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Der Israelit · 1909-05-25 · Heft 21 (25.5.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 21 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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W 25. Mai 1909 «o. 2t (MUS ochmrrm-schav Das nun? Der überraschende Ausgang des Gemeindetags, der — zum zweiten Male — ein anspruchsvoll ausstaffiertes Gesetzgebungswerk unserer Einheitsfanatiker dem verdienten Begräbnis erster Klasse überliefert, löst natürlich die Frage aus, was denn nun weiter geschehen werde. Dem ersten Schreck, der den Vorsitzenden die Flucht ergreifen ließ und dem Hauptvertreter des Gesetzes das Geständnis abnöiigte, man sei des grausamen Spiels nun satt, ist schnell die seelische Sammlung gefolgt, und die P r e ß st i m m e n, die bis jetzt vorliegen, verraten deutlich, daß man es auf bündlerischer Seite trefflich versteht, Honig aus allen Blüten zu saugen. Die gute grüne Tante in Berlin freilich meint in gewohnter Naivität: „Gar oft gingen die Wogen der Debatte sehr hoch, und wiederholt schien es, als ob das Zustandekommen des großen Werkes gefährdet sei. Ja, noch im letzten Moment gelang es einer Zusallsmajorität, einen Antrag durchzujagen, der für den Entwurf hätte gefährlich werden können, (sie!! Red. d. Jsr.) der aber doch durchaus nicht entscheidend für das Schicksal desselben sein w-v'd. Wir hegen die feste Zuversicht, daß trotz aller Opposition aus diesen Beratungen ein Organisati msentwurf zustande kommen wird, der allen religiösen Richtungen und allen berechtigten Interessen entsprechen wird." Allein ernster sind einige Ausführungen des verbandsoffiziösen „Hamburger Israelitischen Familienblatts" zu nehmen, aus denen sich die Politik die jetzt eingeschlagen werden soll, deutlich ergiebt. Es heißt da: Es gab wieder sehr heftige Zusammenstöße, und es zeigte sich immer mehr, daß die Gegner des Entwurfes an Kraft gewonnen hatten, d fanden sich eben!in diesen Reihen alle diejenigen zusammen, die irgendwie in umfassender Weise an dem Gesetzentwurf etwas auszusetzen hatten. Ohne daß es irgend einer besonderen Vereinbarung bedurfte, bildete der Antrag des übrigens auf liberalem Boden stehenden Justizrat Fried man n-Glogau die Flagge, unter der alled iese Elemente, die mehr oder weniger an dem Entwurf auszusetzen hatten, sich zusammenfanden. Dieser Antrag, der die Möglichkeit einer staatlichen Gesamtorganisation mit dem Rechte einer staatlich anerkannten Repräsentative der preußischen Gesamtjudenheit zumindest in Frage stellt, führte, was psychologisch nicht uninteressant ist, die ausgeprägteste Orthodoxie mit Vertretern der freiesten Richtung zusammen. Mit Männern von der religiösen Farbe der morgen bereitet und ergänzt, damit es ein lebensvolles Ganze werde. Diese Kraft des Keimens, SproffenS und Gedeihens bildet daS Geheimnis der Naturwerkstätte, fie ist daS Agens in dm Hallen der Geschichte — in dm *1^011/ in dm Königsgemächern, und „mich, Israel, hat der König in seine Gemächer eingeführt" '2X'3N YH*3n - Wir verstehen jetzt um etwas bester daS stolze, gottbegnadete Bewußtsein, das fich in dtesem AuSruf kundglbt. So wie die Einzelkräfte in der Natur vom Schöpfer dazu bestimmt waren und find, fich in lebmövollm Erscheinungen zu verkörpern und im fortwährenden Wechsel von Verbindung und Lösung in immer höhere, vollkommenere LebenSgebilde aufzugehen und dem großen einheitlichen SchöpfungSidral immer näher zu kommen, ebenso hatten die Völker in ihrer Aufetnanoerfolge, in ihrem Kommen und Gehen die ihnen gestellte Aufgabe zu erfüllen: fie hattm die ihnen verltehmm Kräfte in Werkm au«? uleben, die der erhabenen Menschenbestimmung dimen. Berfiegten diese Kräfte oder entarteten fie, hatte dieses ober jenes Volk fich überlebt, so trat eS seine Misfion u> d seinen Besitz dem Volke ab, das der von Gott gewollten hohen BolkSbestimmung näher stand, und das in feinem Wesen und Wirken für de Erreichung dieses Bestimmungszieles die größte Gewähr bot. 1'VVV f"D au rHm qsS nr6 iori>f In der Idealität des Weltbesitzes liegt die Legitimität der Weltbesttzer! Ein Volk hat so lange ein Recht auf seine volkstümliche Ausgestaltung und Ausbreitung, als eS diese Ausgestaltung in Uebereinstimmung mit seinem hohen Ideal bewirkt und alS dieses Ideal den ewigen Bedingungen beS auf sittlicher Grundlage beruhenden __Der JSraütt._ Herren Franck-Altona, Löb-Frankfurt a. M., marschierten in gleicher Front Lehrer liberal jüdischer Färbung und Herren, die vielleicht auf einem Standpunkt stehen, der noch weiter links liegt. Andrerseits boten die Debatten heute noch ein deutlicheres Bild der Bereitwilligkert der ultra-orthodoxen Seite an den Einheitsbestrebungen der preußischen Judenheit teilzunehmen. Einzeüre dieser Herren fanden sogar warme Töne für diese Bestrebungen und die Worte hes Herrn Professor Philippson, die er an diesen Teil unserer Glaubensgemeinschaft richtete, sowie der warmherzige Appell des stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Kommerzienrat Hirsch- Halberstadt, lassen die Hoffnung zu, daß es vielleicht doch gelingen wird, im Laufe der Jahre eine Linie zu finden, auf der die deutsche Judeuheit einig marschiert. Es muß andrerseits anerkannt werden, daß die einflußreichen und maßgebenden Meise im „D. I. G. B." es an der weitestgehenden Rücksichtnahme aus Wünsche und Bestrebungen der strenggläubigen Glaubensbrüder nicht fehlen lassen. Und auf der anderen Seite kann ganz ruhig zugegeben werden, daß diejenigen Herren, welche bisher jede Berührung mit den Kreisen des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes vermieden und den Gedanken gemeinsamer Arbeit von sich wiesen, von den Erfolgen, die sie auf diesem 11. Deutsch- Israelitischen Geme'ndetage davy^n getragen haben, wohl zufrieden sein werden. Es bleibt nur zu wünschen und zu haften, daß dieses infolge des neuen Orgamsationsentwnrfes allseitig geweckte Interesse von recht langer Dauer sein möge! Und es gehört vielleicht zu den erfreulichsten Erscheinungen dieses 11. Deutsch-Israelitischen Gemeindetages, daß die ehrliche Bereitwilligkeit zur Verständigung und gemeinsamen Arbeit, so überzeugenden, ja feierlichen Ausdruck fand. Das läßt die Hoffnung zu, daß der Zug der zentrifugalen Kräfte, der sich in einer kleinen abseits stehenden Gruppe so lange bemerkbar machte, im Schwinden begriften ist. Und wenn die schließlich zur Annahme gelängte Resolution zugleich eine Etappe aus dem Wege einer erfteulichen Verständigung ist, so wird man die Annahme dieser Beschlußfassung nicht in dem Maße bedauern, wie es die mögliche Interpretation derselben sonst vielleicht erfordern würde. Der Weg zu der staatlichen Organisation mag durch die Resolution erschwert sein, ganz versperrt ist er damit n'och nicht, und die Hoffnung besteht, daß nach einer dritten Lesung des Gesetzentwurfes doch noch ein Werk zustande kommt, das uns, getragen von dem einhelligen Willen der ganzen preußischen Judenheit, die so notwendige staatlich anerkannte Gesamtorganisation zum Segen der Gesanitsudenheit bringen wird." Auf diese stilgerechte Liebeserklärung haben wir folgendes zu erwidern: Wenn eine größere Anzahl orthodoxer Herren — und zwar nach vorheriger Verständigung mit der Leitung der orthodoxen Organisation — an der Tagung des Gemeindebundes teilgenommen und dort durch Wort und Stimmzettel ihr redlich Teil zur Abwehr des drohenden Zwangsgesetzes beigetragen haben, so gehört wahrlich eine ungeheure Verblendung dazu, aus dieser Tatsache der gemeinsamen Abwehr nun den Schluß zu ziehen, „die ultra-orthodoxe Seite sei bereit an den Einheitsbestrebungen der PreußischenJudenheit tellzunehmen." Nein, — dieser so liebens- BölkerrechtS nicht widerspricht. Entsteht jedoch ein solcher Widerspruch zwischen Bolksideal und Volksleben, so find in diesen schroffen Gegensätzen die Mühlsteine geschaffen, die den Kern eines Volkes, eines jeden Volkes zermalmen. Auch dies ist eines der Geheimntffe, von boten Israel Kunde ward in den „Gemächern des Königs", der dem Leben der Natur und der Völker Gesetz und Recht gegeben. Am Berge Sinai hat fich Israel als der gelehrige Schüler dieser „Königsgemächer" erwiesen. Als Israel sein sprach, riefen nach der Bemerkung der Weisen die Engelscharen verwundert auS: 77^ Hl n DnS! Wer hat ihnen dieses Geheimnis verraten? Mit PÜ2V31 niWtt sprach es Israel aus: DaS volle Berständnts der Gottesgebote kann unS erst ailfgehen, indem wir fie auSüven. Erst wenn wir die '77 auf unS wirken laffen, empfinden wir ihre moralische «rast, ihre erziehliche Macht und erleuchtende Bedeutung. Wenn wir unser praktisches Leven Schritt für Schritt im Geiste der regeln, da wird der Geist im toten GesetzeSbuchstaden lebendig und er zeugt und schafft im Zusammenwirken der sonst auseinanderfallenden, unfruchtbaren Bestimmungen eine Welt beS Guten. Aus der lebendigen Tat heraus wollen wir bas uns von Sinai herab verkündete Wort verstehen: tfötWl TOP3 'H 12*7 IttK Hat ja auch in den Schöpfungstagen daS Gesetzeswort des einen Tages fich eru bewährt in seiner Verwirklichung und in seiner lebendigen, fortzeugenden, entwickelnden Kraft für den aufhorchenden andern Tag. Fürwahr, Israel hat es verdient, in die Königs - gemächer eingeführt zu werden! nsn würdig mit „ ultra-orthodox" bezeichnete gesetzestreue Teil der preußischen Judercheit wird nie und nimmer aufhören gegen die Wahnvorstellung zu protestieren, daß eine religiöse Gemeinsamkeit die gegensätzlichen Richtungen der Judeuheit umfaffe, und die gesetzestreue Judeuheit Preußens wird darum für eine wie auch immer geartete Londesorgarrisattorr mit einheitlicher Spitze unter keiner Bedingung zu haben sein. Den kleinen Gemeinden und ihren Beamten kann — das allein ist von gesetzestreuer Seite ausgesprochen worden — auch auf Gründ der geltenden Gesetze und ohnegroßen Behördenapparat geholfen werden, sobald die neologen Großgemeinden selbstlos genug sein werden, aus Einfluß nach innen und Rep r äs entationsb e f u g n i s nach außen als Entgelt für ihre Steuergroschen völlig zu verzichten. Vor dem eklatanten Scheitern des Machol'- schen Entwurf war die bloße Möglichkeit eines solchen Verzichtes und damit die Möglichkeit einer für die Orthodoxie annehmbaren Lösung des Landgemeinden-Problems völlig ausgeschloffen, und es galt darum zunächst einmal alle Kräfte — ohne weitergehende prinzipielle Kundgebungen — auf die Bekämpfung dieses Entwurfes zu konzentrieren. Nachdem dank dem Zusammenwirken aller Kräfte dieses Ziel glücklich erreicht ist, wird die gesetzestreue Judenheit aufs neue ernst und ohne Ueberstürzung zu vrüfen haben, wie sie fich der Politik der Verbände gegenüber weiter verhalten soll. Die Orthodoxie hat ihre „M i t a r b e i t" an den großen Gesamtheitszwecken des Judentums noch niemals versagt, und sie darf sich bewußt sein, diesen Gesamtheitszwecken gerade dann am nachdrücklichsten gedient zu haben, wenn sie dem Einheitsdusel einer Prinzipien- und gedankenlosen Zeit scharf und entschieden ihr „Non possumos" entgegen zu schleudern wagte. Wir sind darum der Meinung, daß auch die jetzt gewiß wünschenswerten positiven Vorschläge zur Befferung der ländlichen Verhältnisse an ihrem Werte nichts verlieren, wenn sie von jeder Seite s e l b st ä nd i g und zunächst nicht in einer „gemischten" Kommission erwogen werdenderen Mischungsverhältnis von vornherein das überlieferte Judentum zum Schatten einer inhaltleeren, repräsentationssüchtigen Judenorganisation herabwürdigt. Darin liegt keinerlei Mißtrauen gegenüber den guten A bsi ch t e n der neologen Führer, sondern nur die durch den Gemeindetag mit seiner Fünfstimmenmehrheit mächtig gestärkte Ueber^eugung, daß die Orthodoxie nur durch ein selbständige s, ihrer historischen Stellung entsprechendes Klein» Der Cempcl in Zentralem, in Bolz geschnitzt. Wenn Kinder in das Alter treten, wo sie mit halbwachem Bewußtsein dem Tun und Lassen der Gro- Kßen folgen, dann stiehlt sich in ihr Herz die süße Sehnsucht, auch einmal so groß zu sein, wie die Großen, zu handeln, wie sie, sich zu geben, wie sie, mit ihren kleinen, unbehosenen Händen en miniature zu wiederholen, was aus der täglichen Beschäftigung der Großen in ihr kindliches Bewußtsein dringt. D.er Knabe liest von Generälen und Feldherrn, die hoch zu Roß hinausziehen zu Kampf und Sieg, er bettelt um einen Schimmel, auf dessen hölzernem Rücken er sich in die Rolle des Welteroberers träumt. Das Mädchen sieht die Mutter die Geschwister waschen, kämmen und kleiden, und leise erwacht in seiner Seele die Ahnung des kommenden Berufs, den es schon jetzt mit allem Aufwand an zärtlicher Liebe, die es seiner Puppe entgegenbringt, zu betätigen sucht. So dumm sind die Kinder nicht, daß sie ihre selbstgemachten Illusionen für bare Wirklichkeit hielten, so dumm ist der Knabe nicht, in seinem hölzernen Schimmel ein lebendiges Roß zu sehen, so naiv ist das Mädchen nicht, die rote Farbe einer wächsernen Puppenwange für den Ausdruck eines blühenden Kinderlebens zu halte». Allein, die Illusion ist so schön, so phantasieerrg7n>. euilleton. 1 I I j- 1 ■i 3 3 i •$ M I i

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