Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1909)
- Date
- 1909-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Selstbestimmung und einer im Polizeigeist erblindeten jüdischen Oberbehörde lehren, daß es höhere fittttche Ideale gibt als das Reglement, den Strafzettel und — den obligatorischen „Religionsuntericht." Armer Schutzmann — Du ahnst gar nicht, wie sehr der Geist, den du begreifst, auch schon von den Köpfen deiner hochmögenden theologischen und juristischen Auftraggeber Besitz ergriffen hat! Den guten Herren liegt, so wird uns versichert, gar nichts an den von Schutzleuten vorgeführten orthodoxen Seelen, die sie bei der schwarzen Religionsgesellschaft ja vortrefflich aufgehoben wissen, ihr jüdisches Herz schlägt angeblich gar angstvoll um die liberalen Gesinnungsgenossen, die — wäre der Schutzmann nicht und der Gerichtsvollzieher — am Ende gar kein Bedürfnis mehr nach der Religion des Herrn Stadtrabbiners empfinden und ihre Kinder ganz zu Hause lassen würden! Um der Indifferenten willen, so flüstert man uns zu, sollten die Orthodoxen dem offenkundigsten Gewissenszwang sich fügen. Nun denn — wir wagen es auszusprechen: wir von unserem gänzlich unpolizeilichen Standpunkte aus, geben keinen Pfifferling für eine religiöse Unterweisung, die von der Polizei erzwungen ist, und wir würden es auch ruhigen Herzens der Erfahrung überlassen, ob der unjüdische und darum überflüssige Religionsunterterricht unsrer reformierten Theologen oder das Leben draußen mit seinem Antisemitismus und seinen bitteren geistigen Nöten im günstigen Falle den geraderen Weg zum echten Judentum zurückführt. Aber wir brauchen keineswegs so weit zu gehen. Mögen die ängstlichen Gemüter der badischen Neligionspolizei ruhig dabei bleiben, die Kinder ihrer Pflegebefohlenen durch obligatorische Katechismusweisheit vor der Taufe zu schützen — genügt nicht der Nachweis eines Religionsunterrichts überhaupt? Muß es gerade der amtlich geaichte Religionsdrill des adischen Oberrats sein, der in hundert Jahren es so herrlich weit gebracht hat, daß er zugestandenermaßen seine treuen Söhne durch Polizeigewalt bei der Stange halten muß? Könnte man nicht auch jedem liberalen Vater überlaffen, welches von den vielen Judentümern er von den ihm zusagenden Religionslehrer seinen Kindern dozieren laffen will? Wir dachten, wer selbst seine innere Unsicherheit und Haltlosigkeit so eklatant zuzugeben gezwungen ist, hätte um so weniger ein Recht, andere Leute, die auf festerem Grunde stehen, durch rohe Gewalt an der Betätigung ihrer religiösen Ueberzeugung zu verhindern. — — Der Schutzmann schüttelt verständnislos das Der Araeltt 8 Jüttt gedankenschwere Haupt, und in den Verwaltungsbureaux, in denen der Polizei-Geist des badischen Oberrats waltet, hat man für diese Verständnislosigkeit — inniges Verständis. Es lebe die Polizei! * * * Allein der badische Oberrat hat nicht nur Polizeidiener sondern auch Bezirksrabbiner in seinen Diensten, und wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Man weiß, daß die „Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege" der „Freieu Bereinigung" seit einem Jahre etwa in zahlreichen Landgemeinden eine überaus segensreiche Tätigkeit entfaltet. Mit offenen Armen werden die zumeist jugendlichen Redner, Kaufleute und Akaoemiker, draußen empfangen, und wenn sie von erfolgreichen Bemühungen der gesetzestreuen Organisationen erzählen, die Erhaltung des praktischen Judentums im Leben zu fördern, wenn sie das jüdische Selbstbewußtseiu, das oft entschlafene, zu wecken, den Glauben an die Ankunft der alten jüdischen Lehre zu beleben versuchen — dann schlagen ihnen die Herzen von Jung und Alt entgegen, die in diesen Rednern nicht den Geistlichen, der von „amtswegen so reden muß", sondern mit Recht ihresgleichen erblicken. So hat denn die Tätigkeit der „Commission für ländliche Wohlfahrtspflege" überall bei Rabbinern und Lehrern eifrige Förderung erfahren und auch in Baden hat man, dort, wo der Polizei-Geist die Gemeinden nicht knebelte, den Rednern der Kommission ein oft geradezu begeistertes Verständnis entgegen gebracht. Aber wie? „Begeisterung"? „Volksversammlungen?" „Ungestempelte RÄner?" — Ist durchaus reglementswidrig und jedem Schutzmann unsympathisch. Flugs setzt sich der Herr Bezirksrabbiner zu Heidelberg an seinen Schreibtisch und erläßt folgenden amtspolizeilichen Ukas an die ihm „unterstellten" Synagogenräte und Lehrer: Heidelberg, 22. April 1909. An die verehrt. Shnagigenräte und die Herren Lehrer! Von dem Vorstand einer Bezirks gemein de erhalten wir ein Zirkular der freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in Frankfurt, worin diese sich erbietet, durch einen Kaufmann, dessen Name zunächst noch nicht genannt wird, in der betr. Gemeinde „einen höchst interessanten Vortrag halten zu lassen". Am Anschluß daran soll eine Aussprache über die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Landbevölkerung, für welche jene Bereinigung angeblich sich einzutreten bemüht, stattfinden. Als Lokal soll die Synagoge zur Verfügung gestellt werden, falls kein geeignetes Gastlokal zu bekommen sei. Da wir voraussetzen, daß gleichlautende Zuschriften auch an andere Bezirksgemeinden ergangen sind, so machen wir vor allein daraus aufmerksam — unter Hinweis auf § 9 Abs. 1, 2 und 3 der Gottesdienstordnung. V. Bl. 1008. S. 87. — bäh wir die Hergabe dev Syttagvge M solchen Versammlungen unbedingt untersagen. Die Synagoge ist zu heilig dazu, um der Tummelplatz für Hetzredner j u werden. Ebenso wenig darf sich der Synagogen rat mit der Veranstaltung derartiger Versammlungen beschäftigen. Wir würden sehr bedauern, bei Zuwiderhandlungen uns zum Einschreiten genötigt zu sehen. Dieses kulturgeschichtlich überaus wertvolle Dokument des badischen Polizeigeistes ist von der angegriffenen Körperschaft durch folgendes Rundschreiben beantwortet werden. Frankfurt a. M., 30. 4. 1909. Verehrlicher Synagogenrat! Zu unserer Kenntnis gelangte eine Verfügung des Bezirksrabbinates He'delbtzrg» durch die den SYNagogcnräten unb Lehrern des Bezirkes die Förderung unserer Bestrebungen verböten, die Ehrlichkeit unserer Absichten verdächtigt und unsere Vertreter als ^Hetzredner" beschimpft weroen. Wir legen vor allem im Namen der guten Sitte gegen dieses beleidigende Schriftstück aufs entschiedenste Verwahrung ein und verzichten nur aus Gründen der jüdischen Solidarität daraus, den Herrn Bezirksrabbiner wegen feiner Aeußerungen zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen. Zur Sache selbst bitten wir Sie, sich freundlichst aus den anliegenden Berichten und Drucksachen vm der praktischen Wirksamkeit unserer Bereinigung zu überzeugen, die seit ihrem Bestehen den kleinen Landgemeinden alljährlich Tausende an Beisteuer gewidmet hat und deren ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, Liebe und Begeisterung für das überlieferte Jüdentnm zu wecken und zu erhalten. Wenn der Herr Bezirksrabbiner zu Heidelberg es für passend erachtet, diesen Bestrebungen Steine in den Weg zu legen, statt sie zu fördern, wenn er die Männer, die >ohne Besoldung» ohne amtlichen Berus, ihre freien Minuten diesem idealen Werke widinen, in ihrer persönlichen Ehre zu kränken sich bemüht, si möge der Herr Rabbiner dies mit seinem jüdischen Gewissen abmachen. Wir überlassen es den Mitgliedern Ihrer geschützten Gemeinde, ob sie unsere Redner — natürlich außerhalb der Synagoge und ohne amtliche Beteiligung der Synagogenräte und Lehrer — zu hören und damit ihr Interesse für die uns allen heilige Sache zu bekunden wünschen. Hochachtungsvoll Die Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege. Ob der Herr Bezirksrabbiner auf diese Abfertigung — die in den beteiligten Gemeinden lebhafte Zustimmung fand — noch weiter reagiert hat, ob er unter geschätzter Mitwirkung der allezeit verständnisvollen Polizei die etwa renitenten Synagogenräte einsperren und die gefährlichen Vertreter des gefetzestreuen Judentums des flu der lüerkstätte des Lichter. Zum Wochenabschnitt. Unsere Großen waren Menschen und wollten nichts mehr als dies sein. Nicht unterdrücken oder verleugnen wollten fie ihr Menschentum, sondern es gestalten, es in den Dienst großer Ideen und großer Ziele stellen und es so zur Menschlichkeit im höchsten Sinne adeln. Auch Aaron, der große Versöhner, der wie ein Friedensengel unter den Menschen wirkte und als solcher, als ein Symbol der Eintracht und Liebe in unserer Vorstellung nachlebt, auch er war ein Mensch und von menschlichem Fühlen und Denken beherrscht. Gemütserregungen kleinmenschlicher Art waren ihm durchaus nicht fremd. Allein seine hohe sittliche Kraft bestand darin, daß er selbst diese Regungen zu adeln, sie sozusagen ins Heiligtum zu zwingen verstand, ihnen Ziele und Richtung zu verleihen, durch welche fie nach oben umwertet werden und in hohe Tugenden Umschlägen mußten. DaS alles lesen unsere Weisen aus einem Satze unseres heutigen Wochenabschnittes, ja aus einem Worte desselben heraus, aus dem sonst in diesem Zusammenhänge nur selten angewandten Ausdruck *jrV)bi?rO* Mit großer Ausführlichkeit werden im letzten Abschnitt der vorigen Sidra die Feierlichkeiten anläßlich der Altareinweihung geschildert, an der pch die Häupter der zwölf Stämme mit vielem Pomp und Prunk, mit kostbaren Geräten und Opfern beteiligten. Nur Aaron und sein Stamm, die nächsten Diener des Heiligtums, die Hausgenossen des Herrn, waren von den Festlichkeiten ausgeschlossen und durften sich an dem ganzen weihevollen Alte nicht beteiligen. Voll Sehnsucht im Herzen und voll Schmerz ob dieser unverdienten, scheinbar ungerechtferttgten Zurücksetzung mochten sie wohl im Stillen geklagt und mit einer gewissen Eifersucht auf die bevorzugtenStammesfürstc« hingeschaut haben. Wie? sollten wir, seine nächsten Diener, seine besten Söhne zurückgesetzt und ausgeschloffen werden von dem Feste, durch welches die Stätte die Weihe erhält, an welcher wir später den heiligen Dienst verrichten sollen? So mochte wohl auch der bescheidene, friedliebende Aaron in einer menschlichen Gemütsaufwallung gefragt haben. Gott aber sprach: nflKitf KTI n*n:n n» 2'tÖÖEine weit höhere, schönere Aufgabe harret Deiner! lieber den Pomp und den Festesrausch hinweg soll Deine Wirksamkeit eine ewig dauernde und ewig leuchtende sein. Dein Vorzug ist es, das heilige Licht pflegen und hüten zu dürfen, oas Licht, durch welches die Stätte erst ihre eigentliche Weihe, ihren Wert und ihre Bedeutung erhält, das Licht, das wärmend und leuchtend durch die nach innen schmalen Oeffnungen hinausstrahlen, in' die jüdischen Häuser und jüdischen Herzen eindringen und durch die Finsternis der Jahrtausende sich einen Weg zum Glück aller Menschen bahnen mag. ü’JfiDÖ jrnX tk&i D’tesb kxv -nan ren'V '^2 :proa rrorm pnf?* tTanchuma zur Stelle.) Neid und Eifersucht! So entstellend, ja entmenschend diese chattenseiten der menschlichen Natur wirken können, sie gehören im Reiche des Mistes oft zu den treibenden und schaffenden Kräften, denen wir die. höchsten kulturellen und sittlichen Werte zu danken haben. Das haben schon unsere Weltweisen erkannt, die den Satz, der sich in der Folge nachgerade zum Axiom herausgebildct hat, prägten: nö2n .12"H1 D’ISID JIM?. Wie der friedliche Wettkampf in Industrie und gesamtem Wirtschaftsleben längst als Hauptfaktor der Kultur und des Fortschrittes anerkannt ist, so wissen wir auch die religiösen, sittlichen und ethischen Schätze am besten gewahrt durch den Wetteifer idealer Naturen und erlesener Geister, sie zu Pflegen und zu mehren, die Menschheit durch unermüdliche Schaffung neuer geistiger Werte zu heben unb zu beglücken. Wo auch immer der Benachteiligte, von der Nattlr stiefmütterlich Behandelte nach geistigen Gebieten abgolenkt wurde und dort den Eifer und die Schaffenskraft entfaltet bat, die auf dem Markte des Erwerbslebens keine Befruchtung fanden, gereichte es ihm und der Menschheit zum Heile. Die wahren Propheten aller Zeiten und Nationen, die wirklichen Priester des Herrn, gingen zumeist aus der Kaste hervor, zu der Gott spricht: "jp^n ’JK „Ich bin Dein Anteil und der Ersatz für das, was Dir eine lieblose Welt vorenthalten hat, und Deine Aufgabe ist es, in diese Welt mit der Fackel der Wahrheit hineinzuleuchten, sie — und sei es auch zunächst gegen ihren Willen — zum Lichte und zum Glücke zu führen." Und wer hat wohl diese Aufgabe beffer und intensiver ersaßt als Israel, dem am Sinai das Wort geworden ist: