Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1909)
- Date
- 1909-06-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der JSraeltt. Sette «. Nr. 24. und ^crcstrichten. orrespondenzen Deutsche« Deich. Berlin, 14. Juni. Einer Zuschrift des Hilfsvereins der Deutschen Juden entnehmen wir: In der Sitzung des Lokal-Komitees der Alliance Jsraelite Universelle am23.Mai 1909 zu Berlin wurden vom Vorsitzenden folgende Worte gesprochen: „Sie wissen aus den Berichten des Hilfsvereins, daß diese Organisation, da sie im Orient kaum die Möglichkeit fand, eine Schule zu gründen, sich gleichsam eine Spezialität aus den Kindergarten gemacht hat. In diesen Kindergärten unterrichtet man nur hebräisch, singt man nur zionistische Lieder, sind die Lehrer alle oder fast alle Zionisten, die keinen Wert darauf legen, die Kinder zu religiösem Sinn zu erziehen, sondern sich bemühen, aus der ihnen anvertrauten Jugend Zionisten zu machen. Das Hebräische ist für sie nur das Mittel ^rr Verbreitung national-zionistischer Ideen. Weiß der Hilfsverein das nicht? oder mag er es nicht wissen? Es ist nicht meines Amtes, auf diese Fragen zu antworten." Demgegenüber beschränken wir uns, da wir im Interesse der jüdischen Sache bemüyt bleiben, eine Polemik mit anderen jüdischen Organisationen zu vermeiden, auf folgende Erklärungen: 1. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sich niemals zum Programm des Zionismus bekannt oder zionistische Tendenzen gefördert. Allerdings ist er immer bereit, ohne Voreingenommenheit mit jeder Organisation in konkreter praktischer Arbeit sich zusammen zu finden. 2. Die hebräische Sprache dient in unseren Kindergärten als Unterrichtssprache, weil sie bei den vielsprachigen Elementen die gegebene einheitliche Unterrichtssprache ist. Es ist dies eine pädagogische Notwendigkeit, der sich niemand verschließen kann, der die Verhältnisse an Ort und Stelle kennt. Hat doch aus denselben Erwägungen heraus auch der Chacham Baschi in Konstantinopel neuerdings verfügt, daß sämtliche Berichte und Eingaben an ihn, um die Vielsprachigkeit zu vermeiden, in hebräischer Sprache abgefaßt sein sollen. 3. Bei der Auswahl der Lehrer und Lehrerinnen wird der Hilfsverein ausschließlich davon geleitet, Persönlichkeiten anzustellen, deren religiöser und sittlicher Lebenswandel zu keinen Bedenken Anlaß gibt, und deren pädagogische Fähigkeiten dem ihnen anzuvertrauenden Amte entsprechen. Der Hilfsverein hat mit seinem Lehrpersonal die besten Erfahrungen gemacht, und es ist ihm nie bekannt geworden, daß seine Lehrer und Lehrerinnen die vom Hilfsverein aufgestellten Grundsätze für die Erziehung und den Unterricht nicht innehalten. Die Grundsätze unseres Erziehungswerkes haben sich aufs trefflichste bewährt. Nach der Verschiedenheit der lokalen Bedürfnisse — nur diese sind maßgebend — ändern sich selbstredend auch Unterrichtssprache und Unterrichtsgegenstände. Im Orient bezweckt unser Schulwerk, eine bodenständige, mit den Heimatssprachen vertraute, ihrem Vaterlande ergebene, mit ausreichenden Kenntnissen für chr Leben und Wirken in der eimat ausgerüstete und ihr Judenrum achtende Ugend heranzübilden. 4. Das Fundament unserer Erziehungstätigkeit im Orient bilden naturgemäß die Kindergärten. Aber auf diesem Fundamente haben wir in der kurzen Spanne Zeit ein Schulwerk errichtet, wie in demselben Zeitraum nie eine Organisation zuvor. (Daß die „Alliance" sich zum Anwalt des „religiösen Sinnes" aufwirft, ist eine Unverfrorenheit, die man nur belächeln kann und nicht ernst nehmen sollte. Die Red.) eine Landesoerfammlung 9er bayrifdien 0rfho9oxie. lBon unserem Korrespondenten.) Würzburg, 13. Juni. Unter ungeheurem Andrang — der große Saal des Hotels Goldschmidt war samt seinen Gallerien überfüllt — fand heute eine von einem provisorischen Komite einberufene Landesversammlung der Bayrischen Orthodoxie behufs Gründung eines Vereins zur Wah rung der gesetzestreuen Interessen und zur Aussprache über die aktuellen Fragen der jüdischen Politik Bayerns statt. Nach kurzen Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Distriktsrabbiner N. Bamberger, Würzburg, entwickelte Distriktsrabbiner Dr. P. Kohn, Ansbach, die Ziele des zu gründenden Vereins. Der Verein solle auf die Stärkung des gesetzestreuen Geistes in den Gemeinden und israelitischen Korporationen Bayerns hinwirken, für die geeignete Vertretung des gesetzestreuen Judentums bei den berufenen Instanzen sorgen und endlich auch leistungsschwache Gemeinden unterstützen, soweit dieselben nicht schon aus anderen Kassen oder anderweitig ausreichende Zuschüsse erhalten. Es sei weder eine Konkurrenz gegenüber dem „Landesvereine" beabsichtigt, noch gegenüber der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", an welch letztere vielmehr gemäß dem vorliegenden Statutenentwurf ein enger Anschluß geplant sei. Auch werde der anwesende Vertreter der Freien Vereinigung bestätigen, daß diese der Neugründung mit voller Sympathie gegenübersteht. In der Diskussion wendet sich zunächst Rechtsanwalt Dr. Fra 2 nkel, München, entschieden gegen die Gründung des Vereins, der überflüssig und so lange in seiner Wirksamkeit auch aussichtslos sei, als nicht über dw wichtigste aktuelle Frage, die Revision des bayrischen Jndenedikts eine einheitliche Anschauung innerhalb der bayrischen Orthodoxie vorhanden sei. Er beantragt daher, die Tagesordnung abzuänder'n vutö v o r der Gründung des Vereins in o:'e Besprechung der Revision des bayrischen Judenedikts einzutreten.' Aus der weiteren Diskussion ergibt sich, daß die Vertreter der Münchener Orthodoxie sowie die gesamte Lehrerschaft, die stark vertreten war und vormittags eine Vorversammlung abgehalten hatte, gegen die Vereinsgründnng. Front machen, weil man darin lediglich den .Versuch erblickt, durch eine Organisation der Revisions - G e g n e r die Revisionsbcwegung im Keime zu ersticken. .Dieser Auffassung treten mehrere Redner vom Vorstandstische sowie iir glänzenden aus,ührlichen Darlegungen Herr Distriktsrabbiner Dr. 2 t e i n, Schweinfurt, entgegen: Der Verein solle das Forum bilden, auf dem die gesamte bayerische Orthodoxie ihre Meinung in völliger Gleichberechtigung a n s - t a u s ch e n und klären könne, er solle ferner den Führern der Orthodoxie die Möglichkeit geben, gegenüber der Staatsregierung nicht als Einzelpersonen, sondern als bevollmächtigte Vertreter einer g e s ch t o s s c n e n Einheit auszutreten. (Lebhafter Beifall./ Lehrer O p p e n h e i m e r bemängelt verschiedene Stellen des vorgelegten Statuten-Entwurfs und spricht sich zunächst noch gegen die Gründung des Vereins aus. Der Vertreter der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" ans Frankfurt a. M. betont, daß diese Vereinigung sie : 1' des bayrischen Vereins nach Lage der Dinge durchaus begrüße, ohne daß sie ihrerseits zu der im Kreise der bayrischen Gesinnungsgenossen noch streitigen Frage Stellung nehme. Wenn, wie es der Statutenentwurf vorsieht, einerseits der Zusammenhang mit der Gesamt- Organisation der deutschen Orthodoxie aufrecht erhalten, andererseits dafür gesorgt werde, daß auf dem Boden des Vereins die vorhandenen Differenzen zum Austrag gebracht und Geschlossenheit gegenüber der Neologic und den Behörden erzielt werde, so könne man zur Begründung des Vereins nur Glück wünschen. Da in dem vorliegenden Falle die Streitenden alle ohne Ausnahme auf dem gleichen religiösen Boden 'tehen und nur Meinungsverschieoenheiten taktisch-politischer Natur vorlägen, so m ü s s e und werde bei einiger Disziplin der Weg zu einer Verständigung gefunden 17. Juni 1S0S. werden. Tie Versammlung beschließt hierauf mit großer Mehrheit, gemäß oem Antrag .Frankel, die Gründung des Vereins erst n a ch der Debatte über die Revisionsfrage vorzunehmen. Für tue Remsionsfrage sind als Referenten Herr Sigmund F r ä n k e l, München, als Korreferent Herr Distriktsrabbiner Dr. P. Kohn, Ansbach, bestellt. Der Referent gibt eine historische llebersicht über den Verlaus der Revisionsbewegung.und betont, daß er von Anfang an die orthodoxen R a b b i n e r als die berufenen Führer in der Revisionssrage erklärt habe und noch heute als solche ansehe. Kein orthodoxer J.u d e und am allerletzten der Referent, werde einer Revision zustimmen, die nicht den pßg des zuständigen Rabbiners in allen religiösen Fragen unb bic religr'onsgcsetzlich geforderten rituellen Institutionen der Kultusgemeinde als unveräußerliche Grundlage für die Verfassung der jüdischen Religionsgesellschaft tu Bayern ansähe Es sei richtig, daß die Revisionsbewegung ihre Wurzel in den München-Nücnberger Verhältnissen habe, aber im Verlause der politischen Arbeit habe sich ihm oie Ueberzeugnng ausgedrängt, daß die Revision unmöglich sich auf die Lösung dieser lokalen Beschwerden beschränken dürfe, die übrigens auch jeden Tag in anderen bayrischen Städten auftauchen könnten und würden, sondern daß bei dieser Gelegenheit ckuch das brennendste Problem der jüdischen Politik, die Not der L a n d g e in ein - den und ihrer B e a in t e n, unbedingt gelöst werden müsse. (Lebhafter Beifall.) Der Redner schildert die Unzulänglichkeit der durch die privaten Friedens- Verträge in Nürnberg und München geschaffenen Verhältnisse, die zunr Teil ein Hohn auf die Würde des gcsetzestreneir Judentums seien. Er erinnert an die Ideenwelt Samson Raphael Hirsch's und Israel Hilbesheimcr'S und schließt mit den Worten: „Die Revision i st i m A n in a r s ch , n i ch t s i n d e r W e l t wird sie a u s h a l t e n." — Distriktsrabbiner Dr. P. Kohn, als Korreferent, betont zunächst, daß auch er an der Leite des Referenten vor 2 Jahren für die Revision eingetreten sei. Er habe aber int Verlaufe der Bewegung seine Meinung gründlich geändert und erblicke heute in der Revision eine s ch w e r e G e s a h r für das gefetzestrene Judentum in Bayern. Die Revision sei ein cfvu n g i ir s T unkt e, und rein Mensch könne eine Geivähr dafür bieten, daß nicht im Verlaufe der Verhandlungen selbst die unzulängliche Grundlage der Dr. Strans'schen Thesen verlassen und, aus dem W ege d e s K o in p r o in i s s e s, z u g u n st e n der R e o l o g e n ab g e ändert würde. Nicht ohne Grund fei die Neokogie so wohlgemut in die Revisionsbewegung eingctreten. Von den beiden Momenten, die s ü r die Revisionsbewegung angeführt würde», müsse das Moment des Gewissenszwangs deshalb ausscheiden, weil mau die Beseitigung des Gewissenszwangs in München and Nürnberg - insoweit er vorhanden sei — unmöglich bis zur Lösung der Revisionssrage in i>—H Jahren verschieben dürfe. Hier müsse und tönne ohne Rücksicht aus die Revisionsaugelegenheit vorgegangen werden. Die Freunde der Revinon Hütten kein Recht, sich aus S a m s -o n R n p h a e l H irsch zu berufen, denn dieser habe den Austritt als eine u n b e - d i ir g t e religiöse Pflicht angesehen und nicht als eine politische Waffe, 2luch der Not der Gemeinden könne inan durch freiwillige Beiträge der Kultusgeineinden abhclfen. Auf die Gefahren der Revision zurückkominend, beruft sich der Redner aus den Landesvereul als Beweis dafür, daß derjenige, der das G e l d besitze, auch die M a ch t iu Händen habe. Ans allen diesen Gründen sei er persönlich der Meinung, daß die Revision j e tz t, in einem Atlgenblicke, da sie sehr wohl noch aufgehalten werden könne, r ü cks i ch t s l v s bekämpft werden müsse, denn später sei es zu spät.' Im übrigen sei die Versammlung berufen, eine endgültige Entscheidung zu tressen. Es entspinnt sich hieraus eine stündige GeschüstsordllNllgs-Debatte über die Art der weiteren Verhandlungen, selbst die unzulängliche Grundlage der gemerkten Redner sämtlich anzuhören. -- .Herr G r ü n - b a u in - Nürnberg, erklärt, es für einen Fehler, daß man nicht vor 2 Jahren die Lösung der München- Nürnberger 2chwierigke-len aur dein Wege des Ges e tz e s durchgeführt habe. Für ein bloßes A u st r i t t s g e s e tz sei die g a n z e Orthodoxie noch heute cinstimllrig zu haben. Die Gefahr liege bloß in den übrigen Bestimmungen eines neuen Judengesetzes und in der g e in e i n s a m e n Mommit'pim des Landesvereins. Von den Nürnberger Verhältnissen habe Herr Frankel ein einsciliges, nnj)utre,,endcs Bild entworfen. — Distriktsrabbiner Tr. Cohe n, Jchenhauscn, tritt f ü r die Revision, jedoch «intcr energischer Festlegung der orthodoxen Minimal-Frrderungen ein. Die Bedenken gegeir den Landesverein seien' größer als die gegen eine Zentralkasse, zumal auf Grund bündiger Erlläruirgeir maßgebender Instanzen absolute Garantien gegen die Entwicklung der Zentralkasse zu einer Oberbehörde zu haben seien. In ähnlichem Sinuc äußert sich Distrittsrabbiner Dr. W Einberg, S u l z b ü r g Max Meyer, Nürnberg wendet sich'gegen die Taktik der Revisionsfreunde. Die Revision an sich sei vielleicht weniger gefährlich. Widersinnig aber sei es, g e in e i n s a ni mir ausgcsprvch e n e n 4t e o - logen Entwürfe ansarbciken zu wollen, die beiden