Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-06-03 · Heft 22 (3.6.1909) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 22 (3.6.1909)
Date
1909-06-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449375--65580-2508226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Sette 8 Nr. 32 Der Israelit. 3. Juni 1909 für gekommen zu halten, ihr wirkliches „Programm" in bezug auf die Judenfrage kundzuaeben. Ihr offizielles Organ „Glos Moskwi" bringt einen langen, offenherzigen judenfeindlichen Artikel, in dem angeführt wird, daß die gegen die armen jüdischen Massen veranstalteten Pogrome ein „Irrtum" wären: es müßten vielmehr Pogrome gegen die reichen und intelligenten Juden veranstaltet werden. Betreffs der jüdischen Gleichberechtigung nimmt das Blatt ebenfalls eine ablehnende Haltung ein. Wenn man die leitende Rolle der Oktobristen in der dritten Duma bedenkt, so kann man sich leicht ein Urteil darüber bilden, was die Juden von dieser zu erwarten haben. Bisweilen handelt allerdings die Fraktion vernünftiger, als ihre Presse redet. Odessa, 25. Mai. Bekanntlich hat das Ministerium des Innern in der Duma einen Gesetzentwurf über die Bildung eines Gouvernements Chelem (aus dem östlichen Teil der bisher polnischen Gouvernements Siedlec und Lublin) eingebracht, damit den Juden in diesem Gebiete in Zukunft verboten sein soll, Immobilien auf dem Lande zu erwerben oder zu pachten. Durch die guten Chancen dieses antisemitischen Triks ermutigt, haben nun die reaktionären Mitglieder der hiesigen Stadtduma in der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag einaebracht die Stadt Odessa aus dem jüdischen Ansiedlungsrayon mit Genehmigung der Regierung anszuscheiden und sämtliche Juden auszuweisen. Die hiesige Stadtduma wird jetzt vollständig von den „echten Russen" beherrscht und würde kein Bedenken tragen, einem solchen Vorschlag zuzustimmen. Doch darf man hoffen, daß die Regierung vor diesem Schritte, der hunderttausende von Juden heimatlos und Odessa zu einem unbedeutenden Flecken machen würde, zurückschrecken und ihre Sanktion zu diesem ungeheueren Beschlüsse verweigern wird. In der letzten Woche sind 58 Juden aus den Gouvernements Beffarabien, Warschau, Grodno, Irkutsk, Kiew, Minsk, Petersburg, Pietrikau, Plocz, Podolinrc. via Odessa nach Palästina ausgewandert — darunter 45 Männer und J3 Frauen. An Vermögen besaßen von diesen Personen: einer 40000 Rubel, einer 10000 Rubel, drei je 6000 Rubel, einer 5000 Rubel, vier je 3000 Rubel und zwei je 2000 Rubel. Von Beruf waren elf Handwerker, zwei Landarbeiter, die übrigen Kaufleute. Wilna, 28. Mai. Wir stehen hier jetzt vor der Wahl eines neuen Dumaabgeordneten. Es ist keine Nachwahl nach sonstigen parlamentarischen Begriffen: der hiesige Abgeordnete Ko ljubakin ist weder gestorben, noch hat er sein Mandat niedergelegt — sondern ist auf Wunsch der Regierung von der Dnma selbst ausgeschloffen worden. Es ist also eine spezifisch russische Nachwahl. Koljubakin hat sich nämlich erdreistet, vor seinen Wählern über die politische und parlamentarische Lage zu referieren. Wir stehen nun also vor einem neuen Wahlkampf. Höchstwahrscheinlich wird dieser abermals mit dem Sieg der Kadetten enden, für die vor allem die hiesigen jüdischen Wähler eintreten werden. Diese wünschen, und mit Recht, daß ein Jude als Kandidat von den Kadetten aufgestellt wird, mit der Begründung, daß Wilna eine überwiegend jüdische Bevölkerung hat uud daß die Juden von allen Nationalitäten in Rußland in der Duma am schlechtesten vertreten sind. Als Kandidaten schlagen die jüdischen Wähler Rechtsanwalt Grusenberg vor, der ein bedeutender Jurist ist und als mutiger und temperamentvoller Kämpfer für die Seche der Freiheit gilt. Die Kadetten sollen, wie verlautet, den früheren Landwirtschaftsminister und Abgeordneten der zweiten Duma, Kuttler, als Kandidaten für den hiesigen Wahlkreis in Aussicht genommen haben. Man ist in hiesigen jüdisch gesinnten Kreisen zwar weit davon entfernt, an einen eventuellen Sieg Grusenb e r g s, deffen Verdienste für das Judentum völlig unbekannt sind, große Erwartungen zu knüpfen. Aber immerhin ist man doch mit Recht darauf gespannt, ob die Kadetten noch ein wenig Gerechtigkeitssinn und Pflichtbewußtsein gegenüber den entrechteten Juden empfinden. Die Annahme oder Ablehnung der Kandidatur Grusenberg wird ein Prüfstein dafür sein. England. London, 30. Mai. Seit einiger Zeit erscheinen in den verschiedenen jüdischen Blättern Notizen über angebliche große Pläne, die seitens des bekannten Philantropen Jacob H. Schiff auf dem Gebiete des jüdischen Kolonisationswesens gegenwärtig verfolgt werden. Diese mysteriösen Andeutungen, die sich zuletzt an den Aufenthalt Jacob H. Schiffs in Berlin knüpfen, werden durch ein Interview, das ein Vertreter des Jewish Chronicle mit Herrn Schiff hatte, soeben in nichts ausgelöst. Es ergibt sich daraus, daß Herr Schiff lediglich eine günstige Meinung über das mesopotamische Ansiedlungsprojekt geäußert hat und die Ansicht vertritt, daß es sich verlohne, 60—70 Millionen an die Amelioration des Landes durch Herstellung einer Bewässerungsanlage zu wenden. Herr Schiff glaubt, daß die Jca die berufene Körperschaft sei, um das Projekt auszuführen. Das ist alles. Schiff hat diese Gelegenheit benutzt, um so lebhaft, wie er es bisher noch selten getan hat, seiner Abneigung gegen den Zionismus und gegen jede Art von jüdischer Autonomie Ausdruck zu verleihen. London, 28. Mai. Vorige Woche wurde in der kanadischen Legislatur zu Quebeck ein neues Schulgesetz beraten. Die von der Regierung eingebrachte Gesetzesvorlage bezweckte die Demokratisierung des Schulwesens durch Entziehung der Schule aus der klerikalen Macht. Der Kampf wendete sich besonders gegen jenen Punkt des Gesetzentwurfes, daß die Schulkommissionen und die Lehrkräfte nicht wie bisher nur von Christen, sondern von allen jenen gewählt werden sollen, die durch ihre Steuern zur Erhaltung jener Schulen beitragen. Da die Juden in Kanada besonders für Schulzwecke besteuert sind, so würden gerade sie im Sinne des Gesetzes einen starken Einfluß auf die Wahl der Schulkommissionen und der Lehrer nehmen. In der Debatte über diesen Gegenstand, an welcher namens der Juden von Montreal der Kurator des Baron Hirsch-Instituts, Herr W. S. Jacobs, teilnahm, hielten die anwesenden Geistlichen heftige Reden gegen die Juden, welche angeblich die Schulen in ihren Besitz reißen wollen. Außer Herrn Jacobs und einem Mitgliede der Regierung fand sich in der gesetzgebenden Körperschaft kein einziger, der die Juden in Schutz genommen hätte. Die Gesetznovelle fiel denn auch mit allen gegen zwei Stimmen durch. Die Juden von Kanada werden daher auch in Hinkunft gezwungen sein, ihre Kinder in die von katholischen Geistlichen geleiteten Schulen zu schicken. Die Situation der Juden in Kanada hat sich infolge der letzten Debatte in Quebeck noch verschlimmert. Dublin, 28. Mai. Die englische Judenmisston hat eines ihrer Hauptquartiere in Dublin. Jeden Sonntag Nachmittag pflegen nun die Missionäre im Dubliner Judenviertel auf einem großen Platze unter freiem Himmel Missionsvorträge zu halten und ihre Seelengeschäfte abzuwickeln. Diese sonntäglichen Vorträge haben sich allmählich zu einem Unfuge herausgebildet und die Juden von Dublin beschlossen, ihn nicht länger zu dulden. Am letzten Sonntag nun hat, wie aus Dublin berichtet wird, das zur Bekämpfung der Umtriebe der Mission gebildete jüdische Komitee, eine Protestversammlung einberufen, die auch auf einem dem Platze der Missionsversammlung angrenzenden Grundstücke abgehalten wurde und massenhaft besucht war. Es kam bald zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern, die schließlich zum unvermeidlichen Zusammenstoß führten. Es entstand eine förmliche Schlacht, die damit endete, daß die Missionäre und ihr Anhang aus dem Judenviertel verjagt wurden. Die Arrangeur^ der jüdischen Versammlung erklärten der Ortsbehörde gegenüber, daß sie es nicht länger dulden werden, daß in ihrer Mitte dieser gewerbsmäßige Seelenfang betrieben werde. Türkei. Konstantinopel, 24. Mai. Die armenische Zeitung „Sagig" veröffentlichte vor kurzem einen regelrechten Hetz- und Schandartikcl gegen die Juden. Der „Burlon", eine hiesige spaniolisch-jüdische Zeitung, hatte diesen Artikel vollinhaltlich abgedruckt und in gebührender Weise beleuchtet. Hierauf sandte der Redakteur des armenischen Blattes, wahrscheinlich durch Furcht vor gerichtlicher Verfolgung oder vernünftige Zurede von seiten maßgebender armenischer Kreise bewogen, an alle hiesigen jüdischen Blätter eine Entschuldigung. Er schützte Krankheit und Abwesenheit von den redaktionellen Geschäften vor und versprach, demnächst in seiner Zeitung aus drücklich zu widerrufen. Die jüdische Presse reproduzierte diesen Brief und wartete auf den Widerruf. Dieser ist aber bis dato ausgeblieben. Infolgedessen sah sich der Mischlisch veranlaßt, sich dieser Angelegenheit anzunehmen; er hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, gegen den Gezeichneten Redakteur gerichtlich vorzugehen. Amerika. Newyork, 23. Mai. Das amerikanische Ministerium des Aeußern hat soeben eine Sammlung von Dokumenten betreffend den Anteil der amerikanischen Diplomatie an der denkwürdigen Marokkokonferenz veröffentlicht. Aus diesen Dokumenten geht hervor, daß die Delegierten der Vereinigten Staaten in der Konferenz auch die Judenfrage zur Diskussion stellten und im Namen ihrer Regierung die Forderung vorlegten, daß in das Marokko-Abkommen ein Punkt ausgenommen werde, wonach den Juden volle Gleichberechtigung zugesichert wird. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Die Konferenz einigte sich blos dahin, daß der Wunsch ausgesprochen werde, daß die Juden in Marokko in Hinkunft eine bessere Behandlung erfahren mögen. Aus den Dokumenten ist ferner ersichtlich, daß die amerikanischen Delegierten, die sich anfangs mit allem Nachdrucke für die Gleichberechtigung der marokkanischen Juden eingesetzt hatten, schließlich diese Forderung selbst fallen ließen. Diese Wendung wird damit erklärt, daß die englischen und französischen Diplomaten auf ihre amerikanischen Kollegen einwirkten und sie baten, die Frage fallen zu lassen, um durch das „Aufwerfen nebensächlicher Fragen" nicht die Hauptsache zu gefährden. Ueberdies versicherten die englischen und französischen Delegierten, daß die judenfeindlichen Gesetze in Marokko mehr auf dem Papier, als in der Praxis bestünden (?). llelmkcbler. Stuttgart, 23. Mai. Es verstößt gegen das Gesetz der Thora, den großen Männern in Israel Denkmäler zu setzen — ihre Werke bilden das Denkmal, das sie sich selber errichten. So weit ab wir demnach von der Errichtung von Denkmälern aus Erz und Stein stehen, so vermögen wir gleichwohl zu begreifen und zu würdigen, wenn die nichtjüdische Menschheit bedeutende und verdienstvolle Männer durch Monumente zu ehren unternimmt. Bon diesem Gesichtspunkte ausgehend, folgte ich heute einer Einladung zur Einweihung des Bert hold Auerbach - Denkmals aus dem Sulzerrain in Cannstatt- Stuttgart. Wir gesetzestreue Juden haben als solche keine Ursache, auf Berthold Auerbach stolz zu sein und ihn zu preisen. Er hat unser Judentum, das Judentum unserer Väter, nie verstärken und frühzeitig all das von sich geworfen, was uns heiligste Lebenspflicht ist. Dennoch soll nicht vergessen werden, daß er sich um feine Stammesgenossen Verdienste erworben hat. Wir brauchen nur daran zu erinnern, wie der unerschrockene Volksmann wider Richard Wagner, den berühmten Chirurgen Billrot, den Historiker Treitschke u. a. m. zu Gunsten seiner geschmähten Glaubensgenossen kühn aus den Kampfplatz trat, wie er gekrönten Häuptern gegenüber ohne Scheu vor Mißdeutung den Finger auf die Wunde legte, die Neid

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.