Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1909)
- Date
- 1909-06-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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flbrabam Geiger s religiöser ßbarakter. Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) VIII. Geigers'Glaubensbekenntnis, das er freilich vor der Oeffentlichkeit geflissentlich verbarg, war ein antijüdisches, das in dem Wunsche gipfelte, das Judentum gleich jeder andern positiven Religion zertrümmert zu sehen. Er haßte die Schranken seines Almtes, das ihn verhinderte, seiner Herzensmeinung Ausdruck zu geben, und er wollte doch auf sein Amt nicht verzichten, das ihm auch die Möglichkeit gewährte, auf den jüdischen Kreis in diesem destruktiven Sinne einzuwirken. „Daß ich die Schranken hasse, die mir persönliche Stellung und der Wunsch, in den niederen treisen zu wirken, auferlegt, auch andernteils wieder um dieses Wunsches willen zu der andern Art von Wirksamkeit nicht abstreifen mag, r aß ich das freie, kühne Wort recht deutlich und recht begründet der Welt zurufen möchte und mich doch mit riesigen Armen abgehalten fühle,.... daß mir dies alles am Innern mächtig naget! dies, mein Lieber, begreifst du wohl und findest es natürlich. lA. a. O.) Geigers brennender, drängender Ehrgeiz möchte gern im Vordertreffen auf die bestehende religiöse Welt durch seine Kritik losschlagen und durch seine Einwirkung, in Verbindung mit den Einwirkungen des Christentums, in die neue Religion eingehen. „Das aber mutz uns -och aufregen und auffordern zu unermüdlicher Tätigkeit.... Eines ist es, das den Grundgedanken hergibt, Nachweifung, wie alles, was sich vorfindet, ein Gewordenes ist und keine bindende Kraft Labe. .... Der Talmud muß weg, die Bibel, jener Komplex von meistens so schönen und erhabenen, vielleicht den erhabensten menschlichen Büchern, muß als Göttliches weg; nun, nicht für heule und nicht für morgen, aber das Ziel bleibt es und ist es, und so arbeiten wir in Berbinvung mit allen wahrhaften Bestrebungen der Zeit, und so fördern wir in der Sludierstube mehr als durch hundert Predigten und vielfältige Erteilung des Religionsunterrichts." (A. a. O.) Das Objekt zum Zeitwort „fördern" fehlt, aber es ist unschwer zu ergänzen, wenigstens sinngemäß. Was gefördert wird, wenn der Talmud „weg muß", wenn die Bibel „weg muß", ist nichts anderes als: der Ruin des Judentums. Aber der Rabbiner Geiger war doch von Amteswegen verpflichtet, auf der Kanzel und beim Religionsunterricht ein anderes Ideal zu fördern? Hören wir weiter! „Um Htmmelswillen, wie kann diese Lügenhaftigkeit sortdauern, immer und ewig auf de Kanzeln die Geschichten der Bibel als wahre Begebenheilen zu erklären und an sie als an die höchsten Weltereigniffe, an sie, die wir für uns in das Reich der Lage versetzt haben, Lehren anzuknüpfen und wenn auch weiter gar nichts, Texte aus ihr zu entnehmen? Wie lange noch soll jene Verdrehung des kindlichen Geistes mit jenen Geschichten, die den natürlichen Sinn des zarten Menschenkindes entstellen, fortdauern? Wie dies wohl zu ändern? (A. a. O.) Jeder ehrliche und wahrhaftige Mensch hätte auf die Frage, wie „dies wohl zu ändern sei", nur eine Antwort gegeben: Das Amt niederlegen, das zum Lügen nötigt. Anders Geiger. Er ist zwar schnell bei der Hand, wo es gilt, andere zu verdächtigener bezeichnet z. B. im selben Briefe den Kampf der christlichen Theologie gegen die zersetzende Kritik von D. Fr. Strauß als „Egoismus, der seine Konsitorialstelle zu verlieren fürchtet". Aber die eigene entwürdigende Heuchelei, die ein Amt nicht verlieren will, das seinen Träger, um seinen eigenen Ausdruck zu brauchen, zur „Lügenhaftigkeit" nötigt, übergeht er geflissentlich. Er gibt auf die Frage, wie' diese Lügenhaftigkeit zu. ändern sei, die Antwort : „Je nun, eben durch das Hintreiben in die Enge, so daß es nicht mehr stattfinden kann, dadurch, daß man sich und anderen diesen Widerspruch aufdeckt, daourch, daß man in alle Schlupfwinkel die Ausflüchtesuchenden verfolgt und so endlich den großartigen Einsturz mit bewirkt, der eine alte Welt unter seinm Trümmern begräbt und eine neue uns eröffnet." (A. c. O.) War Geiger wirklich so blind wie er sich hier stellt? Fühlte er wirklich nicht, wie er selbst durch seine eigenen Worte „in die Enge getrieben" „in seinem Widerspruch aufgedeckt" als Ausflüchtesuchender in alle Schlupfwinkel verfolgt" war, wie er sich selbst aufs schwerste kompromittierte, sich selbst als charakterlos hinstellte, wenn er bei dieser seiner Ueberzeugung sein Amt beibehielt? Sollte er sich wirklich dessen nicht bewußt gewesen sein, daß, solange er nicht bei sich selbst den Anfang machte und die Konsequenzen seiner Anschauung zog, je geschickter und scharfsinniger er die „Lügenhaftigkeit" in die Enge trieb, je gegeschickter und scharfsinniger er die Ausflüchtesuchenden in alle Schlupfwinkel verfolgte, desto deutlicher und klarer seine eigene Heuchelei zutage treten mußte? Kann es eine schlimmere Heuchelei geben als die des Wahrheitsfanatikers? Er schreibt weiter: „Latz uns doch, mein Lieber, doch erst recht scharf philosophisch und geschichtlich prüfend die einzelnen Bestandteile des Judentums in bezug auf Urkunden und in bezug auf bestehende Resultate untersuchen und noch nicht vom Schmerze, den die entstehende Leere erzeugt, sprechen, und in diesem uns sagen: Fiat justitia pereat mundus (d. h. das Recht muß seinen Weg gehen und sollte auch die Welt dabei zugrunde gehen), und die jüdische Welt, fie ist wahrlich klein genug." (A. o. O.) Man starrt und staunt über die Herzlosigkeit, mit der ein Jude, ein Rabbiner, den Untergang des Judentums betreibt, über die Herzlosigkeit, die diesen Untergang als einen „von Rechtswegen" verdienten bezeichnet, den man garnicht so zu bedauern brauche, weil es sich dabei um den Verlust einer Sache handle, die „wahrlich klein genug ist." Geiger setzt zwar seinen Ausführungen die Worte hinzu : „Ich habe dir nicht gesagt, was ich sagen gewollt, und was ich gesagt, nicht in der Weise gesagt, wie ich wünschte. Vielleicht komme ich noch ordentlich darauf zurück. Du aber, mein Dernburg, mögest deine vortrefflichen Anlagen diesem Zwecke weihen, dem Zweck der Allverbrüderung durch die Auflösung der kleinen Brüderschaften." (Ä. o. O.) Aber, wenn auch nicht jedes Wort auf die Wagschale gelegt wird, an dem Urteil über den Geist, der diese Bekenntnisse durchzieht, wird dadurch nichts geändert. (Fortsetzung folgt.) territorial i$ma$ vor $o Jabreit. Bon A. Berlinger in Breslau. (Schluß.) Daß Baron Rothschild seinen Plan kurzweg als nivrrr bezeichnet hatte, ärgerte Behrend sehr. In seine Heimat zurückgekehrt, schrieb er dem Baron einen Brief mit hebräischen Lettern. Er forderte ihn zum dritten Male auf, die Kolonisationsbestrebungen zu unterstützen. Es heißt in dem Briefe u. a.: „Sie scheinen der Ansicht zu sein, daß ich bei Ausführung meines Planes nur das niaterielle Wohl unserer Mitbrüder zu befördern beabsichtige. Dieses ist aber kc ineswegs der Fall. Meine Haupttriebfeder ist allerdings als orthodoxer Jehudi lanaiDK ptnV Da es nun Ihre Pflicht ist, nach Kräften hierzu beizutragen, so fordere ich Sie nochmals auf usw." Er zittert sodann ratater -]V»n T33DD Vtf nryo "121 vrTQN nraiw vnvw» (ein deutlicher Wink!) verweist ihn auf die diesbezüglichen Erklärungen im onsie rrM'iy nSD, um sodann fortzufahren: „Sie sagten mir bei meinem Dortsein, Sie hielten mein Unternehmen für roötf. Ich muß Ihnen aber offen gestehen, daß ich dagegen Ihr jetztiges Wirken — pöD tjDKD zu sein — für einen großen mttt? halte. Warum wollen Sie sich noch mit solchen D'Van Van abgeben? Da Sie sowohl für sich als Ihre Kinder und Familie ntn üViya ausgesorgt haben!" Der Brief blieb unbeantwortet. Nun wandte sich Behrend an die Oeffentlichkeit Er erließ einen Aufruf: „An meine Glaubensbrüder in der Nähe und Ferne!" Darin heißt es, nachdem die finanztechnische Seite berührt ist: „Freie Ausübung unserer Religion und freie bürgerliche Rechte ist das Ziel unseres Strebens, und diese Freiheit ist zum Wohl eines jeden denkenden Menschen erforderlich. Deshalb schlage ich zur Bezeichnung unserer zu errichtenden Gesellschaft den aller Welt verständlichen Namen — Die Gesellschaft Ora et labora — vor, welches dem Hebräischen TpK “pn oy min iioVn nL' entspricht. .... Mein Rat ist, die männliche Jugend möge sich sofort und vorzüglich dem Ackerbau, sodann allen möglichen Handwerken widmen." h