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Der Israelit · 1909-06-10 · Heft 23 (10.6.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 23 (10.6.1909)
Date
1909-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Juni isos. Der Israel«. No. SS. Sekte 5. zu machen, daß die Regierungsbehörden dem Verbände eine amtliche Gloriole verleihen. Gründliche Abhilfe könnte natürlich nur dadurch erfolgen, daß in ausreichendem Maße gesetzestreue Lehrer für die Ostprovinzen gewonnen und den neologen Elementen damit Konkurrenz geschaffen würde. Allein bis dahin müßten die Gemeinden der Regierung erklären: Lieber gar keinen Lehrer und gar keinen Religionsunterricht, als einen von Guttmann'schem Geist getränkten! Wenn der Gemeindeverband kalten Blutes Gemeinden die Subvention entzieht, die sich ihm nicht fügen wollen, wenn er kein Bedenken trägt, aus purer Prinzipienreiterei die Kinder lieber monatelang, ein Jahr lang ohne Unterricht zu laffen, als daß er einen ungeprüften Beamten zuläßt — dann sollte diese eiserne Konsequenz vorbildlich sein für die Orthodoxie, die ihrerseits wahrlich Höheres zu verteidigen hat, als schulpolitffche Grundsätze. NacdMnge vom Lemewaet-g. i. Das Präludium. Unser Original - Stenogramm, dessen sorgfältige Uebertragung einige Zeit in Anspruch nahm, liegt nunmehr vor, und es bietet sich die Möglichkeit, den einen oder anderen Punkt der nicht nur retrospektives Interesse hat, genauer ins Auge zu fassen. Bor allem muß jedoch eine Episode, die nicht in den Rahmen des offiziellen Berhandlungsberichtes fällt, noch einmal berührt werden, weil sie ein grelles Schlaglicht auf die tiefste Ursache aller Kämpfe und Gegensätze des Gemeindebund-Parlamentes wirft: wir meinen die sabbatliche Vorversammlung mit ihrer — allerdings für den Einzelnen nicht obligatorischen — Sabbat-Entweihung. Jüdische Gemeinden treten zusammen, Körperschaften, deren einzige Aufgabe die A u f r e ch terhaltung und E r f ü l l u n g des Religionsgesetzes ist, sie treten zur Beratung über eine grundlegende Wandlung ihrer Verfassung zusammen — und an ihrer Spitze stehen Männer, denen die kontradiktorische Verleugnung dieses Religionsgesetzes so sehr zur selbstverständlichen Lebensgewohnheit geworden ist, daß sie in der Entweihung des Sabbats nicht nur kein Verbrechen, kein Unrecht, sondern nicht einmal eine Verletzung des jüdischen Empfindens der Anderen erblicken!! Wir entrüsten uns beileibe nicht — wir machen niemandem auch nur den leisesten Vorwurf — wir konstatieren nur, konstatieren schlicht und still den Jammer der Zeit, — und fragen laut: trotzdem nicht zurück und ließ mich gehen, ja laufen, fliehen, ohne Paß, ohne Geld, ohne Hoffnung, ohne jegliche Exiftenzbescheinigung.- „Hast Du den Paß?" fragte meine besorgte Mutter. „Nein!" „Das Geld?" „Auch nicht!" Und ich erzählte ihr haarklein den Hergang. Nachdem meine Mutter alle Flüche und Verwünschungen des dritten und fünften Buches Moses und noch mehr dazu an den Kopf des.elenden Schreibers, des Hundes, Tagediebs und Prellers gesandt hatte, war sie merkwürdiger Weise wieder gaM beruhigt und meinte, es ginge auch ohne Paß. Es würden wohl derer mehr sein, die ohne Paß in R. lernen. Und meine Mutter hatte recht. In R. »varen wir, wie dem Leser bereits bekannt, mit Ausnahme des langen Schläfers, des Paß-Moische, alle paßlvs, Vagabunden im Sinne des Gesetzes. Man sah uns indes den Defekt kaum an und auch unsere Seele hatte nicht den geringsten Schaden daran genommen. Und wenn wir so lernten und lernten und immer wieder lernten und die Streitfragen von Hillel und Schamai, Rowo und Abajeh singend und schreiend und disputierend, voll heiligen Eifers und jugendlicher Begeisterung zum Austrage brachten, da vergaßen wir wohl Polizei und Schreiber und Paß und Pristav und alle Eitelkeiten und Nichtigkeiten einer vergänglichen Welt, und dünkten uns gut und schätzten uns glücklich und fühlten uns sogar sicher, fast so sicher, wie der P a ß - mvische, der, eine gute Seele, die meisten unserer heiteren Scherbe und lustigen Streiche doch leider verschlief. So ging es eine Zeitlang ganz wie es meine Mutter vorausgesehen, und ich hatte meine erste Begeg- Berdient die sogenannte jüdische Orthodoxie vom Standpunkte der gerecht abwägenden Staatspolitik Tadel oder Anerkennung, wenn sie angesichts solcher Gegensätze die gemeinsame organisatorische Regelung jüdisch - religiöser Angelegenheiten in Preußen für eine innere Unmöglichkeit erklärt? Diese scheinbar unbedeutenden Entgleisungen, die von den neologen Einheitsfanatikern nachträglich immer höchst unangenehm empfunden werden, sind ja nicht zufällige Ereignisse, sondern — siehe auch das „nicht rituelle" Ausflugs-Menü der „neutralen" jüdischen Jugend- Vereine — es sind Symptome für den nun einmal vorhandenen und auf die Dauer nicht zu verkleisternden Riß. Insofern haben sie für das Bewußtsein der großen Masse, die für abstrakte Abgrenzungen auf geistigem Gebiete wenig Verständnis hat, als Erkenntnismittel unschätzbaren Wert, und es wäre vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit kein großes Unglück, wenn künftig alle ähnlichen Veranstaltungen des Gemeindebundes oder des Verbandes der deutschen Juden durch symbolische Akte, die den religiösen Gegensatz recht scharf markieren, eingeleitet würden. II. Die Denoeigening Ser öeneraisdlsfcuffion. Bekanntlich wurde, gemäß dem Beschluß der Borversammlung gegen eine starke Minderheit beschlossen, sofort in die Einzelberatung einzutreten und jede Aussprache über das Grundprinzip des Gesetzentwurfs zu vermeiden. Für die Generaldebatte hatte sich — vergeblich — Justizrat Friedmann-Glogau von vornherein wie folgt ausgesprochen: „Ich bin der Meinung, daß das, was gestern beschlossen worden ist, weder korrekt noch parlamentarisch richtig ist. Wenn ein so wichtiger Gesetzentwurf vorliegt, so ist eine Generaldebatte notwendig, nicht um festzusetzen, wie der Rabbiner oder der Schächter sich steht, sondern über das Ganze, ob überhaupt eine -solche Zwangsorganisation eingeführt werden soll. In der Generaldebatte wird man sich natürlich nicht einlassen auf Einzelheiten. So ist es in allen Parlamenten, nicht umgekehrt, daß man zuerst über Einzelheiten herumkämpft und daß man zum Schluß sagt: nad)bem wir solange um die Kleinigkeiten gekämpft haben, wollen wir alles wegwerfen. Das ist meiner Meinung nach parlamentarisch unrichtig. Hier handelt es sich um ein Festsctzm der Grundsätze, nicht um Einzelheiten. Ob oie Gemeinde wählt oder nur der Vorstand, das sind untergeordnete Punkte, die bei den einzelnen Abschnitten erörtert werden können; aber über die Grundzüge des ganzen Gesetzes muß doch in der Generaldebatte eine Aussprache stattfinden. Deshalb hat Herr Wolsf-Lissa ganz recht. Ich nung mit einer russischen Behörde fast ganz vergessen. Doch das Unglück schreitet schnell. Das Unheil kam ungemerkt und unvermittelt, schwer und drohend in der Gestalt eines neuen Pristavs herungezogen und wir. in unserer jugendlichen Sorglosigkeit, im Gemororausche, beachteten es kaum. Ein neuer Pristav! Du lieber Himmel! Kann ein Leser, der nicht im Lande' der Pnstave geboren ist, sich nur die leiseste Verstellung machen, was dieses Wort für ein Städtchen im jüdischen Rayon bedeutet? Ein neuer Despit, ein neuer Herrscher hat von der lleinen Welt Besitz genommen und wird sie nach Temperament und Laune neu gestalten. Wie? Das ist die Frage, vor der Wochen lang alle anderen Fragen in den Hintergrund treten. Es gingen dunkle Gerüchte über die Person und die sonderbaren Passionen des Gewaltigen, die keiner beweisen noch widerlegen konnte. Er sei von höchstem Adel, vielleicht gar von königlichem Blute, erzählte man sich, er habe schon in Hofkreisen gelebt und gewirkt, sei wegen eines Fehltritts zum Pristav in R. degradiert worden . . . Die Polizeidiener rühmten seine treffsichere Hand und seine Trinkfähigkeit ... Er liebe es inkognito unter dem gemeinen Volke zu verkehren, und da sei ihm schon in den ersten Tagen das Mißgeschick passiert, daß er in einer Branntweinkneipe, wo er ungekannt emkehrte, zum Scheine auch trank und rauste, sich dann aber in Wirklichkeit betrank und von „guten Freunden", die den Mächtigen im simplen Bauernkittel nicht ahnten, braun und blau geschlagen und in den Rinnstein auf der Straße geworfen wurde, wo er übernachtete. Mit der jüdischen Gemeinde war er noch nicht recht in Berührung gekommen, da er sich zuerst in den Wirtschaften orientteven wollte . . Doch wußte man allgemein, daß er bald auch den Juden Beweise seiner hochadeligen Gesinnung liewürde Vorschlägen, nachdem ein Generalveferent sich über die ganze Sache geäußert bat, über die Grundzüge des Organisationsgesetzes, daß dann sofort sich daran eine Generaldiskussion schließt, wober die einzelnen Redner sich auch nur über die Grundzüge des Gesetzes verbreiten. Dann wird man bestimmen können, ob man im Anschluß an die Generaldebatte sofort zu einer Abstimmung über die Opportunttät kommen null oder nicht. Aber vorher muß in der Generaldebatte Gelegenheit geboten sein, sich über die Grundzüge der jüdischen Organisation zu äußern und insbesondere diejenigen zu hören, die jahrelang im jüdischen Gemeindeleben gestanden haben, obdie Zwangs Organisation überhaupt nötig ist oder nicht. Uebrr diese Grundstage muß doch in einer Generaldiskussion gesprochen und darüber muß im Anschluß daran doch abgestimmt werden. Zunächst muß ein Generalreserat erfolgen und daran muß sich die Generaldebatte schließen. Das ist die Hauptsache. Wenn die Einzelreferate wegfallen, wenn wir mit den Einzelstagen in den Sitzungstagen nicht fettig werden, so schadet das nicht so viel, die Hauptsache ist eine Klärung über das Generelle. (Beifall.) Die Ablehnung dieser Generaldiskussion hat, das möchten wir hier ausdrücklich feststellen, zur Folge gehabt, daß die prinzipielle Stellung der Orthodoxie zur Organisationsfrage auf dem Gemeindetage überhaupt nicht genügend klargelegt werden konnte. Unter der Fuchtel der 5 Minuten-Redezett und im Angesichte eines Vorsitzenden, der von übertriebener Rücksicht auf die Gesetzestreuen entschieden freizusprechen ist, hatten die orthodoxen Redner zwar Gelegenheit, zu diesem und jenem Paragraphen diejenigen Anmerkungen und Vorschläge zu machen, die dem taktischen Bedürfnis des Augenblicks entsprachen, aber an eine, der Bedeutung des Gegenstandes gemäße prinzipielle Auseinandersetzung war während der ganzen Tagung nicht zu denken. Eine Tagung, auf der alle Richtungen der preußischen Judenheit ihren Standpunkt in aller Ausführlichkeit hätten vertreten können, würde noch ganz anders geendet haben wie diese Delegiertenversammlung des Gemeindebundes. III. Der Flnfrag friedmann. Es ist ein merkwürdig Ding um diesen Antrag, der von lauter entschiedenen Anhängern des sogenannten liberalen Judentum-, gestellt, von chnen und den Konservattven, mit einer Mehrheit von fünf Stimmen, angenommmen wird und zunächst das einzige greifbare Resultat der Tagung bildet. Man sollte glauben, es sei kaum möglich, diesen Antrag mißzuverftehen; lautet er doch klar und deutlich: „Bei der Organisation der jüdischen Gemeinden Preußens ist über die Lokalgemeinde und die Bezirksgemeinde eine weitere Organisation nur insoweit zu schaffen, als es zur Bildung und zur Unterhaltung von Bezirksgemeinden, sowie zur Bildung von Ruhegehaltskaffen erfern würde. Oblawes (Ueberfälle) seien geplant. Haussuchungen sowie Fahndungen auf paßlose Menschen und Grenzüberläufer in Aussicht. Dies und noch viel mehr erzählte man sich geheimnisvoll und im Flüstertöne. Und wir im Beshamedrasch nahmen keine Notiz von all dem, lernten als wäre nichts auf der Welt geschehen und beschäftigten uns nach wie vor mit Rabbi Tarson und Rabbi Akiwoh, Rowo und Abajeh, ohne die neue Zeit und ihre Zeichen im mindesten zu beachten. Das sollte sich bitter rächen. (Schluß folgt.) Mbliugrwede«. Bon 9t. L. Pesach, das liebliche Fest der Frühlingssonnenwende war vorbei. Selbst noch halb ein Kind des Winters, hatte er noch einmal Groß und Klein zu wonnig trautem Kreis in weißgekleideter hellerleuchteter Stube versammelt. Doch während man nächtlicherweile mit Liedern und wundersamen Erzählungen Gottes Güte und die Heldensahtten Jung-Jsraels besang, kam leise auf fröhlich wehenden Windesflügeln der Frühling ins Land gehuscht. .Jetzt zählte man die schönsten Tage des Jahres. Aengstlich und bang klopfenden Herzens legte man Tag zu Tag und Woche zu Woche, damit keines von ihnen unversehens und ungenützt und ungenvssen verloren gehen sollte, wie mans eben * mit teuren und kostbaren Dingen zu machen pflegt. Mirjam und Naphtali konnten sich nicht genug erzählen von den wunderbaren Dingen, die sie am Sederabend vernahmen. Immer und immer sprachen sie wieder von den diamuntnen Wänden des Schilf-

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