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Der Israelit · 1909-06-03 · Heft 22 (3.6.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 22 (3.6.1909)
Date
1909-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Htr tt. Nr. 22 Gelte 4 3. Juni 1SÜ9 Rabbinern geplanten Ehereform zum großen Teile auf die Einwirkung Dr Adlers zurückzuführen. Ahrch in den orientalischen Wirren der letzten Zelt hat sich Dr. Adler mit mannesmutiger Entschiedenheit auf die Seite derer gestellt, die das überlieferte Judentum nicht Männern von der Richtung der ^.llianes israollte preisgegeben sehen wollen. Die englischen Blätter weisen darauf hin, daß Dr. Adler schon um der Erhaltung seiner kostbaren Gesundheit willen, sich rechtzeitig nach einem Gehilfen umsehen solle. Auch wir können dem Jubilar nichts befferes wünschen, als daß es ihm gelingen möge, sich selbst bei Lebzeiten einen würdigen Nachfolger zu sichern, der die englische Judenheit mit sicherer Hand im Geiste des überlieferten Judentums weiterführe. ObtrraMtiner Monleedai 'Jfcnram f>irscb 8"st. Die Sefiratage, von jeher Tage nationaler Trauer, haben noch kurz vor ihrem Ende uns und der Gesamtjudenheit einen herben, unersetzlichen Verlust zugefügt. Schwere Trauer senkte sich nieder über Hamburgs Judenheit, als in der Mittagsstunde des 42. Sefiratages die Schmerzenskunde sich verbreitete: Die Himmlischen haben den Sieg über die Irdischen errungen und haben die heilige Lade entführt. Unbeschreiblich groß war die Trauer,- auf jedem Angesicht zeigte sich tiefer Gram und Schmerz um den unersetzlichen Verlust. Hamburgs Vorstandschaft hat nur der allgemeinen Stimmung Ausdruck verliehen, als sie in der offiziellen Todesanzeige ihren Oberrabbiner den „Vater der Gemeinde", nannte. Wie es bei dem ersten Hohepriester, bei dem Friedensfürsten Ahron, heißt: N'3 tpk W), es beweinte ihn das ganze Haus Israel", so war auch bei seinem Hinscheiden die Trauer eine allgemeine, ausnahmslose. Männer, Frauen und Kinder fühlten, daß die Gemeinde ihre Krone und Zierde, ihren treuen Hirten, ihren unvergleichlichen Führer und Lehrer verloren hatseine Beliebtheit in allen Kreisen der Gemeinde war, ohne Uebertreibung gesprochen, beispiellos, ihm wurde wahrhaft kindliche Verehrung entgegengebracht und allenthalben ertönte der Klageruf: 1N11Q5! u1? tP2v 'v. „Wo finden wir einen Ersatz für ihn!" Unser Oberrabbiner, wie die Hamburger mit Stolz ihn nannten, hat aber auch diese beispiellose Verehrung verdient. Seine Amtswirksamkeit in zwanzigjähriger treuer, So hat ein kleines Tierchen, vom Schöpfer der Welten glücklich begabt, die Weisen beschämt und den Sieg errungen. Ans dieser Erzählung können wir viel lernen, wenn wir sie mit Ernst betrachten. Sie zeigt uns vor allem, daß Gottes kraft auch im Kleinsten wirkt; darum wäre es schnöde Vermessenheit, wenn wir die Leistungsfähigkeit unseres Erkennens überschätzen wollten. — Die Natur in ihren tausend Erscheinungen verwirrt uns zu leicht; wir meinen, in die Tiefe gedrungen zu sein, und sind erst an der Oberfläche. Wir sind zu stolz auf das Zeitalter des Telegraphen und Telefons, das eine hervorragende Rolle in der Geschichte der Technik spielt. Unsere Mitwelt hat gewiß ein Recht, den Lorbeer und die Siegespalme demjenigen zuzuerkennen, der zum ersten Male im lenkbaren Luftschiffe kühn durch das Luftmeer steuerte. Der Schiffer in der Gondel aber möge wissen, daß er nur bis zur Wolkenhöhe fliegen kann, des Himmels Bläue nur schauend, dann aber wieder zur Erde zurück muß. Was Wunder, wenn in solchen Zeiten großer Erfindungen die Wissenschaft übermütig wird und der Meinung ist, sie hätte der Weisheit letzten Schluß gefunden? Sie schreitet einher wie eine stolze Fürstin. Lichtumflossen ist ihr aufgerichtetes Haupt, schwertgegürtet sind ihre Lenden, unter ihrem ehernen Tritte dröhnt der Boden. Zahlreiche Hypothesen werden heute — mehr als je — in die Welt geschleudert, und viele glauben an die neuen Wahrheiten. Eine Umwertung aller Werte wird vorgenommen, die Welträtsel müssen gelöst werden. Meine Freunde! Ter Mensch sollte doch etwas bescheidener sein und die Grenzen erkennen, die seinem Denken gesteckt sind; dann würde er zu der Einsicht gelangen, daß es Wahrheiten gibt, die jenseits seines pflichteifriger Arbeit, war eine segensvolle, gedeihliche, an Mühen und Erfolgen reiche. Sein eigenstes Verdienst war es, wenn die Gemeinde in den zwei Dezennien seiner Wirksamkeit der Segnungen des Friedens sich erfreuen konnte. Wir stehen noch zu sehr unter dem Emdruck des großen Verlustes, den wir erlitten, als daß wir uns schon jetzt genaue Rechenschaft ablegen könnten über das, was wir an ihm verloren haben. Es ist daher noch nicht an der Zeit eine erschöpfende Darstellung seines Schaffens und Wirkens zu geben. Sein äußerer Lebensgang möge jedoch in kurzen Strichen gezeichnet werden. Geboren im Jahre 1833, y'Xpn V2w 's in Tisza-Beö als Sohn des dortigen Rabbiners, wurde der frühverwaiste Knabe, — seine Eltern starben, als er 6 Jahre alt war — von liebenden Verwandten erzogen und, wie es damals selbstverständlich war, zum Thoralernen angehalten. Seine ausgezeichneten Geistesgaben und sein immenser Fleiß erweckten schon frühzeitig große Hoffnungen und einer seiner Lehrer sagte von ihm: Dieser Bachur wird ein „Gaon" werden. Als Zwanzigjähriger ging er nach Prag, um bei dem als n"n berühmten Sk'iöip 'd und bei Rappaport zu lernen, während er gleichzeitig seine profanen Studien an der Universität fortsetzte. Damals soll Rappaport von ihm gesagt haben: „Als Hirsch hierher kam, um zu lernen, war er bereits ein ausgezeichneter Mann." Als Dreiundzwanzigjähriger wurde er nach Xarczag in Ungarn als Rabbiner berufen und bald nachher war es ihm vergönnt an der Stelle seines Vaters in Tisza-Beö zu wirken. Die Gemeinde Altofen, einstens eine OKI "py berief ihn, als er 28 Jahre alt war, zu ihrem Oberhaupte. Dort wirkte er 18 Jahre. Es war die bewegteste Zeit seines Lebensdenn die Kämpfe der Kongreßzeit gehören dieser Periode an. Es bleibt einer besonderen Darstellung Vorbehalten, seine Stellung zu den Fragen der damaligen Zeit, die vielfach und von den verschiedensten Seiten angegriffen wurde, ins gehörige Licht zu stellen. Schweren Herzens riß er sich von Atlofen los und folgte einer Berufung nach Prag. Am 6. März 1880 hielt er dort in der Klaussynagoge seine Antrittsrede mit dem Thema: „Was finde ich vor und was bringe ich mit." In dieser meisterhaften Rede, die sein Programm enthält, dürfte folgender Paffus interessieren: „Ich bringe mit hingebungsvolle, aufopferungsfähige Begeisterung für die uralte Lehre des Judentums, die zu erfaßen ich unablässig strebe, mit der ich vertraut wurde in Beth hamidrasch, wo ich von meiner frühen Erlebens liegen, dann würde er demütig werden und bescheiden. Wie weit reicht unser Erkennen? — Wir nehmen mit Sicherheit nur wahr, was in Raum und Zeit sich ereignet. Ich kann mir einen Gegenstand verstellen, weil er im Raume liegt; ich kann mir ein Ereignis denken, das etwa gestern geschah oder morgen sein wird. Zu dieser Erfahrung in Raum und Zeit kommen noch die unwiderlegbaren Schlüsse desrichtig folgernden Verstandes. Unser Geist verbindet Merkmale nnd zaubert ans zwei Punkten eitlen dritten, der ebenso richtig fei» kann. Den Raum messen wir nach drei Dimensionen: Länge, Breite und Höhe: die Zeit eigentlich wird dargcftellt durch die Anschanungsformen: Vergangenheit, ^Gegenwart, Zukunft. Sophistisch genommen würde von der Gegenwart kaum die Rede sein können; will ich die Gegenwart im wogenden Zeitspiele ergreifen, so gehört der Augenblick schon der Vergangenheit an. Raum und Zeit sind also Anschanungsformen, innerhalb deren unsere Erkenntnis schaltet. Aber auch Po st n late sind wahr; dies sind die Forderungen unseres Herzens und Gemütes. Eine Wahrheit, die in Millionen Herzen ihren Einzug gehalten hat, fcutu nie bestritten werden. Unser Gefühlsleben, unser Empfindungssein ist so mächtig, daß es zu den kühnsten Taten »begeistern kann. Darum ist eigentlich der Glaube mit seinen gewaltigen Impulsen ein Beweis, der nicht erst bewiesen und begründet zu werden braucht. Wir Inden haben überdies das besondere Glück und den erhabenen Vorzug, daß uns die Gottesoffenbarung auf Sinai geworden ist, die uns sicher führet und leitet durchs Leben. Hier find die stärksten Wurzeln unserer Kraft! Wer vom Wissen ausgeht und nur die starren Regeln der Wissenschaft befolgt, geht leicht irre. Wer Jugend bis auf den heutigen Tag, teils lernend teils lehrend in die Tiefen der Thora hinabzusteigen und zur Höhe der Erkenntnis mich emporzuringen bemüht war, wo ich mir eine selbständige religiöse lleberzeugung errungen, die jedes Sich-bücken und Sich-beugen unter fremde Ansichten ausschließt, wo ich mir eine feste religiöse Ueberzeugung verschafft, die keine Halbheit, keine Unentschiedenheit, kein Wanken und Schwanken duldet." Wir können hier nicht auf die Ursachen eingehen, die ihn nach neunjähriger Amtstätigkeit veranlaßten, Böhmens Hauptstadt zu verlassen und im vorgerückten Mannesalter dem Ruf der Hamburger Gemeinde Folge zu leisten. Daß materielle Gründe dafür nicht maßgebend waren, weiß Jeder, der seinen idealen Sinn und seine Uneigennützigkeit kannte. In dieser Hinsicht, wie in so vielen anderen, glick er vorbildlichen Heroen der alten Zeit. Er hat auch in seiner Prager Abschiedspredigt, die gedruckt vorliegt, deutlich genug angedeutet, welche religiösen Mrßftände ihn zu diesem Schritt veranlaßten. Am 12. September 1889 fand seine feierliche Einführung und Installierung in der Kohlhöfensynagoge in Hamburg statt. Gleich seine ersten Reden entfesselten einen Sturm der Begeisterung. Damals sagte ein hervorragender Amtsgenoffe aus einer benachbarten Gemeinde zu seinen Hamburger Freunden: „Denket daran, ob Ihr nach zehn Jahren mit ebensolcher Begeisterung von Eurem Rabbiner sprechen werdet." Nun, es sind zehn Jahre und abermals zehn Jahre vergangen, aber die Begeisterung der Hamburger für ihren Oberrabbiner hat keine Verminderung erfahren, sie hatte nur zugenommen. Eine Persönlichkeit wie Oberrabbiner Hirsch konnte nur an Wertschätzung und Würdigung gewinnen, je näher man sie kennen lernte und ihr Wirken beobachtete. Vorzüge und Eigenschaften, die sonst nur vereinzelt zu finden sind, hat er in seiner Person harmonisch vereinigt. Es war ein mmn Vn:n iw, ein hervorragender rifchin eine anerkannte Größe auf dem Gebiete der Halacha, an den von Nah und Fern halachische Fragen gerichtet wurden. Wenn der Plan seiner Erben, seine diesbezüglichen Bescheide zu veröffentlichen, verwirklicht werden sollte, wird man erst erkennen, wie vielseitig er auf diesem Gebiete in Anspruch genomnren wurde. Er war ein gottbegnadeter Redner, der seine Zuhörer Hinzureißen und zu begeistern verstand. Die herzbezwingende Gewalt seiner Predigten macht sich auch beim Lesen derselben geltend, denn es sind Erzeugnisse eines hervorragenden Denkers und Meisters des Wortes. Noch seine aber innerhalb des Glaubens die Welt und ihr Wesen erkennen will, wird zur vollen Wahrheit gelangen und siegen. Schließen wir mit einem Worte von Samson Raphael Hirsch, das ein Wahlspruch werden müßte für unsere Pilgerjahrt: „Des Wissens Blüte sei das Leben. Doch daß dem Wissen das Leben entblühe, dazu genügt das Wissen nicht . . . (teilte altsabäische Inschrift aus einem jüdischen Kriedhofe.j Eine eigenartige Inschrift trägt der kürzlich auf dein israelitischen Friedhöfe in München ausgestellte Grabstein des vor einem Jahre h'er verstorbenen ^berühmten Arabienreisenden nnd Sabäisten Dr. Eduard Glaser. Zur Besicht'gung derselben fand sich am 17. v. Mts. an Glasers Grab eine Anzahl seiner Freunde unter Führung des Universitätsprofessors F. Hvmmel ein. lvelcher die runn:* haften Zeichen erklärte. Die Inschrift ist nämlich — nach Hommels Entwurf — in der Sprache und in den Schriftzeicheu der alten Sabäer (des Volkes des berührnten arabischen Landes Saba) nach dem Muster altsaüäischer, größtenteils von Glaser selbst kopierter Grabdenkmäler abgesaßt und lautet in wörtlicher Uebersetznug: „Seele und Grab des Hussein ben Abdallah, des Forschnngsreisenden aus Prag. Es möge ihm schenken der Herr des Himmels Wohlgefallen seines Herzens nnd Glück seiner Rechten." Zum Verständnis sü bemerkt, daß Hussein ben Abdallah der Name war, unter dem Glaser, als mohammedanischer Priester verkleidet, seine gefährlichsten arabischen Expeditionen unternahm. Der Forscher hatte wohl nicht daran gedacht, daß die von ihm kopierten Grabinschriften "dereinst das Muster für seine eigene bilden würden, so wenig wie die Priester und Gelehrten der alten Sabäer

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