Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1909)
- Date
- 1909-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Eine ungeheure Summe von jüdischer Urkraft schlummert im galizischen Ghetto und harrt der Erweckung und Verwendung. Sie harrt. — Denn noch sah man bis jetzt nicht die tapferen Männer, die starken Willens und festen Muts die Massen aufrütteln, ihre Kraft fruchttragend anlegen und ihrem Streben Ziel und Richtung geben wollten. Wird es nun anders und besser werden? Die Hoffnung ist stärker denn je zuvor und wir danken diese gesteigerte Hoffnung dem Wiener Gemeindetag, der uns die Gelegenheit geboten hat, der Galizianer gesunden Sinn, klare Einsicht und erwachten Willen zur Tat kennen zu lernen. Diese „blinden und stummen Massen", die so lange nichts sehen und hören wollten, und dadurch ihre Beschützer zu immer neuen Experimenten ermutigten, sie erwachten aus ihrer Lethargie und erkannten die Gefahr, die ihnen drohte. Die Gefahr erkennen, heißt, aber in diesem Falle, sie auch abwenden, einmütig lehnten sie sich gegen die geplante Zwangsorganisation auf und ließen keinen Zweifel darüber, daß sie auf die geistige Bevormundung der Herren aus Wien unter allen Umständen verzichten. Man müßte schon an dem Gerechtigkeitssinn der Regierung zweifeln, wozu nicht der mindeste Grund vorliegt, wollte man irgendwie Sorge hegen, daß sie dem Entwurf über die Köpfe der nahezu eine Million zählenden galizischen Juden hinweg ihre Zustimmung und Genehmigung geben könnte. Sollte es nun in Galizien damit sein Bewenden haben? Sollte der Schlaf, die Ruhe auf den Lorbeeren dieses negativen Erfolges von Neuem beginnen? Das wäre traurig. Durch diese passive Resistenz, die ja auch von Ätut und Entschlossenheit zeugte, ist noch nichts Positives gewonnen, es ist nur eine große Gefahr abgewendet worden: und bleiben die Galizianer auf halbem Wege stehen, so könnte ein dauernder Gewinn kaum zu verzeichnen und neue Gefahr bald wieder im Anzuge sein. Es ist bereits angedeutet, daß auch die galizische Juden-?ett unter einer kleinen, vielmögenden, aus allivlnischen Assimilatoren oder nationalen Stürmern restehenden Partei zu leiden hat. Diesen Herren st aber zumeist Vorbehalten, vor den Behörden ale, die heute noch ein ungelöstes Problem aller Geschtchtsrhtlosophie bildet, aber die Söhne und vor allem die Töchter unseres Volkes wenden sich den Erzeugnissen remder Kulturen zu und vergessen ihre väterlichen Güter rnd ihr mütterliches Erbteil. Selbst Leute, die im Osten m Ghetto an den Brüsten rein jüdischer Kultur genährt vorden find, wenden fich von der Geisteswelt ihre- Volkes >b, und nicht genug, daß fie selbst „die Wäger des Jordan, res sanft fließenden, verschmähen und den fremden Wassern lachgehen", fie wollen ihre Verachtung alles Jüdischen luch in die Herzen ihrer landsmänntschen jüdischen Jugend verpflanzen. Gewiß, schön und herrlich find die Gärten der ltchtjüdtschen Kultur und mit edlen Bäumen und Sträuchern, mit herzerfreuenden Blüten und Blumen find ie bedeckt. Aber wird der vernünftige Gärtner den >om Vater ererbten Garten vernachläsfigen, zerstören und msrotten, weil er in Gärten anderer Länder und Klimaten mdere Pflanzen gesunden? Wird er nicht, zurückgekebrt, >ie Eigenart seiner eigenen Kulturen pflegen und mit Er» ahrung und Kenn Misten, die im Ausland erworben find, eine eigenen Pflanzungen veredeln und zur größtmöglichen Entfaltung der in chren mindestens so gut wie tn anderen 'erborgen liegenden köstlichen Eigenschaften bringen, zur Zreude seiner selbst und zum Entzücken aller Wm? Darum, mein jüdisches Volk,-zeige mehr Liebe zu dir elbst. Liebe zur Nation, zum Vaterland, wird ja als »öchste der Tugenden gepriesen. Sollte Liebe zum jüdischen Volk nicht auch eine Tugend sein?! Achtung und Pflege 'er nationalen Eigenart gilt als erste Pflicht eMeS auf» Märten Volkes. Hat das Mische Volk fich schämig urückzuziehen wenn es seMer eigenen Art gilt? Mit ächten! Da ist seine Thora, welche als Beweis „seiner VetSheU und Vernunft unter den Völkern" gilt. Da >nd sewe Tugenden der Treue, der Ausdauer, des Bee Wermutes, die Vorzüge seMes Familienlebens, die die Interessen ihrer Glaubensgenossen zu vertreten, von der Gemeindevertretung angefangen bis nach oben zum Reichsrat. Und darin liegt, genau wie in Rußland, die eminente Gefahr, das Grundübel, das fortzeugend Böses muß gebären, die Quelle so vieler trauriger Erscheinungen im jüdischen Wirtschafts- und Gemeindeleben Galiziens. Auch in der Wiener Versammlung wurde ein krasser Beweis geliefert, in welchem hämischen Tone, in welch verächtlicher und abfälliger Weise die jüdischen Parlamentsvertreter Galiziens über ihre Wähler und Glaubensbrüder sprechen durften. Nicht diese zu strafen gilt es heute für die galizischen Juden, sondern daraus die Gefahr zu erkennen und ihre bedrohten Interessen nach Möglichkeit zu rettenes gilt ebenso muttg und geschloffen, wie bei Gelegenheit der Wiener Liebeswerbung, an die positive Arbeit zu gehen, an die Schaffung einer eigenen freien Organ i s a t t o n, um auf diesem Wege selbst die eigenen wirtschaftlichen und geistigen Interessen wahrzunehmen. An der nötigen Einsicht und Energie dürfte es den Galiziern nicht fehlen, und noch mehr als aus der Wiener Versammlung im negattven Sinne dürften sie aus der Wilnaer Konferenz in positivem Sinne lernen. Was dort über Erziehung und Volksbildung gesagt wurde, gilt im vollen Umfange auch für Galizien und dürfte sich dort unter dem günstigen Einflüsse der bessern politischen Verhältnisse noch viel rascher und leichter realisieren lassen. Hier wie dort hängt von der Frage, ob und in welchem Maße es gelingen werde, ein thoratreues Geschlecht heranzuziehen, das die Bildung, Umsicht und Erfahrung besitzt, für sich und seine heiligen Interessen einzuftehen, das Sein und Nichtsein des Judentums ab. Alle Liebeswerbungen, Schmeicheleien und väterlichen Ratschläge und Vorwürfe der Wiener, denen sich heute die undankbaren Galizianer hartnäckig verschließen, sind, richtig interpretiert, nur Belege und Bestätigungen für diese von allen Kennern der Verhältnisse getellte Ueberzeugung. Mögen die in Wilna und Warschau unter Tränen ausgestreuten Saatkörner zunächst auch in Oesterreich einen guten, fruchtbaren Boden finden, wo sie in der mildstrahlenden Sonne der politischen Freiheit bald zur Blüte und Reife gelangen. Mögen sie, denen nicht so viele Hindernisse aller Art in den Weg treten, zuerst an die Realisierung der Pläne zur Hebung des Judentums treten und durch ihre Pionier-Arbeit ein ermutigendes Beispiel ihren politisch gedrückten russischen Brüdern geben. Wer weiß, ob nicht durch solche vereinigte, zielbewußte und planmäßige Arbeit die Lehre, die im Osten unter trostlosen Verhältnissen verkümmert, zu ihrer alten Ehre und Geltung gelangt und ihre segensvolle Wirkung auch auf den Westen, speziell auf Deutschland dieseits und jenseits der Donau ausdehnt. Auf diese Weise und nur auf diese Weise können die Ostjuden sich für die nach Ansicht des Herrn Oberrabiners von Wien einst von Deutschland erhaltene „Thora" in würdiger und zugleich nützlicher Weise erkenntlich zeigen. M. KochenrimZscha«. mm CheoSor Barth. Der unerwartete und allzu frühe Hingang Theodor Barth's bedeutet auch für die Judenheit einen schweren Verlust. Wir denken hierbei nicht einmal in erster Reihe an die führende Stellung, die Barth im „Vereine zur Abwehr des Antisemitismus", dessen Begründer er war, innehatte, sondern vor allem daran, daß er dem ganzen Kämpft, soweit er von Nichtjuden geführt wird, mit das Gepräge gegeben hat. Barth hat auch in diesem Kampfe ferne Eigenart stets bewährt. Me kam es ihm in den Sinn, für die Juden einzutreten aus einer Art Mitleider stritt für die Rechte der Juden, well er davon überzeugt war, daß ein Staat, der irgend eine Klaffe von Bürgern benachteiligt und zurücksetzt, die Grundgesetze des Liberalismus und der Demokratie verleugnet. So war ihm dieser Streit weniger ein Kampf für die Juden als ein Kampf für das Recht gegen das Unrecht. Und darin unterschied er sich auf das Vorteilhafteste von so manchem seiner Mitstreiter, dessen gönnerhaftes Eintreten für uns dem feinfühligen Juden manchmal ebenso bitter schmeckten, wie die Angriffe der Gegner. So stehen auch wir Juden jetzt trauernd um seine Bahre. Wir beklagen in chm den edlen, lauteren Charakter, und wir find sicher, daß die gesamte deutsche Judenheit ihm auf immer ein ehrendes Andenken bewahrt. 3ur Reotfionsbemegung in Bayern. Mit der Veröffentlichung der als Beilage zu dieser Nummer erscheinenden „Grundsätze" eines neuen bayerischen Judengefetzes ist die Revisionsbewegung in Bayern unsres Erachtens in ein neues Stadium getreten, und die Parteien, Tugenden seiner Mäßigkeit und Enthaltsamkeit im Genießen, die Vorzüge seines mit eifemem Fleiße arbeitenden Geistes. Und Israel sollte fich „wie Heuschrecken ihnen gegenüber Vorkommen"? Nein, mein Volk, laß von diesem Kleinmut böswilliger und törichter Meragltm; die Meraglim mit ihrer Geringschätzung find „Verleumder", die fich und andere zugrunde richten. Folge deinen Propheten, fie waren von Liebe, von heißer Liebe zu ihrem Volke und zu seiner Thora durchdrungen. Sie sprachen zwar manches hatte, tadelnde Wott, aber es war die Liebe, die aus ihnen redete. Und empfindest du Liebe zum jüdischen Volke, Liebe zu seinem Hott, zum Gotte Israels, so wirst du Israel auch schätzen und selbst im letzten Manne deS jüdischen Volkes dessen Sohn verehren. Und mit dieser Hochschätzung der Juden und alles Jüdtschm werden bessere Zeiten einkehren, bessere für die Juden und bessere für das Judentum. Kleines Feuilleton. Der Paß-moi$cbe. Eine Humoreske von Sch . . . Studentenstreiche haben überall den gleichen Charakter, ihr Grundzug ist die ausgelassene von keiner Sorge und Lebensschwere getrübte Heiterkeit. Frisch und froh ist der Bursch, der sich für seinen späteren Berus vorbereitet und für seine überschäumende Lebensfreude Ausdruck sucht. Und da ist es gewiß kein wesentlicher Unterschied, «ob dieser Bursch ein farbiger, schlagender und biertrinkender Eorpsstudent an der Almamater einer europäischen Großstadt ist, oder ein Keiner, hohlwangiger, engbrüstiger, kastanbelleideter „Tag" essender Bochur an der Jeschiwoh in irgend einem weltvergessenen polnischen Neste ist. Doch ist nicht zu leugnen, daß das Leben aus der Jeschiwoh und besonders der russisch-polnischen Jeschrwoh auch noch seine Spezilitäten hat, von denen die Mufenkinder der großen „Kultus nicht die leiseste Vorstellung haben. Dott wo man unter Tränen auch lacht, wo das Leben grau gefärbt ist und selbst seine heiteren Bilder auf dunklen Grund malt, dott ist oft genug der eine Schritt, die schmale Grenze zwischen dem Tragischen und Komischen verwischt. Man lebt, leidet, fürchtet, hofft und verzagt und mitten in den Seelenqualen steht der Dämon knochig und gespenstig und schneidet Grimassen, so drollig und so eigenartig komisch, daß man lachen muß, lachen über seine eigenen Leiden, über das ulkhafte, grausam ironische Schicksal .... Schicksal — heißt in vielen Fällen in Rußland Paß. Wenn ich von des Schicksals Tücke, Tragik und Komik rede, so sehe ich vor meinem Geisterauge einen großen, dicken, mit Stempeln ganz bemalten und von Wasserbuchstaben durchsetzten Bogen; die Urkunde, mittels derer jeder russische Bürger, so er sich nur eine Wegenteile von seinem Heimatorte entfernt, jedem skeptisch veranlagten Polizeibeamteu schwarz aus weiß zu beweisen hat, daß er e r ist, dass er wirklich geboren ist und existiert und in dieser oder jener Stadt seines Daseins sich erfreut. Mir eigenen leiblichen Augen habe ich ein solch bedeutsames Dokltment nie gesehen. Denn wir auf der Jeschiwoh ' V ifitkb&Ar»