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Der Israelit · 1909-06-03 · Heft 22 (3.6.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 22 (3.6.1909)
Date
1909-06-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 12. Nr. 22. Der Israelit. 3. Juni 1909. k?*- r £• jf. i k s. t t f r. £ ■ «t fc-; ■ schlagen. Den gerichtlichen Weg zu beschreiten, ging ihm gegen seine Ehre und so verzichtete er lieber auf "jedes Attest. Wie mancher brave Kollege ist schon durch solche und ähnliche Schikanen aus seinem Berufe hinausgedrängt worden! Wer aber hat d en Schaden davon? Die Gemeinden, das Judentum. Wann wird Besserung kommen? LomsponOevrei, u. ßacbricbte». Aus Bayern. Die statistische Beilage der bayrischen Lehrerzeitung enthielt jüngst in ihrer Darstellung der Entwicklung der bayrischen Volksschulen von 1870/71 bis 1905(06 auch einige sehr wichtige Angaben, welche auf die j ü d i s ch e n Volksschulen Bezug haben. Während 1870(71 die Zahl der letzteren 133 — 1,9 °/<> betrug, sank diese Ziffer bis 1905(06 auf 87 — 1,2 °|0 herab. Ebenso verhält es sich bezüglich der Schülerzahlstatt 6258 — 0,90°|0 im Jahrgang 1870(71, sind es gegenwärtig nur noch 4509 — 0,47 °|0. Die jüdischen Lehrkräfte reduzierten sich ebenfalls nicht unbedeutend. Nur das weibliche Personal hat einen kleinen Zuwachs von 9 — 0,04 % auf 14 0,05 uio (?) die Redaktion) zu verzeichnen, sonst ist überall ein bedauerlicher Rückgang zu verzeichnen, der fast ausschließlich aus das Verlustkonto der Landgemeinden kommt und von Jahr zu Jahr größer wird. Da schon jetzt in vielen jüdischen Volksschulen die Zahl der Schüler eine erschreckend kleine und auf einen Zuwachs von Mitgliedern in den betreffenden Gemeinden kaum zu rechnen ist, so ist die Zeit nicht mehr fern, wo die jüdische Volksschule in Bayern auf den Aus st erb e et at gesetzt werden muß. Diese Entwicklung könnte allerdings dadurch etwas verzögert werden, daß man bei der Aufnahme von „Fremdlingen" jüdischerseits etwas entgegenkommender wäre. Ob die Agitation zur Neugründung jüdischer Volksschulen in den Städten künftig auf besseren Erfolg als bisher zu rechnen hat, ist billig zu bezweifelu. Um so mehr tritt die Notwendigkeit an die maßgebenden Kreise heran, die Lage der jüdischen Religionslehrer gründlich zu bessern. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. euilleton. Utrgelfung. 1 Kulturbild aus der jüngsten Vergangenheit " in Rustland. (Fortsetzung.) „So gehe ich durch den Laden," beschloß er. f Als er aber dann zurückkehrte, fand erden Einf gang durch zwei wilde Gestalten verstellt, die auf \ der Schwelle standen und, ohne ihn zu bemerken, ) eifrig diskutierten. f „Schon wieder diese Angst" — sagte der eine, 5; in dem Berkowitz sogleich Kuraschow erkannte — „habe bald das ganze satt! Hast Du ihn auch L so liegen sehen, den toten Mann im weißen Ge- |. betmantel mit den zehn Geboten in der Hand?" | Du bist ein Esel, ein Schwachkopf!" arn- £ wortete der andere ausweichend. „Mag sein! Aber wie er da lag, ich wette Gott sieht es. Die Strafe kommt! . . ." | „Wenn Du von Gott sprechen willst, dann §• gehe in die Kirche," spottete Karutzki. t „Ich wünschte, ich wäre heute in die Kirche I gegangen und dort geblieben, mich friert!" „Das Blut des Gekreuzigten zu rächen, ist der schönste Gottesdienst, hat ein Pope gesagt," belehrte der Schuster. Sprecbsaal. Das aktive und paisive Wahlrecht der Rabbiner und Lehrer. Auf dem D. I. Gemeindetage sind die Vertreter der Lehrerschaft (des Lehrer Verbands! die Redaktion) dafür eingetreten, daß die Rabbiner und Lehrer auf die Befreiung von den Kultussteuern verzichten, dafür aber das aktive und passive Wahlrecht erhalten sollten. Die Erfüllung dieser Forderung wurde ihnen auch zugesagt. Ob mm die Einführung einer Organisation ganz und gar in Frage gestellt oder doch in weite Ferne gerückt sein mag, so halte ich es doch für nötig, daß die Lehrer dazu Stellung nehmen. Ich und viele meiner Kollegen halten nämlich den Tausch für einen recht unglücklichen. Zunächst die finanzielle Seite. Für Lehrer in Großgemeinden mögen ja die paar Mark Kultussteuern, die eventuell auf sie entfallen, nicht drückend sein. Anders in Gemeinden von 15 bis 20 Familien, wie es deren Hunderte in Deutschland gibt. Dort werden sie nicht etwa nur 5 bis 7, sondern in den meisten Fällen 10°/° aller Umlagen zu tragen haben, denn das Einkommen des Lehres kann ihm oft bis auf den Pfennig nachgerechnet werden und er ist bei der Steuerdeklaration an und für sich gewissenhafter als das Gros der Staatsbürger. Da die Kultussteuern zuweilen 300 °/o der Staatssteuern betragen, so wird der jüdische Lehrer einen hübschen Brocken zu zahlen haben. Ich bezweifle, ob die Gemeinden gewillt sind, ihm diesen Ausfall durch Erhöhung seines Gehaltes zu ersetzen. Die Ehre, die wir durch die Erwerbung des aktiven und passiven Wahlrechts erlangen, ist also zum mindesten recht teuer erkauft. Es ist aber auch eine sehr gefährliche Ehre. Es ist bekannt, daß in nicht wenigen Gemeinden anläßlich der Wahlen alle Leidenschaften entfesselt werden und daß die Gemüter oft monatelang vorher und nachher heftig erregt sind. Der Lehrer muß sich prinzipiell von diesen Kämpfen fernhalten. Das ist schon jetzt keine ganz leichte Sache, wie aber, wenn er das Kuraschow wurde nachdenklich. Dann sagte er, da er ans das unumstößliche Argument des Freundes nichts zu erwidern wußte, nur: „Aber es schaudert mich, wenn ich an den Alten denke, und der Daumen, den er mir beinahe abbiß, tut verdammt weh." Er steckte den blutigen Finger in den Mund. „So hat unser Heiland geblutet!" bemerkte Karutzki im Tone eines Gebetes. Kuraschow schaute wieder, den schmerzhaften Daumen mit dem Speichel kühlend, nachdenklich vor sich hin. Plötzlich nahm er den Finger aus dem Munde und sagte, indem er die Wunde betrachtete, als könnte sie ihm darüber Auskunft geben! „Höre einmal, Karutzki! Du mußt aber nicht lachen, aber sage nur: haben die Juden auch so ' heftige Schmerzen, wenn wir auf sie so erbarmungslos einhanen und wenn das Blut aus ihren Wunden fließt?" Der Schuster lachte höhnisch, ging aber auf die Frage nicht ein und erwiderte nur: „Höre mal, Freund, Du bist von Sinnen! Entweder hast Du Dir am geplünderten Branntweinfaß des Leibowitsch zu viel getan, oder es sind noch die Spuren von den Krallen Deines gelehrten Weibes . . . ." „Laß die Marianka gehen, Du elender Schuster!" — unterbrach ihn Kuraschow zornig — „sie ist ein goldenes Weib! Ich aber bin ein Lump, ein Hallunke nicht minder wie Du!" „Meinetwegen," bestätigte der Schuster", aber sie hat Dich von Sinnen gebracht. Siehe nur da! Alles lebt im Saus und Braus, ein Fest, wie wir es noch nie erlebt! Alle sind lustig und 1 voll Freude. Nur Du läßt den Kopf hängen, ' Du bist gereizt, und bereit, sogar mit Deinem Freunde, der es immer gut mit Dir meint, zu raufen. Pfui! schäme Dich!" Wahlrecht besitzt. Wählt er nicht, so wird er verdammt, wählt er ja, so verdirbt er es, da das Wahlgeheimnis in kleinen Gemeinden sehr durchsichtig ist, stets mit einer Partei. Wird er aber gar von einer Partei auf den Schild erhoben, so ist seine Stellung in dieser Gemeinde erschüttert und er mag ruhig zum Wanderstabe greifen, auch wenn er definitiv angestellt ist. Eine andere Forderung wäre am Platze gewesen. Dem Rabbiner und dem Lehrer gebührt von amtswegen Sitz und Stimme im Vorstand, wenn ich auch nicht so weit gehe, zu verlangen, daß er, wie in Württemberg, den Vorsitz darin führe. Der Lehrer ist, wenigstens auf dem Lande, oft die einzige Person, die über die nötige Kenntnis verfügt und auch Interesse dafür besitzt, darum gehört er in den Vorstand, wenigstens sobald er fest angestellt ist. Auf dem Gemeindetag wurde von hervorragender Seite den Gemeinden, d. h. in Wirklichkeit den Gemeindevertretern, der Vorwurf des Jndifferentismus gemacht. Nicht mit Unrecht. Aber woher rührt diese Erscheinung? Der Vorstand setzt sich in der Regel aus biederen Geschäftsleuten zusammen, die in ihrem Beruf recht tüchtig sein mögen, von der Verwaltung einer jüdischen Gemeinde aber selbstverständlich keinen blauen Dunst haben. Und in der Stadt ist der Jammer womöglich noch größer. Da fehlt es an jedem Jntereffe für jüdische Angelegenheiten, denn das bischen Religiösität, das man früher auf dem Lande besessen, ist beim Umzug in die Stadt verloren gegangen. Man läßt sich die Ehre, als Vorstand der Synagogengemeinde zu paradieren, ganz gerne gefallen, aber sie soll möglichst wenig Zeit kosten und noch weniger „Beschwer" verursachen. So wird nach Schema F weitergewurstelt und der entscheidende Faktor im jüdischen Gemeindeleben scheidet von selbst aus, entweder aus Mangel an Intelligenz oder an Interesse, oder aus beiden zusammen. Nein, ob Organisation oder nicht, ich halte das aktive und passive Wahlrecht für ein Danaergeschenkbaacks vkk! W. Kuraschow folgte - er senkte das Haupt und schämte sich. „Weißt Du," lenkte der Schuster großmütig wieder ein, „wollen wir da eintreten. Ich glaube, da geht es lustig her, es wird Dich zerstreuen und wieder kurieren. Komm!" VIII. Oben klirrten plötzlich die Fensterscheiben der Wohnung, mehrere Möbelstücke stürzten krachend aufs Pflaster und zersplitterten vor den Füßen ihres untenstehenden Eigentümers. „Sie find oben," schrie Berkowitz laut auf und lief in wilder Verzweiflung in den Laden. Alle Spuren von persönlicher Angst waren auf einmal von ihm gewichen. Er schritt über Haufen und Trümmer seines verwüsteten Gutes, aber er sah und hörte nichts um sich her. Wie auf Flügeln, die nur die Panik, wenn sie ihre äußerste Grenze erreicht, zu verleihen vermag, schwang er sich die. Treppe hinauf und nun stand er in seiner Wohnstube, mitten unter den Vandalen, die darin mit Eifer und Wut arbeiteten. „Wo ist meine Frau? Meine Kinder?" schrie er die Räuber an. Ein stürmisches Hohngelächter aus einem halben Dutzend roher Kehlen war die erste Antwort. „Meine. Frau! Meine Kinder?" schrie er in wachsender Verzweiflung, während seine blutunterlaufenen Augen in allen Ecken vergebens nach ihnen spähten. „Meine Frau und meine Kinder! Wo sind sie? Habt Ihr sie erschlagen, Ihr Mordgesellen?" Ein erneutes rohes Gelächter. „Dies wirst Du uns bald sagen, verdammter Jud!" antwortete einer. „Vorerst haben wir was Besseres zu tun. Bist Du Eigentümer dieses Hauses?"

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