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Der Israelit · 1909-06-03 · Heft 22 (3.6.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 22 (3.6.1909)
Date
1909-06-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit. No. 22. Seite 13 3 Juni 1909._ „Meine Frau und Kinder!" jammerte Berkowitz. „Schlagt ihn tot, die Heulkanaille!" ließ sich eine Stimme hören. „Damit ist noch innner Zeit", sagte ein anderer, „er soll Nils erst die Schlüssel und alles Geld geben." „Meine Frau und uleine Kinder! Gott erbarme sich ihrer!" Einer aus der Bande schrak bei diesen Wortcu etwas zusammen und trat wie beschämt ein wenig zur Seite, um vom Hausherrn nicht gesehen zu werden. Es war Kuraschow. Es flimmerte ihm vor den Augen und er sah wieder Len Alten in seinem toeißen blutgestreiften Gebermantel mit der Pergamentrolle an der Brust. Die eine Hand .dleutete drohend nach ihm und der Mund flüsterte: ,,Gott sieht es . . ." „Ich gehe aus und davon, mir gruselt!" flüsterte er seinem Freund Karutzki zu. „Bleibe da und erwärnre Dich; es wird auch bald zil trinken geben!" tröstete dieser. „Meine Frau! meine Kinder!" schrie der Hausherr immer voll neuem, von Ecke zu Ecke und von Zimmer zu Zinnner laufend. Aber nirgends war eine Spur von ihnen zu entdecken. Er wollte wieder zur Türe hinaus, um den wahnsinnigen Kreislauf inl Flure zu beginnen, als ihn einer der Anführer mit fester Hand anpackte und ihn mit dröhnender Stimme anschrie: „Hier bleiben, Jud! Dein Geld her und dann auch die Schlüssel zu sämtlichen Behältern!" Die anderen Exzedenten stellten sofort ihre Arbeit ein und umringten das Opfer. „Meine Frau und Kinder. O, könnte ich sie nur lwch einmal sehen!" jammerte der Angegriffene wie geistesabwesend. Dann trat für einen "Augenblick Stille ein, ein? dunrpfe unheilschwangere Stille. In diesem ruhigen Augenblicke war deutlich ein leises und verhaltenes Schluchzen und dann auch ein gedämpftes Geräusch aus irgend einem unsichtbaren Raum über den Köpfen zu vernehmen. „Nehmt ihm die zehn Gebote ab er tötet mich!" schrie plötzlich Kuraschow mit vibrierender Stimme. Die Gesellen sahen sich fragend an. Doch der Schuster Karutzkr erklärte: „Der Kerl ist verrückt! Er hat in der Weinstube von Leibvwitz, neben der Synagoge eins zu viel getrunken, seitdem ist er von Sinnen." „Laßt mich!" phantasierte Kuraschow weiter. „Warum auch gerade mich? Die anderen haben es ja auch getan! Warum auch gerade mich? O, helft mir.... er zieht mich in seinen weißen Gebetmantel hinein... So laß doch! Ich kann nicht mit Dir! habe auch Frau und Kinder!" „Sei vernünftig, Freundchen", bat Karutzki, komm 'raus, werde Dir eine sauere Gurke traktieren." „Ist schon vorbei", beteuerte Kuraschow, „es ist der verdammte Schmerz im Daumen. Kreuz Sakrament! Da pocht und hämmert eS hinter dem Nagel zum Verrücktwerden!" Er steckte den wunden Finger in den Mund und schien wieder beruhigt. „Also das Geld und die Schlüssel", donnerte der Anführer, von Neuem sein Opfer heftig rüttelnd. Kreidenbleich, von allen Schrecken des Todes umgeben, dachte Berkowitz nur an seine Familie und hoffte noch, bei seinen Peinigern Erbarmen zu finden. „Laßt mich" — flehte er — „ich gebe euch alles, ihr sollt alles haben, was ihr wollt, aber verschont michmeine arme Frau und Kinder." „Wo hast Du sie versteckt?" „Ich weiß nicht, wo sie sind." „Aber ich weiß es" — lachte der Bandit höhnisch, - „oben auf dem Dachboden, da heult und regt .sich die Judenbrut — geht hinauf, ihr Kinder" wandte er sich zu seinen Kameraden — „holt sie herunter, tot oder lebendig." Bier ans der Bande stiegen die hohe Leiter hinauf, die im Korridore stand und deren, oberes Ende in eine viereckige Oeffnung an der Decke mündete, und durch dasselbe zum Dachboden führte. Auch Kuraschow war wieder bei völlig klarem Geiste und machte die „hohe Expedition", wie Karutzki lachend und ermunternd bemerkte, mit. Oben war es stockdunkel. Das einzige Luckfensterchen war durch einen Laden geschlossen. Es huschte, als die Gesellen den Boden bestiegen, etwas Unheimliches pfeilschnell an ihnen vorbei, dann trat atemlose Stille ein, während die Räuber stolpernd und behutsam int Dunkeln umhertasteten. „Macht die Lucke auf! Man sieht nichts!" — rief einer. „Dort an der Ecke!" — wurde die Stimme Kuraschows hörbar. „Komm init, .Du weißt hier am besten Bescheid." An jener Ecke regte sich plötzlich etwas. „O Grauen!" — zitterte Kuraschow von neuem. „Sei ein Mann! Wirst Dich doch nicht etwa vor den Judenweibern fürchten?!" — ermutigte Karutzki und drückte sich zaghaft hinter den Rücken seines Freundes. „Nein, nein, aber er kommt schon wieder!" „Wer kommt?" „Siehst Du ihn nicht mit den feurigen Äugelt im weißen Gebetmantel? Herr, Vater unser! Er zieht mich fort, er erwürgt mich!" In der Tat packte eine Hartd aus d?nt dunklen Verstecke den erschrockenen'Banditen und eine zitternde Frauenstimme, wie die eines Gespenstes, wurde hörbar: „Kuraschow! Du, du, Auch Du hier?" „Laß mich! laß mich!" — schrie dieser in wahnsinniger Angst — „Auch ich hier! Aber warum wieder ich? Habe auch Frau und Kinder!" „Kuraschow!" fing das Gespenst wieder mt. „Schlage doch los, Du dummer Teufel" — rief ihm einer zu — „hau sie nieder, das verdammte Judenweiü!" „Bin keine Jüdin. Nur nicht, Kuraschow'" schrie die Stimme aus dem Dunkel weiter — „kennst Du mich denn nicht?" Christen wollen sie heute alle sein, schlage los!" „Nicht schlagen! Ich bin M . . . ." In diesem Augenblicke hatte Kuraschow tm Delirium wie wahnsinnig mit der Eisenftang? ausgeholt und blindlings vor sich hin geschlagen. Ein fürchterlicher Aufschrei und die dunkle Gestalt brach zusammen. In diesem Momente öffnete jemand das Fensterchen und das hell? Tageslicht drang in den Bodenraum eilt. — „Es ist mein Weib, die Marianka!" — schrie Kuraschow voll Entsetzen auf, so daß die Kameraden erschreckt zurückwichen und für die anderen geängstigten Menschen, die Frau und Kinder, die sich jetzt leichenblaß und am ganzen Körper zitternd, aus ihren Verstecken hervorwagten, keinen Sinn mehr hatten. Alle erkannten sie, sie, die Marianka, die Frau Kuraschows, die nun blutüberströmt und regungslos aus dem Boden lag. „Eine Christin gemordet! Wir sind verloren!" — Dieser Ruf, den Jemand vor sich hin fallen ließ, wirkte wie ein Zauberwort. Ein wilder Schrecken bemächtigte sich der feigen Mörder, eilig und übereinander stürzend stiegen sie die Leiter hinunter und liefen, ohne sich umzusehen, davon. „Mache .Dich davon!" — rief einer tm Borübereilen dem Bandenführer, der beim Hausherrn in der Wohnstube geblieben war, zu, - „Geschwind, bevor die Polizei da ist, deitn wir haben aus Versehen eine Christin ermordet." Und auch er ließ sofort von seinem Opfer ab und eilte die Treppe hinunter. * * Als sich Berkowitz plötzlich wie durch ein Wunder befreit sah, eittrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust, keilt Seufzer der Erlösung, sondern der Sorge um die Seinen, die ihn jetzt mit doppelter Macht ergriff. Oben war das Unglück geschehen. Das konnten seine wachendert Sinne trotz der Todesschrecken und der Geistesverwirrung wahrnehmen. Ultd wieder breiteten Angst und Aufregmtg ihre Schwingen aus und trugen ihn hinauf zum Versteck seiner Lieben. .Hier war der blutige Schluß des furchtbaren Dramas. Auf dem Boden lag sie in einer Blutlache, die immer lwch von der Kopfseite Zufluß bekam. „Ist es meine Frau? Mirl! Rosa' O Herr, ist es möglich? Die Marianka! Frau, Kinder, wo seid ihr?" Alle kamen sie jetzt zitternd und fröstelnd mit kreidebleichen Gesichtern, auf denen noch all die Spuren der ausgeftandenrn Schrecken deutlich zu sehen waren, aus ihren dumpfen Verstecken heraus, und ein Strom von Tränen, der während der Gefahr in den ewig dauernden Minuten gewaltsam eingedämmt wurde, brach sich jetzt angesichts der daliegenden, früheren Dienstmagd und Lebensretterin, unaufhaltsam Bahn. „Sie hat uns versteckt und geschützt" — erzählte Mirl schluchzend — „Sie wollte auch auf unser Bitten bei uns bleiben, weil sie sich als Christin sicher fühlte. Nun ging sie für uns —" Sie konnte nicht weiter erzählen und alle, auch Berkowitz, zum ersten Male seit seinem Gedenken, weinten heiße Tränen. Einer weinte nicht und wurde von den bestürzten Anwesenden kaum beachtet. Es war Ku r a s ch o w. Mit untergeschlagenen Beinen saß er noch da, wo ihn die geflüchteten Kameraden hinlerließen, und betrachtete stumm die Blutlache, dann stierten seine Augen v.rstohlen nach dem Körper seiner Frau. Oft spielte ein nervöses Zucken auf seinen dicken Lippen: „Gott hat es gesehen und geahndet." Marianka lag am Kopfe getroffen, bewußtlos, aber ihr Körper zuckte noch, und ihre. Brust bewegte sich leise. Der Hausherr war der einzige, der den Kopf nicht ganz verlor, und er bestellte sofort einen Krankenwagen. Bevor jedoch dieser kam, war schon eine Poltzeiabteilung am Platze und zum Tatorte hinaufgestiegen. „Ist hier eine Christin ermordet worden?" fragte der führende Pristav in strengstem Amtstone. — „Ja!" schrie plötzlich Kuraschow in großer Erregung. „Seid Ihr der Hausherr?" wandte sich der Beamte am Berkowitz, ohne den Worten Kuraschows Beachtung zu schenken. „Ja!" . „So seid Ihr für die Tat verantwortlich. Wer hat sie gemordet?" „Ich, ich, ich und kein anderer!" schrie wieder Kuraschow, indem er in wilder Erregung sich erhob und eine drohende Haltung annahm. Kuraschow wurde abgeführt, und im selben Augenblick kam auch der Sanitätswagen, der Marianka ins städtische Spital überführte. IX Es war schon spät am Abend. Bleich und ernst saß die Familie nach den Leiden und Erregungen des Schreckenstages um den Tisch, der wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war. Es war ein schauervpller Traum, aus dem sie immer noch nicht recht erwachen konnten. Am matten, zitternden Lichte eines Oellämpchens — denn die große Kettenlampe war wie die Spiegel zerschlagen — sprachen sie von der Gefahr und der wunderbaren Errettung. Die Kleinen hatten zuerst ihren Anschluß an das Leten wiedergefunden. Da die ganz gebliebenen Stühle nicht ausreichten, kauerten sie auf der Erde und plauderten guter Dinge. Mit unsäglicher Beklommenheit schauten die Eltern nach den Kindern und sahen sich dann gegenseitig prüfend an. Sie hatten einen Gedanken und wagten nicht ihn auszusprechen. Ob nicht auch sie bald, den Kindern "leich, trauernd auf dem Boden sitzen werden? Noch^ wußte man nichts Genaues über die Tragweite des Unglücks. (Schluß folgt.) S

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