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Der Israelit · 1909-06-17 · Heft 24 (17.6.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 24 (17.6.1909)
Date
1909-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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17. Juni 1909. _' _ nichts Verletzendes in sich birgt, so kann der Protz im selben Augenblick ein Mäcen werden. Daß die Kunst, und im gleichen Maße die Wissenschaft Gunst braucht, ist nicht nur in unser deutsches Sprüchwort eingeprägt. Alle Kulturfortschritte sind von dieser der Kunst und Wissenschaft geschenkten Gunst oft abhängig. Beruht doch jeder Kulturfortschritt auf zwei Menschengattungen, dem Kulturspender und dem Kulturempfänger. Jeder der irgend eine Idee, eine Erfindung, irgendeine vorwärtsrückende Tat der Menschheit schenkt, ist ein Kulturspender, selbst dann noch, wenn erst durch die Mithilfe einer vorausgegangenen Ursprungskraft ihm die Fähigkeit verliehen wird, ein Werk zu vollenden. Und so betrachtet, kann selbst der ehrgeizige, aber generöse Protz in zweiter Linie zu einem Kulturspender werden, zu einem Mäcen. War doch der ursprüngliche Mäcenas eigentlich auch nur ein Parvenü, mit seinen Bedürfnissen und Instinkten, dem nicht nur Horaz und Virgil, sondern auch noch viele andere künstlerisch und wissenschaftlich begabte Talente ihre Förderung verdankten. Zu allen Zeiten haben solche Mäcenaten Fortschritt und Bildung in einzelnen Männern mächtiger gefördert, als Staaten, Monarchen und Machthaber. Und wie einst das alte Rom in Mäcenas, hatte das alte Florenz in den Mediceern eine lange Ahnenreihe von Mäcenaten, und auch das Judentum hatte sie in der spanischen Blütezeit, sogar auch zu Goluszeit allerorten bis zum vorigen Jahrhundert. Freilich nicht in der Art des Mäcenas zu Augustus und des Agrippas Zeiten, oder wie die Florentiner im Mittelalter. Das jüdische Mäcenatentum beschränkte sich, seiner unglücklichen und unsichern Lage entsprechend, deshalb um so rühmenswerter, auf die unablässige Förderung des Thorastudiums. Um seine Hochschätzung der Wissenschaft zu beweisen, setzten daher jüdische Eltern ihren ganzen Stolz darein, hervorragende Gelehrte zu ihrem Eidam einzusetzen, mochten diese noch so armer und unbekannter Herkunft und selber so arm wie eine Kirchenmaus sein. Erst durch das Anseheil solcher Leuchten der Wissenschaft wurde die ganze Familie gleichsam geadelt; durch ihn, den Gelehrten, gewann die ganze Familie erst ih reu Jichus, ihre Vornehmheit. Diesem einem schönen Ehrgeiz entsprungenen Trieb der alten Juden ähnelt in der Neuzeit der Ehrgeiz des amerikanischen „Selfmademan" der, sobald er zu Reichtum gelangt ist, sich gerne als Protektor der Wissenschaft und Kunst anfspielt. Auch hier kann man zwanglos zwischen dem geborenen und in seinem ganzen ferneren Leben so bleibenden Protzen, oder, feiner ausgedrückt, Par- „Wo hast sie versteckt Du, Du Erzgauner?" schrie es drinnen, „hast die Polizei beleidigt, sie Hund und Narr geheißen?" „Weiß gar nichts — keinen gesehen, — nichts gesagt — nichts versteckt", stotterte der Erwachte. Er hatte die volle Wahrheit gesagt, der gut? Maische. Doch sie wollten ihm nicht glauben und nannten ihn unter fortivährenden Stößen und Schlügen einen Lügner, einen Betrüger, einen Schuft und Erzschelm. „Eine solche Gaunerbande! He? Verschwinden, als hätte sie die Erde verschlungen!" polterte es drinnen. „Hier noch ihre bereitstehenden Nachtlager, die Banditen!" „Und uns erst so zu beschimpfen, was? .Hießen uns Darren, Schufte und Tagediebe!" „Sv was ist mir weder in Petersburg noch in Moskau passiert!" „Und lassen uns noch wie zum Hohne diesen Schwachkops, diesen ver,chlasenen Tölpel. Unerhört!" Und von neuem begann das Suchen, Schimpfen itub Spucken. Die Polizisten fanden nichts und M o i s ch e wollte nichts wissen .... Was konnte wohl die brave Polizei machen? Sie ging zurück und nahm Moische, den einzigen „ U nschuldigen" mit. Da half kein Bitten und Flehen, kein Alibinachweis und kein Paß. Er, „der Erzschelm, der die Verstecke seiner Kameraden nicht verraten wollte", mußte als Geisel mit. Wir aber blieben die ganze Nacht vorsichtshalber im „Stübel". Wohl wagten wir uns, als alles still und ruhig um uns geworden war, ans Fensterchen, auch einige leise Worte zu wechseln. Ins Beshamedrasch zurückzukehren, hielten wir aber noch für verfrüht. Erst als mit dem Morgengrauen die ersten „Psalmbeter" erschienen, kehrten wir in den großen Raum __Der Israel«._ venü und dem wackern Selfmademan unterscheiden. Dieser will, was er infolge seiner ehemaligen Verhältnisse nicht sein und nicht werden konnte, an andern schätzen und fördern. Er ist ein Mäcen in des Wortes bester Bedeutung. Im Gegensatz zu dem widerwärtigen amerikanischen Protzentum, das keinen andern Ehrgeiz besitzt als seine Kinder an abgehauste Adelsnachkommen zu verschleudern, ist der amerikanische Selfmademan eine aufrechte, echte republikanische Persönlichlert, die nur einen Stolz besitzt: gemeinnützige Werke zu schaffen und die ihm dazu geeignet erscheinenden Persönlichkeiten zu suchen, gleichviel aus welchem Stand und Beruf und aus welchen oft erbärmlichen Verhältnissen heraus er sie erst hervorholen muß. Diesem amerikanischen Selfmademantum verdankt Amerika die ungeheuren Kulturfortschritten, deren dieses Riesenland mit seiner nock mangelhaften Kultur auch bedarf, um es aus den Banden des als „Amerikanismus" nur mit Recht verschrienen Materialismus zu befreien. Diesem schönen „Selfmademantum", wie ich es nennen möchte, gehören auch zahlreiche Juden an; Juden auf welche wir alle stolz sein dürfen, und das zu unfern westeuropäischen jüdischen Parvenütum in einem schreienden Gegensatz steht. Insbesondere unser deutsches alias „jüdisches" Protzentum sticht geradezu erbärmlich gegen das merikanische Selfmademantum ab. Wahrlich nicht übel hat ein Artikel in der „Welt am Montag" einen kleinen Ausschnitt über dieses jüdische Parvenütum gebracht, der sehr wohl wert ist, wenn auch nur bruchstückweise hier wiedergegeben zu werden. Der Artikel ist überschrieben,- Parvenüs. Ich citiere daraus folgende Stellen. „Geld ist nichts und alles wert; es kommt daraus an, was man daraus zu machen versteht. W gibt keine härtere Knechtschaft als die des eigenen Besitzes, und es gibt kein Mittel, das die Freiheit so schrankenlos garantiert wie Geld. Einem armen Teufel kann rnan's nicht immer am Gesicht ansehen, was in ihm steckt; Not macht auch starre Köpfe gefügig und verwischt den Stempel der Persönlichkeit. Aber einem Reichen merkt man es bald an, ob er ein Mensch ist oder ein Herdenvieh, ein geborener Herr oder eiir geborener Sklave. Denn wer Geld hat, braucht sich niemals in Abhängigkeit zu begeben; er ist weder aus fremde Wertschätzung noch aus Gnadenbezeugungen angewiesen, er kann auf gesellschaftliche Einschachtelungen pfeifen und unabhängig an der Festlegung seines persönlichen Wertes arbeiten. Namentlich in Finanzkreisen herrscht heute ein geradezu schmachvolles Schmachten nach äußeren Anerkennungen, die der Bedeutung eines Mannes nicht einen Zoll zusetzen, dafür aber aus einem Freien und Eigenen einen wohtetikettierten Knecht der Konvention machen. Wer das mit ansieht, möchte wirklich manchmal glauben, daß in mancher Größe ein waschechter Plebejer steckt, dem die Unterwürfigkeit seit Generatiozurück, wo man die Schilderung unseres nächtlichen Abenteuers mit großem Interesse ausnahm und das „unschuldige" Opfer allgemein bedauerte. Auch wir empfanden, nachdem sich unsere Unruhe gelegt und die erste Gefahr vorüber war, heftige Reue ob unseres Handelns gegen unfern Bruder, den Paßmoische. Wir leiteten sofort eine Sammlung bei den Svnagogenbesuchern ein und gaben selber alles Entbehrliche her. Und als wir gegen Mittag ein rundes Sümmchen beisammen hatten, gingen wir damit zun« „Takts" der Gemeinde, zu Hillel dem Pächter, hin und baten um seine Intervention. Hillel prüfte mit Kennerblick stumm erwägend das Geld. „Fürs erste Mal nicht gerade zu viel," meinte er, versprach aber, da er ohnedies froh wäre, endlich die Bekanntschaft des neuen Pristav zu machen, alles zu tun, was in seinen Kräften stände und, wenn nötig, auch das Sümmchen um eine Kleinigkeit aus dem Eigenen zu vermehren. Hillel löste sein Versprechen prompt ein und noch am selben Abend konnten wir den befteiten Kameraden wieder in unserer Mitte begrüßen. Wir bereiteten ihm gewaltige Ovationen urck» feierten ihn als Held des Tages oder der Nacht. Moische aber konnte immer noch nichts verstehen, nichts begreifen. Und als er endlich allmählich den Zusammenhang fand, behauptete er, daß all die empfangenen Schläge nicht ihm, sondern uns gehörten und versprach, sie uns alle mit Zinseszinsen wieder zurückzugeben. Er hätte auch gewiß Wort gehalten, der ehrliche P a ß m o i s ch e, hätte er nicht jede günstige Gelegenheit dazu verschlafen. (Die Sterblichkeit der Jude« i« Ghettos Während heute in Westeuripa die Sterblichkeit der Ju- •___ No. 34, fette ft. nen her im Blute sitzt. Nun, wir loben den Selfmademan», aber wir hassen den Emporkömmling. Ist es nicht charakteristisch, daß der erste . Typ eine wesentlich amerikanische, der zweite eine wesentlich deutsche Züchtung ist? Wer mit dem Gefühle der Unabhängigkeit zur Welt gekommen ist, wird sich dafür bedanken, Schleppenträger einer Kastenordnung $u werden, die ihn doch me ganz für voll ansehen wird. Daß die jüdischen Kreise mit besonderer Inbrunst um den Anschluß nach oben ringen, ist menschlich nicht ganz unverständlich. Sie haben allzu lange unter Nichtachtung und Zurücksetzung zu leiden gehabt, und — wenn wir ganz offen sein wollen — das Vorurteil gegen sie als Rasse besteht heute noch. Aber seit 60 Jahren sind sie jedenfalls dem Gesetze nach Vollbürger, und die volle Geltung wird ihnen nicht versagt bleiben, wenn sie sich wirklich als solche fühlen. Zn diesem Zwecke sollen sie ihr Judentum weder betonen, noch verleugnen. Das ist freilick eine Aufgabe, die an den Takt des Einzelnen und der Gesamtheit keine geringen Anforderungen stellt; aber es ist auch der einzige Weg, der endlich zu einer schmerzlosen Anpassung und Ausgleichung führen kann. Wenn sich heutzutage ein Jude taufen läßt, wird nran ihm meist mit Recht höchst praktische Motive unterschieben. Es ist wemg glaubhaft, daß in Unserer unfronrmen Zeit plötzlich irgend ein Großkaufmann jüdischen Stammes von heißer Liebe zum Gekreuzigten erfüllen ttnrb. Biel wahrscheinlicher ist es, daß er mit dem Uebertritt aus dem mosaischen Bekenntnis zu einer christlichen Konfession den Ausweg aus einer eng umgrenzten, genierenden Gemeinschaft sucht. Das kann man keinem perdenken; ich brauche mir keine Solidarität auszwingen zu lassen, an per mir nichts liegt. Wer wenn ein Mann, der kraft seiner Machtmittel in jedem Falle etwas Hervorragend des bedeutet, sich taufen läßt, um alleruntertänigst in den Bezirk Der fürstlichen Gnadensonne zu krieche», wenn er danach lechzt, von einer Gesellschaft betitelter Hohlköpse anerkannt und ausgenommen zu werden, wenn er, der doch ein Erster war, sich mit der Rolle eines Geduldeten begnügt in einer Sippe, die ihn nie ganz ohne Mißtrauen betrachten wird — daS ist schäbig. In der Natur des Schäbigen liegt es, dreist zu sein. Innere Unsicherheit geht Hand in Hand nnt Zudringlichkeit. Es ist vorgekommen, daß ein Mann, der gestern noch — sagen wir: — Naphthali hieß, heute als Träger eines kerndeutschen Namens — sagen wir, Günther aufwachte. Und während dieses Aufwachens versinkt seine Naphthali'sche Existenz hinter ihm wie ein Traum. Er will nichts mehr von ihr wissen. Er verkehrt nur noch mit Christen, vorausgesetzt, daß sie betitelt oder berühmt sind, er drängt?ie dazu, sich bei ihm abfüttern zu lassen, und der Gipfel seiner Glückseligkeit ist es ihm, einen leibhaftigen Drinzen bei sich zu empfangen. Und die christlich geborenen Müllers und Meyers machen es nicht besser: nur, daß es bei ihnen nicht s) aufsällt, weil Mischen ihnen und den Hochwohlgeborenen kein so krasses Vor» urteil steht. Diese Methode, Beziehungen zü hohen und höchsten Kreisen anzubahnen, kann man gelten lassen. Geld ist, in der richtigen Hand, eine große Macht. Es ist dumm und würdelos, damit den Abhub zu kaufen und sich eine spärliche Respektierung zu eftchachern. Man kann viel mehr damit haben: Fürsten und Herren mit Haus und Heer. Wenn unsere Finanzgrößen, die doch sonst an Geriebenheit nichts Ku wünschen übrig lassen, das erst kapiert haben, wird man wieder einigen Respekt vor ihnen kriegen." (Schluß folgt.) den überall geringer ist wie die der christlichen Bevölkerung, ist in früheren Jahrhunderten das Umgekehrte der Fall gewesen. Dies wird u. a. von Dr. W. Hanauer, Frankfurt a. M., in seiner Arbeit über die „Geschichte der Sterblichkeit und der öffentlichen Gesundheitspflige in Franffnrt a. M." (Deutsche Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 1908) für Frankfurt a. M. zahlenmäßig nachgewiesen. Während aber im 17. und 18. Jahrhundert die Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen größer war, wre bu der christlichen, war die Kindersterblichkeit bei den Juden geringer wie bei den Christen. Das konnte daher rühren, daß die Kindcrzahl bei den Juden eine lleinere war wie bei den Christen und daher der Nahrungsspielraum, der auf das einzelne Kind entfiel, ein weit größerer. Die Ergebnisse der Berechnungen Dr. Hanauers stimmen mit den von Professor Kracauer angegebenen Zahlen ziemlich überein, was umso bemerkenswerter ist, als Metz in seinem „Stammbuch ber Frankfurter Juden" die Behauptung ausstellte, daß die Gesundheitsverhältnisse und dementsprechend die Sterblichkeitsziffer der Juden in der Judengasse keine ungünstigere, ja sogar bessere gewesen seien, als bei der übrigen christlichen Bevölkerung. Interessant ist auch der von Rcwb. Dr. Horovitz geführte Nachweis, daß bereits in den Jahren 1776 bis 1820 eine bedeutende Abnahme der Sterblichkeit der Frankfurter Juden zu ve^eichnen war. Um diese Zeit fingen nämlich die Verhältnisse an günstiger zu werden, denn jetzt wurde es einzelnen Juden gestattet, außerhalb der Judengasse, zu wohnen. Bereits 1818 war daher die Sterbeziffer der Juden unter die der Christen herabgegangen.

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