Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1909)
- Date
- 1909-06-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Sk. SS feiner 10. Juni 1909. Lehrer Der JSraelit. Bett v und ein Lehrer der Provinz zu wählen sind. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete das Referat des Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Jnsterfeurg „Neber den Entwurf eines Gesetzes feetr. die Verfassung der jüd. Religionsgesellschaft in Preußen." Die hervorragende, warmherzige Darstellung der Sache, die zugleich einen Bericht über die Verhandlungen des Gemeindetages zu Berlin enthielt, wurde mit großem Beifall ausgenommen. Die Versammlung beschloß das Referat drucken zu laffen und es den Provinzial-Gemeinden als Unterlagen für eine Besprechung in ihrem Kreise zuzuftellen. Es wurde ferner einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die zum 25. Verbandstage der Synagogeng nreinden Ostpreußens zahlreich versammelten Vertreter der Gemeinden, erklären nach einem eingehenden Referat des Herrn Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Jnster bürg den von der Kommission des Verbandes der deutschen Juden und des deutsch-israelitischen Ge meindebundes ausgearbeiteten Entwurf als eine brauch bare Grundlage für ein zu erlassendes Organisationsgesetz; müssen jedoch mit Entschiedenheit verlangen, daß durch die zu schassenden Gesamtverbände die Selbständigkeit und das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Gemeinden nicht über oas unbedingt nötige Maß hinaus angetastet werden. (Kautschuk erster Güte! Red.) Der Verbandstag spricht zugleich dem Ausschuß des D. I. G. B. für seine hingebende Arbeit im In teresse des Gesamtjudentums den wärmsten Dank aus/ Zur eingehenden Beratung über den Gegen stand wurde eine Kommission eingesetzt, bestehend aus den Herren: Sanitätsrat Dr. Kamnitzer-Allenstein, Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Jnsterburg, Stadtrat Otto Eichelbaum-Jn sterburg', Justizrat Holz-Königsberg, Stadtrat Jacobi-Osterode, Waisenhaus - Inspektor Peritz- Köniasberg, Kaufmann Petzal-Friedland, Rabfe. Dr. Olitzky-Allenstein, Dr. med. Rosenkranz-Til sit, Maurermeister Schwarz-Guttstadt. Dieser Kommission sollen auch die Anträge und Anregungen der Einzelgemeinden der Pro vinz zur weiteren Behandlung übermittelt werden. Bei der Besprechung allgemeiner Gemeinde-Angelegenheiten wurde der Wunsch aus gesprochen, daß auch Wanderrafebiner zu gelegentlichen Reden an Sabbaten und Festtagen für die kleineren Gemeinden beschafft werden möchten Der Ausschuß wird diesem Wunsche nachzukommen suchen. Es wurde dabei auch bemerkt, daß die seminaristischen Lehrer auch vielfach religiöse Ansprachen zu halten vermögen. Der Berfeandsausschuß wurde für das Verwaltungsjahr 1909/10 wieder gewählt. Zu Mitgliedern der Schulkommission wurden wiedergewählt: Justizrat Holz, Vorsitzender, Rabb. Dr. Vogelstein und Waisenhaus- Jnsp. Peritz-Königsberg; als weitere Mitglieder Stadtr. Otto Eichelbaum und Obersekretär Klein. Auch die Zusammensetzung der übrigen Kommissionen blieb dieselbe. An den Verbandstag schloß sich die Generalversammlung der Pensionskaffe der jüdischen Reltgionslehrer. und Kultusbeamten in Ostpreußen. Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden der Pensionskaffe, Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Jnsterburg geleitet. Waisenhaus - Inspektor Peritz erstattete den Kassenbericht. Das Vermögen der Kaffe, die jetzt 8 Jahre besteht, ist im vergangenen Jahre auf 71100 Mark gestiegen. Die Gesamteinnahmen im vergangeneu Jahre betrugen 12866 Mk., davon entfallen auf Pflichtbeiträge der Gemeinden und Beamten 5100 Mk. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf 2800 Mk., sodaß ein Ueberschuß von rund 10-000 Mk. verblieb. Zur Zeit hat die Kasse 2 Ruhegehälter und 4 Witwenpensionen zu zahlen. Im ganzen gehören der Kaffe 41 Gemeinden mit 43 Beamten als ordentliche Mitglieder an. Die Kasse hat die Absicht, auch eine Alterszulagenkaffe anzugliedern, der ein Teil ihrer freiwilligen Beiträge zufließen soll. Der Referent erbat speziell für diesen letzten Zweck größere Zuwendungen. — Auch das Alters- und Siechenhaus des Verbandes hielt im Anschluß an den Berbandstag seine General-Versammlung ab. Den Kassenbericht erstattete Herr Kaufmann Wogthaler-Allenstein. Es wurden einige Statutenänderunger beschlossen und die Wahlen vollzogen. Das Altersheim hat im vergangenen Jahre eine Schenkung von 24.000 Mark von den Gebrüdern Krause-Berlin erhalten. Es sind z. Z. 11 Stellen in dem Hause eingerichtet. Um 4% Uhr wurde die General-Versammlung des Altersheimes und damit der 25. Berbandstag der ostpreußischen Synagogengemeinden geschlossen. Düsseldorf, 5. Juni. Als vor ca. fünf Jahren die neue Orgelsynagoge eröffnet wurde, hieß es, daß man auch eine Mikwoh errichtet habe, die in jeder Weise den Anforderungen sowohl in religiöser, als auch in sanitärer Weise genüge. Mehrere Jahre hindurch wurde dieselbe, im Vertrauen darauf, daß sie wirklich rituell hergestellt sei, auch häufig in Anspruch genommen. Vor ca. I V- Jahren ist jedoch von durchaus autoritativer Seite und zwar von dem Herrn Rabbiner der Reform gemeinde Düsseldorfs festgestellt worden, daß die Mikwoh nicht rituell angelegt sei. Der Vorstand der Synagogengemeinde ist darauf von dem Herrn Rabbiner auf die vorhandenen Mängel aufmerksam remacht worden. Seit einem Jahr wurde der Vorstand von verschiedenen Seiten gebeten, die Mikwoh richtig Herstellen zu laffen (die Kosten betragen M. 358 bei einem Etat von ca. 100000 Mark), da sie in dem jetzigen Zustande als rituell nicht zu gebrauchen ist. Aber nichts geschah. Am 6. er. kam die Angelegenheit vor das Forum der Repräsentanten. Anwesend waren 9 Herren, hiervon stimmten 3 für, 6 gegen die Instandsetzung in ritueller Weise. Ein gleichzeitig gestellter Antrag, bei Ablehnung des Antrages, das Bad, denn es ist nur ein modern eingerichtetes Bad, welches man in der städtischen Badeanstalt billiger und bequemer haben kann, zu schließen, wurde ebenfalls abgelehnt, man will nun mal den Schein wahren, daß man sogar eine Mikwoh hat. Es wird stets weidlich auf die Intoleranz der konservativen Juden geschimpft, wo bleibt hier die so viel gerühmte Toleranz der liberalen Juden? Wenn eine rituelle Mikwoh zu einer Orgelsynagoge nicht paßt, dann fort mit dem modernen Bade! Warum hatte man denn hierzu nicht den Mut? Wenn man die beherzigenswerten Worte des eigenen Rabbiners nicht hört, dann steht es schlimm um das Judentum Düsseldorfs. Denn das Urteil von Laien ist in einer so wichtigen Sache nicht maßgebend. ©eflerretdj. Lemberg, 6. Juni. Im hiesigen Judenviertel herrscht seit einiger Zeit große Aufregung gegen die Hausbesitzer, welche die seit langem fühlbare Wohnungsnot im erwähnten Stadtviertel zum Anlässe nehmen, den Mietzins für kleinere Wohnungen in unglaublicher Weise in die Höhe zu schrauben. Bor kurzem fand eine Versammlung von Wohnungsmietern statt, die so stark besucht war, daß sie nach den ersten zwei Reden unter den freien Himmel verlegt werden mußte. Der Kohlenplatz war dicht gefüllt und man bekam die heftigsten Vorwürfe gegen die Hausbesitzer zu hören. Schließlich wurde ein aus zweihundert Mitgliedern bestehendes Mieterkomitee gewählt, welches beauftragt wurde, mit den Hausbesitzern zunächst friedliche Unterhandlungen zu pflegen und falls diese zu keinem befriedigenden Resultate führen sollten, einen Mieterstreik zu proklamieren, dem sich nahezu alle Mieter kleiner und mittlerer Wohnungen im jüdischen Stadtviertel anschließen würden. Ungarn. Preßburg, 4. Juni. Anläßlich des Kaiser- Besuches in Preßburg nahm der Monarch Gelegenheit, auch den Vertretern der jüdischen Gemeinde Zeichen des Wohlwollens zu zeigen. Rabbiner und Vorstand der israelitischen Religions- Gemeinde waren wie alle anderen Religions- Gemeinden für den Empfang Sr, Majestät am Bahnhofe vorgemerkt, wo sich in Vertretung der orthodoxen israelitischen Kultusgemeinde der Präsident derselben, Herr L. Geftettner, einfand. Obergespan von Bito stellte Sr. Majestät den Präsidenten Geftettner und Rabbiner Dr. Funk vor, an die der Kaiser huldvolle Worte richtete: Zu dem Präsidenten Geftettner sagte der Kaiser. „Es freut mich, Sie wiederzusehen, wir sind ja alte Bekannte." (Herr Geftettner ist schon wiederholt als Mitglied jüdischer Deputationen vom Kaiser in Audienz empfangen worden) Auf der Rückfahrt hielt der Wagen Sr. Majestät vor dem herrlichst geschmückten Tempel der orthodoxen israelitischen Kultusgemeinde. Herr Oberrabbiner Schreiber trat "ehrerbietig zum Wagen der Monarchen und sprach mit laut vernehmbarer Stimme den Segensspruch, auf welchen aus tausend Kehlen ein inniges „Amen" erscholl. Se. Majestät dankte gerührt für diese aus dem Herzen kommende Huldigung und zeichnete den ehrwürdigen Ratbiner durch eine Ansprache aus. In den Herzen all seiner jüdischen Untertanen wird dieser Tag die unversiegbare Liebe zum Kaller noch mehr festigen, weil Se. Majestät, trotz der Geltendmachung gewisser lokaler Strömungen, welche diese Huldigung illusorisch machen wollte, dennoch diesen Beweis der Loyalität huldvollst entgegennahm. UuMand. Petersburg, 4. Juni. Der Senat hat sich vor kurzem mit der Frage befaßt, ob man die jüdischen Zahnärzte als Personen mit höherer Blldung bezeichnen und ihnen damit das Aufenthaltsrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons zusprechen kann. Diese Frage wurde noch im Jahre 1902 von der Administration des Kreises Terskoj aufgeworfen, die den jüdischen Zahnärzten den Aufenthalt nicht gestatten wollte. Der Senat befaßte sich mit dieser Frage zum ersten Male im Jahre 1904. Die Ansichten darüber waren dann im Senat geteilt, und die Angelegenheit wurde einer besonderen Beratung im Justizministerium überwiesen, die zu der Entscheidung führte, daß Zahnärzte eine höhere Bildung besitzen. Der Senat konnte jedoch auch jetzt zu keiner einheitlichen Meinung über dieses „schwierige Problem" gelangen. Von 24 Senatoren sprachen sich j2 (darunter auch die Ministergehilfen Likosakin und Polwanow) gegen die obige Erklärung aus. Die Angelegenheit ist deshalb dem ersten Departement des Reichsrats überwiesen worden. Aus Iekaterinoslaw wird geschrieben: SämtlicheJudenin den Dörfern des Gouvernemeuts Jekaterinoslaw haben von der Admiuiftration eine kurzfristige Ausweisungsorder erhalten. Sie haben sich darauf an die Zentralregierung in Petersburg mit der Bitte gewendet, ihnen den Termin zum Verlassen ihrer Wohnstätten zu verlängern, damit sie in der Lage seien, ihre Geschäfte m ordnen und ihre Immobilien zu verkaufen. Ihr Gesuch wurde jedoch abschlägig beschicken. Und so sind sie nun gezwungen, ihre langjährigen Heimsitze und ihr Hab und Gut zu verlassen und den Wanderstab zu ergreife». Petersburg, 5. Juni Reichsdumamitglied l. I. Pergament ist plötzlich im Alter von 44 Jahren gestorben. Er gehörte lange nicht mehr dem Judentum an. Aber in der traurigen Lage, in der sich die russischen Juden befinden, trifft sie der Tod dieses Kämpfers für Recht und Freiheit außerordentlich schwer. Als Abgeordneter von Odessa hat Pergament sich in energischer und selbstlosester Weise der Juden angenommen. Jetzt, da Reichsdumamitglied Niffelowitsch sich von den Folgen seiner schweren Erkrankung im Auslande erholen muß, war Pergament der wichtigste Fürsprecher der Juden. Pergament war Mitglied der Kadettenpartei, war ihr bester Redner. Er war daher der Regierung sowie den echten Russen überaus unangenehm und sie wurden in ihren Versuchen nicht müde,