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Der Israelit · 1909-05-25 · Heft 21 (25.5.1909) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 21 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nicht, weil er nicht „pädagogisch geschult" ist, weil er nicht jüdisch geschult ist in Lehre und Leben, drum hat er kein Recht bei der j Erziehung von Juden zum Judentum mit-! zuraten. Der jüdische Mann aber, dem sein Amt die Verantwortung vor der Geschichte erteilt, jüdischer Seelen und Seelchen mit liebevoller Hand zu warten, er kenne keine Menschensurchr. Er fürchte Gott allein und niemand sonst. Und wer auf Ihn vertraut, kann wohl kämpfen und ringen müssen und doch wird er Achtung gewinnen. Durch seine Taten und seines Lebens kraftvolles Wirken wird er siegen, mit Gott allein für Gott allein. Parlamentarische Beobachtungen. Die wirtschaftlichen Ideen der Zeit dürften wohl naturgemäß nirgends klarer zutage treten, als im parlamentarischen Leben. Zu sehen, wie langsam, aber doch allmählich der Thorageist und das Thoragebot zum Staatsgesetz erhoben wird, erfreut den Juden, gewährt ihm unbeschreibliche Genugtuung, versöhnt ihn mit vielem, belohnt ihn für alles und stärkt ihn ungemein in seinem Vertrauen in die Wahrheit und Göttlichkeit der Neberlieferung. Wir lasen vor kurzem den Wochenabschnitt in der Thora, der sich ausführlich mit dem Landbesitz beschäftigt und der durch „baupolizeiliche" Vorschriften das Verhältnis von Stadt und Land regeln will. Es sollten die Weichbilder der Städte nicht bebaut werden. Es sollte „eine mit Landbau sich beschäftigende städtische Bevölkerung" gewonnen und erhalten werden. Einem Zwiespalt zwischen der Industrie und dem Handel der Stadt einerseits und dem Bauer auf dem Platten Lande andrerseits sollte vorgebeugt werden. Die Großstädte mit ihrer Zentralisation und ihrer Not und ihrer Armut, ihrem Rennen und Jagen, ihrer Unehrlichkeit und Unsittlichkeit sollten nicht auskommen und der Landmann war geschützt vor Nachteil an Bildung und feiner Sitte. Den größten Vorteil aber hatte der Staat. Er teilte in sich nicht zwei Parteien, die sich verständnislos gegenüberstehen, die sich befehden und die abwechselnd immer zum Schaden des Partners zur Herrschaft gelangen. Alle Unstetigkeit in der Politik, jeder Mangel an Sachlichkeit, jede Bildung politischer, sich feindlich gegenüberstehender Parteien ist auf den Gegensatz zwischen Landwirtschaft und Industrie zurückzuführen. Im jüdischen Staat sollten solche sich widersprechenden Strömungen und Interessengemeinschaften unmöglich, weil unnötig, sein. Daß außerdem ein Großgrundbesitz zum Schaden der Kleinbauern und zum größer» Schaden des Staates nicht auskommen sollte, dafür sorgte das Jobelgesetz. Eine Gefährdung der Verarmten durch Güterspekulation und eine Ausbeutung ihrer Notlage wird durch die Festsetzung des Rückkaufpreijes für aus Not veräußerte Liegenschaften verhütet. Es ist jedenfalls das Problem, das heute die Volkswirtschaft so lebhaft beschäftigt und das auch jüdischerseits im Interesse der Erhaltung des Judentums ungemein interessiert, das von der Thora gelöst ist. Sie lehnt die Großstadtluft als Atmosphäre für das Judentum durchaus ab. Es ist ungemein interessant, daß auch auf dem Provinziallandtage der Rheinprovinz im Anfang dieses Jahres die rheinischen Landstädte eine sehr ernste und inhaltlich bedeutungsvolle Denkschrift überreichten, in der die Landstädte gegen die in allen Kreisen der Bevölkerung sich mehrende Landflucht Stellung nehmen und die Der Israelit. Landstädte in ihrer Verbindung von Landwirtschaft mit Industrie, von städtischer Intelligenz mit ländlicher Sitteneinfachheit als die gesündeste Stätte für ein glückliches Volksleben hinstellen. Zwar hatte die Denkschrift keine greifbaren Erfolge zu verzeichnen. Daß aber diese Ideen, wie jedes jüdische Kind sie im Chumisch lernt, bloß geäußert werden, bedeutet schon ein Moment, das wir nicht miffen möchten. Die Anerkennung der Lösung eines bedeutsamen volkswirtschaftlichen Problems nach dem Muster der Thora wollen wir mit Freuden registrieren. Soweit es aber am jüdischen Kreise liegt, sollte er sich bestreben, in diesem Sinne zu wirken. Mag sein, daß es ungemein schwer ist, Kindern auf dem Lande Bildung zu geben, die man ihnen zu ihrem Weiterkommen zu vermitteln schuldig ist. Sie in die Stadt zur Schule schicken, bedeutet ein großes Opfer nach jeder Richtung und bereitet den Eltern unausgesetzt große Sorgen in jeder Hinsicht. Aber die Landstädte bilden ein Ideal. Die höheren Schulen sind vorhanden, die Gemeinden sind groß genug, ihren jüdischen Pflichten im Rahmen, in dem es nötig ist, zu genügen. Die Bedingungen für eine gesundheitlich geregelte Lebensführung sind gegeben. Da sollte man den Aufenthalt in diesen Landstädten nicht mit derGroßftadt vertauschen. Aeußerlich bringt die Großstadt vielleicht Vorzüge, die aber alle entbehrlich sind. Und die inneren Vorteile der Kleinstadt wiegen bei weitem über. Es wäre die Befolgung der Volkswirtschaftslehre der Thora, deren Vortrerflichkeit die Not der Zeit auch außerjüdische Kreise anzuerkennen lehrt, die Bevorzugung der Kleinstadt. Es kommt noch das wichtigere Moment hinzu, das der Erziehung. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die höheren Schulen der Kleinstadt besser sind, als die der Großstadt. Die Ablenkungen, die die Großstadt dein Lehrer und dem Schüler bietet, fallen weg. Und was besonders vorteilhaft wirken muß ist der Umstand, daß Lehrer und Schüler sich näher stehen. Nicht nur die geringere Schülerzahl, die ganzen Verhältnisse der Kleinstadt bringen es mit sich, daß der Lehrer die Umgebung und dadurch die Individualität des Schülers besser kennt. Es braucht dann von selbst die Pedanterie der Schule nicht zu walten. Die Privatncigungen und Privatarbeiten eines Schülers können dem Lehrer besser bekannt sein und er kann sie bei der Beurteilung des Schülers berücksichtigen. Das ganze geistige Leben des Schülers spielt sich unter dem Auge des Lehrers ab. Auch der Lehrer gewinnt ein ganz besonderes Interesse am allgemeinen Fortschritt des Schülers. Er wird ihm eine schlechtere Note in einem Schulfache eher verzeihen können, wenn er weiß, daß ein anderes, nicht schulfähiges und doch mindestens ebenso ernstes Fach ihn beschäftigt hat. Diese Wahlsreiheit in der Schule wäre die gesündeste Ausbildung der Individualität, die manchmal unter dem heutigen Zwang und dem unpädagogischen Soldatendrill der Pädagogen im Keime erstickt wird. Diese Wahlfreiheit der Beschäftigung wurde bei der Beratung des Kultusetats des preußischen Abgeordnetenhauses! vor einigen Wochen von einem Gymnasialdirektor , zur Sprache gebracht. Wir stehen im preußischen Staat — wohl auch in anderen Staaten — noch lange nicht vor der Erfüllung dieses Ideals. Aber wir Juden hätten das größte Interesse, an der Erreichung dieses Zieles mitzu arbeiten. Wenn wir bedenken, welches Unrecht auch im christlichen Sinne die Begrenzung des Stoffes in unseren heutigen höheren Schulen darstellt, so haben wir allen Grund dazu, uns von diesem Druck zu befteien. Auch der gläubige Nichtjude müßte doch für seine Kinder einen David und Salomo, einen Jesajas und Jeremias — um gar nicht von Moses und spezifisch jüdische Berhältniffe berühenden Teilen der heiligen Schrift zu sprechen — als weit bildender betrachten, als Lenophon und Cäsar und alle Göttermythen des klassischen Altertums zusammengenommen. Wie sollte ein christlicher Staat bei dem Polytheismus in die Schule gehen und gerade die Kenntnis desselben als Reifestempel ausschließlich fordern dürfen?! Nr. 21. Seite 19 Wir Juden aber hätten erst recht das bewußte "nteresse für die religiöse Erziehung unserer inder und der Staat hätte den denkbar größten sittlichen Vorteil davon, das WAsche Schrifttum nicht nur salonfähig, Huch schulfähig zu machen. Allerdings hat vielleicht der Staat zu wenig Resultate von dem Erziehungsersts^g mit T'nach gesehen. Geben wir ihm denn doch die Beispiele. Erziehen wir unsereJugend durch guten jüdischenUnterricht zu bibelfesten und dadurch sittlich hervorragenden Juden und Menschen, dann wird die Zeit kommen, in der die Thora als „unsere Weisheit und Einsicht anerkannt wWd vor den Augen aller Völker." Sollen wir unsere tocbter in die Großstadt »erheiraten?X) Bon Dr. M. Kin L. Herr Levi in dem hübschen Dorfe mit noch ansehnlicher jüdischer Gemeinde bat es durch Umsicht, Fleiß und günstige Parnoffo zu einem ganz hübschen Vermögen gebracht, das ihm gestattet, seiner heiratsfähig gewordenen Tochter eine Mitgift in Aussicht zu stellen. Es sind zwar im Orte brave, tüchtige junge Herren, die ihr Geschäft gut verstehen, und auch sehr fleißig, solid und sparsam sind, und mit denen Fräulein Mathilde immer gut kameradschaftlich verkehrt hat, aber der Herr Papa und besonders die Frau Mama haben den Ehrgeiz, die Tochter nach der Residenz zu geben, denü dort hat sie ja ein viel angenehmeres Leben zu erwarten, als auf dem Lande. Als sie zu Besuch bei der Tante war, hat man sie zu Gesellschaften Ungeladen, wo sie sich sehr gut amüsiert hat; sie ist von Konzert zu Theater, von Theater zu Vorträgen gewandert, man hat es auch an Besuchen von Cafes und Restaurants nicht fehlen lassen. Fräulein Mathilde ist ganz entzückt von der Stadt zurückgekehrt, und bei Frau Levi stand es bombenfest, nur in der Stadt kann das „Kind" ein seiner würdiges Glück sinden. Herrn Levi wollte allerdings der Vergnügens-Rausch seiner Tochter weniger gefallen, er freute sich natürlich, daß seine Tochter so amüsante Stunden und Tage erlebt hatte, aber es wollte ihnr scheinen, daß sie nicht gescheidter zurückgekommen war, daß das tiefgründige Gemüt der Tochter, das ihn immer sehr zu ihr hingezogen hatte, etwas seichter und oberflächlicher geworden war, aber es wurde ihm das doch nicht ganz klar, er fühlte es blos und konnte sich über dieses Empfinden nicht unzweideutige, richtige Rechenschaft geben. Dabei wurden solche Erwägungen, die er sich selbst nicht recht gestand, leicht von seiner gesprächigen Gattin, die nicht wenig Wert auf äußern Glanz und günstige Repräsentation legte, übertönt und unterdrückt. Und auch bei Herrn Levi stand es deshalb fest, Thildchen muß in die Stadt heiraten, womöglich nach Frankfurt, wo es noch religiöse junge Leute gibt, und Herr Levi dachte es sich sehr leicht, dort einen frommen jungen Schwiegersohn zu sinden, der rat? streng sein Geschäft geschloffen hält. Man präsentierte Herrn Levi in der Tat bald einige junge Herren, die sich dort in den letzten Jahren etabliert hatten und deren Namen in großen Firmenschildern mehr oder wenig auffällig über den Haustüren und Parterresenstern prangten. Aber Herrn Levi, der seine Tochter gut und sicher versorgen wollte, gefiel sehr vieles nicht. Die Branche schien ihm bei dem einen nicht aussichtsvoll, bei dem andern glaubte er, die Spesen des Geschäftsbetriebes seien höher, als das Geschäft rentieren konnte, bei dem dritten gefiel ihm der ganze Betrieb nicht, und bei dem vierten war er von wirklicher Frömmigkeit nicht überzeugt. Da fügte es sich, daß ein altvertrauter Freund bei ihm einkehrte, mit dem er über alles mögliche und natürlich auch über seinen Herzenswunsch sich unterhielt. Herr Levi klagte seine Not, daß er immer noch nichts Rechtes in der Stadt gefunden hätte. Sein Freund meinte: i ») Abdruck aus dem von der „Freien Beretniaung für die Interessen d. orth. Indent.", für ihre ländlichen Mitglieder herausgegcbenen „JüdischenBolkSboten' MM

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