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Der Israelit · 1909-05-25 · Heft 21 (25.5.1909) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 21 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Sei e 22. No. 21. Der Israelit 25. Mai 1909. freundlich den Arbeitern zunickt und voll Milde und Güte zu den Armen hin überschaut, von denen die junge Frauengestalt sichtlich seine erhöhte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Die erste kaum erwachte Rose mitsamt Kelch und Stengel haben die kleinen Dekorateure dem guten Boas als Festesschmuck an die Brust geheftet . . . Seit Jahren hängt das Bild an gleicher Stelle, aber noch nie fand ich es so schön und bezaubernd, wie heute. Von frischem Heuduft angeweht, scheint es Leben und Sprache zu bekommen und es spricht so deutlich von schöner Vergangenheit und blühender Zukunft, daß ich traumverloren da stebe und lausche. „Auch wir hatten einst lachende Fluren und blühende Felder Ein Salomonsteich — sagt es — und reine, von würzigen Düften erfüllte Lust und stillglückliche, natursrohe Menschen -— Nnd das jüdische Feld war nicht nur Arbeitsstätte, sondern heiliger Boden, aus dem die wundersamen Sinai-Blüten emporkeimhabe ich noch schuldige Hausmiete, einen Wirt, der mir schon zweimal gedroht, mich an die Luft .zu setzen, sonst, sonst ..." Und indem er sein Päckchen Elend wieder ordnet und zusammenschnürt, erzählt er mir seine Geschichte, die alte bekannte Geschichte, die mit kleinen Variationen in jedem schwarzen Hausiererkasten zwischen Seife, Bändern und Schnüren eingepackt ist. In Polen oder Galizien geboren. Im Cheder und in der Jeschiboh gut gelernt, mit 18 Jahren geheiratet. Verschiedenes unternommen und alles gescheitert. Mit 30 Jahren schiffbrüchiger Familienvater von 8 Kindern, die alle, gut begabt, den Cheder besuchen. Die Frau arbeitet, darbt und wartet, dieweil er im Ausland Geschäfte macht... Von seinen Auslandsreisen und Geschäften erzählt der Hausierer als vom interessantesten Teil seines Lebens mit breiter Ausführlichkeit. In einer Zeit bitterster Not und äußerster Lebensgefahr rettete er sich mit der Familie über die Grenze der polnischen Heimat und war — in Galizien. Dort traf er große Armut, denn die Polen kaufen nicht bei Juden, und wanderte, da feine Mittel zur Reise nach Amerika nicht ausreichten, nach England aus. Dort kam er mitrellos an und wurde von der Einwanderungskommission zurückgeschickt. In Armen und dem Fremden sollst Du die Nachlese Deiner Ernte überlassen . . ." Fiel es denn gar keinem ein, die völlig besitzlose No o m i und die wildfremde Ruth an der Grenze Judas als lästige Einwanderer aufzuhalten': Nein, sie durften ohne Heimatschein sich in Bet lehem niederlassen, ohne Patent sich auf fremde Felder begeben und ohne sich der Gefahr auszusetzen, als unerwünschte Konkurrenz brutal abgewiesen zu werden. Ja selbst dem fremden hilf losen Weibe winkt Hilfe und Erlösung, so es das jüdische Feld betritt . . . Die Bauern unter dem Baume haben sich erhoben. Auch Nachbar Jean ist mit seinem „Znüni-Essen" fertig und steht bereits mit seiner Familie am Wagen, mit dem Heuabladen beschäftigt. Die Kuh, die behaglich kauend und mit sichtlicher Befriedigung ob der immer mehr abnehmenden Last den Kopf gesenkt hatte, reckt plötzlich, durch einen vorüberziehenden Schatten scheu geworden, den Hals, wobei die ganze Ladung in Bewegung gerät. Langsam und mit gesenkten Knieen drückt sich die müde Gestalt des Hausierers am Wagen vorüber. Traurig schüttelt ihm der alte Birnbaum das Haupt nach und Jeau wirft ihm verächtliche Blicke zu. Die Sonne malt breite, goldene Streifen auf Berg und Tal und auf den zackigen Hügeln blühen die Reben . . . Lächelnd und voll Güte und Milde schaut Boas auf die muntere Arbeiterschaar hinab, zu den sammelnden Armen und Fremden hinüber: „Es segne Euch der Herr!" . . . beilige Stätten in Palästina. ten, eine blühende Lehrstätte, wo die göttlichen Gebote der Liebe betätigt wurden, ein Teil des weltumfastenden Heiligtums, da alles den Namen -Gottes preist ..." Der Gruß des reichen Güterbesitzers lautet: „Es segne euch der Herr!" Der Herr,dem die ersten Früchte in Liebe geweiht sind, dessen reiche Gabe auch den im Hintergründe stehenden Armen zu Teil wird. Besitzlose und Enterbte gab es in den blühenden Gefilden Judas nicht.." So spricht das Bild, und seine Worte sind bezaubernd und bestrickend, voll glühender Sehnsucht und beglückender Hoffnung. Da werden schwere Tritte aus der Treppe hörbar, die mich aus meinen Träumen aufrütteln. Es klopft leise und schwerfällig an die Türe und, ohne mein „Herein" abzuwarten, geht sie auch schon auf. Ein schwarzer, viereckiger Kasten wird zuerst sichtbar, dann die schwarze, hagere Gestalt des Mannes, an dessen Brust der Kasten befestigt ist. Und mitten in der Stube sieht keuchend und seufzend die Gestalt des Hausierers. Er stellt seinen Pack nicht ab und spricht fortwährend krächzend. Es ist immer die gleiche Einleitung. Eine Plage, ein großes Unglück! Die Juden wollen ihm nichts abkaufen. Ueberall: „nichts nötig." Da gehe er schon lieber zu den Bauern! Aber da werde er mit „Jud" beschimpft und mit Hunden vom Hofe gejagt. Traurig, sehr traurig! . . . Er legt nun den Kasten auf den ersten besten Stuhl und seufzt von neuem. „Was haben Sie denn?" Er öffnet den Kasten und packt seinen Kram aus. Immer die gleichen Waren. Hosenträger und Hemdenknöpfe, Seife in runden, bunten Schachteln, Seidenband und Schuhschnüre. Wohin mit all den Knöpfen, Bändern und Schnüren, die uns viermal täglich angeboten werden? ,Daben Sie sonst nickts?" „Sonst'?" seufzt er „sonst habe ich noch eine Frau mit acht Kindern, die daheim hungern, sonst einer Hafenstadt Deutschlands, wo ihn eines Tages das Schiff, er wußte nicht wie, absetzte, versuchte er als Arbeiter etwas zu verdienen und wurde just, als er eine fabbarsreie Stelle als Packer erhielt,von der Behörde als lästiger Ausländer ausgewiesen. Dann ging er nach der freien Schweiz. Dort rvnrde von ihm, dem Heimatlosen, zunächst ein He im ätsche in verlangt . .'. Als ihm durch Vermittlung edelgesinnter Glaubensgenosten endlich auf Grund einer sogenannten Toleranzbewilligung der Aufenthalt bis auf Weiteres gestattet wurde und er sich einen schwarzen Kasten mir Zubehör anschaffte, wurde er von der Patentbehörde, an die er sich wegen eines Hausiererscheines wandte, verständigt, daß ihm, dem russischen Juden, aus Gründen der Parität ein Hausiererpatent verweigert werden müsse, weil — weil es eventuell auch schweizerischen Juden nicht g e st a t t e r s e i n d ü r f t e, in Rußland zu hausieren . . . Seitdem trage er seinen Kasten nur noch sehr vorsichtig und am liebsten nur noch in l a n d j ä g e rlosen jüdischen Gemeinden . . ■ Der Verdienst sei bekanntlich an solchen Plätzen sehr gering, oft sage man ihm, er solle doch arbeiten... Für seine Bedürfnisse hätte er genug, aber die Familie, die arme Familie, die sich aus Polen in Galizien hinüber gerettet und nun seiner Verdienste harre (Mit 6 Bildern.) Wer beim Besteigen des Oelbergs seinen Blick gleiten läßt über das Weichbild der heiligen Stadt, der wird von dem imposanten Anblick so sehr ergriffen, daß ihm der Eindruck dieses wunderbaren Panoramas wohl stets in Erinnerung bleiben wird. Der Oelberg selbst ist ein großer Friedhof. Unser Bild 1, das ungefähr auf halber Höhe des OTitn in ausgenommen wurde, zeigt das in unmittelbarer Nähe dieses Berges, der einen sefardischen Beth olam enthält, befindliche Denkmal Absaloms (I a d $hv * schalo m). Neben diesem Grabhügel werden von Zeit zu Zeit alte, unbrauchbar gewordene bebräische Schriften und Bücher feierlich begraben. Auf dem Wege von Jerusalem nach Chewron, T Hebron. Und wieder sehe ich das Bild an. O herrliches Bild einer alten jüdischen Landschaft! Wie schön und bezaubernd bist du heute in deinem Blütenschmucke! Ein sanfter Wind vom blauen Himmel umweht die heilige Erde und Hermons Tau bedeckt mild und weich den gesegneten Boden, in dem auch die ewigen Keime aller wahren Kultur schlummern: „Liebe den Fremden,- bedrücke ihn nicht,' dem ca. 20 Minuten von Bethlehem entfernt, liegt Rahels Grab (Bild 2), das sowohl von Touristen als auch von palästinischen Juden in hohen Ehre.t gehalten und öfters besucht wird. Ist in einer jüdischen Familie ein schwerer Krankheitsfall, so wallfahren Angehörige des Kranken zur „Mutter Rochel", um dort von Gott eine baldige Genesung für den Patienten zu erflehen. Jeweils an srin iwn ist der Zutritt zu Rahels Grab für jedermann frei. Nicht weit von hier

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