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Der Israelit · 1909-05-25 · Heft 21 (25.5.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 21 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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cf) e Wart territorial i$mu$ vor so Iahte«. Bon Berlingcr in Breel u. Im Städtchen Rodenberg des ehemaligen Kurfürstentums Hessen lebte der Kaufmann Bernhard Behrend, dem die Not seiner Glaubensbrüder sehr zu Herzen ging. Schon seit seiner frühesten Jugend hatte er sich — seinem eigenen Geständnis nach — mit der Lösung der Judenfrage beschäftigt. Er trat schließlickl mit einem ganz bestimmten Plan hervor, der höchst modern anmutet. Zunächst wandte er sich schriftlich an Baron M. A. von Rothschild, den er feierlichst aufforderte: „Kaufen Sie einen Distrikt Landes in Nord-Amerika, gründen Sie daselbst eine Kolonie für unsere unglücklichen Glaubensbrüder und führen (Sie) die uns zunächstliegenden aus Deutsch land, Polen und Italien hinüber." Es heißt in dem Schreiben weiter: „Es herrscht bei mir nicht der mindeste Zweifel, daß, heute beschlossen, bereits in 3 bis 4 Jahren auswandernde Familien in der Kolonie R o t hschild in Nord-Amerika ausgenommen werden und dort frei beten und arbeiten können .... Noch bemerke ich, daß es für einen großen Kapitalisten keine sicherere und progressiv mehr Gewinn bringende Gelegenheit gibt, als ein solcher Ankauf im Großen. Jedoch geschieht diese Bemerkung nur im Allgemeinen und nicht aus dem Grunde, um Sie zu bestimmen, auf meinen Vorschlag einzugehen,' vielmehr hat mich die Notor tät Ihres Charakters dazu veranlaßt, zuerst an Sie zu schreiben." Darauf lief folgende Antwort ein: Herrn Bernhard Wehrend senior in Rodenberg. Frankfurt a Dt., 10. Dezember 1832. Ich habe Ihre inerte Zuschrift zu erhalten die Ehre gehabt und muß es bedauern, Ihrem Wunsche nicht ent sprechen zu köuuen, indem ich FH re Ansicht über den erinähnten Gegenstand incht teile. Ich empfehle mich Ihnen hvflichst M. A. von Roth s ch i l d. Nach dieser Absage ließ Behrend die Angelegenheit zunächst ruhen. Im Februar 1844 aber wandte er sich an Gabriel Rießer, um nun diesen Mann für seine Pläne zu gewinnen. Auch glaubte er, mit Hilfe Rießers einen anderen Geldfürsten — Rothschild hatte ja versagt —, nämlich Salomon Heine, für seine Licblingsidee interessieren zu können. In dem umfangreichen Schreiben an Gabriel Rießer legt Behrend auch die Hauptzüge seines Projektes dar. Es heißt da: „Es tritt zuvörderst eine Gesellschaft zusammen, welche in Nord-Amerika eine so große Strecke Land vom Staate erkauft, worauf wohl einige Millionen Menschen wohnen können. Die Mitglieder dieser Gesellschaft beteiligen sich hierbei durch Aktien. Die Aktie wird zu iüO Thlr. festgestellt. — Sobald eine erhebliche Anzahl von Aktien gezeichnet sind, tritt aus der Gesellschaft ein durch Wahl zu bestimmendes Komitee zusammen, welches die Statuten entwirft. — Das Komite ernennt eine General- Direktion, welche die Geschäfte der Gesellschaft nach Bestimmung der Statuten ausführt. — Die Aktien werden sofort eingezahlt, sicher gestellt und von den Zinsen die Kosten bestritten, welche die Präliminarien zum Ankauf des Landes verursachen. Es werden sofort 3 Deputierte nach Amerika geschickt, um über den Ankauf des Landes in Unterhandlung zu treten, und die Karten, Beschreibung, Preis rc. der Direktion einzuschicken re." .... Zu diesem großen Werke der Uebersiedelung der unterdrückten Juden nach Amerika betreffend, ist Niemand besser geeignet, als der hochherzige, mit irdischen Gütern hierzu hinreichend versehene Salomon Heine dort. — Es ergeht daher an Sie, mein hochgeehrtester Herr Rießer, mein dringendes Gesuch, diesen würdigen Mann dazu zu veranlassen, sich als General-Direktor an die Spitze zu stellen, und daß Sie alsdann nach Kräften Mitwirken werden, unterliegt keinem Zweifel; mir aber könnte kein größeres Glück beschieden sein, als wenn ich auch tätigen Anteil an diesem Werk der Befreiung nehmen könnte." Ihm antwortete Gabriel Rießer folgendes: Hamburg, 20. April 1844. Herrn B. Behrend sen. in Rodenberg. Hochgeehrtester Herr! Entschuldigen Sie, wenn ich, durch mannigfaltige Arbeiten beladen, Ihr geehrtes Schreiben vom 18. Februar so lange unbeantwortet gelassen habe, und wenn es mir auch heute nicht möglich ist, den wichtigen, darin besprochenen Gegenstand zu erschöpfen, ich mich vielmehr auf das Nöthigste beschränken muß. — Wie inan auch über die Auswanderungsfrage denken möge, so viel ist gewiß, daß sie von der außerordentlichsten Wichtigkeit ist, und wer weiß, ob sie nicht alle anderen, in unserer Zeit verhandelten, all Bedeutung überragt! Wer von denen, die an dem Schicksal der Juden innigen Alttheil nehmen, hätten nicht Augenblicke, in lvelchen ihm die Uebersiedelung nach den Ländern der Glaubensfreiheit, nach großartigem Maßstabe ausgeführt, ie rechte und einzig heilbringende Lösung der endlosen Diskussionen über die versagte Freiheit in Deutschland und anderen Ländern zu sein scheinen! Dennoch kann ich mich für meine Person zu einer bestimmten, ausgesprochenen Thätigkeit in der von Ihnen vorgeschlagenen Richtung nicht entschließen. — Ein Hauptpunkt ist, daß Tie dabei von der völlig irrigen Voraussetzung ausgehen, daß es nlir leicht gelingen werde, Herrn Salomon Heine zu vermögen, das; er sich an die Spitze eines solchen Unternehmen» stelle und ihm pekuniäre Kräfte widme. — Daran ist nun durchaus nicht zu dellkell. Herr H. ist eilt sehr lvohltätiger, freigebiger Mannaber für derartige Pläne ist er durchaus nichtseine Lebensansichten, Gewohnheiten und Umgebungen ziehen ihn davon ab, und Sie werden einräumen, daß es ein zweckloses Beginnen sein würde, einen 77 jährigen Mann auf andere Ansichten und Bahnen, als die er bisher verfolgt hat, lenken zu wollen. — Abesehen nur hiervon, weiß ich nicht, was ich persönlich für ie Sache zu leisten im -- tande lväre. Es kommt dabei gerade aüsschtießlich ans solche praktische Kenntnisse an, die mir durchaus mangeln, im Ackerbau, Fabriklvesen u. dergl. — Mich selbst halten Neigung und Gewohnheit, verbunden mit der Unmöglichkeit, in einem anderen Welt theil einen Zweig praktischer Tätigkeit, dein ich mich widme und von dem ich existieren könnte, zu finden, von der Auswanderung aus Europa ab, und an Andere Aufforderungen richten, ohn> selbst thätigen Antheil zu nehmen, giebt eine falsche, mißliche Stellungzudem bin ich nicht der Meinung, daß gerade die Ansiedelung einer großen Anzahl von Juden ans ein und derselben gemeinschaftlich ertvor bellen Laildstrecke so sehr in den Wünschen der Juden liegt und der Sachlage nach zlveckmäßig ist. — Gemeinden, denen sie sich in religiöser Hinsicht anschließen können, finden die einzelnen auswandernden Juden in vielen Städten Nordamerikas - und das scheint m r genügend. Auch glaube ich, daß ein öffentlich angekündigter und betriebener Auswanderuilgs Plan für Juden in dem immerhill leicht möglichen Fall des Mißlingens, in mehrfacher Hinsicht schaden würde. — Es scheint mir daher wünschens tverther, daß die individuellen Auswanderungelt, die ja seit längerer Zeit — besonders aus Baiern — ziemlich zahlreich und, lvie nlarr hört, im Ganzen ron günstigen! Erfolge begleitet sind, zunehlnen, oder daß man sich allgemeineren Unternehmungen theilnehmend nnd fördernd auschließe, wovon ja eben jetzt wieder in den Zeitungen die Rede ist, als daß ein spez ell jüdischer Kolonisations- Plan ins Leben trete. Ich lvürde diese Bedenklichkeitell für geringfügig halten, wenn ich mit einiger Zuversicht an das Gelingen glaubte; da ich aber diese Zuversicht nicht habe, so kann ich nicht rathen, ein schwieriges Unrernehmell, wie es so oft in unseren Tagen geschieht, auf die Gefahr des Mißlingens, hier an die große Glocke zu hängen. Indessen begreife ich sehr wohl, daß man hierin ganz anderer Meinung sein kann, und vielleicht bin ich es selbst in einigen Jahren. Für jetzt aber kann ich lediglich allem, was in dieser Hinsicht geschieht, meine lebhafteste Aufmerksamkeit und Teilnahme widmen, fühle mich aber nicht berufen, mich einem Unternehmen anzuschliesten, für das ich etlvas Erhebliches zu leisten mich nicht'im Stande glaube und an dessen Ausführung ich, so rvie ich in diesem Augenblicke denke und elnpstnde, persönlich keinen Anteil neh lnen würde. Mit dem herzlichsten Danke für die freundlichen Gesinnungen, die Ihr geehrtes Schreiben gegen inich ausspricht und mit dem Ausdruck der aufrichtigen Hochachtung, die Ihre Denkweise mir einslößt, verharre ich Ihr ergebenster G. Rießer, Dr. So Raiten also Baron Rothschild, Gabriel Rießer und Salomon Heine seine Hoffnungen getäuscht. Aber Behrend gab seine Sache noch immer nicht verloren. Februar 1345 leiste er nach Frankfurt a M., um Baron Rothschild mündlich um Nnlerstützung seiner Pläne anzugehen und um von ihm „dessen Motive zu erfahren, weshalb er nicht wolle." Im Privat Kontor des Barons entspann sich folgendes Gespräch: Rothschild: „Mein Vater n"P sagte immer, der Jude inuß gut und fromnl sein und alles über sich ergehen lassen. Wenn es Gottes Wille sein wird, wird uns Erlösung zu Teil werden. Das Schicksal der Juden hat sich um vieles gegen früher gebessert. Ich halte Ihr Vorhaben für und kann, wie schon gesagt, mich nicht daraus einlassen." Behrend: „Ich stimme mit den Prinzipien Ihres sel. Vaters ganz überein - jedoch ist es diesem Prinzipe so wenig zuwider, lvie auch uns Juden nicht verboten, lvo es möglich sei, die Erleichterung unseres Schicksals zu de wirken .... Wäre unser großer Lehrer Mosche nicht energisch aufgetreten, würden wir nicht aus Mizrajim erlöst n vrden sein, Unsere alten Weisen stimmen ja auch

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