Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1909)
- Date
- 1909-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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|MI v..i M —■ «fette«. Rc. S8 Der ASraeltt. 10. Juni ÄS. forderlich ist. Eine Organisatton von Provinzgemeinden und von Landesgemeinden ist nur insoweit zu bilden, als durch diese die Selbständigkeit der Gemeinde in keiner Weise beeinträchtigt wird." Zum Überflüsse hatte der Antragsteller unmittelbar vor der Abstimmung noch Folgendes ausgeführt: „Ich habe gestern meinen Standpunkt zu dem Entwurf klar geäußert. Meine Meinung ging dahin, daß wir in Altpreußen nur nötig haben, eine Aenderung des Judengesetzes dahin herbcizüführen, daß die Möglichkeit vorliegt, Bezirksgemeinden KU schaffen, zu bilden und zu unterhalten. Außerdem ist es noch notwendig, daß wir für die Gcmeindebeamten eintreten, Ruhegehalts lassen für sie einrichten und ihre Stellung sicher,!. W a s i n dem Entwurf über diese Punkte hinausgeht, kann ich nicht an nehmen. Wir haben die Meinung der preußischen Gemeinden gehört zu dem Rosin'schen Entwurf, der die Einrichtungen von Baden und Bayern nach Preußen verpflanzen wollte. Dieser Entwurf ist von den preußischen Gemeinden mit solcher Einmütigkeit abgelehnt worden, daß er offiziell nicht mehr in die Erscheinung getreten ist. Daraus folgere ich, daß bei den jüdischen Gemeinden Altpreußens eine absolute Abneigung besteht, die Selbstverwaltung der einzelnen Gemeinden beeinflussen zu lassen. Vorhin sagte Herr Kalischer: Seien Sie nicht so ängstlich! Ich sage: Sie können gar nicht ängstlich genug sein! Die Erfahrungen, die wir in den letzten dreißig Jahren gemacht haben mit der Beeinträchtigung der Selbstverwaltung der städtischen Gemeinden, die mahnen uns doch zur Vorsicht. Sehen Sie sich doch den § 18 an, den Sie da ernführen wollen: Er lautet: „Die Vorsteher und Borsteherstellvertreter können wegen Pflichtwidrigkcit oder wegen anhaltender Krankheit auf Antrag der Gemeindevertretung durch Beschluß des Vorstandes der Provinzialgemeinde einstweilen vom Amte enthoben oder entlassen werden. 'Gegen den Beschluß findet Beschwerde an den Vorstand der Landesgemeinde statt. Me Beschwerde hat keine hemmende Wirkung." Derartige DisziplinarbestimMungen finden Sie wiederholt im Entwurf. Wollen wir diese Disziplinargesetze, die wir in Altpreußen Veranlassung genug haben, zu tadeln, bei uns einführen? Es steht ferner in dem Entwurf, daß ein Rabbiner nur angestellt werden kann mit Zustimmung der Provinzialgemeinde. („Nein!") Jawohl, das steht doch in dem Entwurf. Es steht auch darin, daß ein Religionslehrer nur angestellt werden kann mit Zustimmung der- Provinzialgemeinde. Darin sehen wir eben die Beeinträchtigung der Selbständigkeit der Gemeinden. Unser Slntrag geht dahin, da die Neigung vorhanden ist, allgemeine Organisationen zu schaffen, soll man sie so schaffen, daß alle diese Punkte beseitigt werden. Werden sie aber beseitigt, dann hat der Provinzialvorstand keine Macht mehr und dekorative Vorstände wollen wir nicht. Deshalb haben wir den Antrag gestellt, die Organisation nur insoweit zu schaffen, als sie notwendig ist zur Bildung von Bezirksverb än d cn und Ruhegehalts lassen. Dabei kann jedwede Beeinträchtigung der Selbständigkeit der Gemeinden vermieden werden." Nach diesen Ausführungen, die wir dem genauen stenographischen Bericht entnehmen, konnte bei keinem Delegierten der den Verhandlungen mit Aufmerksamkeit gefolgt ist über Sinn oder Tragweite der Friedmann'schen Resolution nur der geringste Zweifel obwalten. Tatsächlich war das auch nicht der Fall. Wenn es noch eines weiteren Beweises bedürfte, so brauchte man nur auf eine Aeußerung des Herrn Justizrat Mako wer hinzuweisen, die den Schluß der Debatte vor der entscheidenden Abstimmung rechtfertigen sollte. Herr Makower sagte: „Ich bitte dringend, dem Debatteschluß für diesen Punkt zuzustimmen. Ueber diesen Punkt gibt es prinzipielle Unterschiede in der Auffassung lediglich in der Richtung, überhaupt keine Landesgemeinden und Provinzialgemeinden zu schaffen oder ffe nach dem Entwurf einzuführen!" Also ein Entweder — Oder. Entweder eine Organisation nach dem Entwurf oder überhauptkeine. Daß eine stramme Zwangsorganisation wie sie der Entwurf vorsieht, von der für die Friedmann'sche Resolution votierenden Mehrheit bewußt abgelehnt wurde, kann sonach keinem Zweifel unterliegen. Dem entsprach ja auch der Eindruck, den das Resultat der Abstimmung am Vorstandstische hervorrief. Herr Professor Philippsohn, der die Tagungen des D.JG.-B. sonst eben so salbungsvoll zu schließen pflegt wie er sie eröffnet, verschwand spurlos von der Bildfläche,' Herr Landgerichtsrat Löwe, einer der geistigen Väter des Entwurfes, führte aus: „Ich kann mir nicht vorstellen, was die Provinzial- und Landesgemeinde zu tun hat, wenn sie in keiner Weise in die Selbständigkeit der Synagogengemeinden eingreifen darf nach dein Antrag Friedmann. Nehmen Sie nur an, sie sollte die Vertretung der Juden nach außen hin übernehmen, so wärediesschonein Eingriffs in die Selbständigkeit der Gemeinden, da jede Gemeinde ja das Recht hat, der Regierung zu sagen: Ich vertrete die Interessen des Judentums. Ich glaube, wir haben zwei Tage pro nihilo gearbeitet und zehn Jahre nutzlos uns bemüht. Ich muß erklären, so leid es mir tut um die Arbeit, die wir gemacht haben, d.ch wir, ich glaube im Sinne mancher Mitglieder der Kommission zu sprechen, daß wir hieran nicht weiter arbeiten können, sondern bitten müffen, daß eine neue Konrmission, an der Herr Justizrat Friedmann-Glogau als der Schöpfer der Sache sich wird beteiligen müffen, einen neuen Gesetzentwurf vorlegt. Dann sprechen wir uns in weiteren zehn Jahren über diesen Entwurf wieder." Der Gemeindegewaltige der Stadt Berlin, Herr Louis Sachs ließ sich dahin vernehmen, die Gemeinde Berlin denke nicht daran, bei einem so geänderten Entwurf mitzutun- Geld zahlen, ohne das entscheidende Wort sprechen zu dürfen, das passe ihnen nicht. Vielleicht am prägnantesten spiegelte sich die ob der Niederlage eingetretene Bestürzung in den Ausführungen und Anträgen des Herrn Justizrat Makower wieder. Herr Makower gehört sonst zu den klarsten Köpfen der Bundesleitung, aber hier verließ ihn sein guter Stern, so daß seine Erklärungen immer wieder „mißverstanden" wurden und sein Antrag nur durch ein Amendement Blumenthal-Cassel einen Sinn erhielt. Kann nach den Eindrücken der Tagung, wie nach dem stenographischen Protokoll über den Sinn des Antrages Friedemann somit ein Zweifel nicht mehr bestehen, so können auch die Versuche, die jetzt seitens der journalistischen Schildträger des D. I. G. gemacht werden, um die Oeffentlichkeit über die Bedeutung der Abstimmung selbst hinwegzutäuschen, nur ein Lächeln Hervorrufen. Wie immer mit am ungeschicktesten manövriert das „grüne Blättchen", das von einer ,,Zufallsmehrheit" faselt) nicht ganz so ungeschickt, aber immer, noch durchsichtig genug, weiß das Hamburger Familienblatt von einigen Delegierten zu berichten, denen der wahre Sinn des Friedmann' schen Antrages erst 24 Stunden nach der Abstimmung aufging und die des kindlich-naiven Glaubens sind, sie könnten ihr Votum jetzt noch abändern. Das Hamburger Blatt druckt diese Zuschrift ab und gibt sich allen Ernstes der Meinung hin, als sei die Sachlage damit völlig geändert. Für jeden objektiv Denkenden muß es als gänzlich nebensächlich erscheinen, ob bei einem Kampfe um ein grundlegendes Prinzip wie er diesmal ausgefochten worden ist, ein Mehr von 5 Stimmen auf der einen oder anderen Seite erscheint. Die Sache liegt doch so, daß der Machol'sche Entwurf eben so zu Fall gekommen wäre, wenn der Antrag Friedemann zufällig mit 50 oder l00 Stimmen Mehrheit eine Ablehnung erfahren hätte. Es geht eben nicht an, eine Zwangsorganisation für die Allgemeinheit gegen den Willen einer starken Minderheit durchzuführen. Das eben haben die Verhandlungen für jeden, der der Tagung aufmerksamen Auges gefolgt ist und es verstanden hat, aus dem Gang der Debatte die großen Gesichtspunkte herauszuschälen, zur Evidenz erwiesen, daß für eine Zwangsorganisation, wie sie in dem Entwürfe geplant war, in Preußen in absehbarer Zeit eine ^Majorität nicht zu finden sein wird. Ihr widerstreben nicht nur die gesetzestreuen Elemente, die eine Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit befürchten, sondern ihr widerstreben auch die wirklich liberalen Elemente, die aus der Geschichte des Judentums genug wissen, um zu erkennen, daß die staatliche Zwangsjacke dem Judentum noch stets zum Verderben gereicht hat. Es hat sich klar gezeigt, daß die Träger des Organisationsgedankens vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, in den leitenden Kreisen der Großgemetnden wie Berlin, Frankfurt, Breslau, Cöln, zu suchen sind, denen es aus Motiven meeres, die sich austürmten wie die Mauern eines Eispalastes oder eisige Gletscherwände, die in der Sonne funkelten und an deren Grund kristallene Quellen rieselten. Sie erzählten sich von dem Fcuerdom, der Nachts die unendliche Karawane umgab wie ein gewaltiges Nordlicht; und jenseits brüllten Löwen und zischten Schlangen und fürchteten sich vor dem lohenden Feuer. Sie beschrieben sich die glitzernden Schilder und Schwerter, die Panzer und Rüstungen der mutigen Männer, die tanzenden Frauen und Mägdlein, die mit Pauken und Cymbeln den Heereszug begleiteten; dann wieder schaudernd, wie der Sinai im Feuer erglühte, während 3 Millionen Menschen an feinem Fuße standen und Gott mit ihnen sprach, und sie <ihn verstanden, wie zwei Menschen einander verstehen. Es war einer jener herrlichen Lenzesmorgen wie sie nur die Omerzeit hat. In erster Frühe als eben die Dämmerung sich lichtete und der Hahn den beginnenden Tag verkündete, nahm der Vater seine beiden Lieblinge bei -er Hand und führte sie hinaus in die freie Natur. Wie unvergleichlich schön ist doch so ein Frühlingsmorgen. Die Blumen noch tauschwer beginnen ihre Köpfchen aus dem Schlummer zu erheben uiw öffnen langsam die Kelche. Die Erde, gebadet in Sonnenlicht, atmet trunkene Fftihlingsdüste. Di? Lust ist Aar und zittert von würzigem Hauche gewiegt. Me Bäume geschmückt mit dem keuschen Schnee ihres jungstäulichen Blütcnschleiers. Tausend Stimmen jubeln aus den Höhen. Feld und Wald, Berg und Tal, hallen wider von Singen, Trillern und Jubilieren. Es ist eine einzige allumfassende Harmonie von Farben, Tönen und Lichtern. Keins gleicht dem andern und doch keins stört das andere. Luft, Erde und Sotrnenglanz, Farbenpracht und des Gesanges Töne und des Ackers köstliche Würze, sie scheinen sich verbunden zu haben zu einen! einzigen großen Akkorde, zum Preise ihres allgütigen Vaters. Lange Zeit ging man nebeneinander und sprach nichts. Man war so überwältigt von all der Schönheit und Größe, daß sie nur einen Gedanken hatten, und was braucht man zu sprechen, was hat man einander zu sagen, wenn man dasselbe denkt und fühlt! Und sie stimmten alle schweigend ein in den großen Dankespsalm der Natur. Da begann der Vater: „Meine lieben Kinder, seht, so war einstmals ein Frühling ins Land gekommen vor vielen tausend Jahren. Da zogen unsere Vorfahren nach einem langen, vielhundertjührigen Winter in die Freiheit. Da durften sie s'ch zum ersten Male der Sonne wieder freuen und des Frühlings. Es war aber ein noch viel schönerer Frühling, eine viel herrlichere Sonne, als ihr sie euch nur denken könnt. Denn es leuchtete die Tr open - sonne in ihrer unbeschreiblichen Farbenglut. Bor ihnen lag, soweit das Auge reichte, die überwältigende Majestät der Wüste. In derselben erblühten köstliche Oasen mit Goldhesperiden und Mahnolen, Feigenbäumen und Dattelpalmen, an deren Wurzeln Helle Bächlein plätscherten und deren Kronen prächtig gefiederte Vögel' fangen. Die Natur hatte sich ungeschickt, ein Jubelfest zu begehen. Da ward es dem jungen Volke so seltsam ums Herz. Der Busen schlug ihm höher und die Brust wallte über, voll Dankbarkeit und Luft. Und wie es den Säugling nach der Mutter zieht, so erfaßte sie eine Sehnsucht nach dem, von welchem all das Herrliche kam; den sie suchten und noch nicht kannten. Ta führte sie Moscheh, ihr treuer Hirte, ins Herz der Wüste. Einsam in banger Stille lagerten sie 3 Tage am Fuße .des Choreb. Da, am Mittag des dritten Tages verdunkelte sich der Himmel und der Berg begann Pi zittern. Eine feurige Stimme aber rief hinaus in die Oede der Wüste: Ich bin's — der Ewige, Dein Gott — derselbe, der dich aus Mrzraim geführt....... Da jauchzte das' Volk bebend und jubelnd. Bis jetzt hatten sie den Herrn nur geahnt und stumm und willenlos ihm gedient, wie die Lercht' folgt, wenn Er sie singen heißt und die Lilie sich für den Lenz zu schmücken. Was aber jene ohne Wille und Verstand und doch so voller Freud und Jubel tun, von einem süßen Zwang getrieben, das wollten sie fortab bezeugen mit freiem W' > l e n und bewußter Freude in ewiger Erinnerung an jenen Frühling am Ehoreb. vrr fiau$ierer. Dos Kästel trogt er in der 'Hand, Un geht vun Stüh' zu Stüb': Dos Ponim is ihm eingefallen. Die Aeugen sennen trüb. Ehre, Schönheit un Gefühl, Un - sein Herz verloschen. Jeden Haus verkauft er was Un zählt sich seine Groschen. Un Hitz' un Sturm, un Wind un Kalt', Dos tut er all's ertrogen: Mög Hitzen, brennen, regnen," schnee'n. Er wird darum nit klogen. In sein' GedanU schwebt Weib un Kind, Er muß sei doch ernähren: — - Un die Groschen weren ausgemischt Mit seine eigne' Trären \ . Aus der im Berlage von Eckert u. I esn t tz e r Casse l unter dem Titel „Lebensklangen" erschienenen Sammlung von Jargon-Gedichten eines vielversprechenden jungen Dichters aus Galizien na- .inens S a l o m o n D e m b i tz e r.