Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1909)
- Date
- 1909-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. Juni 1SVS haben nun nicht geglaubt, daß die so gebildeten Gemeinden sagen könnten: wir gehören überhaupt dem Judentums Preußens nicht mehr an. Ein solcher Gedanke ist uns nicht gekommen und hat uns nicht kommen können. Ich kann mir nicht denken, daß die Herren, die in Berlin, Frankfurt und Köln aus der Hauptgemeinde ausgetreten sind, daß die nicht noch im ganzen preußischen Lande Gemeinden finden könnten, nlit denen sie Solidarität übe,: könnten. Es gibt doch so unendlich viele auf der äußersten Rechten stehende Gemeinden in Preußen, mit denen, wie ich glaubte, die Herren doch noch eine Solidarität haben sollten. Sollte das nicht der Fall sein, dann müßte man das Austritt gesetz ausbilden und sagen: die Heiren treten auch aus der Landes- und Provinzialgemeinde aus. Ich kann mir nicht denken, daß ein solches Schisma von den Herren beliebt wäre, die aus den großen Gemeinden ausgetreten sind. Ich glaube, Herr Dr. Horowitz über schätzt den Zwiespalt, der zwischen seiner und der andern Gemeinde Berlin (?) besieht und der zwischen orthodoxen und liberalen Gemeinden, wie ich sie in Posen kennen gelernt habe, nur bestehen kann. Aber wie gesagt, ich kann diesen prinzipiellen Standpunkt zwar nicht verstehen, aber ist er vorhanden, dann bleibt nichts übrig, als daß die Herren sagen: geht Ihr rechtswärts, laßt uns linkswärts gehen." Es ist interessant, welch logischer Schnitzer hier einem hochgebildeten Juristen unterlaufen ist. Daß die orthodoxen Gemeinden in Berlin, Frankfurt, Köln etc. gottlob hunderte von Gemeinden gleicher Richtung in Preußen finden lvürden, hat kein Mensch bestritten. Aber folgt denn daraus, daß diese Gemeinden bezw. deren Mitglieder sich ohne Gewissensdruck mit jeder beliebigen anderen, ihnen territorial nahestehenden aber religiös ganz fernstehenden Gemeinde in eine Provinzialgemeinde, in eine Lan desgemeinde zusammenschüchteln lassen könnten? Die Unmöglichkeit solchen Zwanges hatte Dr. Horovitz, der wahrlich nicht als Vertreter der Austrittsgemeinden, sondern als objektiv urteilender Beobachter sprach, mit Recht behauptet und die notwendigen Konsequenzengenau in demselben Sinne gezogen, wie dies seitens des „Israelit" in Nr. 17 (S. 2 u. 3) geschehen war. Daß ein Mann wie Dr. Horovitz, der seiner ganzen Stellung nach den Vorwurf einer Ueberschätz ung der religiösen Gegensätze doch gewiß nicht verdient, daß selbst er von seiner Erfahrung und seinem religiösem Gewissen sich gedrängt sah, grade im Interesse des Friedens die Anregung zur Bildung gesonderter Verbände und gesonderter Behörden nach dem Kriterium des religösen Bekenntnisses zu fordern — das ist gewiß die glänzendste Rechtfertigung für die sogenannte „ultra-orthodoxe" Richtung, die von einer religiösen Gemeinschaft zwischen Orthodoxie und Neologie nichts wissen will und gegen die Ignorierung dieser Gegensätze Protest erhebt. y VI. nbftinunungs-Dialehfih. Der Gemeindebund giebt sich alle erdenkliche Muhe, um die unzweideutige Ablehnung seiner Recht eme Besserung, den Anbruch einer neuen Zeit erwarten durften. Und resultiert nicht letzten Endes, nach Anficht unserer weisen Lehrer, auch der Abfall KorahS und feines Anhanges daher, daß sie, die die Göttlichkeit der Geutzma Moses in Abrede stellten, in die geschlossene Einheit und Ganzheit der ntPÖ fllin Bresche zu legen versuchten? Sie sagten: „Bedarf auch ein Talith, das ganz aus Techelethwolle besteht, des weihenden Techelethfadens? Bedarf ein Haus, das mit heiligen Büchern angefüllt »st, einer Mesusah? Nein, so wenig wie die Gemeinde Israel, die aus lauter Heiligen besteht, eines Oberhauptes bedarf!" Das ist yiit anderen Worten die Sprache der Nörgler und Klügler aller Zetten, der Schwachen und Mattherzigen, die uns auf halbem Wege die Gefolgschaft versagen. Sie ziehen Grenzen und wiegen und teilen, da wo nur bas Ganze und Ungeteilte von Bedeutung ist. „Wir find gewissermaßen Juden, halten das Gesetz bis zu einem g ewissen Grade — insofern wir es für gut erachten, es mit unserer Vernunft und Logik, mit den Begriffen der Zell in Einklang zu bringen vermögen." Sie wollen an Werte der Ewigkeit den Maßstab ihres unzulänglichen Verstandes anlegen und die Grenze besttmmen, über die hinaus das Gesetz seine Kraft und Verbindlichkeit verliere. Wie engherzig, selbstgefällig und individuell verschieden wird doch diese Grenze gezogen! Hebt bei Korah das Techelethgewand das Gebot von Zizis auf, so hebt bet anderen das Somttagsruhegesetz die Sabbatweihe auf, eine Geschäftsreise die Speisegesetze u. s. w. Und wieviele, die dem JVbtD/ dem lockenden, farbenstrotzenden Gesellschafts- und Amtskleide ihr ganzes Judentum bereits geopfert haben?! Auch diese haben ihr Judentum nicht auf einmal, sondern schrittweise abgestreift. Und der erste Schritt battert von dem Momente, als fie das Gesetz in seiner Einheit aus dem Auge ließen und ^_»er Mraeltt.__ großgemeindlichen Organisationspläne durch den Gemeindetag nachträglich aus der Welt zu schaffen. Er veröffentlicht folgendes Communique: Es stellt sich immer mehr heraus, daß in der Sitzung des Deutsch-Israelitischen Gemeindetages vom 17. Mai die knappe Mehrheit, die der Antrag Friedmann erhalten hat, in Wahrheit einer Minderheit der abgegegebenen stimmen entspricht. Nachdem die Herren Justizrat Berger-Königshütte und Dr. Meyer-Düsseldorf erklärt haben, daß sie infolge des Tumults sich der Konsequent des Antrages nicht bewußt wäre«, und daß sie ihre Unterschriften bezw. Zustimmungen zurückziehen; nachdem die Herren Rektor Dr. Gutmann, Dr. Feiner, Peritz, Steinhart, Amram mit zusammen 21 Stimmen eine ähnliche Kundgebung erlaßen haben, stellt es sich heraus, daß die Gemeinden Osnabrück, Uelzen, Gleidingen ihre Mandate telegraphisch widerrufen hatten, ohne daß leider das Präsidium der Bersanmtlung davon Kenntnis gegeben hatte. Diese „Kundgebungen", die mit dem Rückzug der Herren Feiner, Steinhart und Amram gleich nach dem Gemeindetag einsetzten und jetzt erstaunlicher Weise von offizieller Stelle fortgesetzt werden sollen, wirken nachgerade erheiternd. Wir fragen: 1) Weiß der Gemeindebund nicht, daß er selbst bezw. seine Ausschuß-Mitglieder von vornhere^ über eine recht stattliche Anzahl St' men verfügten, die eigentlich zur Festst' ung der Ansicht des Landes ausscqeiden mußten? 2) Ist den Landgemeinden nicht nahegelegt worden, dem Ausschuß Blanko-Vollmachten zu erteilen, obgleich doch — wie sich jetzt zeigt — die Interessen der kleinen Gemeinden denen der großgemeindlichen Ausschuß - Mitglieder und ihrer Freunde zum guten Teil entgegengesetzt sind? 3) Wieviel Stimmen sind auf dem Wege dieser Blanko - Vollmacht - Erteilung von seiten vertrauensseliger Landgemeinden den Berliner Herren übertragen worden? 4) Wenn die Herren Feiner, Peritz, Gutmann, Steinhard und Amram im Momente der Abstimmung „infolge des Tumults" eine so wesentliche Beeinträchtigung ihres Denkvermögens erfahren hatten, daß ihnen der Sinn des Antrags Friedmann verschleiert war, woher wissen sie denn überhaupt mit Sicherheit, ob sie im letzten Augenblick mit Ja oder Nein gestimmt haben? 5) Woher weiß, der Gemeindebuud, ob die Vertreter von Osnabrück, Uelzen, Gleidingen für oder gegen den Antrag Friedmann gestimmt haben bezw. gestimmt haben würden? Im Grunde genommen ist es, wie bereits in voriger Nummer ausgeführt, für die Beurteilung der Sachlage gleichgültig, ob der Machol'sche Entwurf mit knapper Mehrheit ab gelehnt oder — was der Gemeindebund gern beweisen möchte — sich bescheidenerweise mit einem Teiljubentum begnügten, fich über das Judentum hinaus zu einem der vielen heute gepredigten „Judentümer" bekannten. „Du und dein Verein, ihr seid die wider Gott Versammelten" — sagt Moses —, ob ihr auch unter Vorbehait und „bis zu einem gewisien Grade" seine Gesetze anzuerkennen und zu achten dorgebt, dieweil ihr die Teilung wollt und dem Gesetze Grenzen zieht, die ihr, da wo fie Gott unter den Menschen gesetzt, in keiner Weise gelten lassen wollt. Der spätere Prophet, der von der Tradition Moses und Aaron an die Seite gestellt wird, sagt aber im Hinblick auf die Gebrechen seiner Zeit: „Wenn ihr mit ganzem Herzen zu eurem Gotte zurümkehrt, so schaffet weg die fremden Götter aus eurer Mitte,- richtet euer Herz zu Gott und dienet ihm — allein." Kleines Feuilleton. Der Psk-Moiscbe. Eine Humoreske von Sch . . . (Schluß.) Es mag wohl so kurz vyr Mitternacht gewesen sein. Wir saßen auf unseren Schlafstätten — durch Strohsäcke und Kleider auf der Bank hergerichteten Lagern — und ließen einem Tage reger Geistesarbeit noch ein heiteres Plauderstündchen folgen. Einige besonders Fleißige, die „Maßmidim", saßen noch in irgend einer Ecke mit vorgebeugtem Körper und lernten b:im «o. 24 Seite 8 gegen eine kolossale Minderheit angenommen worden wäre! Dabei sind überdies in beiden Fällen die auf dem Gemeindetag unvertretenen Kreise noch gar nicht mitgerechnet! — Mögen die kleinen Gemeinden jetzt vor allem auf der Hut sein, daß ihnen nicht vor dem nächsten Gemeindetag ihr Vertretungsrecht durch eine Aenderung der Statuten oder der Geschäftsordnung geschmälert wird. Die Neigung zu einem solchen Staatsstreich ist in gewiffen Kreisen sicherlich vorhanden. MochemunZschau. vagem. Wenn wir vorige Woche die Hoffnung aussprachen, daß es gelingen werde, in der damals bevorstehenden Würzburger Versammlung eine klare und einheitliche Marschroute für die Orthodoxie in Sachen der Revision vorzuzeichnen, so darf heute mit Genugtuung festgestellt werden, daß sich diese Hoffnung Gottlob erfüllt hat. Die an anderer Stelle tviedergegebene Resolution, die nach gründlichen und, bei aller Offenheit, doch sachlichen Auseinandersetzungen, mit ungeheurer Mehrheit angenommen worden ist, spricht zunächst prinzipiell aus, daß die Revision zu er - streben ist 1. um der Gewissensfreiheit eine Gasse zu bahnen, 2. um Hülfskassen in einer halachisch und politisch für die Orthodoxie annehmbaren Form zu schaffen. Ter zweite Absatz der Resolution bringt — und zwar mit Zustimmung der entschiedensten Revisionsfreunde — zum Ausdruck, daß die Revision durch die etwaige Preisgabe der bewährten historischen Grundlagen der bayrischen Judenversassung zu teuer erkauft wäre, und daß diese daher unbedingt erhalten bleiben müssen: Fortbildung, nicht Umsturz, heißt die Parole. Einer näheren Erläuterung bedarf der dritte Llbsatz der Resolution. Es hatte sich in den Verhandlungen herausgestellt, daß die Bedenken der Revisionsgegner zum Teil nicht sowohl pr inzipieller Natur waren, als vielmehr gegen die eingefchlagene Taktik sich richteten. Man hielt die Tätigkeit der vom Landesverem eingesetzten „gemischten" Kommission «die aus je einem orthodoxen und neologen Rabbiner, zwei neologen rnatten Scheine einer abgebrannten Talgkerze, und hre singenden Stimmen hoben sich und sanken mit der sitternden Flamme ihres sterbenden Lichtes. Ein Heizer Tag, an dem manche stürmische Geistesschlacht gechlagen wurde, war vorüber und noch immer glauben die Eifrigen nicht genug von jenen fernen und wch so nahen beseligenden Welten genossen zu haben, llnd sie wiegten sich und lernten und sangen, weltentrückt, traumverloren, in Lust und Seligkeit schwelgend, während wir lachend und scherzend heitere Ergebnisse austauschten. Nur der lange Paßmiiscke schlief wie immer den Schlaf des Gerechten und schnarchte, daß es durch den Haum bvöfynte und die Stimmen der Lernenden wie )er Scherzenden weit übertönte. Bald hatte auch das letzte Lichtlein ausgerungen, ne vereinzelten Lerntöne wurden schwächer, leiser, angsamer wie das matte Geräusch der Maschine eines >em Ruhehasen sich nähernden Schiffes. Sie erstarken mn ganz, und im behaglichen Dunkel, in welches nur nn schmaler Lichtstrcisen von der „ewigen Lampe" m der Westwand gespenstisch hineinspielte, saßen vir nun alle, nachdem wir die Türe von innen fest oerricgelt hatten, und lachten und plauderten argos, wohlgemut und unbesorgt. Der eiserne Riegel mar eine durchaus notwendige Vorsichtsmaßregel, nicht etwa, weil wir uns vor Dielen fürchteten. So gar dumm und herabgekommen ind die Diebe auch in Rußland nicht, daß sie sich gl uns verirrt hätten. Aber das Beshamidrasch gilt m. russischen Ghetto als Zufluchtsstätte für allerlei ,-weiselhaste Elemente, die zu dem Thorastudium in einerlei Beziehung stehen. Bettler, Narren, vurchwanderer aller Art suchen mtt Vorliebe wäh- :end der Nachtstunden das Beshamedrafch aus. Be- ' ' ' " — e-i-r l «