Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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HPWB 5. Jahrgang JW. 5. iS) üdiöchcr Volkefrcund Monsis-Veilage zum „Israeli;" Ycrantwortticbc Redaktion: Rabbiner Dr. ß. (Rolf to Köln. Ztim Tage der Gesetzgebung. Alljährlich, da der Tag wiederkehrt, an dem ui_ Gegenwart des ganzen jüdischen Volkes die Offen barung am Sinai sich vollzog, fragen wir nach dem Fortschritt, den die göttliche Lehre im Kreise der Menschheit gemacht hat. Müssen ihn ergründen. Denn den Matzstab für die Erfüllung unserer Pflichten entnehmen wir dem Umfang der Erfolge, die die Thora zu verzeichnen hat. Da wäre es denn Unrecht, wenn wir unfern Blick trüben ließen durch die Staubwolken, welche der Kampf um die Wahrheit in ewigem Ringen aufwirbelt. Von der höheren Warte der Beobachtung der feindlichen Heere gewahren wir doch, ob die Schlachtreihen vorwärts dringen oder zurückweichen, und auf welcher Seite der Sieg zu erwarten ist. „Wir wollen tun und hören" war der Ruf, mit dem wir den Einzug der Tauroh im jüdischen Volk begrüßten. Innerhalb des jüdischen Kreises, der unbedingt und sofort das Thorahwort Leben gewinnen lassen muß, bildet die Tat die Voraussetzung zum Verständnis. Wir sind die Kinder in des Allvaters Haus, die „vom Mutterschoß verpflichtet sind" und in der U e b u n g der Pflichten, die im Elternhause anerkannt werden, aufwachsen. Das Verständnis kommt uns später, und dann reift die Erkenntnis immer mehr aus dem Leben und der Erfahrung, und ihre Blüte ist das Leben. Im Kreis der Völker ist es umgekehrt.. „Sie wallen hinauf zum Berge Gottes zum Hause des Gottes Jakobs, sie wollen erst die Wege lernen und dann in Jakobs Pfaden wandeln". Sie sehen Gutes blühen in Israel und streben, die geistige Luft zu erkennen, in der die Blume, die sie anstaunen, gedeiht. Es braucht! nicht immer ein unmittelbarer Weg von ihnen zum Israel ihrer Gegenwart zu führen, und es braucht nicht gerade ein jeder jüdische Gedanke, den wir in den Schriften der Tageswissenschaft und der zeitigen Kunst entdecken, aus einer bestimmten jüdischen Geistesguelle geschöpft zu seines braucht nicht jedes Gesetz, das dem jüdischen Geist entspricht, unmittelbar aus dem Talmud abgeschrieben zu sein — und doch dürfen wir uns der Anerkennung freuen, die die Tauroh durch solche Aeußerungen findet. Als Bibel der Kulturreligionen hat die Thora, hat der ganze Kanon des heiligen Schrifttums an den Reformgedanken aller Zeiten den größten Anteil. Die Bibel ist nun einmal in der Hand der Völker und es lebt sich bewußt und unbewußt die Welt in ihre Gedanken ein. Freilich sind es immer nur Einzelne, sind es Begnadete, die der Erkenntnis der Wahrheit sich nicht verschließen. Die reinmenschlichen Ideen sehen sie in ihrer Zeit nicht gewahrt, durch ihre Religionen nicht gewährleistet. Sie wenden sich gegen die Zeit und ihre Kulturelemente.' Denn sie begreifen den Zusammenhang von Lehre und Leben. Wie der Mensch feinen Gott erfaßt, so richtet er sein Leben ein. Denn „du gleichst dem Geist, den du begreifst". Diese Einzelnen aber sind die Edelsten der Nation. Sie erheben ihre Stimmen und werden gehört. Wenn die Wahrheit im Anmarsch ist, dann kann man ihr wohl Hindernisse in den Weg legen, aber man kann sie nicht aufhalten. Das Saatkorn, das dem Schoß der Erde anvertraut ist, geht auf. Die Gedanken finden Verbreitung und finden Anwen-dung und Ausgestaltung im praktischen Leben.! Wenn wir mit offenem Blick heute durch den Garten der Dichtungen wandeln, dann gewahren wir eine Menge lieblicher Blümlein, die uns freundlich zunicken. Es sind alte Bekannte. Sie stammen ans dem Eden der Menschheit Wenn wir in die Hallen des Denkens treten, dann begegnen wir vielen in Hohnlachen und Selbstüberhebung verzerrten Gesichtern, die uns anöden und anfeinden. Aber wir bemerken im Hintergrund in bescheidener Zurückgezogenheit und doch mit energischem Gesichlsausdruck ernste und besorgte, überlegte und vornehme Männer, voll deren hoheitsvoller Stirn der Glanz der Weisheit strahlt, die „dem Sterblichen verliehen." In den Parlamenten gellen uns die Stimmen entgegen, die in kalter Herzlosigkeit, von Besitzesstolz und Menschenverachtung diktiert, alles Jüdische verspotten nnd — wenn auch vereinzelt — mahnende Erinnerungen an Menschenrecht, die uns wohltun — doch was wir weit lieber hören und ungleich höher schätzen: ein einmütiges Streben tut sich kund, soziale Grundsätze und humane Bestimmungen, vernünftige Reformen in Schule und Volksleben zu schaffen, die in schriftlicher und mündlicher Ueberlieferllng der jüdischen Religionsquellen schon seit altersgrauer Vorzeit zu lesen stehen nnd im jüdischen Leben zumeist schon längst zu Hause waren. Ob uns dabei die ausgesprochene 'Anerkennung wird, darauf kommt es nicht an, das können wir aber auch gar nicht beanspruchen, so lange unser Leben noch nicht treues Abbild unserer Lehre in. Ist doch die Torah nicht Israels Eigentum, nur Israels Erbe. Sie ist ja nicht der Niederschlag jüdischen Geistes. Sie ist göttlich es Gesetz. Wofern nur „Gottes Namen überall geopfert Um Kaminfeuer. (Fortsetzung aus Nr. 3.) Die Unterhaltung ließ mich in großer Erlegung zurück. Was sollte ich tun? Natürlich sofort abreisen. Aber die Neigung zu dem schönen Mädchen war doch zu groß, um diesen einfachen gegebenen Weg einzuschlagen. Um meiner Aufregung erst einmal Herr zu werden, ging ich in den schönen großen Garten, der um diese Zeit, die Mittagsstunde, unbesucht zu sein pflegte. Doch zu meiner Ueberraschung hörte ich bald den leichten Schritt einer jungen Dame hinter mires war die Tochter des Hauses. Mit schnellem Gruß wollte ich vorübergehen, doch das Fräulein trat auf mich zu. „Weichen Sie mir nicht aus, Herr Dorfzaun, es ist nicht Zufall, daß wir uns hier treffen, ich wollte und mußte Sie sprechen, ehe Sie abreisen . . „Woher wissen Sie?" unterbrach ich das junge Mädchen erregt. „Woher? Nun lassen Sie mich ehrlich mit Jh«m sprechen. Ich weih von dem Gespräch, das Sie mit meinem Bruder hatten . . „Wie konnte er Ihnen davon erzählen!" . „Seien Sie ruhig deswegen. Mein Bruder kennt mich wie keine zweiteer ahnte bald, was Ihren Besuch in unserem Hause verursacht hat," sie blickte errötend vor sich nieder, „und er begrüßte es froh, da er üch der Hoffnung hingab, den treuen Freund noch zärtlicher bezeichnen zu dürfen. Und die Schwester wüßte er gesichert an der Seite eines zuverlässigen Mannes- Sie kennen die Verhältnisse in Galizien nicht und die Gährung dort in religiösen Dingen. Es ist seltsam, daß ich, das Mädchen, so zu Ihnen spreche, aber an einer Aeußerlichkeit darf nicht immer unser Lebensglück scheitern. Ich weiß durch meinen Bruder, daß >sie meine Gefühle erwidern, sonst hätte ich nicht so zu Ihnen gesprochen." Ausseuszend ließ sie sich aus eine Bank nieder. Ich war in einer schwierigen Lage. Mein Herz verlangte danach, das Mädchen, das mir noch nie so schön erschienen war wie in seiner jetzigen Aufregung, zu umarmen. Und doch hielt nrich etwas zurück. Sie bemerkte den Kampf in mir. Jäh sprang sie auf und wollte davonstür^en. „Hinweg, umsonst habe ich mich bloßgeftellt, Du erwiderst meine Gefühle nicht. Zum Spielen war ich Dir gut genug." Nun konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Mt beiden Armen unMug ich sie. „Geliebte, Du weißt ja nicht, welchen Kampf mich diese Zurückhaltung kostet. Seit ich Dich gesehen, träume ich Tag und Nacht von Dir. Aber, was kann ich Dir seinso schön, so klug, so reich, wie Du es in jeder Hinsicht bist, kannst Du wählen unter den ersten Männern. Ich bin nur ein einfacher Arzt, der noch nichts verdient, meine Verhältnisse sind bescheiden, wie kann ich die Hand nach Dir auSstrecken?" Statt einer Antwort küßte sie mich so leidenschaftlich, daß ich betäubt fast alle Bedenken fahren ließ, mich ganz dem Zauber der Stunde hingebend. Wie lange wir so gesessen, weiß ich nicht. Aus einmal weckte uns die Stimme des Brudersaus dem süßen Traum. „Also darf man Maseltow sagen", ries er aus, „Rosa hat eS verstanden, Dir die kleinlichen Bedenken auszureden." Ich fuhr auf, wie aus dem Schlaiewas hatte ich getan. Neberrumpelt durch ausflammende Leidenschaft mich gebunden für das Leben. „Mein Vater," kam es mir unwillkürlich über die Lippen. Befremdet schauten mich die Geschwister an. Doch ich war schon gefaßt. Nun waren die Würfel gefallen, das herrliche Mädchen war mein, also was sollten die Skrupel. „Mein Vater, ach könnte er Dich jetzt sehen," rief ich, die Braut mich drückend. Lächelnd schaute sie auf. V