Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1909)
- Date
- 1909-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 17. Juni HW _, Justizräten und einem orthodoxen „Laien" besteht) an sich für gefahrdrohend und wünschte, um es kurz zu sagen, der Orthodoxie ihre Ellenbogenfreihnt wieder zu erobern. Die Resolution tut das, wie auch die Gegner anerkennen werden, in durchaus maßvoller Weise. Sollte sich, was ja im Bereiche der Möglichkeit liegt, die Necchogie aus den Boden des historisch Gegebenen stellen und die in der Resolution formulierten Mindestforderungen demgemäß ohne Vorbehalt concedieren — gerade der neu geschaffene Austrittsparagraph erleichtert ja auch der Neologie dieses Zugeständnis —, dann isi die Möglichkeit einer gemeinsamen „legislatorischen" Tätigkeit auch weiter gegeben. Lehnen es die neologen Mitglieder der Kommission jedoch ab, die für uns wertvollen Bestandteile des geltenden Rechts aufrecht zu erhalten, dann muß und wir d die Orthodoxie sofort selbständig Vorgehen und ihre Vorschläge ohne jede weitere Verhandlung mit den „Liberalen" endgültig zur Vorlage an die Regierung formulieren. Wir sehen der Entwicklung der Ding? mit Vertrauen entgegen. .Rur eines tut not: die Aufrechterhaltung der am Sonntag geschaffenen Einigkeit im orthodoxen Lager. Die Führer allesamt — Rabbiner und Laien v— müssen die Nuancen ihres individuellen Meinens und ihres mehr oder minder starken Temperaments dem Programm unterordnen und, in steter freundschaftlicher Fühlung miteinander, ihre politische Einsicht und ihre religiöse Gewissenhaftigkeit, den Elan der Tat und die Reinheit der steten Selbstprüsung zu einem vollendeten, geschlossenen Ganzen ineinander strömen lasten — dann wird der Sieg mit Gottes Hülfe nicht ausbleiben und das rviDT der großen h ei mgegangenen Führer der bayrischen Judenheit nicht umsonst immer ivieder und wieder angerufen worden sein! Nein belonSerer 6run9. In einer vom amerikanischen Ministerium des Aeußeren veröffentlichten Sammlung von Dokumenten betr. die Marokko-Korferenz findet man, wie in der vorletzten Nummer berichtet, eine Antwort auf die Frage, welche die jüdische Oeffentlichkeit schon so oft beschäftigte, ob und inwieweit bei der Aufstellung der Algeciras-Akte auf der Marokko-Konferenz auch die Judenfrage mit in die Diskussion gezogen wurde. Die Amerikanersprechen sich über diesen bishertotgeschwiegenen Punkt offen und freimütig aus, und was sie zu Irren, der als Prachtexemplar jedes Irrenhaus geziert hätte, im Städtchen aber wie alle Irrsinnige frei umherlief, zu leiden, der seinen Platz im Beshamedrasch kategorisch behauptete und uns durch allerlei Narrenstreiche störte, ja gefährdete. Und besonders ihm zu liebe hatten wir auch an diesem Abend schon früh den schweren eisernen Riegel vor die Türe geschoben. Es war auch vonnöten; penn nun klopfte es schon von außen, wild, stürmisch, mit wuchtigen Schlägen, wie ein Wahnsinniger eben zu klopfen pflegte. Wir beschlossen, Hirschke — denn wer anders konnte es sein? — heute unter keinen Umständen hereinzulassen. Hirschke wollte sich aber nicht beruhigen und klopfte immer wütender, immer wahnsinniger. „Was ein Verrückter für eine Kraft besitzt!" philosophierte einer. „Nützt Dir nichts, Du Narr!" rief ein anderer ärgerlich hinaus. „Magst klopfen bis übermorgen, herein kommst Du nicht!" „Gehe ins Hekdesch!" „Ins Irrenhaus, Du verrückter Hund!" „In den Stall, wo Du hingehörst!" „Zu allen Teufeln! Was hast Du wohl hier unter Menschen zu suchen?" „Prr. . .! Torr . . .! Tomm! . . ." dröhnte es von außen. „Komme ich Dir raus. Du Schurke," drohte einer, „dann zerbreche ich Dir alle Knochen im Leibe!" „Otwori! Aufmachen Türe! . . ." Es war der erste Ton, der von außen durch die Türspalte als Antwort auf all unsere hinausgesandten Liebenswürdigkeiten hineindrang, und ein wildes Entsetzen ergriff uns. Rus.sisch und gebrochenes Jüdisch. Es war kein Zweifel, draußen vor der DerASrarM._■_ sagen wissen, ist wenig erfteulich. Nur die Delegierten der Vereinigten Staaten haben nach dem Berichte den Standpunkt vertreten, daß zur Wiederherstellung der Ordnung im dunklen Erdteile auch eine Regelung der Gesetze der dort eingeborenen völlig entrechteten Juden gehöre und sogar die Forderung gestellt, durch das Marokko-Abkommen die Gleichberechtigung derselben zu sichern. Allein sie ließen bald diese Forderung fallen, nachdem sie die Vertreter der anderen Staaten dringend davor gewarnt, „nebensächliche Fragen" aüfzuwerfen und überzeugt hatten, daß die judenfeindlichen Gesetze in Marokko mehr auf dem Papier als in der Praxis beständen und somit kein besonderer Grund für eine Intervention zu Gunsten der Juden vorliege. Es sind zwei Jahre seitdem verfloffen, in denen die Marokko-Angelegenheit manche Wandelung erfahren hat, aber die Judengesetze stehen dort immer noch auf dem Papier und existieren leider noch mehr in der Praxis. Ein Regentenwechsel hat sich in Marokko vollzogen und die Staaten Europas verstanden es, ihren Algeciras- Beschlüstenauch unter dem neuen Regime Geltung und Nachachtung zu verschaffen. Es fehlte nicht an Optimisten, die an den neuen Sultan auch Erwartungen in Bezug auf die Juden anknüpften und die Hoffnung hegten, daß die Zukunft den diplomatischen Vertretern, die ein Eingreifen zu Gunsten der Juden für nebensächlich und überflüssig hielten, recht geben würde. Um so bitterer ist die Enttäuschung, die die neue .Staatsordnung in Marokko den Juden gebracht hat. Die Gewaltakte gegen die Juden haben in Marokko unter dem neuen Herrscher nicht aufgehört. Die drückendsten Ausnahmegesetze bestehen dort den Juden gegenüber zu Recht. Und während die Großstaaten Europas diplomatische Konferenzen einsetzen, um über die geringfügigsten Rechtsfragen zu entscheiden, werden dort die brutalsten Mißhandlungen gegen einzelne Juden straflos ausgeführt, wenn nicht gerade irgend ein hoher Beamter in unberechenbarer Herrscherlaune auf dringende Intervention dem Mißhandelten und zu Unrecht Verhafteten die Frei- „schenkt." (Siehe den Fall von Marretesch in Nr. 8 d. Israelit.) Indessen konnte man bei alledem immer noch im Zweifel sein über den Wind der von oben weht, über die wahre Gesinnung des neuen Sultans. Nun sind wir auch dieser Zweifel enthoben und grausame Gewißheit herrscht über das, was die Juden Marokkos von ihrem neuen Landesvater zu erwarten haben. Wir haben in der letzten Nummer .einen Bericht des „Matin" wiedergegeben, nach dem Türe stand der neue Pristav mit seinem Polizeistabe. Wir sahen einander in stummer Verzweiflung an. Ein jeder konnte die Gefahr der Lage am kreidebleichen Gesichte des anderen lesen. Wir zitterten wie die Lämmer. Die Situation war angesichts des Empfanges, den )tnr der Polizei bereiteten und der Titulaturen, mit denen nnr den Pristav belegten, in der Tat eine trostlose. Sibirien, Zwangsarbeit, Zuchthaus oder gar Galgen, hießen die lieblichen Bilder, die uns eine von Angst genährte Phantasie mit den lebhaftesten Farben hervorzauberte.. Einsperrung und engere Bekanntschaft mitd er „Nagaita" waren uns ans jeden Fall sicher. Nur Maische schlief und schnarchte wie zum Hohn, als wäre gar nichts geschehen und befände sich die Welt in schönster Ruhe und Sicherheit. Etwas wie Haß und Neid ein pfänden wir gegen den Schläfer wegen seiner unzerstörbaren Ruhe wegen seines Passes, dessen Wert wir erst jetzt so vechitZsÜ! schätzen lernten. „Otwori!" Das Bombardement von außen nahm inzwischen gewaltige Dimensionen an und wuchs sich zu einem wahren Orkan aus. Die Thüre wackelte bedenklich und schien nachgeben zu wollen. Da reifte in diesen endlosen Minuten höchster Not in einem der arbeitenoen Gehirne blitzartig eine Idee heran, eine wahre Eingebung. Er wies, der rettende Engel, stumm nach einer gewissen Richtung der Nordwand hin und wir verstanden ihn mit der Auffassung des um sein Leben Ringenden sofort. Dort war ein Rettungsanker, von dem Hilfe winkte. An der Nordwand war ein Lnckfensterchen, das, durch einen stets herabhängenden Holzladen unbemerkt, Kn einem kleinen Nebcnbau, lxm sogenannten „Stübel" führte. „Dort hinein!" bedeutete oie Zeichen- ' ' ’V - ' ■ Rr. S4 der Sultan den Juden in Fez auf das strengste untersagt hätte, sich fortan auf ihren Hausterrassen sehen zu lassen, da dort ein neu erbauter Pavillon den Blick der „Unreinen" nicht vertrage. Da der Pavillon von allen Punkten des Ghetto zu sehen ist, so wäre es vielleicht das vernünftigste, dieses Viertel mitsamt seinen Bewohnern zu vernichten, was aber mit Rücksicht auf die Anwesenheit von Vertreter,! des Auslands immerhin etwas bedenklich erscheinen mag. Die Juden sollen aber den heiligen Bau nicht zu Gesicht bekommen und daruni wird ihnen das einzige genommen, dessen sie sich bis jetzt in Marokko noch unbehindert erfreuen durften — die Luft. In ihren engen Gaffen, düsteren und luftarmen Hütten eingepfercht, dürfen sie nur mehr noch dunkel ahnen, daß ein weiser Landesvater da draußen herrscht und seinen Landeskindern seine Huld und seinen Schutz angedeihen läßt, in dem Maße, wie sie in seiner Vorstellung als rein oder unrein gelten. Es handelt sich hier nicht allein um die tiefe Kränkung und Verletzung, die das Verbot involviert, sondern auch um die eminenten Gefahren, die es im Gefolge haben muß, um die verderbliche und bedrohliche Rückwirkung, die es ans die ohnehin fanatische maurische Bevölkerung ausüben muß, die nun in dieser Maßregel mit Recht eine Bestätigung und Anerkennung ihrer Stellung gegen die Juden und eine direkte Aufmunterung zu neuen Gewalttaten gegen dieselben erblicken wird. Die gleiche Nummer des „Matin" weiß auch von einem Besuche des englischen Gesandten und des Konsuls beim Großrabbiner von Fez zu berichten, bei welcher Gelegenheit der englische Diplomat den Rabbiner der britischen Sympathie versichert hätte. Sollte es nicht an Hand des obengenannten Verbots gelingen, die englische und amerikanische Regierung dovon zu überzeugen, daß die drückenden Judengesetze in Marokko nicht nur ans dem Papier existieren und daß zu einem Eingreifen Grund genug vorliege? IMcrnattn- und Protzen rum. Man schreibt uns aus Berlin W.: Mäcenaten- und Protzentum mögen wohl von jeher nebeneinanderbestanden haben Sie mögen auch häufig mit einander in einen Konkurrenzkampf getreten sein, weil cs auch selbst emem ganz ungebildetem Menschen schmeicheln mag, als Förderer einer Kunst, von der er nichts versteht, ja die er vielleicht im Herzen verachtet, mit betrachtet zu werden. Wenn der Protz nun aber seine den schönen Künsten und der Wissenschaft zugewandte Gunst in eine Form zu gießen vermag, die für den Geförderten spräche, die wir einander gaben. Lautlos, ans den Zehen leise tretend näherten wir uns der Rettungsinsel und unter dem ohrenbetäubenden Trommelwirbel von außen und den gleichmäßigen Nasentönen des schnarchenden Paßmoische vollzog sich der Rückzug in bester Ordnung. Die Gefahr machte jeden von uns zu einem Schlangenmenschen. Einer nach dem anderen krochen und kletterten wir durch die Lücke, schoben dann, als wir alle in Sicherheit waren, die Holzlade herunter, sodaß sie sich lückenlos in die Wand hineinfügte, und nun konnten wir außer tpefahr unter den Bänken kauernd, ruhig der Dinge harren, die da kommen sollten. Es war auch höchste Zeit, denn nun hörten wir deutlich, wie die Türe mit Ach und Krach nachgab. Pristav und Gefolge waren darin und Moische, der arrne Moische, schnarchte immer noch in gleichmäßigem Takte. Wir suchten unser Gewissen, das uns des Verrates an unserem armen Kameraden laut anklagte, erstens mit der eigenen Gefahr und zweitens mit dem Umstande zu beruhigen, daß ihm, dem „Pußmenschen" ja nichts übles passieren könne. Wir hielten den Atem an und horchten angestrengt. Welch Schreien, Schimpfen und Spucken! Ja auch Stöße, Schläge und schallende Ohrfeigen. Und der arme Moische schnarchte nicht mehr, sondern schauderte hörbar und ließ ganz sinnwidrige, abgebrochene Sätze stoßweise verlauten. Ich sah mit geschlossenen Augen in meinem dunklen Verstecke das verschlafene, verwirrte Gesicht des brutal aus dem Lande der Träume in die rohe Wirklichkeit Gerissenen und konnte, wiewohl ich noch voll Angst war und aufrichtiges Mitleid mit dem Armen empfand, ein krampfhaftes Lachen ob der Komik der Situation nur mit Mühe unterdrücken.