömen müssen, ist eine pure Täuschung, die nur von interessierten Parteien genährt wird. Die Jungtürken werden klug sein, wenn sie darauf nicht vertrauen." Aber nicht Amerika wollte Zangwill entdecken, sondern ein Jtoland und es ist bezeichnend, daß er auch in bezug auf dieses in seiner „Staatsrede" die Sprache des Dichters wählte: „Denken Sie sich — hieß es da — was eine Ausführung des Planes bedeutet hätte. Aus allen Teilen Rußlands hätten sich Pioniere nach Cyrenaika geschart. Alle Augen wären nach Cyrenaika gerichtet gewesen. In Cyrenaika wäre alles Leben, Hoffnung und Arbeit gewesen, u. s. w." Da aber mit Hätte und Wäre keine Staaten gegründet und keine Länder — und wäre es nur ein Jtoland — erobert werden, das aufhorchende, landhungrige Volk — in der Vorstellung des Dichters natürlich — aber nach Taten und bestimmten Plänen drängt, so soll ihm das erlösende Wort nicht vorenthalten werden. Es heißt Mesopotamien. Mesopotamien. Zangwru singt: „Mesopotamien, ote Wiege der jüdischen Rasse.Gegenwärtig liegt es weithin wüst und fast unbewohnt,' wir schlugen vor, es zu bewässern, die Wildnis blühend wie eine Rose zu machen und die Kinder Abrahams in ihres Vaters Geburtsland zu versammeln." Und nun erfahren wir, daß bereits vor zwei Jahren ein von vierzig Mitgliedern des britischen Sektionalrates — die Jto steht nicht ratlos da, sie hat einen Internationalrat, einen Geographischen Rat und, wie hier ersichtlich, auch Sektion« lr ä t e — unterschriebenes Memorandum der geographischen Kommission, der auch Lord Rotschild angehört, Vorgelegen hat, das die Entsendung einer Expedition nach Cyrenaika zur Folge hatte. Der Bericht dieser Expedition ist bereits allbekannt. Das Land ist unfruchtbar und wasserarm und entbehrt aller für eine Massenansiedelung in Betracht kommenden Voraussetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Ob das Gutachten über Mesopotamien besser ausfallen wird? Es muß nämlich vorausgeschickt werden, daß der Jto keineswegs das Patent für die Erfindung Mesopotamiens als jüdische Ansiedlung zugesprochen werden kann. Bereits im Jahre 1882 war, wie die amerikanisch-jüdischen Zeitungen berichten, im orientalischen Klub zu Philadelphia Mesopotamien entdeckt worden. Der bekannte Orientalist, Professor Haupt, im Verein mit dem Philaiitropen Sulzberger leitete im Jahre 1901 auch eine Art Bewegung zu Gunsten Mesopotamiens ein, und es gelang ibnen auf Grund eines 1892 verfaßten und in Baltimore gedruckten Berichtes, Oskar Strauß und Baron Hirsch und 6 Jahre später auch Herzl, für den Plan zu interessieren, also Männer, denen es weder an Willen noch an Einsicht fehlte, dem Projekte näher zu treten. Sie taten es nicht und überließen Mesopotamien den Gelehrten des orientalischen Klubs. Das gibt doch immerhin zu denken. Zangwill selbst sagt denn auch inbezug auf die Aussichten seines neuen Projektes: „Mesopotamien wurde bisher noch nicht von uns geprüft, noch nicht von unserer geographischen Kommission angenommen. Es kann kommen, daß die Berichte über Mesopotamien ebenso rosig gefärbt sind wie über Cyrenaika. Es kann kommen, daß in einem solchen Klima jüdische Arbeiter nicht arbeiten, jüdische Kinder nicht leben und gedeihen können. Es kann kommen, daß sich die Araber als ein unversöhnliches Element erweisen. In diesem Falle muß auch Mesopotamien fort. Wenn jedoch, was wir hoffen und wünschen, Mesopotamien so paffend für die Juden von heute ist, wie es für unsere Patriarchen war, die dort ihre Herden trieben, oder wie es für die Juden in der großen Periode des babylonischen Talmuds war, dann lassen Sie uns alle vereinen in dem Beginnen, hier das so wünschenswerte Land mit Freiheit, Glück und Frieden zu errichten." Inzwischen stellt Zangwill einen bestimmten Plan auf, einen Plan, der nicht mehr aus poetischen Ergüssen besteht, sondern aus Zahlen, wirklichen, trockenen Zahlen. Es sollen zunächst Bahnen und Bewäfferungswerke durch jüdische Unternehmer und unter Verwendung jüdischer Arbeiter in Mesopotamien gebaut werden, um somit ein jüdisches, an das Klima gewöhntes Menschenmaterial zum Zwecke der späteren Kolonisation zu gewinnen. Die Kosten der Bewässerungsanlage würden 800,000 Pfd. Sterl. betragen, der Wert des Landes sei mit 30 Millionen Pfd. Sterl. einzuschätzen. Es sei daher nicht einzusehen, warum jüdische Finanzleute — — weder als Juden noch als Philantropen, sondern lediglich vom Standpunkte der nüchternen Geschästsklu'gheit — sich nicht des Projektes, das so einen Nutzen von 22 Millionen verspreche, an nehmen sollen? Die Zahlen stimmen nur zu gut, und sind zu rund und zu schön, um der Wirklichkeit entsprechen zu können. Man denkt da unwillkürlich an jenen armen Durchreisenden in der bekannten Anekdote, der dem reichen Geizhals einen großen Gewinn in Aussicht stellte dadurch, daß er sich bereit erklärte, des Reichen Tochter, die eine Million Mitgift hatte, um die Hälfte zu heiraten. Der Reiche verzichtete aber bei allem Geize auf den Verdienst, oa er sein Kind versorgt und nicht an der Seite eines Abenteurers wissen wollte. Aehnlich dürfte es auch den jüdischen Philantropen und Organisationen ergehen. Sie würden, vorausgesetzt, daß sie wirklich den guten Milben hätten, ihre Hand zu einer rationellen großzügigen Hilfsarbeit zu bieten, keineswegs sich voreilig um des angedeuteten Verdienstes willen, in ein Abenteuer stülpen. Und ein Abenteuer stellt auch das Mesopotamien-Projekt in seiner heutigen Gestalt dar, nicht so sehr in Anbetracht der Skepsis, die ihm schon ftüher von berufener und sachkundiger Seite entgegengebracht wurde und der heute noch Zanawill selbst Ausdruck zu geben für gut findet, als vielmehr hinsichtlich seines ganzen Charakters, des Geistes, aus dem der Plan geboren wurde und von dem es bis dato noch getragen wird. Die seinerzeit geltend gemachten Zweifel und Bedenken, insoweit sie sich auf die Beschaffenheit des Landebeziehen, würden heute kaum einen 21