Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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l Seite 20. Der Israelit. 25 Mai 1909. Nr. 21 „Dieses Kapitel, mein Lieber, ist nicht sogleich erschöpft. Ich will meine Geschärte besorgen und heute Abend nach dem Essen wollen wir deine Pläne bei einem Glase Bier und einer Zigarre eingehend und gemütlich besprechen." Der Abend kam, und Herr Levi ging zu seinem Freunde in den Gasthof hinüber. „Ja, warum willst du denn deine Tochter durchaus in die Stadt geben? Habt ihr denn nicht wackere junge Leute hier auf dem Lande? Soviel ich heute schon gesehen und auch in der Eisenbahn hierher bemerkt habe, sind jüdische junge Männer bei Euch anzutreffen, deren Wesen mir, soweit ich in einer Stunde bemerken konnte, sehr zugesagt hat, und die auf mich, der ich ein Menschenkenner zu sein, mich rühmen darf, einen vorzüglichen Eindruck gemacht haben. Und, wie ich höre, stehen sie auch geschäftlich und finanziell sehr günstig da, warum habt Ihr Eure Aufmerksamkeit noch nicht auf diese gerichtet?" „Ja, gab Herr Levi zur Antwort, was Du von den hiesigen Herren sagst, trifft zu, aber siehst Du, ich habe meine Tochter in bessere Schulen geschickt, sie hat die Stadt kennen gelernt, ist von dem Leben dort entzückt, es sagt ihr zu und meine Frau hält das Mäochen für zu gut fürs Land, und will ihr eine schöne, vergnügungsreiche Ehe sichern und auch mir scheint eine Versorgung in der Stadt besser und angenehmer zu sein, als hier auf dem Lande. Was bietet denn das Dorf Schönes und wie kann man es nur mit dem Stadtleben in einem Atem nennen?!" „Nun, sagte der Freund, wir wollen als Männer reden, und alles genau und reistich überdenken und nicht die Frauen aus uns heraussprechen laffen. Du fragst, was hat denn eine junge Frau auf dem Lande. Zunächst hat sie doch ihre Eltern am Platze, sie befindet sich im Kreise ihrer Verwandten,- sie kann sich aussprechen mit ihrer Mutter, kann sich Rat holen, Ihr seid ihr nahe in jedweder Not und jedem Leid, das ihr ebensowenig erspart bleiben wird/ wie andern Menschen. Sie ist hier angesehen und geschätzt, man kennt und würdigt sie. Wie wirds ihr in der Stadt ergehen? An „Bekannten" und „Freunden" wird es ihr schon zu Anfang nicht fehlen. Aber diese sind nur recht zum Gutentagsagen, ab und zu einmal eine Visite, aber sie taugen nicht, um ein ernstes Wort zu reden, um sich ihnen zu offenbaren, und sie um eine Gefälligkeit oder um einen Dienst anzugehen. Und nur so lange steht man bei ihnen im Ansehen, als man durch Aufwand zeigt, daß man vermöglich ist. Macht man nicht in der gewohnten Weise mit, so bemerkt man bald, daß man in den Achtung dieser Freunde einige Stufen gesunken ist. Hier dagegen ist Deine Tochter immer dieselbe, man kennt sie und ihre Eltern, wie sie sich auch nach außen hin geben, man weiß, wer sie ist und sie gilt, das bin ich überzeugt, tausendmal mehr, als in der Stadt, wo sie Eine unter Tausenden ist." Herr Levi entgegnete. „Ja, Du scheinst in diesem Punkte nicht ganz Unrecht zu haben, habe ich doch des Oefteren, wenn ich bei meiner Schwester zu Besuch war, bemerkt, wie oberflächlich diese Freundschaften sind, wie eilig und flüchtig man sich in der Stadt begrüßte und unterredete, als ob man sagen wollte, 's ist gut, verschonen Sie mich mit Ihren Sorgen, ich muß eilen, meine eigenen zu tragen. Aber siehst Du, lieber Freund, in der Sradt gibt es doch Gelegenheit, ich will nicht gerade sagen, sich zu amüsieren, aber ich fasse es tiefer auf, sich weiter zu bilden, einen Vortrag zu hören, ein Konzert auf sich wirken zu laffen, das Theater zu besuchen, und dergleichen mehr, wa? wir alles auf dem Lande nur selten oder gar nicht haben." Da lachte der Stadtherr herzlich, und als ihn Herr Levi erstaunt ansah, sagte er: Kennst Du das Liedlein nicht, das cinen Vers enthält mit den Worten: „Wenn Du verheirat' bist, dann hören die Posten auf." Weißt Du, wie oft meine Frau seit ihrer L5jährigen Ehe inS Theater gekommen ist? Vielleicht 2vmal und dann entfallen auf das erste Jahr 5 mal, also ungefähr alle anderthalb Jahr einmal und dazu war besondere zwingende Veranlassung durch Besuch, z. T. Kundenbesuch notwendig. Das Leben in der Stadt läßt weder soviel freie Zeit, noch soviel überflüssiges Geld übrig, um diesen Dingen, die ich wirklich auch schätze, nachzugehen. Meine Töchter, die auch schon flügge sind, haben noch keinen einzigen Ball mitzumachen Gelegenheit gehabt, denn so was ist in der Stadt selten,- nur die obersten Zehntausend können sich das gestatten, indem sie Hausbälle arrangierender Mittelmann kann sich das nicht leisten. Hingegen bei Euch auf dem Lande fehlt es ja nicht an derartigen Unterhaltungsgelegenheiten, Ihr habt Euer Purim- Vergnügen, wo sich die junge Welt und im Anschluß daran auch die alte Welt köstlich amüsieren und wovon man noch den ganzen Winter zehrt. Da giebt es auch keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, da ist alles gleich, da gilt nur Schönheit, Anmut und guter Ruf Es sind harmlose Vergnügen, die harmlos und zwanglos genossen werden. Wie oft muß ich meinen Töchtern erzählen, wie ich und meine Altersgenossen in unserem trauten Heimatorte uns so köstlich amüsiert haben, und sie seufzen: wären wir doch auch auf dem Lande geboren und aufgewachsen. Freilich, setzte er sinnend hierzu, damals war die Stadtsucht und der Genußteufel noch nicht so lebhaft erwacht, wie heute. Es war alles mäßiger, bescheidener, genügsamer und darum heiterer und harmloser. Und um aufs Theater und Konzert zurückzukommen, wenn Deine Tochter so lebhaft nach Kunst und nach Befriedigung ihres künstlerischen Sinnes strebt, vor dem ich, wenn er echt und ungeheuchelt ist, alle Achtung habe — »verhindert sie, von hier aus ab und zu in die Stadt zu fahren und das Theater und die Philharmonie- Konzerte zu besuchen? Ihr habt ja so gute Bahnverbindungen. Gewiß, cs mag etwas umständlicher sein mit der Bahn zu fahren, als in die Straßenbahn sich zu setzen, dafür bringc man aber mehr Unbefangenheit mit, mehr Kunsthunger, ein offeneres Gemüt, als wenn man übermüdet und überhastet, blasiert und abgestumpft ist, wie die abgehetzten Stadtleute." (Fortsetzung folgt.) Gtfimn. (Schluß.) Es kann nicht unsere Absicht sein, hier alle die zahlreichen und weitverzweigten Bestimmungen aufzuzählen und zu erläutern, die unser Gesetz über die Herstellung von Tefillin enthält, es soll nur hervorgehoben werden, daß, wer in Wahrheit Mizwas Tefillin richtig erfüllen und sich nicht selbst täuschen will, wenn er beim Gebete Arm und Haupt mit den Kleinodien Israels ziert, die Pflicht hat, darauf zu sehen, nur solche Tefillin zu legen, die aus durchaus zuverlässiger Quelle stammen. Leider muß man gestehen, daß die Scheu so mancher, beim Einkauf der Tefillin ein Opfer zu bringen, zur Massenherstellung billiger und billigster Tefillin geführt, die von jüdischen Verkäufern dem Publikum angeboten werden und die samt und sonders untauglich sind. Aeußerlich erkennt man schon, daß die genau quadratische Form, wie sie für die Gehäuse der Tefillin unbedingte Vorschrift ist, nicht beobachtet wird, die Herstellung der Gehäuse entspricht außerdem aber gewöhnlich noch aus anderen Gründen, die ebenfalls mit der Billigkeit und der daraus resultierenden Leistungsunfähigkeit Zusammenhängen, nicht dem Religionsgesetz. Und die vier Parschiot, die wir in den Tcfi lin tragen, und welche die erhabenen Gedanken unserer Emunoh enthalten, die Erkenntnis Gottes, die Erwählung Israels, die Pflichten unseres Volkes — in geheiligter, herrlicher Schrift sollen die Grundlehren auf den Pergamentrollen prangen, welche die Gehäuse sorgsam umschließen, — wie verkümmert und fast unleserlich sind aber diese herrlichen Parschiot in den aus falscher Sparsamkeit und unangebrachter Bequemlichkeit gewählten kleinen Tefillin! Wir, die wir gewöhnt sind, bei der Sorge für unser leibliches Wohl, für unsere äußere Erscheinung, soviel Gewissenhaftigkeit und prüfende Ueberzeuung an den TagMuH legen, ist es »licht ^beschämend für uns, beim Einkauf heiliger Gegenstände so wenig kritisch und wählerisch zu sein! Man kann es rnhig aussprechen: Wer sich selbst prüfen will, wer den Grad seiner Liebe zu Gott, seiner Ehrfurcht vor dem Allmächtigen messen will, der beobachte sich, mit wie viel Liebe und opferfreudiger Hingebung er die Mizwas Haschem erfüllt, mit »vieoiel Gewissenhaftigkeit und ernster Selbstzucht er die Verbote vermeidet. Es ist darum ein edler Wettbewerb, durch möglichste schöne Ausführung der Mizwaus, so auch durch schöne Tefillin unsere Liebe und unsere Dankbarkeit vor dem Throne unseres hünrnlischen Vaters auszusprechen. Wir haben bis jetzt, wenn auch nur in ganz flüchtigen U nrissen, über wichtige Kapitel der Mizwas Tefillin gesprochen, über die Zeit der Mizwa, die Art und Weise ihrer Ausführung und über die Tefillin selbst. Wir möchten die Aufmerksamkeit noch auf ein ebenfalls sebr »vichtiges Kapitel l-.nken, das, wie die anderen, häufig aus Unkenntnis und Nachlässigkeit n'cht beachtet wird. W'.rmeinen die Erhaltnng der Tefillin in ihrem Kaschrus. Es soll vorausgesetzt »oerden, daß man sich mit aller Vorsicht und Gewissen. Hastigkeit aus zuverlässigster Quelle die schönsten Teffilin erworben hat, daß man ferner nicht versäumt, dieselben z'.»r rechter Zeit pünktlich zur Hand zu nehmen und sie auf die rechte Stelle am Oberarm und oben auf dem Haupte zu befestigen, daß man endlich mit besonderer Wachsamkeit auf die Reinheit des Körpers und die Reinheit der Gedanken achtet, »vährend man M zwas Teffilin erfüllt und den Sinn von de»» Tefillin nicht abwendet. Außer all diesen Gesichtspunkten aber darf nicht vergessen werden, daß' man von Zeit zu Zeit, je nachdem die Umstände es erforderlich erscheinen lassen, die Tefillin nachprüft, ob sie den Anforderungen des Kaschrus noch entsprechen. Wir wollen jetzt nicht von d?r Vergänglichkeit aller irdischen Dinge sprechen, daß auch das festeste Material von der Zeit allmählich aufgelöst »oird, auch nicht von der Aufmerksamkeit, die »vir dein Ersätze unbrauchbar oder schadhaft gewordener Gebrauchsgegenftände zuwenden, um ei»»en Schluß auf Mizwas Tefillin zu ziehen. Es ist ja einfach selbstverständlich, daß die Heiligkeit einer Mizwoh und die zahlreichen Bestimmungen, die an das Kaschrus der Tefillin geknüpft sind, eine stetige Beaufsichtigung beanspruchen. Durch die tägliche Benutzung leidet sehr häufig die quadratische Form der Tefillingehä»»se, die Ecken reiben sich ab, werden weiß und bekommen gar Löcher. Soweit darf man es natürlich nicht kommen laffen und nicht nur die Schönheit der Mizwoh, sondern vor allem das Kaschrus verlangt, daß die Gehäuse unversehrt erhallen werden. Die Riemen werden häufig rissig und haben die vorgeschriebeue Breite nicht mehr oder sie verlieren ihre schwarze Farbe. Aber auch die Parschiot müssen von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, da durch die Faltung der Pergamentstreifen zuweilen Buchstaben abspringen. Wer aber unbrauchbare Tefillin legt, der hat nicht nur die heilige, uns heiligende Mizwoh versäumt, sondern er hat auch die Segenssprüche, in denen wir den heiligen Namen aussprechen, vergeblich ausgesprochen, und wie unser großer Lehrer Mmmonides sagt, das Verbot übertreten das uns warnend zuruft: Du sollst den Namen Deines Herrn nicht vergeblich aussprechen. Man gewöhne sich daher daran, die Tefillin, mit denen man täglich einem heiligen Gebote des Ewigen entspricht, auf ihre unversehrte Erhaltung zu prüfen und scheue die Kosten nicht, dieselben, wenn es wünschenswert ist, durch neue zu ersetzen. Es ist kein Vorzug, Tefillin zu legen, die schon die Voreltern besessen haben, die Tugenden, die Frömmigkeit, die Liebe zur Tora, die wollen wir von unseren Ahnen erben, aber Tefillin und was wir überhaupt zur Erfüllung der Mizwos brauchen, müssen wir stets ergänzen und verjüngen.