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Der Israelit · 1909-06-10 · Heft 23 (10.6.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 23 (10.6.1909)
Date
1909-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 10. Juni 1*09 Der jgfiraettt. die sich in dieser Frage — innerhalb des orthodoxen Lagers selbst — gebildet haben, werden gut tun, ihre endgültige Stellung zu dem Prinzipe der Revision noch' einmal gründlich zu prüfen. Wir hatten von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß der Streit um die Revision eine nutzlose Kraftvergeudung sei, solange beide Teile mit einem mehr oder minder unbestimmten und mehr oder minder subjektiven Begriff operierten und nun, je nach ihrem Temperament und ihrer politischen Anschauung, auf diesen Begriff mit echt bajuvarischer „Entschiedenheit" einhieben oder ihn verteidigten. Das muß nun glücklicherweise anders werden. Die von orthodoxer Seite ausgearbeiteten Vorschläge laffen an Klarbeit nichts zu wünschen übrig, und man wird iynen auch das Zeugnis nicht versagen können, daß sie weder jüdische Grundprinzipien preisgeben, noch etwa ohne Berücksichtigung des historisch Gewordenen wirklichkeitsfremde Luftschlöffer bauen. Mit erfreulicher Entschiedenheit werden drei Grundbedingungen festgehalten, die für die Gesetzestreuen in der Tat die Voraussetzung des ganzen Werkes bilden: die Charakterisierung der jüdischen Gemeinde und damit des gesetzlich anerkannten Judentums durchdie vomRettgionsgesetz geforderten Institutionen, die religionsgesetzliche Entscheidungsbefugnis des zuständigen Rabbiners und die Möglichkeit selbständiger Gemeindebildung auf orthodoxer Grundlage. Der Entwurf bringt außerdem, wie zu erwarten war, den Vorschlag zur Bildung einer Centralkasfe. Die Bedenken gegen eine solche Einrichtung deren Vorteile ja keiner Erörterung bedürfen, sind im allgemeinen halachischer und politischer Natur. In erstererHinsicht liegen die Berhältniffe grade in Bayern recht günstig, insofern Re form gemeinden kaum jemals aus der Centralkasse Unterstützung empfangen werden, und weil — zum Unterschied von Preußen — die bayrischen Religionslehrer in den kleinen Plätzen wohl ausnahmslos treue und gesinnungstüchtige Schüler des Würzburger Seminars und nicht wie anderswo bibelkritische Missionare des Abfalls vom Judentum sind. Man darf also — ohne daß wir ein entscheidendes Wort sprechen möchten — ruhig annehmen, daß die Rücksicht auf nvay ’naiy 'T jmo bei der Beurteilung einer bayrischen Centralkaffe ausscheiden kann. Nicht so beruhigt sind wir in politischer Hinsicht. Der Entwurf betont zwar mit Schärfe, daß die Centralkaffe ihren rein finanziellen Wirkungskreis nicht überschreiten dürfe, ja er weist der Regierung eine besondere Aufsichtspflicht nach dieser Richtung zu — allein trotzdem scheint uns die Schaffung einer ständig in München domizilierenden, aus Laien und Rabbinern bestehenden Centralkaffen-Verwaltung bedenkliche Ansätze zu der mit Recht perhorreszierten Oberbehörde, mindestens zu einer Gutachter-Behörde in sich zu bergen. Der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Minifterialreferenten in den Mitgliedern dieser Kasfenverwaltung immerhin die Bertranensleute der bayrischen Gesamtjudenheit erblicken, und aus der Erteilung einer gelegentlichen Auskunft oder eines guten Rates heraus könnte sich allmählich, im Laufe der Jahre, eine Art stillen Oberrats entwickeln, der unter Umständen gefährlicher werden, kann als eine offen schattende Religions- Polizei nach badischem Muster. Diesen Bedenken könnte unsres Erachtens durch Abänderung des Entwurfes sehr wohl Rechnung getragen werden, und sic dürfen darum keinesfalls zu einer prinzipiellen Verwerfung der „Thesen" führen. Es trifft sich glücklich, daß am nächsten Sonntag in Würzburg eine Versammlung stattfindet, die hoffentlich aus ganz Bayern zahlreiche Gesinnungsgenossen zusammenführen wird, und die infolgedeffen die beste Gelegenheit bietet, sich über die vorliegenden Grundsätze in offener, brüderlicher Beratung auszusprechen. Dort werden auch Garantien dafür geschaffen werden müssen, daß von den oben zitierten, vielleicht nochzuergänzenden Grundbedingungen im Laufe der Verhandlungen mit Ministerium und Kammer nichts abgebröckelt, und eine geschlossene, absolut einheitliche Willensmeinung der bayrischen Orthodoxie, die Voraussetzung aller politischen Verhandlungsfähigkeit, zu stände gebracht wird. ProoinrialoerbSnge uni) Religionsunterricht. Wir veröffentlichen an anderer Stelle einen Bericht über die Jahresversammlung des Verbandes der ostpreußischen Synagogengemeinden, )er unter der Aegide des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vor etwa 30 Jahren gegründet worden ist und jetzt einige vierzig ostpreußische Gemeinden umfaßt. Man wird dem Verband )as Zeugnis nicht versagen, daß er namentlich )urch seine Pensionskaffe und durch dankenswerte Versuche zu gemeinsamer Wohlfahrtspflege Vortreffliches geleistet hat. Leider fehlen dem glänzenden Bilde die tiefen Schatten nicht, und wir halten es für unsere Pflicht, anläßlich der Veröffentlichung des Jahresberichtes auch auf iüese unheilvollen Wirkungen der Verbandstätigkeit offen hinzuweisen. Der Verband strebt die allmähliche Verdrängung der in Ostpreußen naturgemäß besonders zahlreich zu R. entbehrten alle dieser Daseinsurkunde und konnten unsere Existenz nicht dokumentarisch belegen. Alle? Nein. Ich würde mich einer Ungenauigkeit schuldig machen und zudem noch einer Ungerechtigkeit gegen den guten Morsche, wollte ich nicht angeben, daß er der einzige unter uns war, der sich eines Passes erfreute. Wir rrannten ihn daher schlechtweg den Paßm oische. Wie, wo und auf welche Weise er sich diesen Zauberbrief errungen, war und blieb uns ein.Rätsel, seiner Tüchtigkeit und Regsanrkeit hatte er ihn, wie der Leser bald ersehen wird, gewiß nicht zu verdanken. Allein er hatte ihn, den Freibrief und konnte ruhig schlafen. Und er tat es auch sehr ausgiebig. Tein fester, langwieriger durch nichts zu störender Schlaf war sprichwörtlich und trug ihm neben dem Paßnamen noch einen zweiten Namen ein: Molsche der lange Schläfer, was sowohl seiner Körperlänge, als seiner fabelhaften Schlafsucht entsprach. Doch von ihm später. Zunächst noch ein paar Worte über die Paßfrage im Allgemeinen. Warum hatten wir eigentlich keine Pässe? Waren wir Verbrecher, Landesverräter, gemeingefährlich oder sonst irgendwie politisch verdächtig? Mit Nichten. Wir waren samt nnd sonders braver und ehrlicher Eltern Söhne * und im Respekte vor der Obrigkeit ausgezogen. Tie ' Obrigkeit begann für uns mit denc Polizcidiener und endete mit dem Pristav. Höhere Beamte lebten alt dunkle, verschwommene Sagengestalten in unserer Vorstellung, zu Gesicht bekamen wir sie nie. Trafen wir einen Beamten oder einen Soldaten, so wichen wir ihm genau so aus, wie einem scheuen Gaule oder einem bissigen Hunde. Sozialismus und Anarchismus waren damals, wenigstens in den I tdenstädtcheu, noch . völlig unbekannte Begriffe. Es kann also nicht unsere Schuld gewesen sein, daß wir paßkos durch die Welt gingen und nie unser Dasein beweisen konnten. Es fehlte, wenigstens von meiner Seite auch nicht an einem Versuche aus Grund der Tatsache, daß ich ich bin und eine angeborene ehrliche Haut habe, in den Besitz eines solchen Passes zu gelangen. Allein vergebens. Alle Anstrengungen scheiterten an der weisen Vorsicht meiner Heintatbehörde. Es war kurz vor meiner Abreise in die vier Meilen weite Fremde, da sagte meine gute Mutter: „Irr der Fremde, Kind, rnuß inan M e n s ch feilt. Mußt dlengstlichkeit und Schüchternheit ablegen. Probiere es mal gleich jetzt! Hier 20 Kopeken in einem Silberstück: damit gehst atlfs Aint und holst Dir eilten Paß!" Holst Dir einen Paß! Als ob das so leicht und einfach wäre. Hatte überhcntpt meine gute Mutter eine blasse Ahnung, wie es in einer russischen Polizcistube aussieht? Indes faßte ich Mut und ging, begleitet vom Segen meiner Mutter, aus das Polizetbureau. Klopfenden Herzens trat ich ein. Vor einem breiten, mit Papieren voll belegten Tisch saß ein junger, spindeldürrer, bartloser Mensch nnd schaute durch eine scharfe Brille sehr ärgerlich auf mich herab. Dann vertiefte er sich in seine Akten und ließ mich unbeachtet an der Türe stehen. So mag ich wohl eine halbe Stunde gestanden haben, als ich das grüne Auge hinter dem Brillenglase wieder auf mich gerichtet sah. „Was will Abraham?" Da ich nicht Abraham, sondern Josua heiße mtd wohl befürchten mußte, daß nach dieser Anrede ein falscher Na tue in meinen Paß hineinkommen werde, so verbuchte ich bescheiden zu berichtigen: „Ich heiße . ." Nr. 33 verterenen „ungeprüften" Religionslehrer durch seminaristisch geprüfte Kräfte an. Das wäre an und für sich nicht schlimm, handelte es sich nicht bei jenen — den ungeprüften Kultusbeamten — zumeist um überzeuaungstreue und oft auch recht kenntnisreiche jüdische Beamte, während der Begriff „seminaristisch geprüfter Lehrer" für O st Preußen gleichbedeutend ist mit: „Zögling des Guttmann'schen Lehrerseminars in Berlin". Mit anderen Worten: fast in jedem Falle, in dem es dem Verbände gelingt, einer Gemeinde, die nach ihrer religiösen Gesinnung und aus tausend praktischen Gründen den russisch-jüdischen Kultusbeamten vorzöge, einen Lehrer von Verbandsgnaden anfzudrängen, ist die Jugend der zersetzenden, ja geradezu vernichtenden Wirkung der Guttmann'schen Religion rettungslos vreisgegeben! Was der Berliner Seminardirektoc unter „jüdischer Religion" versteht, hat er nicht nur durch sein berühmtes Expose, sondern in letzter Zeit namentlich durch offenherzige Bekenntnisse in der Zeitschrift der liberalen Vereinigung bekundet. Ihm, und damit selbstverständlich auch fast allen seinen Zöglingen, ist die Bibel nicht mehr das Wort Gottes, sondern eine Sammlung von Sagen und Märchen, in denen allerdings, sehr viel religiöse Wärme wohnt. Von dieser Tatsache haben die kleineren Gemeinden in Ostpreußen selbstverständlich nicht die leiseste Ahnung. Ohne daß sie es merken und ohne daß ihre Kinder die Unterwühlung ihrer religiösen Gedankenwelt auch nur selbst gewahr werden, findet also infolge der Einwirkung des ostpreußischen Syuagogenverbandes eine systematische Vernichtung des überlieferten Judentumes im großen Stile statt, gegen die jeder treu gesinnte Jude mit aller Kraft seiner Seele protestieren sollte. Dem Verbände ist es leider gelungen, auf die ostpreußischen Regierungspräsidenten sowohl in Gumbinnen als in Königsberg, starken Einfluß zu gewinnen, sodaß er mit behördlicher Hilfe die Gemeinden auch vielfach dazu bringt, sich seiner „Inspektion" zu unterstellen. Es genügt, den Namen Vogelst e i n (Königsberg) zu nennen, um diese Inspektion nach der religiösen Seite zu charakterisieren. Die Regierungsbehörden stehen in diesem Falle also, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, inl Dienste der radikalsten freireligiösen Propaganda inmitten gesetzestreuer Gemeinden und tragen ihrerseits dazu bei, die festen Grundlagen der altjüdischen Ueberlieferungstreue in einer ganzen Provinz zu untergraben. Das ist ein so empörender Zustand, daß die berufenen Instanzen kein Bedenken tragen sollten, aufklärend zu wirken und mindestens dagegen Front „Er hat nichts zu heißen," schrie mich der Mann am Tische an. „Was hat ein Juoe zu heißen? Was er toill, frage ich." „Paß . . . Paßport . . stotterte ich mühsam. „Ach," der Schreiber lachte und das Lachen klang noch weit beängstigender als das Schreien, „Abraham will nach Kanaan nnd will Paßpvrt. Ha! ha! ha!" Wieder A b r a h a nt. Das durfte ich, wollte ich einen richtigen Paß haben, nicht gelten lassen, und in einem Tone, der durch die Angst vielleicht erregt klang, stieß ich hervor: „Ich heiße nicht Abraham, sondern Josua und will nicht nach Kanaan, svnderit nach R." „Was?" schrie der Beamte und seine graugrünen Augen sprühten Feuer. „Freche Redensarten? Kommt so ein Jud und will, mir nichts, dir nichts, Patz haben, und benimmt sich noch obendrein respektwidrig! — Paß? Wozu braucht ein Jud einen Paß? Sind wir etwa nur dazu da, damit die Juden reisen körmen?" Und er schloß seine eindrucksvolle Rede mit einem kräftigen „ W i o n dekzorte matre!“ (Fort zu allen Teufeln!) Nach diesem unumstößlichen Argumente wagte, ich noch kaum mein Silberstück auszupacken. Dieses mag vielleicht den Beamten am mersten geärgert haben, denn als er mich so hilflos dastehen sah, schrie er von neuem: „Was? immer nod) da? Warte, ich gebe Dir Paß! . . ." Ich zog es aber vor, nicht zu warten und ergriff die Flucht. In der Eile und Kopflosigkeit ließ ich die Silbermünze, mit der ich immer noch unentschlossen hantierte, zu Boden fallen. Er hatte es wohl gemerkt, der Schreiber, denn sein Glasauge richtete sich sofort nach der Stelle, da das jveiße Metall so verlockend erklang. Er hielt npch aber m

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