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Der Israelit · 1909-06-10 · Heft 23 (10.6.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 23 (10.6.1909)
Date
1909-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sehen die eigennützigen, selbstsüchtigen, nach Macht und Herrschaft strebeichen russischen Rabbiner auS! Aber die Exklusivität ihrer Versammlungen war keine freiwillige, sondern eine erzwungene, durch äußere und innere Verhältnisse bedingte. Ein gebildetes Laienelement, das auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stände und kraft seiner Stellung und Bildung und seines Gemeinsinnes an der jüdischen Sache hätte Mitarbeiten können, gab es bislang leider in Rußland nicht, ist erst jetzt im Entstehen begriffen. Die einflußreichen fltetfe, die sogenannte Hochintelligenz, steht kalt und gleichailtig, wenn nicht gar feindlich dem überlieferten Judentum gegenüber. Die Chedarim und Jeschiboth haben aber ein etwas zu einseitiges Geschlecht herangezogen und zu dem ungeheuren, in seiner Wirkung geradezu erschreckenden Mißstande geführt, daß die thsratreuen Gemeinden die Wahrung ihrer heiligsten Interessen in die Hände von religionsfeindlichen Glaubensgenossen legen mußten. Es hat sich aber in dieser Beziehung auch in Rußland viel geändert. Auch da hat der Druck der radikalen Haskalahpartei einen heilsamen Gegendruck erzeugt und der erfreuliche Aufschwung des gesetzestreuen Judentums in Deutschland konüte andererseits seine Wirkung auch im östlichen Nachbarlande nicht verfehlen. Wir haben es nun doch erlebt, daß an der Versammlung in Wilna auch tatkräftige und gebildete Laienmitglieder, an deren Spitze Herr Getz-Wilna,eifrig mitarbeiteten, mitraten und mittaten. Wir dürfen das als sicheres Zeichen einer neuenZeit freudig begrüßen. Gelingt es, die Beschlüsse und Resoluttonen, die die Rabbiner zu dem Punkte „Erziehungsfrage" und Volksbildung gefaßt und die eine Reorganisation der Chedarim und Talmudthoraschulen, sowie eine Regelung der Volkserziehung auf gesunden Grundlagen erstreben, in lebendige Tat umzusetzen, dann darf man dessen sicher sein, daß später solche Versammlungen von gebildeten gesetzestreuen Laien vorwiegend besucht und mit befruchtet werden, daß die Rabbiner dann nicht mehr vereinzelt und vereinsamt dastehen und allein die ungeheure Last der Arbeit und Verantwortung tragen werden, sondern bei der Lösung ihrer schwierigen und wichtigrn Aufgaben eine treue Hilfstruppe in den gebildeten Kreisen der jüdischen Bevölkerung zur Seite haben werden. Aber auch abgesehen von diesen erfreulichen Begleiterscheinungen wurden von der Versammlung Beschlüsse von höchster Wichttgkeit und größter Tragweite gefaßt. Durch die Behörde, der selbst die Präsenzliste zur Genehmigung vorliegen mußte, auf das Eifersüchtigste bewacht, dem Jedes unüberlegte Work^ hätte die ganze Arbeit illusorisch machen können. Aber selbst unter diesem Damokles-Schwerte haben es die besorgten Führer nicht versäumt, auszufprechen, was ihr Herz bedrückte und sie fanden stets das richtige Wort. Ihre Kundgebung gegen das finnischeSchächtverbot ist so bestimmt und taktvoll zugleich gehalten, daß die darin ausgedrückte Hoffnung mit Hinsicht auf den neuen Landtag vielleicht mehr als einen frommen Wunsch bedeuten dürfte. Und selbst der Resolution, dieErweiterung der Judenrechte betreffend, wohnt, so behutsam und vorsichtig sie auch abgefaßt sein mag, ein praktischer Wert inne, vorausgesetzt daß die Rabbinerkommission, die als Vermittlerin dieserPetttion zu dienen hat, aus wirklichen Rabbinern bestehr, aus eigentlichen Vertretern des Volkes, die allein dazu berufen sind, als Dolmetscher seiner Wünsche und Bedürfnisse aufzutreten und nicht wieder, wie in früheren Zeiten, aus sogenannten Kronrabbinern bestehend,, nur eine Parodie auf ein Rabbinerkollegium, eine' Rabbinerkommission ohne Rabbiner sein wird. In dieser Voraussetzung darf nicht daran aezweifelt werden, daß auch die Bemühungen der Rabbiner in der Frage der Sabbatruhe wie in der Schaffung der rituellen Lebensmöglichkeit für die jüdischen Soldaten den gewünschten Erfolg zeitigen werden. Und was die vereinigten Rabbiner Rußlands verlangen, sind, wohlgemerkt, keine staatlichen Macht- und Zwangsmittel, keine Oberbehörde und keine Zwangsorganisation. Was sie von der Regierung erbitten, ist weiter nichts als die Erlaubnis, für sich selbst sorgen zu dürfen, Linderung der materiellen Not, Aufhebung der Beschränkungen, die alle Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten der Juden unterbinden und auch einen geistigen und moralischen Niedergang zur Folge haben, die Gewährung jener Voraussetzungen, unter denen allein eine freie Entfaltung der jüdischen Kraft, eine Entwicklung der schlummernden Keime denkbar ist. Sie wünschen nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit, auf dem Wege der freien Organisation für ihre Interessen selbst eintreten zu können. Nur eine einzige Institution hat die russische Judenheit der Regierung zu verdanken, die der Kronrabbiner. Und dieses Grundübel, aus dem so viele andere Krebsschäden resultieren, abzustellen, ist einer der sehnlichsten Wünsche, der auch auf der Wilnaer Versammlung in allen Variationen und Tonarten zum Ausdruck gelangte. * * Fast zu gleicher Zeit tagte in Wien eine große Versammlung, die über den Entwurf einer Ge- |wnum,^mu|m tun—|ui uie ^uutu ye i Oesterreichs zu beraten hatte und die den bezeichnenden Beschluß gefaßt hat, auch die Galizier gegen ihren Wunsch und Willen in die geplante Organisation zu zwingen, damit die „östlichen Brüder" im Lande, die bislang nur Gegenstand materieller Sorge und Hilfe bildeten, nun auch der geistigen Obhut ihrer „intellektuellen westlichen Vormünder" unterstellt werden können. Galizien bildet ein Thema für sich, hat sein eigenes Problem, das mit der Judenfrage in Rußland wie in Westeuropa wohl viele gemeinsame Punkte aufweist, aber weder mit der einen noch mit der anderen ganz zu identtsieren ist. Die galizische Judenheit, im Besitze der vollen politischen Bewegungsfreiheit, steht doch in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung mit der russischen Judenheit ganz auf der gleichen niedrigen Stufe. Mit der politischen Freiheit unb der politischen Entwicklung der Nationen, zwischen denen die galizischen Juden eingekeilt sind, blühte auch die Giftpflanze des politischen Antisemitismus heran. Der Judenhaß in Galizien macht sich in den modernen, ja in der modernsten Form geltend, in der des Boykott s. Zudem hat der galizische Antisemitismus auch seine eigene Spezialität, den Mädchenraub, die Klosterentführung, die für Galizien ungefähr das darstellt, was in Rußland der Pogrom ist, die Judenverfolgung in ihrer höchsten Potenz. So kommt es, daß die Lage der galizischen Judenheit sich in mancher Beziehung noch weit trostloser gestaltet als die in Rußland. Die Armut in den jüdischen Centren Galiziens ist unbeschreiblich und die Auswanderung nimmt riesige Dimensionen an. Allein das Land kennt die Kämpfe und Krisen, wie sie Rußland durchzumachen hatte, nicht, und daher bietet auch das galizische Ghetto in geistiger Beziehung ein anderes Bild als das russische, das von der äußeren Lage nicht unberührt bleiben konnte. Bon einer Gährung und geistigen Revolution, wie sie vom Zeitalter der Haskala angefangen, bis zum heutigen Tage im russischen Judenviertel vor sich ging, ist Galizien fast gänzlich verschont geblieben. Die Reform der nationalen Renaissance östlicher Observanz konnte dort so wenig festen Boden gewinnen wie die Reform der westlichen Assimilation. Die jüdische Masse in Galizien hat ihren kerngesunden jüdischen Sinn sich erhalten, das ideale Streben der Vergangenheit sich in die Gegenwart gerettet. Gemein hat Galizien mit Rußland nur die kleine aus extremen Assimilatoren zusammengesetzte Clique der sogenannten Hochintelligenz und den aus diesem Kreise hervorgegangenen staatlich anerkannten, von der Gemeinde völlig unbeachteten Scheinrabbiner als Matrikenführer, der sich aber bei weitem nich 3* v » mir kamen m wie fieuscbreckcn vor. 44 Bon Rabbiner Dr. M. K. in C. Zum Wochenabfchnitt. Mit zu den bösen Berichten, welche die Kundschafter auS dem Lande Kanaan brachten, ja der schlimmste derselben, ging auder Ueberschätzung jener allerdings über die normale Menschengröße htnausragenden Bewohner eines TeiledeS Landehervor. Diese Ueberschätzung war die Folge der Unterschätzung der Kräfte der eigenen Nation und der, sei es mehr, sei eS minder, böswilligen Verkennung ihrer Vorzüge, ganz besonders aber die Folge der Außerachtlassung der Haupt-Eigentümlichkeit Israels: daß eS ein Gottesvolk und nicht auf natürliche Entwicklung und Umstände angewiesen war, sondern unter der unmittelbaren Leituna und Fürsorge deS Höchsten stand. Darum sahen die Kundschafter, welche doch Männer auS den höchsten und vornehmsten Kreisen deS israelitischen Volkes waren, denen man mit Recht einen gewissen Weitblick hätte zutrauen sollen, der sie vor Kleinmut und Aengstlichkeit bewahrt und vor Ueberschätzung der Gefahr geschützt hätte, in diesen paar Riesen, so zahlreiche und so mächtige Gegner, daß sie in ihrem Berichre fast alle günstigen Momente auslteßen und immer wieder und wieder betonten, daß es unmöglich sei, daS gelobte Land zu erobern. Und wenn schon die berufenen Führer deS Volkes an solchem Mangel von Mut und Vertrauen zu fich und ihrem Gott litten, um wieviel mehr mußte daS ihnen anvertraute und noch kleinlicher zu denken gewöhnte Volk von Angst und Zagen für sein und seiner Angehörigen Schicksal ergriffen werben. Und so war die Katastrophe jener traurigen Nacht serttg: „Die ganze Gemeinde erhob fich, fie ließen ihrer Stimme freien Lauf unb eS weinte daS Volk in jener Nacht." Uno die Entwicklung der Geschichte Israels und diejenige der Gesamtmenschheit, welche geradlinig und in rascherer Zettfolgehätte Vorgehen sollen, wurde um ein volles Menschenalter verzögert; die Geschichte Israels nahm einen ganz anderen Verlauf alS eS ursprünglich in Her Abficht des Weltenvaters gelegm hatte. Kleinmütige Unterschätzung der eigenen nationalen Güter und desto größere Achtung und Verehrung äußerjüdischer Dinge und Personen, die fich btS zur selbstentwürdigenden Ueberschätzung alles Nichtjüdischen steigert, ist ein Fehler Israels vom Tage seiner Entstehung bis zum heutigen Tage geblieben. Bon jedem eienden ägyptischen Frohnvogte vom Range eines Schutzmannes ließen fie fich ruhig unb geduldig schlagen und drangsalieren, aber kam ein Israelit daher wie Mosche, ein Mann, der am H ofe des Königs aufgezogen worden war und in der Reih c der Prinzen fich bewegte, und machte nur gelinden Vorhalt darüber, daß einer den andern schlagen wolle, . ls ob sie noch nicht genug an den von den Zwtngherrm? erabreichten Schlägen hätten, da wallt daS demokratische Blut aus und sprudelt, voll Entrüstung über die vermeintliche Verkennung der Menschenwürde, die boshaften Worte hervor: „Wer machte Dich zum Herrn und setzte Dich zum Vorgesetzten und Richter über uns?" Unb baß dies heutigen Tages nicht anders geworden ist, weiß ein jeder von uns. Draußen vor der großen Welt spielt man fich als den leutseligen Demokraten, als den Verfechter der Rechte der Unterdrückten auf und im Innern verfährt man als gewalttättger, selbstherrlicher Pascha, der nicht einmal vor dem Heiligsten und Delikatesten Halt macht — vor der Gewissensfreiheit und der religiösen Ueberzeugung. Nicht allein die Geschichte unserer verflossenen deutschen Reform liefert tieftraurtge Beweise von gewaltsamer Unterdrückung der Glaubensgenossen und von religiösen Ueberzeugungen, sondern noch heutigen Tages suchen viele, welche selbst daS überlieferte Judentum zugunsten eines seichten, verwässerten Glaubens aufgegeben haben, die Qualen, welche fie durch die Stimme des verborgenen warnenden Gewissens erleiden, zu rächen an ihren Stammesbrüdern, deren Treue zum angestammten, nicht verkürzten Judentum fie immer als stillen Borwurf empfinden. Bliebe diese Unterschätzung deS Jüdischen, diese Ueberschätzung alles Fremden nur aus die Personen beschränkt, eS wäre nicht so schlimm. Aber eS greift auf alle Gebiete über. Da haben wir unsere lebenskräftige Thora mtt ihren herrlichen, tiefgründigen Lehren, die das Gemüt voll befriedigen, den Geist vollauf beschäftigen, ihm jeden Tag neue Probleme stellenwir besitzen die Psalmen, eine Lyrik, erhabener und schöner, inniger, tröstender und erhebend wie jedwede Poesie der Wettwir befitzm ein Buch Hiob, voll der philosophischen Betrachtungen, gehüllt in eine Form, welche den gebildetsten und feinfühligsten Aesthetiker entzücktwir besitzen eine fich von den ältesten Zetten btS zum heutigen Tage fottentwtckelnde Literatur wie keine andere Nation — wir blicken auf eine wunderbar fich avspielende Geschichte, voll der merkwürdigsten Schick- 10. die 1 Kolle roße leben Alt, auf i der jeit zwisck remd richte .lrkra larrt )arrt. tapfer Muts trage» Richti und l wir d Geme hat, l und e Diese ange durch mente thargi )rohte diesem ten sik auf u auf d Wien müßte gierun vorlie; ie der s eine weg i könnte S» ein \ bre Rr Erfolg! trauric von D üchts Gefahr lizianei vauern Gefahr reits l M u wlnisfl »esteher st abe ale, die »htlosopl köchter remder md ihr m Ghei vorder» ■ »b, und »es sanft mchgehei mch in t verpflanz Gev lichtjüdtj Sträuche ie bedecl >om Bat msrotter mdere »ie Etger ahrung eine eige ^ntfaltui »erborger Zreude fi Dari -löst. 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