Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449374--65559-2508204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^euilleton-Beilaae ui Nr. 21 des ..Israelit" euilleton 'h < Vergeltung. Kulturbild aus der jüngsten Vergangenheit in Rustlaud. (Fortsetzung.) n „So tut ihr eure Pflicht und schützet die Unglücklichen!" — bat der Jüngling. „Pflicht?" — lachte der Unteroffizier — „die Juden kommen, uns über Pflicht zu belehren. Wer anders ist wohl schuld, daß wir heute am heiligen Feste hier stehen müssen, als ihr Juden und nun kommt ihr mit Pflicht. Schert Euch, oder . . ." Einer der Jünglinge suchte indes sich zwischen den Soldatenreihen einen Weg zu bahnen und dem Soldaten, der ihn mit dem Kolben brutal zurückstieß, mit dem Revolvergriff Widerstand zu leisten. Plötzlich knallte ein Schuß. Es wußte l einer, woher und von wem er gefeuert wurde, noch ob und wen er getroffen hätte. Der Unteroffizier aber, als hätte er auf dieses Signal gewartet, kommandierte „Feuer!" Und ein furchtbares Morden begann. Eine Salve nach der andern wurde abgegeben und als sich die Rauchwolke verflog sah man die Leichen und Sterbenden zu Dutzenden blutüberströmt die Straße bedecken. Wie von wilden Furien getrieben liefen die Menschen dnrch- und um einander und ein furchtbares Schreien, Stöhnen und Röcheln erfüllte die Luft . . . Von den frischen, gesundheitsstrotzenden Jünglingen, die noch vor einer Weile voll Mut und Jugendkraft von großen Idealen, von Heldentaten träumten, waren nur wenige am Leben geblieben, die nun, von Soldaten und Gesindel verfolgt, nach allen Seiten flüchteten und nach sicheren Verstecken suchten. Vor der Synagoge machten auch der junge Berkowitz und der Sohn des Synagogendieners, müde und erschöpft vor Anstrengung, Aufregung und Todesangst, Halt. Instinktiv griffen sie an die Türe. Sie war halb geöffnet nnd sie gingen, um den Schrecken draußen wenigstens für einige Augenblicke zu entweichen, hinein. Lange waren sie nicht mehr darin gewesen. Die beiden Freunde senkten beschämt und schuldbewußt das Haupt, sie schämten sie vor einander und klagten sich gegenseitig stumm an. Lange hatten sie den heiligen Raum nicht mehr betreten und als sie jetzt schutzsuchend kamen, war er verwüstet, demoliert, schändlich entweiht durch die Freunde, mit denen sie einst von Recht und Freiheit sprachen, durch die Genossen, denen zu liebe sie mit dem heiligen Orte, mit der Gemeinde, mit dem Elternhause gebrochen. Tief beschämt standen sie da, stumm das bereits vollführte Werk der Verwüstung betrachtend und wagten es kaum, weiter zu schreiten. „Die hier gewütet haben — brach endlich der Schamesch-Sohn das Schweigen — „waren keine Bauern, es waren organisierte, gelernte Arbeiter, sie haben gründliche Arbeit geleistet, mit Eisenstange und Keule, so arbeitet kein simpler Bauer. Es waren Bundesgenossen, die uns schändlich betrogen, ihren Eid gebrochen . . ." „Wir hätten dem Rabbi folgen sollen und heimgehen, unsere Familien zu schützen. Wir haben sie schmählich im Stich gelaffen und unsere Besten sind gefallen" — klagte Joseph. „Es ist zu spät" — seufzte der andere — „und der Schaden ist unermeßlich groß, durch den wir heute klug werden. Auf, lieber Freund, wir wollen wieder Ordnung machen! Wir können es in Ruhe und Sicherheit tun, sie werden nicht mehr Herkommen, nachdem sie ganze Arbeit getan ..." Eifrig griffen die jnngen Leute zu, hoben die verstreut umherliegenden heiligen Bücher und Blätter eines nach dem andern auf, küßten sie ehrerbietig und ordneten sie, so gut es ging, in den Schränken und Fächern, stellten wieder Tische und Bänke zurecht. Und nun zur heiligen Lade, um nach dem Zustande der Thorarollen zu sehen. „Oh Grauen!" Joseph Berkowitz stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Der Schameschsohn stand wie versteinert da und vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen. Vor ihm lag in einer Blutlache sein Vater, bleich und bewegungslos. In seinem schönen kreideweißen Gesichte spielte ein zufriedenes Lächeln und seine starren Hände hielten fest umklammert eine Thorarolle . . . Josef vermochte diesen Anblick nicht zu ertragen und er ging, ungeachtet der Gefahr, die draußen drohte. Der Sohn aber wandte das Gesicht ab. Dann brach er tn krampfhaftes Schluchzen aus. All die Aufregungen, all die Gedanken, Hoffnungen und Enttäuschungen, all die Seelenqualen und inneren Konflikte der letzten Tage schienen sich in diesen Tränen aufzulösen. Und er hielt sich, so laut, daß es durch den leeren Raum dumpf wiederhallte, eine bittere Anklagerede: „Ich habe auf seine Worte nicht gehört und er hat doch im Grunde recht behalten, nur, daß nicht ich, wie ich es wohl verdient hätte, sondern er, der Reine und Heilige, das Opfer geworden ist. Ich habe ihn verlassen, um auf fremden Feldern un- , gerufen zu arbeiten, wir haben sie nun mit unserem Blute getränkt diese Felder. Ein Glücklicher, ging er, er lebte und starb für ein hohes Ideal und im Bewußtsein himmelhoch über seinen Mördern zu stehen .... Und ich? Ein Verführer, Verworfener, Enttäuschter und Schuldbeladener . . . Und wenn mich das Schicksal ereilt, so sterbe ich als Verbrecher, als Sünder gegen Gott und Menschen . . . O Vater verzeihe! .... Er lächelt, ist versöhnt .... Hat er auch mir vergeben? . . . Hat er in seiner schauervollen Todesstunde an seinen Sohn, den Abtrünnigen und Pflichtvergessenen gedacht? . . . Hat er ihn verflucht oder gesegnet, wie ein Vater am Festeseingang sein Kind segnet? . . . . O Vater! . . ." Er verfiel in ein konvulsivisches Schluchzen und anvermerkt, er wußte kaum selber wie, saß er zu Füßen des toten Vaters auf der unteren Stufe der kleinen Treppe vor der heiligen Lade. Da lag noch das dicke Gebetbuch, wie es aus der Hand des Ermordeten gefallen war, offen auf dem Boden. Der Jüngling hob es auf und küßte es leidenschaftlich. Es war noch beim großen Sündenbekenntn i!se aufaeschlagen und wie in geheimnisvollem Zwange oetete der junge Mann laut schreiend: „Oschamnu! bogadnu! So trafen ihn abends die Männer des „heiligen Vereins", als sie aufgelöst in Tränen in das Gotteshaus traten, um den großen Toten zur Ruhe im „Maffengrabe der Märtyrer" zu tragen. VII. Als Meier Berkowitz, von Schrecken gejagr, heimeilte und auf Umweg°n an seine Wohnung gelangte, war sein im Parterre gelegener Laden bereits geplündert. Ein Haufen von bunten Waren und zertrümmerten Möbelstücken lag vor der Türe, hier und da von weißen und auch rotefärbten Bettfedern besäet, die von allen Seiten er Straße zugefiogen kamen. Berkowitz schaute über die Trümmer hinweg stieren Blickes nach der Stätte, die ihm Fleiß und redliche, unermüdliche Arbeit von Jahrzehnten errichtet. Dies Alles war nun dahin, vne durch ein verheerendes Element vernichtet. Und noch hatte die entmenschte Rotte ihr Werk nicht ganz t eendet; das Schreien, Hämmern und Klopfen nahm kein Ende. Auch viele bester Gekleidete sah er aus seinem Geschäfte kommen, die verstohlen größere oder kleinere Päcke trugen, etwas verlegen die vor der Türe postierten Polizisten rüßten und dann, vergnügt schmunzelnd, als ätten sie gute Einkäufe gemacht,ihres Weges gingen. An einen dieser Polizisten wendete sich nun Berkowitz in höchster Verzweiflung. „Guter Herr Pristav! Haben Sie doch Erbarmen! Es ist mein Gut und Blut, man richtet mich zu Grunde!" Der Revieraufseher antwortete barsch, ohne ihn anzusehen: „Warum schreit Ihr? Man hat euch ja nichts getan! Ihr Juden könnte nichts als lärmen und seid doch an allem schuld, indem ihr die Menge reizt. Warum steht Ihr auch jetzt sr herausfordernd hier? Geht doch heim, dann passiert auch nichts!" Wie ein kalter Schlag traf diese Abweisung den ratlosen Berkowitz. Also vogelfret der raubsüchtigen Menge preisgegeben. Von diesen Gedanken gepeitscht, lief er einige Schritte abseits, um von der anderen Seite in seine Wohnung zu gelangen. Die Türen waren aber von innen fest verschlossen und all sein Klopfen und Rufen blieb unerwidert. In immer steigender Erregung und Seelenangst lief er nun zurück zum Ladeneingang. Dort stand Marianka und betrachtete traurig und händeringend die Trümmerhaufen. „Ist mein Mann, der Kuraschow, drin?" fragte sie einen der Herauskommenden. „Dein Mann? Nein!" antwortete er Geselle — „aber er wird sich in der Nähe befinden, denn er gehört zu diesem Reviere." Marianka wollte noch etwas sagen, da erblickte sie Berkowitz, ihren früheren Dienstherrn, und wandte beschämt ihr Gesicht ab. „Liebe Marianka", fing nun dieser an, „so weit ist es also gekommen! Du könntest es den verführten Leuten sagen, wie wenig wir dies alles verdient, wie weit sie von gewissenlosen Hetzern bettogen sind. Aber sie werden sich nicht belehren und bekehren lassen. Sie werden in ihrer blinden Wut keine Vernunft annehmen. Marianka! Kannst Du helfen? so tue es! Meine arme Frau und die Kinder, die Du mit so viel Liebe heranziehen halfst, sie sind in Gefahr, vielleicht in Todesqualen. Ich kann nicht zu ihnen. Die Seitentür ist geschlossen, der Ladeneingang ist versperrt. Du bist Christin und alle Wege siehen Dir frei. Gehe, wenn Dü noch dein altes gutes Herz hast und stehe ihnen bei!" Er sprach mit weicher Stimme, aber fest und bestimmt. Als aber die frühere Dienstmagd den Herrn des geliebten Hauses so verstört vor sich sah und so reden hörte, brach sie in heiße Tränen aus. „Ich werde, ich werbt" — schluchzte sie nur und eilte überTrümmer undWarenhaufen schreitend durch den erbrochenen Eingang in den Ladenraum. Eine neue Gruppe zog schreiend und singend vorüber. Die Gesichter vom Rausche stark gerötet und die Hände mit schweren Eisenstan-en, Aexten und Beilen beladen. Hie und da sah man auch eine Waffe, einen Revolver oder zerbrochenen Soldatensäbel blinken. Die einen sangen lustige Straßenlieder und die anderen fromme Kirchenchoräle, oft aber vereinigten sie sich im Refrain : „Schlaget die Juden!" Mechanisch wich Berkowitz einige Schrttte zurück und abermals versuchte er durch das Seitengäßchen in seine Wohnung zu kommen, aber die Haustüren waren immer noch geschloffen, und sein lautes Rufen blieb unerhört. (Fortsetzung folgt.)