Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 21. 25. Mai 1909. Der JSraelit. 6ett 9 der Kadettenpartei berühren sehr selten diese traurige Seite des gesamtrussischen Lebens. Nun sollte man aber meinen, daß die liberale Presse wenigstens die Dumadebatten über die Juden ausführlich wiedergeben und entsprechend kom mentieren würde. Aber auch das ist nicht der Fall. Die verflossene Woche brachte, wie in voriger Nummer mitgeteilt, solche eingehende Dumadebatten bei den Beratungen über den Etat des Kultusministeriums und das Militärkontigent In der dritten Duma ist die Judenfrage noch nie so ausführlich besprochen worden wie be diesen Gelegenheiten. Miljukow, Gegetschkori, Beleussow, Pergament und Friedmann haben dabei die rigorosen Begrenzungen der Juden in den Schulen und im Militärdienst ausführlich beleuchtet. Und nun haben die libe ralen Blätter nicht einmal ihre Reden wiedergegeben, sondern nur mit kurzen Notizen darüber berichtet. Die einzige Zeitung, in der diese Reden vollinhaltlich abgedruckt wurden, war die antisemitische „Rossia". Die Juden haben von der dritten Duma selbst nichts zu erwarten — höchstens Verschlimmerungen ihrer trostlosen Lage. Was in dieser Duma zugunsten der Juden vorgebracht wird, könnte nur einen gewiffen Aufklärungswert nach außen hin haben. Das russische Durchschnittspublikum ist über Wesen und Lage der in einem Rayon 'zusammengepferchten Juden gar nicht oder wenig orientiert und ist selber nicht in der Lage, die zahllosen Hetzschriften gegen die Juden auf ihre Haltlosigkeit zu prüfen. Die Progressiven in der Duma vermögen es am besten, von dieser weithin sichtbaren Stelle aus Aufklärung über den Charakter und die Verhältnisse der jüdischen Mitbürger zu geben. Damit eine solche Aufklärung aber auch wirksam werde, müßte sie von der liberalen Presse in die weitesten Kreise der russischen Bevölkerung weitergetragen werden. Bei den letzten Juoendebatten in der Duma hatte sie die beste Gelegenheit da zu. Sie hat diese Gelegenheit jedoch nicht benutzt. Kiew, 17. Mai. Unsere Lokaladministra tion hat in letzter Zeit die hiesige, 60— 70000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung durch barbarische Brutalität, die selbst hierzulande in solchem Maße nicht zu den Alltäglichkeiten gehört, in Schrecken und Panik versetzt. Allnächtlich werden verschiedene jüdische Privatwohnungen und Gasthäuser von Polizisten umzingelt und nach wohnrechtslosen Juden durchsucht, die selbst aus den Betten herausgeschleppt und mit Verbrechern und Prostituierten zusammen nach ihren Heimatsorten per Schub befördert werden. Selbst Greise und Kranke, die zur ärztlichen Behandlung hergekommen sind, werden nicht geschont. Eine in Geburtswehen liegende jüdische Frau wurde, statt nach der Entbindungsanstalt, nach einem Polizeirevier gezerrt, wo sie alsbald von einem Knaben entbunden wurde. Dort machte man sich über das „junge Jüdchen" lustig, das es gewagt habe, an einem „verbotenen Ort" zur Welt zu kommen. Auf Befragen erklärte der Polizeichef, es wäre ihm aus Petersburg der Befehl zugegangen, „Oblawy" (Polizeirazzia) auf wohnrechtslose Juden hier zu veranstalten. Und nun findet hier diese berüchtigte „Oblawy", die eines der grauenerregendsten Kapitel in der düsteren Leidensgeschichte der russischen Juden bildet, ununterbrochen statt und versetzt uns in die wildesten Zeiten der 80er Jahre zurück. Nur eins scheint sich inzwischen geändert zu haben: man spricht nicht mehr soviel davon. Die öffentliche Meinung ist den Judenleiden gegenüber „besonnener" geworden und regt sich über sie nicht mehr so auf-— L o dz, 10. Mai. Die Auswanderung nimmt wieder größere Dimensionen ander Zug der Auswanderer geht hauptsächlich nach Amerika. Besonders wandern sehr viele Handwerker, wie Schneider, Bäcker und Schuhmacher aus. Daneben kommen immer noch viele Rückwanderer, die in Amerika nicht vorwärts kommen konnten- und trotz ihrer Klagen über den schlechten Geschäftsgang lassen sich die Emigranten nicht zurück halten. England. London, 21. Mai. Am 3. Mai ist im Alter von 98 Jahren der Nestor der jüdischen Reformbewegung in England, Professor Marks, verstorben. Marks war es, der vor 6 Jahrzehnten die Ideen der deutschen Reformer in England eingeführt hat, ohne daß es ihm gelang, über den engen Kreis seiner Getreuen hinaus die Gesamtgemeinde und ihre geistlichen Führer für sich zu gewinnen. Im Gegenteil, der damalige Chief Rabbi und sein Beth-Din scheuten sich nicht, gegen die aus dem Boden des reformierten Judentums stehende Gründung den D"»n auszusprechen. Marks selbst galt mit Recht als ein integrer Charakter, der auch keineswegs aggressiv angelegt war und namentlich in den letzten Jahrzehnten wenig hervortrat. Nichtsdestoweniger bedeutet sein Name ein Prinzip, das Prinzip der willkürlichen Selbstherrlichkeit auf dem Boden des jüdischen Kultus, das Prinzip der Auflehnung gegen die bindende Berpflichtungskraft des Religionsgesetzes. Es ist aus diesem Grunde in gesetzestreuen Kreisen auch peinlich empfunden worden, daß der Chief Rabbi Dr. Adler gemeinsam mit seinen öT't an der offiziellen Trauerfeier für Professor Marks in der Reformsynagoge selbst teilvahmen. Ganz abgesehen davon, daß es nach der Vergangenheit Dr. Adler's und nach den Prinzipien seines Vaters, denen treu zu bleiben er immer gelobte, an und für sich schon ein unbegreiflicher Verstoß ist, daß er die Reformsynagoge betrat, bedeutet die Teilnahme an der Feier selbst ganz entschieden eine objektive Anerkennung der reformerischen Bestrebungen. Dr. Adler und sein Beth-din werden sich zwar mit Entschiedenheit gegen diesen Verdacht wehren, werden behaupten, daß sie die Person von der Sache trennen und lediglich ihrer menschlichen Teilnahme an dem Heimgang eines bedeutenden Stammesgenossen hätten Ausdruck verleihen wollenallein diese Entschuldigung ist objektiv wenig wert. Wir glauben, daß die gesetzestreue Judenheit bei aller Würdigung der Verdienste, die sich der Chief Rabbi um die allgemeinen Interessen des Judentums erworben hat, gegen diesen Akt prinzipienloser Toleranz Verwahrung einlegen muß. Es ist das umso schmerzlicher, als man den bevorstehenden 70. Geburtstag des Chief Rabbi gerade in den gesetzestreuen Kreisen allzu gerne ohne jede störende Nebenempfindung mitgefeiert haben würde. Türkei. Konstaniinopel, l4. Mai. Die drei nichtmohammedanischen Gemeinden hatten für diesen Sonntag die Verabredung getroffen, zu gleicher Zeit einen feierlichen Gottesdienst zur Tronbesteigung Sultans Mohammeds V. zu veranstalten. Unter großem Andrang des jüdischen Pnblikums hat der jüdische Festgottesdienst in der sephardischen Synagoge zu Galata stattgefunden. Der Großrabbiner, viele Mitglieder des Betdin und des Mischlisch umumi, die Deputierten Faraggi und Sasson, der erste Dragoman im Ministerium des Aeußern, Daud Effendi, Jacq. Bej de Leon und andere Notabeln der jüdischen Gemeinde waren unter den Teilnehmern. Die Feier begann mit dem Vortrag einer Reihe von Gebeten mit Ehorgesang. Sodann ergriff der Präsident des Mischlisch Gischmani, Herr Farchi, das Wort, um in spaniolicher Sprache eine Darstellung der epochalen Ereignisse der letzten Zeit vor den Zuhörern zu entwerfen. Die Rede gipfelte darin, )aß auch die Juden, und ganz besonders die Juden, sich des Sieges der Freiheit und der Thronbesteigung eines durch sie emporgetragenen und von ihrem Geiste erfüllten Herrschers zu reuen hätten. Die Juden hätten bewiesen, daß auch sie wie alle ihre ottomanischen Volksbrüder bereit seien, für die Existenz und das Glück des Vaterlandes einzutreten. Nach einem Kindergesang hielt der ChaHunbaschi die Festrede in türkischer Sprache- und schloß mit einem Gebete in türkischer und hebräischer Sprache. Erneuter Gesang und Gemeindegebete beschlossen die erhebende Feier. MaLastiner. Jaffa, 12. Mai. Bekanntlich hat man seit langem in Jaffa den Mangel eines gemauerten Hafens gefühlt, der es verhinderte, daß große Schiffe bis an das Ufer anlaufen. Jetzt hat sich in Jaffa eine große Kommanditgesellschaft gebildet, welche diesem Mangel abhelfen will. An der Spitze der Gesellschaft steht der Direktor der Anglo-Palästina-Komp. in Jaffa und der Leiter der deutschen Bank in Jaffa. Das Syndikat will auch einen Automobilverkehr zwischen den jüdischen Kolonien einrichten. Es sind Unterhandlungen mit belgischen Kapitalisten im Gange. Die Häuserbaugesellschaft „Achusath Bajis" in Jaffa hat große Erfolge zu verzeichnen. Die Bodenpreise steigen jetzt enorm. Nun hat sich eine zweite Gesellschaft „Nachalath Binjamin" mit demselben Zwecke gebildet, bestehend aus weniger vermögenden Leuten. Amerika. New-Aork, 12. Mai. Eine vom Gouverneur Hughes eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Einwanderungsfrage im Staate New-Aork hat nach Beendigung ihrer Arbeit einen Bericht erstattet, der interessante Streiflichter auf die Bedingungen wirft, denen di' nach New-Aork Einwandernden entgegengehen. Die Kommission hat folgende Mißstände festgestellt: Anhäufung der Einwanderer im Staate New-Aork, wo dreiviertel der Fremden ankommen und bleiben. Das bedeutet in manchen Jahren eine Million Menschen. Diese Einwanderer sind schlechten Lebensbedingungen, einer unmoralischen Umgebung und der Ausbeutung unterworfen und bleiben oft arbeitslos. Die Institutionen zur Verteilung der Einwanderer auf die verschiedenen Gegenden sind alle privater Natur und arbeiten ungleichmäßig. Viele Arbeiter bleiben in der Stadt, die gerne draußen arbeiten möchten, weil ihnen nicht bekannt ist, daß an vielen Plätzen Arbeiter sehr gesucht sind. Die Einwanderer werden ausgebeutet durch Auswanderungsagenten, durch Winkelbanken, - allein im letzten Jahre find 25 solcher „Banken" in New-Aork verkracht, — durch Schiffahrtsagenten, durch Winkelkonsulenten, die ihnen falsche Papiere verschaffen, durch Winkeladvokaten, durch gewissenlose Händler usw. usw. All dies ist möglich wegen der Unwissenheit der Einwanderer und ihrer Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. Die Kommission empfiehlt daher die Einsetzung einer staatlichen Behörde, die die Verteilung der Einwanderer auf das Land durchführen, sie vor Ausbeutung schützen und die Erziehung der eimvandernden Jugend fördern soll. Inzwischen hat sich (Siehe Wochenrundschau in Nr. 20) aus den Kreisen der hiesigen jüdischen Unterstützungsvereine eine Freie Organisation zum Zwecke der Verteilung der jüdischen Einwanderer gebildet, der es möglich sein dürfte, ein behördliches Eingreifen nach dieser Richtung überflüssig zu machen. llermiscbter. Berlin, 18. Mai. Gegen den Grasen Pückler Klein Tschirne sollte jüngst vor der Strafkammer in Glogau verhandelt werden. Trotzdem Graf Pückler bekanntlich wegen Geisteskrankheit entmündigt worden ist, w -r gegen ihn ein Wiederausnahmeverfahren durchgesetzt wordenes handelte sich dabei um einen Strafprozeß wegen Zerstörung einer seinem Gutsnachbarn gehörigen Feldbahn und wegen Beleidigung. Die Sache mußte jedoch auf unbestimmte Zeit ausgejetzt werden, weil die Aerzte der Heilanstalt, in der Gr f Pückler seit über Jahresfrist untergebracht ist, begutachtet hatten, daß der Angeklagte seines gegenwärtige», Zustandes halber zum Termin nicht erscheinen könne. 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