Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1909)
- Date
- 1909-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3. Juni 1909 Der Israelit. No. 32 Sette 3 Landes verweisen lasten wird — entzieht sich unserer Kenntnis. Soviel aber wissen wir: Der Kampf um das Gebetbuch hat gezeigt, welcher Schatz von jüdischer Treue im Kreise der jüdischen Landbevölkerung Badens unter der Kruste des alles verknöchernden Polizeigeiftes sich noch erhalten hat. Er braucht nur geweckt und gepflegt zu werden — und die armselige Zwangspolitik der offiziellen Polizeireligion wird unter dem doppelten Entrüstungssturm der gerecht denkenden Nichtjuden und der ihrer Würde bewußt gewordenen konservativen Juden zusammenbrechen. Bis das geschieht, erlauben wir uns nur die bescheidene Frage: In welchenWinkel des badischen Landes hat sich die im vorigen Jahre gewählte Synodalmehrheit v er kroch en, jene Mehrheit, die dem Oberrat großmütig dasLeben schenkte und die nun — wie namentlich die Karlsruher Vorgänge zeigen — zum Lohn von diesem rücksichtslos verhöhnt wird? ochenrnnöschau. Ein Sieg der bosnifdien Juden. Eine frohe Botschaft kommt aus Sarajewo (siehe Korrespondenz) wo es, entgegen allen Befürchtungen von jüdischer Seite und allen Quertreibereien übelwollender Elemente inner- und außerhalb der Okkupationsprovinzen gelungen ist, die jüdische Wahl-Kurie bei der Volksvertretung für Bosnien und Herzegowina sicher zu stellen. Nach der offiziellen Mitteilung werden die Juden von Bosnien und Herzegowina zwei Mandate für den Landtag erhalten. Abgesehen von dem Oberrabbiner, der analog den anderen Konfessionen als geistlicher Vertreter der Juden Sitz und Stimme im Parlamente haben wird, steht noch außerdem der Judenheit in ihrer Eigenschaft als Kurie ein Wahlmandat zu. Und wie die anderen Konfessionen, werden auch die Juden ihre Wahlvorbereitungen bald zu treffen haben. Man mag über das Kuriensystem denken wie man immer will, darüber kann keine Meinungsverschiedenheit herrschen, daß wo einmal diese Mandateinteilung nach Konfessionen eingeführt ist, ein Ausschluß oder nur eine Benachteiligung irgend einer Gruppe große Gefahren für diese im Gefolge haben kann und als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfunden werden muß. Und ein Ausschluß der JÄen aus dem bosnischen Landtage, auf den von gewiffer Seite tatsächlich kräftig hingearbeitet wurde, konnte unter den obwaltenden Umständen für die Benachteiligten nicht nur eine politische Kaltstellung und eine soziale Erniedrigung, sondern auch leicht einen wirtschaftlichen Ruin bedeuten. Die Vertretung des Landtags wird nach der Wahlordnung aus 32 Griechisch orientalen, 24 Mohammedanern und 16 Katholiken zusammengesetzt sein, zu denen noch 14 ungewählte geistliche Vertreter der verschiedenen Konfessionen hinzukommen. Wäre die durchaus und vielleicht in Bosnien mehr als irgendwo anders neutrale Judenheit gezwungen, statt ihre eigene Vertretung in den Landtag zu schicken, doick als Anhängsel irgend einer anderen Kurie zu figurieren, so wäre es wohl sehr fraglich, ob ihre Interessen auf diese Weise wirklich gewahrt und vertretln würden. Eines hätte aber dann als sichere Folge dieses unnatürlichen Abhängigkeitsverhältniffes eintreten müssen: Die anderen Nationen und Konfessionen würden in dem Juden einen Teil der Nation, mit der er wider seinen Willen, politische Gemeinschaft zu pflegen hätte, gesehen und ihn bei den nationalen Reibungen, die auch in der neuen Aera nicht ausbleiben dürften, als solchen behandelt haben. Wie müßten unter solchen Verhältnissen allen Hetzen und Treibereien von innen und außen Tür und Tor geöffnet sein! Man begreift daher den verzweifelten, achtun gebietenden Kampf, den die bosnischen Juden mit Hilfe der einflußreichen 5kreije in Wien und Budapest um ihr nationales und politisches Recht geführt haben. Er hat nun zum Siege geführt, dieser oft genug völlig aussichtslos erschienene Kampf. Doch bedarf es wohl kaum noch der Erörterung, daß der Sieg vorerst ein rein äußerlicher ist. Voll und ganz kann der Sieg erst nach der Art und Weise, wie er, nachdem er errungen worden ist, ausgenutzt wird, bewertet werben. Und von einem vollen Siege der bosnischen Juden wird nur dann die Rede sein können, wenn sie es in der Folge verstehen werden, den geeigneten Mann zu finden, in dessen Hände sie ruhig ihre politischen Geschicke legen dürfen, in der Ueberreugung, daß er seine Pflicht nicht nur als Vertreter von Interessen der Juden, sondern auch vor allem als Vertreter jüdischer Interessen allezeit auffaffen und erfüllen wird. Chiefrabbi Dr. Adler. Unter der begeisterten Anteilnahme der ganzen jüdischen Welt Englands hat Chiefrabbi Dr. Adler am letzten Sonntag seinen siebzigsten Geburtstag begangen. Umfassende Vorbereitungen waren seit Monaten getroffen worden, um den Tag würdig zu feiern und der allgemeinen Verehrung Ausdruck zu verleihen, deren sich der Siebzigjährige im Kreise der englisch sprechenden Judenheit in allen Weltteilen erfreut. Ein Mann, der berufen ist, die religiösen Verhältnisse hunderter jüdischer Gemeinden mindestens in Form einer allgemeinen Aufsicht und Oberleitung zu beeinflussen, und der vermöge dieser Stellung auch in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten allezeit ein gewichtiges Wort hat mitfprechen dürfen, verdient, daß auch die nichtenglische Judenheit seinen Jubeltag mitfeiert und ihm die wärmsten Wünsche für einen frohen und glücklichen Lebensabend entgegenbringt. Dr. Abler hat sich in seiner rabbinischen Laufbahn vielseitige Verdienste um das gesetzestreue Judentum erworben, Verdienste nicht nur in dem, was er geleistet, sondern auch in dem, was er zu verhindern gewußt hat. Gewiß ist der konservative Charakter des englischen Juden an und für sich ein ungünstiger Nährboden für das Gedeihen jener Giftpflanze, die in Deutschland und den anderen Ländern unter dem Namen „Reform" oder „liberales Judentum" bekannt ist. Auch derjenige, der für seine Person die lästigen Fesseln der jüdischen Lebens- Pflicht abgeschüttelt hat, wünscht jenseits des Kanals häufig aus einem unbestimmten gesunden Empfinden heraus dennoch, daß das Judentum als sol ches, seine Institutionen und sein geistiger Gehalt intakt bleiben und so jederzeit zum Quell der Verjüngung für die wechselnden Geschlechter werden könne. Aber dennoch darf nicht verkannt werden, daß die Festigkeit, mit der Dr. Adler den religiösen Prinzipien des überlieferten Judentums treu geblieben ist, viel dazu beigetragen hat, um die verheerenden Wirkungen des ruigiösen Liberalismus in England einzudämmen. DaS soll und muß ausgesprochen werden, obgleich wir nicht mit allen einzelnen Akten der Amtstätigkeit Dr. Adlers einverstanden sein können, obgleich wir der Meinung sind, daß er in dem Bestreben, alle Elemente seiner Gemeinschaft um sich zu sammeln und zu erhalten, zuwellen gefährliche Zugeständnisse gemacht, die der Mißdeutung leicht unterliegen. Größeren Dank noch verdient Dr. Adler für sein oft bewährtes mannhaftes Auftreten in den allgemeinen jüdischen Angelegenheiten. So ist das Scheitern der von den französischen ,121 D'3H2 n2*?ÖIS 'b vnn pnm, das, ein wandernder Priester, überall ungern gesehen, verdrängt nnd verstoßen, den ewigen Wahrheiten dennoch Recht und Geltung zu verschaffen sticht und hofft? Von der Festestafel der großen Bölkerrunde ausgeschloffen, an dem prunkhaften Aufzuge der Stammesfürsten unbeteiligt, suchte es von jeher sein Glück auf anderen, höher gelegenen Gebieten und fand es auch. Es fand es bei der lichtspendenden rfll3Ö als Diener und Hüter des ewigen Heiligtums, und da galt wohl das Pfalmwort: nb’^1 *]öö “pt£TP «b *sVN D3 miK2 rD'EJPD T«' D1'2* Mochte die Finsternis noch so massig und drückend sein, es war hell in den Häusern und Herzen Israels, in den Zelten Jakobs, da wo die Lampe gepflegt, das heilige Licht gehütet wurde, da wo die Väter die Kinder in der Thora unterrichteten und die Frauen und Mütter am jüdischen Herde walteten und ein glaubensstarkes, hoffnungsreiches jüdisches Geschlecht heranzogen, da wo man das Gesetz in seiner Einheit und Reinheit erkannte und es zur Grund- und Unterlage des gesanrten Lebens machte, da war es hell und licht, voll Sonne, und Wonne, voll Glück und Freude, und mochten die finsteren Gewalten von außen noch so toben, die dunklen Mächte noch so wühlen und stürnren. Nnd auch da galt das, was unsere Weisen von der Menauro im Heiligtum zu erzählen wissen: D'3B2D tköi nnania «xv -nun rrwv ns prao rnarni Aus dieser engen Werkstätte des Lichtes drangen die Strahlen und breiteten sich mächtig aus und erweckten die Schlafenden und befruchteten die in der menschlichen Natur schlummernden Keime des Guten und bahnten sich unaufhaltsam einen Weg durch Nacht und Dunkel und bereiteten so neue und bessere Zeiten vor, das Zeitalter des Lichtes, des Glückes und des ewigen Völkerfriedens, die Zeiten da^ VfO*?' «f?1 2in '13 '13 W *6 nör6ö, „da das Schwert als Eroberungsmittel von den Völkern «.erbarmt und die Streitaxt für immer begraben sein wird." Ist es nicht mithin ein hoher Vorzug, in der Werkstätte solcher Lichtwerte aktiv mittätig sein zu dürfen! Aaron durfte es, und sein Stamm, zu dem wir als B'37D 112^0)2 in der Folge alle gehören, auch. Darin unser Vorzug, unsere Auszeichnung, unsere unermeßliche Erhöhung: 2'l22 NN«V »VI Hni^nS nrun n« Kleines Feuilleton. ßatuwi$$en$cbaftlicbe Plauderei. Von Rabbiner Dr. Isaak Steiu-Memcl. Im allgemeinen schöpfen wir Lehren aus der Beobachtung wichtiger Begebenheiten. Aber auch im Kleinen und Unscheinbaren liegt oft viel mehr, als wir im erswn Augenblicke ahnen. Habt Ihr wohl schon daran gedacht, daß selbst eine kleine Mene unsere Lehrmeisterin sein kann, jenes tvinzige Tier, das emsig aus den Blüten den Honig saugt? Nun, so höret denn folgende Erzählung, die wenige kennen, die aber sehr lehrreich ist! Der berühmte Naturforscher Röaumur, dessen Namen wir durch das Thermsmeter besonders LU schätzen wissen, stellte einst folgende Aufgabe: „89 soll ein sechsseitiges Gefäß konstruiert werden, begrenzt durch rautrmförmige Platten. Wie groß müssen die Winkel sein, welche bei dem geringsten Mswaüde von Material den größtmöglichen Raum umschließen?" Der ausgezeichnete Mathematiker König löste die Aufgabe und gab als Resultat seiner Berechnung an, daß der eine Winkel des Vierecks 109 Grad 26 Minuten und der andere 70 Grad 34 Minuten betragen müsse. Alle Baumeister freuten sich der gelösten Aufgabe, nur ein einziger zeigte Mißmut und Hartnäckigkeit. Die Biene nämlich baute auch weiterhin zusammenhängende Räume in der Form des in jener Aufgabe bezeichnet«» Gefäßes, nach ihrer alten Gewohnheit: Sie ließ den genannten Wmkeln eine Größe von 109 Grad 28 Minuten und 70 Grad 32 Minuten zukommen. Jetzt vermuteten viele Gelehrte, daß die Natur doch nicht äußerst korrekt arbeite: aber bald sollte die Wahrheit auf seltsame Weise enthüllt werden. Einst strandete ein Schiff an steiler Felsklippe im wogenden Meere. Das Schiff sank, während Kapitän und Mannschaft gerettet wurden. Was war.die Ursache des Unglückes? Der Kapitän hatte nämlich bei Berechnung des Längengrades eine Logarithmentafel benützt, die in der letzten Stelle etwas ungenau war; man steuerte ein klein wenig vom richtigen Pfade ab, der Unfall war geschehen. Dieselbe Logarithmentafel mit der nämlichen Ungenauigkeit hatte auch der Meister der Mathematik bei Lösung der Röaumurschen Aufgabe benützt. Man rechnete nun nach, und siehe: die Biene behielt Recht. Die Differenz der zwei Minuten mußte anerkannt werden; die Biene hatte als» ihre Zelle mit sparsamstem Materialverbrauche richtiger gebaut, als der geistvolle Mathematiker sein Gefäß. —