Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 Nr. 21 Der Israelit. 25. Mat 1909 gemachten Aeußerungen haben in den weitesten Kreisen der hiesigen galizischen Juden eine Beunruhigung hervorgerufen. Man hielt es für bedenklich, Ausdrücke wie „galizische Stampiglien Kultur", die aus dem Munde eines Rabbiners gefallen sind, oder die anmaßende Enunciation des Brünner Kultuspräsidenten: „Galizien soll uns mit seinen Luftmenschen in Ruh lassen", oder die Bemerkungen der Herren Gabel und Brau de über die Fälschung der Proteste ohne jeden Widerspruch hinzunehmen. Ein Kreis aus der galizischen Kolonie beschloß daher eine Protestversammlung der galizischen Juden einzuberufen, die geftem auch stattfand. Die Versammlung war sehr gut besucht und nahm einen stürmischen Verlauf. Wiederholt glaubte man, daß es zu einer Sprengung der Versammlung kommen werde, insbesondere bei der Rede des Dr. I. S. Bloch, der von den Zionisten, die in großer Zahl herbeigeeilt waren, stark angegriffen wurde. Das Referat erstattete Dr. Josef Zipser, der sich einer außerordentlichen Kürze befleißigte und den eigentlichen Gegenstand der Tagesordnung, die auf dem Gemeindetag gegen die galizischen Juden gefallenen Angriffe kaum berührte. Nachdem der Sekretär des Gemeindebundes Jakob Krauße, den Gemeindebund in Schutz ge nommen hatte, kam Dr. Zweig an die Reihe. Er zählte die mehrfachen den galizischen Juden angetanen Unbilden auf und beschäftigte sich insbesondere mit den Zurücksetzungen bei Einberufung des Gemeindetages und Abfassung der Organis ations-Statuten. Sodann ergriff Dr. S. R. Lan dau das Wort. Er erklärte, daß man in der heutigen Versammlung alle Schuldigen in gleicher Weise rügen muffe und darum nicht verschwiegen werden dürfe, daß nicht blos der Brünner Kultuspräses und sein Rabbiner, sondern auch Dr. Braude und Dr. Gabel in schwerer Weise die ga tischen Juden blosgestellt haben, was zum mindesten eine unkluge Taktik war. Die heutige Versammlung, meint der Redner, habe die einzige Aufgabe oem jüdischen Volke in Galizien ihre Sympathien auszusvrechen und durch eine einzige Kundgebung vor oer Welt zu demonstrieren, daß sich die in Wien lebenden galizischen Juden mit ihren galizischen Brüdern eins fühlten und stets bereit seien, für sie einzutreten. Es kamen noch mehrere Redner zu Wort, worauf eine Resolution einstimmig angenommen wurde, die folgenden Wortlaut hat: „Die heutige Versammlung der galizischen Juden in Wien erklärt, daß sie die auf dem jüdischen Gemeindetage gegen die galizischen Juden von verschiedenen Seiten gefallenen Anwürfe auf das entschiedenste zurückweist. Gleichzeitig spricht sie dem jüdischen Volke in Galizien ihre wärmsten Sympathie aus." Wien, 16. Mai. Der Kreditoren - Verein versendet folgendesZirkular: „Die WienerHandelskammer hat die Initiative zu einer bei der Regierung einzuleitenden Intervention in Angelegenheit des immer mehr um sich greifenden nationalen und konfessionellen Boykotts ergriffen und ist bemüht, sich des hierzu erforderliche Tatsachenmaterial zu beschaffen. Wie Sie wohl wissen werden, haben wir bei der Besprechung unserer Falliments-Statistik in unserem letzten Jahresberichte konstatirt, daß in vier Fällen der Niedergang dadurch hervorgerufen wurde, daß das Geschäft der Betreffenden durch nationalen bez. konfeffionellen Boykott vollständig lahmgelegt worden war. Die Wiener Handelskammer hat sich nun, durch diesen Paffus unseres Jahresberichts aufmerksam gemacht, an uns mit der Bitte gewendet, ihr die diesbezüglichen Daten zur Verfügung zu stellen und wir haben selbstverständlich diesem Ansuchen prompt entsprechen. Wir fühlen uns aber verpflichtet, der Kammer in dieser dankenswerten Aktion die denkbar möglichste Unterstützung zu gewähren und wenden uns daher an unsere geschätzten Mitglieder, indem wir sie bitten, uns über alle zu ihrer Kenntnis gelangten Schädigungen durch nationalen und konfesionellen Boykott zu berichten, wobei es selbstverständlich ist, daß nur solche Mitteilungen, die durch aktenmässige Nachweise belegt sind, wirklichen Wert für uns haben." Agram, 2. Mai. Im Sinne des Gesetzes vom 19. Februar über die inneren Verhältnisse der Juden in Kroatien und Slavonien sind die jüdischen Gemeinden verpflichtet, ihre Statuten umzuarbeiten und der Landesregierung in Agram zur Bestätigung vorzulegen.. Um nun den einzelnen Gemeinden die Arbeit zu erleichtern, hat die Landesregierung ein Musterstatut ausgearbeitet und den einzelnen Gemeinden zwecks Begutachtung zukommen laffen. Gleichzeitig hat sie für den 20. d. M. zwecks Entgegennahme der Wünsche der Judenheit eine Enquete anberaumt, zu welcher die Vorsteher und Rabbiner sämtlicher Gemeinden geladen waren. Einem Wunsche der Regierung gemäß fand am 18. und 19. April im Beratungssaale der jüdischen Gemeinde Agram eine Vorberatung statt, in welcher betreffs der der Regierung vörzulegenden Wünsche der Judenheit des Landes volle Einigkeit erzielt wurde, infolgedessen die von der Landesregierung angeordnete Enquete überflüssig wurde. Am 20. April versammelten sich nun die Delegierten der Gemeinden und die Rabbiner im großen Beratungssaale der Regierung, Abteilung für Kultus und Unterricht, woselbst sich such alsbald Kultuschef v. Mixich einfand. Nach einigen begrüßenden Worten des Dr. Goldmann I., Vizepräsidenten der Agramer Kultusgemeinde, ergriff Dr. Hugo Spitzer, Vorsteher der Kultusgemeinde Ofijek das Wort zu einem längeren Referate, in dem er die Gesichtspunkte hervorhob, von denen sich die Vorversammlung in ihren Beschlüssen habe leiten lassen, die darin gipfeln, daß aus dem Statute alle jene Punkte eliminiert werden, die eine Verletzung der gesetzlich gewährleisteten Autonomie und Gleichberechtigung der jüdischen Konfession bedeuten. Kultuschef v. Mixich versprach das ihm überreichte Memorandum zu studieren und die vorgebrachten Wünsche, soweit sie mit dem Gesetze vereinbar sind, zu respektierener werde stets darauf sehen, daß die Gleichberechtigung der Juden nicht angetastet werde. Ungarn. Jüflifthe „Kulturarbeit“. — Ein Exhumierungsprojeß. Lemberg, 18. Mai. Die jüdischen Zeitungen in Amerika verzeichnen die steigende Einwanderung galizischer Juden. So sind auch im Jahre 1907)08 nach den Bereinigten Staaten mehr als 15 000 Juden aus Oesterreich-Ungarn eingewandert. Um die Verhältniszahl dieser öfterreichisch - ungarisch - jüdischen Einwanderung zu bestimmen, muß immer festgehalten werden, daß Westösterreich und Budapest als Jmmigrationsgebiete von der Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung der Monarchie in Abzug zu bringen sind. Ferner, daß die jüdischen Auswanderer aus Oesterreich-Ungarn sich in bedeutender Anzahl nach Deutschland, Paris und England wenden. Wird all das mit in Rechnung gezogen, dann ergibt sich, daß die jüdische Emigration aus Oesterreich-Ungarn relativ die Höhe der Auswanderung aus Rußland erreicht. Das staritistische Handbuch Galiziens für das Jahr 1908, herausgegeben vom statistischen Landesamt läßt sogar die Annahme zu, daß die jüdische Emigration aus dem Osten der Monarchie den natürlichen Bevölkerungszuwachs übersteigt. Nach den Angaben der galizischen Statthalterei bestehen in Galizien 253 jüdische Gemeinden, deren Mitgliederzahl im Jahre 1008 793 360 Seelen betragen hat. Im Jahre 1900 betrug die jüdische Bevölkerung Galiziens 811000. Da im Laufe von acht Jahren die Bevölkerung um 11°/° anwachsen mußte, sollen im Jahre 1908 in Galizien rund 910 000 Juden zu zählen sein. Die Auswanderung riß also 117 000 Juden aus Galizien in 8 Jahren fort, d. h. den gesamten Geburtenüberschuß und verursachte einen absoluten Rückgang der jüdischen Bevölkerung des Landes um rund 18 000 Seelen. Budapest, 20. Mai. Der Ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauvereiu hielt in Anwesenheit einer großen Zahl von Mitgliedern seine Generalversammlung ab. Auf Antrag Ladislaus v. Fürsts wurde Dr. Adolf Kohner mit Akklamation zum Präsidenten gewählt. Der neue Präsident hielt dann eine Rede, in welcher er zunächst die Verdienste und der Charaktereigenschaften seines Vorgängers Dr. Armin Neumann gedachte. Hierauf entwickelte er sein Programm, demgemäß der Verein eine Kulturinstitution werden soll, welche nebst intelligenten Handwerkern auch geschulte einheimische Arbeitskräfte für die Großindustrie zu erziehen berufen sein wird. Auch soll nach dem Beispiele anderer Konfessionen der jüdischen gewerblichen Jugend eine religiöse und moralische Fürsorge zuteil werden, wobei der Präsident auf die Mitwirkung des neu gegründeten Kulturvereine zählt. Mit Hinweis auf die infolge der abnormen Teuerung unzureichende Ernährung der Handwerkslehrlinge, welche eine physische Dekadeyz zur Fol^e,, hat, gedenkt der Präsident, die Hss6chtung cmer Mensa zu veranlassen und regt auch die Gründung eines Gesellenvereines der ehemaligen Zöglinge an, welche Mittel und Wege der Selbstbildung, Geselligkeitspflege, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit re. bieten soll. Auf dem Gebiete des Ackerbaues soll das begonnene Werk des Gartenbauinstituts ausgeführt und die Ausbildung von intelligenten Gärtnern und zur intensiven Betreibung des Ackerbaues qeeiqneter Arbeitskräfte in größerem Maße angestrebt werden. Was die Herren nnter der vom Kulturvereine erstrebten religiösen und moralischen Erziehung verstehen, ist leider aus dem Programme nicht recht verständlich. Nach der ganzen Zusammensetzung der Bereinsleitung zu schließen, ist kaum enzunehmen, daß bei der Ausbildung und später Versorgung der Zöglinge auf n3tr und Einhaltung der jüdischen Religionsgesetze Bedacht genommen wird. Und doch könnte nur unter dieser Voraussetzung der an sich nützliche Verein dem ungarischen Judentum zum Segen gereichen. Mehrere hiesige Verwandte eines vor drei Jahren in der orthodoren Gemeinde Tolosva verstorbenen und daselbst begrabenen Juden verlangten vor Kurzem die Exhumierung der Leiche, um dieselbe in den Budapester jüdischen Friedhof überführen zu können. Mit Berufung auf das jüdische Religionsgesetz hat die Tolosvaer Chewra Kadischa der die Verwaltung des Friedhofes obliegt, das Ansuchen abgelehnt, worauf die Verwandten vom Stuhlrichter einen Exhumierungsbescheid erwirkten. Die Chewra Kadischa rekurierte an die nächste Instanz, welche den ersteren Bescheid bestätigte mit der Bemerkung, daß der Chewra Kadischa das Berufungsrecht an das Ministerium des Innern extra dominium zustehe, d. h. daß die Exhumierung ohne Rücksicht auf die spätere ministerielle Entscheidung fofort vorgenommen werden könne. Auf Intervention der orthodoxen Landeskanzlei änderte die zweite Instanz nachträglich ihre Entscheidung dahin ab, daß die Exhumierung vorläufig nicht erfolgen dürfe. Sowohl in jüdischen wie auch in juristischen Kreisen ist man überzeugt, daß die ministerielle Entscheidung zu Gunsten der p>"n ausfallen wird. Rutztand. Petersburg, 16. Mai. Die allgemeine russische Presse, außer den antisemitischen Hetzblättern d la „No wo je Wremja4' und „Rossia", befaßt sich sehr wenig mit der Judenfrage, mit den Leiden und der Rechtlosigkeit der 6 Millionen Juden in Rußland. Selbst die führenden Organe g' n di T b. A n ei m ft' tr ui Zl Ni ti C bc so hi li. ui nc au br ih: S B Fl uc vo Mi da zu bei Bk tot NU die dil bil wi! ein mo lick „b, nic wu Au Be Sö kor An tri -r-fi ‘ -Ar.'r^iTr i^särJ« ’ - i -ti