Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Nc. 21 Der Israelit. 25. Mat ISVS. spezifisch und eigentümlich Jüdischen im Auge haben muß. Aber Geiger stand aus dem entgegengesetzten Standpunkt. Er wünschte nicht die Erhattung des Judentums; ja, er war bestrebt, dessen Auflösung herbeizuführen. Er rechnete mit der nun einmal bestehenden Tatsache, daß Juden existieren und „sich wohl noch sehr lange erhalten werden". (A. a. O.) Aber er arbeitete, seinem eigenen Geständnis nach, darauf hin, das spezifisch Jüdische zu schwächen und den Auflösungsprozeß zu beschleunigen. Er sagt: „Ich habe niemals als meinen Zweck betrachtet zum Judentum zu führen, auch nicht die Juden zu Christen zu machen, obgleich Du natürlich in unserer Gegend weit r nichts vor Dir stehst als solche (d. h. Juden oder Christen), sondern fie zum allgemeinen Menschentum hinzuführen und bas Judentum immer von besten Anfichten zu durchdringen, mag es dann später gehen, wie eS gehtaber ich weiß dann, baß ich befördert habe die Zeit, da Gott einzig und fein Name einzig fein wird. Ich dringe auf Denken und Begründen bet fich selbst, .... benütze hierzu das Judmtum, gehe von ihm aus zur beabfichttgten Regel, nicht aber von einem als wahr angenommenen Satze zu einem jüdischen Gebrauche, besten Hetlighaltung ich empfehleich gehe von ihm aus, weil ich zu Juden spreche und Juden zu Menschen machen will, nicht aber, weil ich in ihm die höchste Weisheit verehre und Menschen zu Juden machen will." (A. a. O.) Das heißt mit dürren Worten nichts anderes, als daß Geiger aus kosmopolitischer Abneigung gegen das Judentum, innerhalb dessen er nun doch einmal ein Amt, und zwar als Rabbiner, zu bekleiden genötigt war, das Aufgehen des Judentums in der Menschheit und damit „mag es später gehen, wie es wolle" dessen Entwurzelung und Untergrabung propagierte. Mit dieser seiner wahren Herzensmeinung hielt er zwar vorsichtig in der Oeffentlichkeit zurück und sprach sie nur vertrauten Freunden gegenüber aus. Aber er haßte den Zwang, den sein Amt ihm auferlegte, das er nicht aufgeben wollte oder konnte. „Wäre ich in der äußerlich glücklichen Lage wie Du, mein Freund, hätte ich keine Verpflichtungen für die Zukunft, .... so würde ich mit Vergnügen auf meinen Weg Hinblicken und nicht der geringsten Bedenklichkeit Raum geben, alles mit Schärfe auszusprechen, was mein Blut in Wallung setzt und möge daraus entstehen, was da wolle." (An Dernburg. 23. Febr. 1836. S. 115.) VII. Geiger war vom Judentum herzlich unbefriedigt, nicht etwa blos vom altgläubigen, sondern vom Judentum in jeder Facon. Es herrschte in ihm ein Zwiespalt, ein Zweifel an der Existenzberechtigung und -Möglichkeit des Judentums, der es ihm unmöglich machte, sich darin zurechtzufinden. Erst im Jahre 1836, nach vierjähriger Wirksamkeit als Rabbiner, scheint es ihm gelungen zu fem, sich einen jüdisch-religiösen Gedankenbau zu konstruieren, der ihm behagte. Er schreibt: „Sett ewiger Zeit, mein Lieber, habe ich ein Judentum, das mich befriedigt, einen Glauben, besten Grundlage das Vertrauen auf einen Weltlenker und die an uns gestellte Anforderung der Gerechttgkett und Milde ist, der sich in Werken, die diesem Ansprüche genügen, ausspricht und mit erhebenden Formen zur Erweckung dieser Gesinnungen umgibt. Das ist mir ficher Geist des Judentums, der aber schon in der Bibel, wenigstens im Pentaseuche, nicht klar genug hervortritt." (A. a. O.) Allein schon aus der paradoxen Bemerkung, daß der Geist des Judentums „schon in der Bibel", geschweige denn im nachbiblischen Schrifttum, d. h. also in der ganzen vorgeigerianischen Zeit „nicht klar genug hervortritt" ist deutlich zu ersehen, daß das, was er Geist des Judentums nannte, eben nichts anderes als fein eigener Geist war und auf einem schwankenden Subjektivismus beruhte, der nicht lange Bestand haben konnte, sondern wie Schaum verfliegen mußte, da es jeden festen Prinzips ermangelte. Man hat den Eindruck, daß Geiger das Organ für die jüdische Religion fehlte, daß er in Bezug auf sie, sozusagen, farbenblind war. Man erkennt es, und er selbst sagt es im selben Briefe, daß er auch von diesem seinem subjektiv konstruierten Tendenzjudentum doch nicht befriedigt war. Er schreibt darüber, „Diesen reinen Geist möchte ich wieder aufleben sehen, in seinem Gegensätze sowohl gegen das verknöcherte Judentum als auch gegen jeden andern falschen Geist. Liefen Geist möchte iw selbst beleben, den Formglauben entwurzeln, dem falschen Geiste nichts nachgeben, und wenn ihn auch nicht gerade direkt, doch indirekt bekämpfen. Aber ach, da fühle ich nicht bloß die eigene Schwäche, die der Wärme entbehrt, um die Ueberzeugung überzeugend auszusprechen, der Erkenntnis im einzelnen, um es anderen zur Erkenntnis zu führenich fühle auch die enge Haft, in der ich mich befinde, von der ein jeder meiner Schritte eingeengt wird, und steiltch, ich fühle auch meist die Teilnahmslofigketr, die ein jeder schwache Versuch findet. — Du stehst, mein Lieber, so gar sehr zuftieden bin ich auch nicht." (A. a. O.) Er fühlt also, daß ihm selber Ueberzeugung und Wärme fehle, um andere mit Ueberzeugung und Wärme zu erfüllen. Es ist auch bezeichnend, daß er zwar das Verlangen hat, den „Formglauben" zu entwurzeln, aber „jeden andern falschen Geist", d. h. die völlige Religionslosigkeit, den Atheismus nicht direkt, sondern nur indirekt bekämpfen will. Der Atheismus war ihm entweder sympathischer oder erschien ihm minder gefährlich als das „verknöcherte" Judentum. Es ist daher nur konsequent, wenn er weiter schreibt: „Was jetzt das hauptsächlichste ist, ist auf der einen Seite die Unhaltbarkeit der jetzigen Gestalt des Judentums, auf der andern der Nachweis, wie es dazu geworden, aber bis auf die älteste Spitze im einzelnen verfolgt. Alles andere ist keineswegs von Uebel, aber, wenn ich so sagen darf, Luxus, und wir find ja so arm und sollten unser Bischen noch luxuriös vergeuden!" (A. a. O.) Er hält also alles andere außer der Negierung des alten Judentums für Luxus, er hält es für luxuriös, etwas Positives für eine Neugestaltung des Judentums schaffen zu wollen. Er will nur zerstören und hält das Ausbauen für überflüssig. Sein Widerwille gegen das alte Judentum war so groß, daß ihm jedes Verständnis dafür fehlte, es könnten Denkende Gefallen daran finden: „Gottlob, wir haben es so weit in der Schlemihligkett gebracht, daß kein Denkender und Fühlender, wenn er einmal aus derselben herausgekommen, trotz aller Sehnsucht und allem Schmerze über Kahlheit und Zweifel, fich wieder da hineinfinden kann. Poettsch kann das alte Judentum nur dem sein, der es in einem daran hängenden Gemüte anschaut, in dem subjektiven Glauben, der überall Poesie ist. Aber die objettive Gestalt desselben, Anfichten und Aeußerungen im Leben, können nur abstoßend wirken bei einem poetischen Genrüte, und deshalb haben wir auch nicht im geringsten die Folgen einer mittelalterlichen Romantik zu fürchten. Bei uns kann bloß der Kampf Genüge leisten, niemals die Rückkehr. Wohin der Kampf führt, darnach stage ich für jetzt noch nicht sehr viel." (An Stern. 31.März 1836 L. i.B. S.88.) Nun, wohin der Kampf führen mußte, das konnte nicht zweifelhaft sein. Er selbst war sich dessen bewußt, daß ihm eine rechte religiöse Ueberzeugung fehle. Er schreibt: „Warum ich seit einiger Zeit wieder nicht ganz vergnügt bin, weiß ich wahrlich nichtdie Hauptsache ist, daß ich nichts rechtes arbeite, und daran hat allerdings die Zeitschrift Schuld, die mir zwar viele Freuden macht, aber mich teils zersplittert, teils zu einer Bestrebung hinführt zu der ein festerer Wille und eine tiefere Ueberzeugung, als ich fie besitze, gehört, nämlich das Judentum zu reformieren." (An Dernburg, 19. Juni 1836. A. Z. d. I. 1896 S. 140.) Wenn Geiger also auch öffentlich für Reformen eintrat, wenn er, wie es im selben Briefe mit Selbstironie heißt, in Wiesbaden „mit großem Geräusch, d. h. durch einen Vorftandsbeschluß, der vor Eröffnung der Lade verkündet wurde, und eine Rabbinerpredigt, die einer Explosion gleich war, den Aw harachamim abschaffte", so war seine Herzensmeinung und innere Ueberzeugung die, daß Reformen zwecklos seien, da das ganze Judentum einer unaufhaltsamen Zersetzung entgegengehe. „Alles wantt und bricht unter unfern Händen, wenn wir es nur leise berühren, und damit etwas Neues entstehen könne, muß wegrafiert werden, soviel als möglich .... Jetzt ist kaum mehr Zeit zu einer Reformationjetzt gilt es den Umsturz, und Gott gebe bann ein Neues!' (A. a. O.) Das Neue, das er ersehnte und erstrebte, war eine über allem Jüdischen und jenseits jeder positiven bisher existierenden Religionsform stehende Universalreligion, in der sich Juden und Christen zusammenfinden sollten. Der Rabbiner Geiger ersehnte und erstrebte die Auflösung der Religionsform des Judentums, das sowohl der Wahrheit als auch der Möglichkeit einer Veredelung entbehre. Er bekennt sich zu dieser haarsträubenden Ansicht in einem Schreiben an Dernbura: Schatulle unterstützt. Unter der Regierung des verflossenen Sultans haben viele Juden den Pascharang erreicht, so die Militärärzte Dr. Elias Cohen Fao, Jsaac Haches, .Jacques Nissim, Jsaac Molho u. a. Im Zivildienst besitzen oder besaßen mehrere den Rang eines Bali, so die bekannten David Effendi Malho und Aaron Effendi Leon, daneben gab es stets über 30 Juden, die den Rang eines Zivilobersten bis herab zum Capitain bekleideten. Seit zwanzig Jahren trug sich Abdul Hamid mit dem Gedanken, die Juden zum Militärdienst heranzuziehen, aber der Scheik ul Islam, der stets die Verbote des Korans, Nichtmoslims zzim Militärdienst zuzulassen, hervorhob, verhinderte diese seine Absicht. Als 1885 in den Vorstädten Konstantinopels allerhand Gesindel einen Judenkrawall inszenierte, wurde eine scharfe Untersuchung eingeleitet und eine strenge, aber gerechte Bestrafung der Rädelsführer hervclgeführt. Der Lmltan soll sich damals sehr als zwar wilder aber besserer Mensch gefühlt haben, indem er in Hinblick auf die damals in Europa gerade üblichen Judenhetzen geäußert haben soll, seine Hauptstadt sei kein Wien, Prag oder Odessa. Dem Oberrabbiner der Türkei zahlte er von Staatswegen ein Jahresgehalt, wodurch dieser, zum türkischen Würdenträger bezw. zum offiziellen Staatsbeamten erhoben wurde. Es war das ein geschickter diplomatischer Zug des schlauen Kalifen, denn als bald darauf der griechisch-türkische Krieg ausbrach, wurden von den Israeliten ungeheure Summen gespendet und Hunderte von jüdischen Freiwilligen ließen sich in die Listen eintragen. Auch mehrere ausländische Juden traten damals als freiwillige Krankenpfleger und Aerzte in das türkische Heer ein. Ein warm gehaltenes Dankschreiben an den Oberrabbiner der Türkei bezeugte damals die Zufriedenheit des Sultans mit seinen jüdischen Untertanen. Trotz, alledem läßt sich nicht bestreiten, daß die Beseitigung des .alten Systems für die jüdischen Staatsbürger ein ebenso großes Glück ist, wie für die Andersgläubigen, denn da ersteres ja nur der krasse Autokratismus gewesen, so hätten sich seine Launen ebenso sehr gegen die Juden wenden können, wie sie sich zufällig in den jüngsten Jahren für sie geltend machten. Die Juden sind deshalb auch über deu neuen Stand der Dinge höchst beglückt. (Ein Jubiläum der Emanzipation.) 1909 ist ein Gedenkjahr der Juden in Meiningen. Bor 100 Jahren erging in Meiningen wohl unter französischen oder Rheinbundeinflüssen das erste Edikt betreffs der Verhältnisse der Israeliten und deren Kultusgemeinden, dem ein zweites 1811 folgte. Die Herzogin Louise Eleonore, »velche als Vormunde rin ihres Sohnes, des Herzogs Bernhard Erich regierte, nahm sich ajuch der israelittschen Landesangehörigen gesetzgeberisch an. Durch das Edikt von 1809 wurden die Juden des Herzogtums veranlaßt,, zuerst feste Familiennamen zu führen, während sie vorher in der Regel den Batersvornamen als ihren Zunamen hatten, wie z. B. Moses Israel, wenn der Sohn Moses, der Vater Israel hieß, während dieser als Sohn eines Abraham Israel Abraham genannt wurde. In gerichtlichen und amtlichen Schriften war es daher schwer, Personen nach einiger Zeit ob ihrer Hersirnft festzustellen, und so waren Besitz- und Erbsachen ordmlngsmäßig nur schwer zu erledigen, Namen, welche Juden in Meiningen und dessen Nachbarorten (welche aber zum Teil ihren Erwerb in der Stadt hatten), damals fest angenommen haben, sind noch vorhanden, wie Strupp, Romberg, May, und so könnte die noch bestehende Firma Gebrüder Faibel May daher ihr 100jähriges Bestehen jetzt feiern. Manche andere Namen wie z. B. Popper, stammen auch aus dieser Zeit und dein Edikt, aber mancher ist ausgestorben oder die Familien sind verzogen. Das Edikt von 1809 war der Anfang zur allmählichen Gleichstellung der Konfessionen. (Deutsche Orient-Gesellschaft.) Das soeben erschienene Heft 6 der Mitteilungen der Deutschen Orsentgesellschaft enthält interessante Berichte des Prof. Dr. K o l d ew e y über die Ausgrabungen in Babylon vom November 1908 bis zum Frühjahr 1909. In Assur sind die Grabungen fortgesetzt und dabei zum ersten Male 8seitige Basalt-Pfeiler mit Inschriften gefunden worden. Das Kapitel der Pfeiler weist korintische Formen-aus, ohne daß es bis jetzt möglich wäre, einen direkten oder unmittelbaren Zusammenhang mit griechischen Kultur-Elementen nachzuweisen. Gut erhaltene große assyrische Gruftanlagen sind anfgegraben worden, von denen die Bereinsschrift interessante Abbildungen enthält. (Die Juden in Mergentheims Zum Gedächtnis der 100 jährigen Bereinigung des Fürstentums Mergentheim mit Württemberg am 29. April 1809 schreibt Herr Gustav Barth im „Neuen Tageblatt" über Tie Juden in Morgentheim folgendes: „Bekanntlich war es den Juden in den tiefsten Zeiten des Mittelalters nur schwer möglich, eine Heimstätte zu finden. In Mergentheim jedoch verstanden sie es schon im 13. Jahrhundert, unter der wohlwollenden Regierung der Deutsch - Ordens-Herren, sich niederzulassen, wurden zwar allerdings im Jahr 1298 verfolgt, sodaß der damalige König Adolf (der Nassauer) durch seine» Landfrieden die Verfolgung der-