Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1909)
- Date
- 1909-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelif «(lll EinCenfratorgan lürdasorthodoxeJuientam will Begründet non Dr.LeHmanninIDainz b&si \\\ 10. Juni 1909. 50. Jahrgang. WZs Sranhlurf a. Ol.. Sen M LS. 21. Siman 5669. «bonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland l Ilub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direft. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direft an den Verlag erfolgen per: Conto bei de« Postscheck-Amt Krankfnrt a. M. Ro. 344. «onto bei der K. K. Postsparkasse Wie« Ro. 79 605. Conto bei de« K. Postsparkassenamt Budapest Ro. 18 424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Nttihei und LorresponSenzen des „Israelit“ UT nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es Ticfi um größere Dufffifce handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet Zwei Versammlungen. „Jedes Land hat d i e Juden, die es verdient." Das ist ein geläufiges Schlagwort, von dem man nicht recht weiß, ob es von Freund oder Feind geprägt worden ist, jedenfalls von keinem, der Anspruch erheben darf, mit seinen Aphorismen Lebenswahrheit zu verkünden. In Wirklichkeit waren die Juden stets und überall besser als ihre Wirtsvölker es verdient hätten. Je härter der Druck, je trostloser die Notlage, je gedrückter und gefahrvoller die Stellung nach außen, desto stärker lebte in dem alten Juden die Ueberzeugung, daß seine Schwächen und Mängel das Se Volk zu büßen haben würde, desto ängftc war er bemüht, in seinem Leben und Streben, Handel und Wandel jeden üwn zu vermeiden, während vVN ttnip, jede Tat, die dem Juden und dem Judentum zur Ehre gereichen könnte, das höchste Ideal des Ghettojuden war. Daraus mußte sich mit Naturnotwendigkeit ergeben, daß der Jude immer besser war als seine Umgebung, daß, je schlechter und verderbter das Volk, desto besser, idealer und charakterstärker der in seiner Mitte lebender Jude. Wahr ist es freilich, daß die Judenfeinde allüberall die Juden zu dem stempeln, was sie durch die ihnen zuteil werdende Behandlung aus ihnen machen möchten. So ist es in Rußland das schwarze Gewissen der Echtruffen, deren Politik gewiß danach angetan wäre, die Juden ins Lager der Revolution zu drängen, das die Juden als Feinde des Staatswohles denunziert. Im Widerstreite der nationalen Meinungen und Jntereffen in den deutsch-slavischen Ländern kann man es wiederum oft erleben, daß der durchaus neutrale Jude von jeder Seite der Unterstützung der Partei beschuldigt wird, in die ihn die Boykott-Politik der Gegenpartei nachgerade gewaltsam hineinzudrängen sucht. Konnte der Jude mithin in den Ländern der Not sich inbezug auf seine Moralität trotz aller Anfeindungen und systematischer Erniedrigung von Jahrhunderten bewähren und seinen Charakter als Mensch und Jude allen ihn wild umbrandenden Wogen zum Trotze rein erhallen, so mußten sich die Folgen der äußeren Bedrückung um so mehr und intensiver innerhalb der Judenheit in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung fühlbar machen. Die innere Lage der Juden bietet immer eine mehr oder minder getreue Abspiegelung der politischen Strömungen, die im Lande vorherrschend sind. Aus den je nach den politischen Verhältnissen des betreffenden Landes ganz verschieden gearteten Kämpfen und Sorgen der Juden kann der Vokspsychologe ungemein viel zur Charakteristik der Völker, in deren Mitte der Jude lebt und leidet, lernen. Zwei Versammlungen, die in kurzem Zeitraum in zwei weit von einander und in verschiedenen Ländern gelegenen jüdischen Centren abgehalten wurden, müssen uns von diesem Gechtspunkte aus ganz besonders interessieren: Wilna und Wien. Diese zwei ganz verschieden zusammengesetzten, auf verschiedenen Voraussetzungen beruhenden und ganz verschiedenen Zielen zustrebenden Versammlungen halten das Eine gemeinsam, daß sie beide, und zwar die erste unmittelbar und diezweite mittelbar, die vitalsten Jntereffen der Juden, dort wo sie am meisten vertreten und am schwersten zu leiden haben, in R u ß l a n d und Galizien, bet äsen. In Wilna haben sich unter den denkbar schwierigsten Umständen etwa 40 bewährte Männer und geistige Führer zusammengetan, um auf Mittel und Wege zu sinnen, die aus der materiellen und geistigen Notlage hinausführen. Sie kommen spät, aber nicht zu spät. Diese Hoffnung klingt aus allen Reden, Verhandlungen, Debatten, Beschlüssen und Resolutionen der Versammlung in Wilna. Und diese Hoffnung, dieser feste Wille, diese Unerschrockenheit und Geschlossenheit seitens der Führer und Lehrer, die so lange zum Schaden des ganzen Volkes geschwiegen, sie allein bedeutet schon einen unermeßlichen Erfolg, der nach außen und nach innen neue Perspektiven eröffnet und neue Wege ebnet. Die Wilnaer Versammlung hat Erscheinungen gezeitigt, die jeden Juden, der mir der Geschichte der russischen Judcnheit vertraut ist, und den Entwickelungsgang des dortigen Judentums von den Tagen seiner höchsten Blüte bis zu den Jahren seines Niederganges und der allgemeinen Verworrenheit kennt, mit froher Hoffnung erfüllen muß Was wir in einem Artikel (Jüdische Organisationsfragen in Rußland, Nr. 8 l. I.) vor mehr als zwei Monaten kaum als leise Hoffnung auszusprechen wagten, nämlich die Vereinigung der polnisch-chassidischen mit den russisch-littauische n Rabbinern, es ist in Wilna zur Tatsache geworden. Die Gefahr machte den historischen Gegensatz zwischen den Chasfidim und Misnagdim vergessen/ die Streitaxt wurde, angesichts der gemeinsamen Feinde von innen und außen, hoffentlich für immer begraben, und beide Parteien, die ja nie durch so weitgehende prinzipielle Gegensätze, wie sie heute in der neuhebräischen Presse zum Austrag gebracht werden, getrennt waren, werden hoffentlich einig und geschloffen im Dienste der Judenheit und des überlieferten Judentums arbeiten. Ein Zusammengehen und friedliches Einvernehmen zwischen den Rabbis aus Gur und Lubowitz, vor denen die polnischen jüdischen Massen sich in tiefster Verehrung beugen, mit den littauischen, von aller Welt anerkannten Gaonim wie Rabbiner Soloweizik-Brest, Friedmann- Karlin usw., ist schon an sich ein Erfolg, wie ihn die russische Judenheit seit einem Jahrhundert nicht zu verzeichnen hattte. Es ist, wie wir schon seinerzeit in dem erwähnten Artikel ausführten, eine Verbindung zwischen dem rücksichtslos auf sein Ziel hinarbeitenden polnischen Rabbinertum mit den weltkundigen, lebensklugen und die Zeichen der Zeit verstehenden russisch-littauischen Rabbinern. Die Verbindung, hoffen wir, wird eine dauernde und friedliche fein und der ganzen russischen Judenheit zum Glücke gereichen. Ein weiteres fteudiges Moment ist die Teilnahme vvn Vertretern des gebildeten Laienelementes an der Rabbinerversammlung in Wilna. Von böswilliger Seite in Rußland wie im Auslande war von einer rabbin ischen Autokratie gesprochen worden. Die Rabbiner wurden verdächtigt, nur aus Eigennutz zur Erweiterung und Befestigung ihrer Macht in den Gemeinden ihre Versammlungen einberufen und den gesetzestreuen Verband gegründet zu haben. Als Beweis diente der Umstand, daß die Versammlungen, Kommissionen usw. bislang ausschließlich aus Rabbinern bestanden. Ja, die eigennützigen, selbstsüchtigen, nach Macht und Herrschaft strebenden russischen Rabbiner! — Sie leben, wie jedem Eingeweihten bekannt ist, fast alle unter den gedrücktesten, ärmlichsten Verhältnissen Abhängig und auf Einkünfte vonseiten ihrer armen Gemeindemitglieder angewiesen, sind sie mit ihren Familien beständig der drückendsten Nahrungssorgen ausgesetzt. Ihr einziges Machtmittel ist die Autorität der Thora, vor der sich immer noch die überaus große Mehrhe t in den jüdischen Gemeinden Rußlands in Ehrfurcht beugt. Und dennoch.— als ein jüngerer Rabbiner es wagte, in der Versammlung den Antrag zu stellen, auch über eine Besserung der materiellen Lage der Rabbiner zu beraten, da wurde ihm von der darob entrüsteten Versammlung der Bescheid, die Rabbiner seien nicht um ihretwillen, sondern für die Jntereffen des Volkes zusammengetreten und