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Der Israelit · 1909-05-25 · Heft 21 (25.5.1909) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 21 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Leite 18. Nr. 21 und geräuchert wird und es eine Huldigung aus reiner Erkenntnis ist, die Ihm zuteil wird, Sein Name groß ist unter den Völkern", ist's uns genug. Vom Aufgang dev Sonne bis zu ihrem Untergang den Durchbruch des göttlichen Erkennens und des Pflichtbewußtseins zu gewahren, gibt neuen Mut, bringt gute Hoffnung. Sie festzuhalten und festzulegen sind wir Gott und unserm Volke schuldig. Wenn die Ziele der höchsten Ethik erst erfaßt sind, wenn sie sich nach schwerem Kampfe des Volkes durchgesetzt haben und die führenden „Geführten" schließen sich — ob sie wollen oder nicht — dem Zeitenstrome an^ dann werden sie Israel noch „auf den Armen tragen" und es „als Huldigungsgabe der Anerkennung seinem Vater zum Geschenke in seine Heimat führen." Mkcber gewissen. Als Rabbi Jochanan ben Sakkai aus dem Sterbebette lag, traten seine Schüler bei ihm ein. Noch einmal sollten die Lippen, von denen die Lehre, „süßer denn Honigseim," zu ihnen geströmt war, in Liebe sich öffnen. Die Jünger erbaten den Segen des Meisters. — Wer vermöchte das freudig bange Zukunftshoffen zu schildern, das die treue Brust der Schüler in diesem heilig ernsten Augenblick durchzitterte. Noch einmal sollten die schon erstarrenden Hände auf ihrem Haupte ruhen, und des Segens Fülle für frommen Sinnes treue Hut ihnen vermitteln. Erlöst und lang ruht der verklärte Blick des Sterbenden auf den Freunden, die sein Lager umstanden. Da bewegen sich die Lippen. Horch, horch, jetzt werden alle Lebensrätsel offenbart und der Zukunft geheimnisvolles Dunkel wird erhellt. Kindern und Kindeskindern vererben wir des Weisen heilig Wort und hinterlassen ihnen seiner Wünsche herrlichste Wonnen: Frieden, Freude und Leben, Segen und Siegen in allem.-So hoffen die Schüler. Doch horch — da spricht er schon, der sterbende Greis. Andachtsvolle Stille herrscht. Ein jeder möchte jeden Laut schier ergreifen, damit keiner ihm entgehe. llnd es richtet sich der Sterbende auf und klar und kurz und bestimmt spricht er: „Es sei des Allgütigen Wille, daß Eure Gottesfurcht so groß sei, wie Eure Menschenfurcht." Alles ist betroffen. Kaum wagen sie die scheue Frage: „Keinen anderen Segen hast Du, Meister für uns?" Daraus die kurze Antwort: „Möchtet ihr nur erst das verstehen." Dann schlossen sich die Lippen, die durch unermüdliche Lehrtätigkeit Torrah und Volk erhalten haben, für immer. ££ Die schlichte Wahrheit, die der sterbende Lehrer noch verkündet, war seinen Schülern und ist uns der Weisheit größtes Wort geblieben. Wenn wahre Gottesfurcht, wenn das Bewußtsein seiner. „Er wird bald zu uns konrmen und sich unseres Glückes freuen." Doch der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Ich schrieb meinem Vater ausführlich über meine Verlobung, versuchte ihm jeden Gedanken zu zerlegen, daß ich solchen Schritt getan hatte, ohne seinen Rat vorher zu hören, und bat ihn dringend um seinen Besuch auf dem Gute meines Schwiegervaters. Die Antwort zeigte so ganz die zärtliche Liebe, er verstand und vergab. Seine Reise war ausgeschlossen, da er sich nicht wohl genug fühlte. Und zum Schluß die Mahnung: „Du Haft ohne selbst ganz reif zu sein, einen noch erziehungsbedürftigen Menschen an Dich gefeffelt. Sei wachsam und streng gegen Dich selbst, daß Du die Gefährtin Deines Lebens zu einer würdigen MitbegründerinDeinesHauses heranbilden kannst." Erschöpft hielt Dorfzaun inne. Er drückte auf die Schelle und der Bursche brachte einen Samowar herein und stellte ihn mit etwas Gebäck auf ein Tischchen, das er dem Herrn zurechtrückte. Dann zog er sich leise zurück. „Bedienen Sie sich, lieber Freund," forderte der Hausherr seinen Gast auf, „nachher erzähle ich Ihnen gern weiter, wenn es Sie nicht langweilt." «Mich langweilt! Im ©egenteil, aber ich fürchte, es strengt Sie an." ,Ms tut mir gut, davon zu sprechen." j/Patm bin ich ein dankbarer Zuhörer." liir,i~iriiiife-M i«i’.ii r ■ . er Jsraelir 25. Mai 1909 allschauenden Gegenwart uns beseelt, wenn auf die geistige Moriahhöhe wir gelangt, daß der Gedanke uns nie verläßt in unserem Denken und unserem Tun von ihm, dem Allwissenden, in überall und immer gesehen zu werden, dann haben wir den Segen, den R. Jochanan als höchstes Gut erkannt und zur Anerk.nnung bringen wollte, uns erworben. Dann brauchen wir uns keinem Totenbett zu nahen, um von dem sterbenden Menschen Geheimnisse zu erfragen und mystische Orakel über unsere Lebensgestaltung zu erbitten. Wir erkennen und sollen immer mehr begreifen, daß des Glückes Schatzkästlein in unserer eigenen Brust geborgen ist. Das ganze Glück der Gegenwart und Zukunft liegt in dieser Wahrheit. Wenn - der jüdische Lehrer, der gleich R. Jochanan ben Sakkai in seinem kleinen Kreis berufen ist, der ihm anvertrauten Jugend die Lehre Gottes zu erhalten, „weiß, vor wem er steht" und Rechenschaft abzulegen hat, wie anders strömt begeistert und begeisternd das Wort von seinen Lippen, als wenn er dem Staats - gesetz, nicht dem eigenen Trieb gehorchend, unterrichtet. Wie fühlen die zarten Herzen den heiligen Ernst, von dem der Bildner ihrer Lebensrichtung durchdrungen ist Wie angenehm wird ihm selbst die hohe Pflicht, zu deren Hut berufen zu sein er sich selbst begnadet fühlt. Nicht Ueberbürdung ist der Inhalt seiner Klage, nicht Ferien bildet den Inhalt seiner Forderung. Er muß klagen, daß die Kinder nicht genug lernen, die Zeit nicht ausreicht zur Erkenntnis des Gesetzes, daß nicht Stunden genug den Kindern und die Kinder nicht den Stunden zur Verfügung stehen. Nicht „wenn der Staat es vorschreibt", „wenn die Regierung es verfügt" muß das „Wenn" bei seiner Üeberlegung sein. „W eilwahreGottesfurcht" es erheischt, drum bin ich als Jude, nicht als „Beamter", verpflichtet mich und meine Zeit der Thora und den Kindern zu opfern, den Kindern, die zur Thora zu erziehen, meinen Beruf und die einzige Aufgabe meines Daseins bildet. O, daß wir diesen Segen des R. Jochanan ben Sakkai wohl begreifen möchten, Gott so zu fürchten, wie wir'Menschen fürchten! Um Gegenwart und Zukunft des Judentums wäre es anders bestellt. Wie schmerzlich berührt es den Juden, wenn nicht das jüdische Gewissen es ist, das die Lehrtätigkeit lieb und wert macht, wenn immer wieder nur der christliche Staat als Auftraggeber gilt, seine Aufsicht, seine Macht, seine Bestimmungen die Kraft haben sollen, sich Geltung zu verschaffen, — ein bescheidenes Wort aber, lediglich diktiert von dem Pflichtenernst, die Jugend mit allen Mitteln dem Judentum zu erhalten, nur Widerstand und Höhnung begegnet in Kreisen, die als die „einzig Berufenen" so gern und — würden die Taten, und würde das Leben, und würde der Pflichteifer und die Ehrfurcht vor der Torah uud die Liebe, sie selbst zu erforschendem entsprechen — mit Recht sich fühlen. Würde nur des R. Jochanan ben Sakkai Wort bedacht werden: „vor der Offenbarung solcher Menschenfurcht, vor dieser offenkundigen Leugnung, Gottesfurcht zu besitzen, würde man sich selber schämen. Als die Schüler das Krankenzimmer ihres Lehrers R. Jochanan ben Sakkai betraten, da fanden sie den Meister weinend. „Warum denn weinst Du" forschten anteilnehmend die Jünger. „Würde ich nicht weinen" entgegnete der Meister, „wenn ich vor den irdischen Richter gestellt würde, dessen Zorn nicht ewig, dessen Strafe nur zeitlich währt und dessen Strenge man besänftigen kann. Ich aber trete bald vor jenen Richter, dessen Zürnen ewig, dessen Strafe ewig, dessen Urteil unabänderlich, und ich sollte nicht weinen?" Vor welchem Forum anders hätte denn der Verbreiter der Gotteslehre sich zu verantworten, als vor dem Spender dieser Lehre? „Gott will um der Anerkenntnis Seiner Gerechtigkeit willen, daß die Thora groß und herrlich daftehe." Wer wagte es, sich in den Dienst von Menscheu zu stellen, um die Form des göttlichen Auftrags, den Lehrberuf, zu mißbrauchen und menschlichen Inhalt ihm zu geben? Wer wagte es da im Hinblick auf das Gottesgericht, dem wir alle entgegen gehen, im Hinblick auf den Gottesbefehl, der uns allen erteilt ist, statt Gottes Wort den von Menschen gewollten Abfall zu lehren? Weil die Eltern den Schabbos entweihen, darum dürsten Kinder im jüdischen „Religionsunterricht" vom Schabbos nichts hören? Weil die Eltern verbotene Speisen genießen, darum sollen die Kinder nicht erfahren, daß ein Speisegesetz besteht? Wenn Eltern Blut und Unschlitt, Würmer und Insekten nicht zu scheuen als Fortschritt preisen, drum sollen die armen Kinder die Würde des Menschenleibes auch mißachten lernen? Es bedeutet aber keine Elternehre, die Kinder im Gegensatz zu Eltern zu erziehen? Dieses Problem hat die Thora ja schon längst in dem einfachen Sätzchen gelöst: „Ein jeder soll Mutter und Vater ehrfürchten, aber meine Sabbate sollt Ihr beobachten." Gottesgesetz und Elternwunsch stehen sich gegenüber. Ist's da noch eine Frage, was entscheidet? Sind nicht die Eltern auch Gottes Wort Gehorsam schuldig? Weil sie sich aber dagegen auflehnen, müssen die Kinder auch zum Abfall von der Religion in der Religionsstunde vom Religionslehrer erzogen werden? Dürfte tatsächlich ein Kind keinen Moralunterricht haben, wenn die Eltern unmoralisch leben? Dürfte es ein Kind niemals wagen, die Ehre der Eltern wieder herzustellen, wenn sie durch die Eltern verletzt ist? Dürfte nie ein Kind ersetzen, w, U ke M bx gi w w dc m w E te v> fr 11 u Schweigend tranken die Männer ihren Tee. Dann begann Dorfzaun: „Die Verlobungszeit verging wie im Taumel, ich stand ganz unter dein faszinierenden Einfluß meiner Braut, deren Schönheit mich bezauberte. Natürlich hatte ich ihrem Wunsche nachgegeben und mich in Krakau niedergelassen, mein Schwiegervater hatte eine Wohnung für uns wahrhaft ftirstlich ausgestattet, und mein anfängliches Unbehagen, von fremdem Gelde zu leben, war bald verschwunden. Meinen Vater hatte ich während der ganzen Zeit nicht gesehen, er war zu leidend, für die weite Reise, und ich, nun ich hatte keine Zeit; meine Braut ließ mich nicht fort und versprach, gleich nach der Hochzeit mich in die Heimat zu begleiten. Mein Vater konnte auch an dem Hochzeitsfeste, das mit großem Pomp gefeiert wurde, nicht teilnehmen. Nun aber ging es der Heimat zu, auch meine Rosa schien den Wunsch zu teilen. Wir reisten fast ohne Aufenthalt durch Deutschland, die Sehnsucht nach dem Vater ließ keinen Aufenthalt zu. Ich fand den Teuren gealtert, aber munter und angeregt wie sonst. Meine Frau schien ihm zu gefallen, sie bemühte sich sichtlich darum, wenn auch die Frage der Räumlichkeiten manchmal ihrem verwöhnten Sinn nicht zufagte. „Du hast Edelmaterial in Händen, lieber Sohn," sagte mein Becher in einer vertrauten Stunde zu mir, „noch ist es bildungsfähig, schmilz die Schlacke rechtzeitig aus. Rosa kennt nur die Freuden des Lebens, nicht den Ernst, gib ihr Pflichten, lehre sie Selbstüberwindung." Die Wahrheit dieser Worte prägte sich mir ein, und gleich nach unserer Heimkehr — wir hatten aus dem Rückwege die schönsten Städte Deutschlands besucht — bemühte ich mich, des Vaters Rat zu befolgen. Da ich Armenpraxis annahm, hatte ich bald genügend zu tun und lernte die entsetzliche Not der dortigen Juden bald kennen. Hier gab es ein weites Feld zu Hilfstätigkeit für meine Frau, doch entsetzt wehrte Rosa ab: „Gern schicke ich Geld und Kleider hin, auch Essen, wenn Du wünschst, aber ich selbst mit den Leuten in Verbindung treten, niemals! Ich würde den Eindruck und den Geruch nicht los werden." Vergeblich legte ich ihr die Verhältnisse dar, bei denen oft ein persönlicher Besuch wichtiger ist als Geschenke, es half nichts. Meine Frau betrat meine Arbeitsräume nicht, bis nach Ablauf der Sprechstunde alles gründlich gereinigt war. „Ich kann nichts Schlimmes sehen." Die Art meiner Praxis war ihr unangenehm genug, doch sah sie bald, daß sie mich gewähren lasse mußte, besonders da einer ihrer Brüder sich in gleicher Weise beschäftigte. Meine Versuche, sie zu ernsteren Pflichten zu führen, mußten ohnehin aufaegeben werden, da die Aussicht auf den schönsten Frauenberuf, die Mutterpslicht, sich ihr eröffnete. (Fortsetzung folgt.) i;i‘i..iia«trW»

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