Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 20 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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r"’w\ - 31. Mai 1S0S. Der Israelit. dische Deputation und abends besuchte er den Rabbiner und zwei vornehme Deputations-Mitglieder. Rußland. Sie ZuSenkrsge in Ser vums. Petersburg, 5. Mai. Im Laufe der letzten Woche wurde in der Duma über die Judenfrage viel debattiert. Zuerst bei der Beratung über den Etat des Kultusministeriums. Die Führer der linken Parteien, wieMiljukow, Belenssow n. a., und namentlich der jüdische Abgeordnete Friedmann beleuchteten dabei die schreiende Ungerechtigkeit der „Prozentnorm" für die Juden in den Mittel- und Hochschulen in Rußland, die in keinem Kulturland existiere und auf die christlichen Mitschüler demoralisierend wirken müsse. Friedmann schilderte mit ergreifenden Worten die elende Lage der jüdischen Schüler und ihren dornenvollen Bildungsweg. Zu einem positiven Ergebnis in Bezug auf irgendwelche Erleichterungen für die jüdischen Schüler und Studierenden führten jedoch die Debatten nicht, was bei der Zusammensetzung dieser Duma auch nicht Wunder nehmen kann. Zu weiteren Diskussionen über die Judenfrage kam es bei der Behandlung des Militärkontingents. Diesmal war ein Antrag der rechten Parteien, die die Juden vom Heere ausgeschlossen sehen möchten, der Anlaß. Die Vertreter der linken Parteien, insbesondere Perganrent, traten ihnen entgegen und wiesen nach, daß die Juden in einer viel größeren Zahl als ihr prozentuales Verhältnis zur russischen Gesamtbevölkerung zum Militärdienst herängezogen werden. Wenn man von den Juden Patriotismus verlange, so müsse man ihnen doch menschliche Rechte gewähren und sie nicht als Parias behandeln. Das Resultat der Debatte war die Ablehnung des Antrages auf Ausschluß der Juden aus dem Heere; es wurde jedoch beschlossen, besondere Untersuchungen über die Juden im russischen Heere anzustellen. Diese „Untersuchungen" dürften kaum in einer den Juden günstigen Weise geführt werden. Auch in zwei Dumakommissionen, der I n - terpellationskommissionund der K o mmission für Lehrerseminare wurde am 2. Mai die Judenfrage behandelt. Die erste Kommission befaßte sich mit der viel besprochenen Interpellation der rechten Parteien wegen des Zirkulars des Ministerpräsidenten Stolypin vom 5. Juni 1907 an die Gouverneure, die darin angewiesen wurden, die in den innerussischen Gouvernements vor dem erwähnten Zeitpunkt ansässigen Juden bis zur allgemeinen Regelung der Judenfrage in Rußland nicht auszuweisen. Der Referent Ljachnitzky beantragt die Ablehnung der Interpellation, da die Administration das Recht hat, die Ausweisung von Juden für unbestimmte Zeit zu unterbrechen. Die reaktionären Kommissionsmitglieder, Fürst Tenischew, Markow II und Golobow traten jedoch für die Interpellation ein, die auch mit 11 gegen 4 Stimmen angenommen wurde. Die Vertreter des polnischen „Kolo" enthielten sich der Abstimmung. Dagegen stimmten: Komsien, Maklakow, Ljachnitzky und Gegetschkori. Zum Referenten der Interpellation in der Duma wurde Golobow bestimmt. Die Lehrerseminarkommission beriet den erfteir Paragraphen des neuen Seminarstatuts, wonach jedermann ohne Unterschied des Standes und des Glaubens, zum Besuch der Lehrerseminarien berechtigt ist. Die Bischöfe, Mitropan und Titschinin erhoben Einwendungen gegen die Zulassung von Juden zum Lehrerseminarbesuch. Die Kommission beschloß darauf mit Majorität, den ersten Paragraphen zu ändern, derart, daß nur Anhänger des christlichen Glaubens ein Lehrerseminar besuchen dürfen. Es ist zu erwarten, daß dieser Beschluß auch in der Duma selbst Annahme findet. Wilna, 12. Mai. Den 6. Berhandlungstag füllen die Beratungen über „Erziehungsfragen" aus. Zunächst wird über den Besuch der allgemeinen Elementar- Schulen debattiert und über die Mittel und Wege, die einzuschlagen wären, um die jüdischen Schüler vor Sabbatentweihung zu schützen. Bei dieser Frage machen sich zwei Strömungen geltend, die auf dem alten historischen Gegensatz zwischen den Chassidim und Misnagdim beruhen. Während sich der Rabbi aus Lubowitz als Vertreter der ersteren gegen den Besuch der Elementarschulen in jeder Art und Form und unter allen Umständen scharf ausspricht, halten doch die meisten Rabbiner mit Rücksicht auf die Zeit und die Ansprüche, die sie in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung an den Juoen stellt, die Aneignung einer Elementarbildung für unentbehrlich notwendig. Gegen den Besuch von Elementarschulen könne, so lange die Frage der jüdischen Elementar-Schulen noch nicht befriedigend gelöst sei, nicht aufgetreten werden, dagegen sei anzustreben, daß die jüdischen Schüler an Sabbat- und Feiertagen vom Schulbesuche befreit werden. Diese Ansicht gewann auch entgegen einem anderen Vorschläge, die Kinder nur vom Schreiben am Sabbat zu befreien, die Oberhand, und ein dahingehender Antrag wurde nach einem diesbezüglichen Referate des Herrn Getz mit Stimmenmehrheit zum Beschlüsse erhoben. Einen breiteren Raum nahmen die Beratungen über die Talmud-To raschulen ein. Herr Rabbiner Grodzenski bringt die unhaltbaren Zustände in diesen Schulen zur Sprache, die zumeist daher rührten, daß die Regierung die Verwendung von seminaristisch gebildeten Lehrern vorschreibe, während diese Lehrer sowohl in Hinsicht auf ihr jüdisches Wißen als ihre Lebensführung sich nur selten dazu eignen, eine jüdische Schule im Geiste der Thora zu leiten. Rabbi Chajim Soloweizik meint, daß vonseiten der Rabbinerversammlung eine Eingabe an das Kultusministerium ergehen müsie, in welcher der Regierung über die Wesensart der Talmud- Thora-Schule und den Geist, der darin herrschen müsie, volle Aufklärung geboten werde, damit die Behörden ihre Ansprüche bei der Anstellung der Talmud-Thora-Lehrer darnach einrichten. Herr Getz glaubt, daß nach dem Wortlaute des Gesetzes sich der Regierung bei der Erteilung der Lehrerkonzession an nichtgeprüfte Talmud-Thora- Lehrer kein Hindernis bieten dürfe, da das Gesetz die Seminarprüfung nur für Elementarschullehrer vorsehe, was mehrere Rabbiner durch die verfolgte Praxis in ihren Gemeinden bestätigen. Rabbiner Soloweizik hält trotzdem eine nach dieser Richtung aufklärende Petttton an die Regierung für notwendig, und wird gemäß diesem Anträge eine Kommission mit der Abfasiung einer entsprechenden Eingabe betraut. Herr Getz betont in eindrucksvoller Weise, daß es heilige Aufgabe der Rabbiner sein müsse, sich nicht nur der Kindere^iehung, sondern auch der Volkserziehung überhaupt anzunehmen. Die Heranwachsende Jugend müsie den Gegenstand ihrer anhaltenden Sorge bilden. Die Schwankenden müßtrn gestärkt, die Abgesallenen wiedergewonnen und die Treugebliebenen stets ermutigt und ermuntert werden. Als ersten praktischen Schritt nach dieser Richtung empfiehlt er die Uebersetzung der Werke von S. R. Hirsch, Lehmann u. dgl. ins Russische, Hebräische und Jüdischdeutsche. Dem treten sowohl Rabbiner Soloweizik, sowie der Chassidim-Rabbi aus Lubowitz scharf entgegen. Beide machen geltend, daß bei dem Werke der Volkserziehung den ganz eigenartigen und mit denen in keinem anderen Lande zu vergleichenden Berhältnisien in Rußland Rechnung getragen werden müsse. Die Literatur, die in Westeuropa, spez. in Deutschland, so viel Segen gestiftet und zur Verttefung und Verbreitung des Oie Rabblner-Konferen?. ii. Nr. 20. Sette 7 gesetzestreuen Judentums so ungemein viel beigetragen, könnte in Rußland unter den dort obwaltenden Umständen eine entgegengesetzte Wirkung zeittgen. Beide halten die von Herrn Getz angeregte Uebersetzung für unzweckmäßig, zum mindesten für verfrüht. Dagegen schlagen sie die Gründung eines Preßkomitees vor, das die Veröffentlichung von geeigneten, der Lage angepaßten Originalschriften erwägen solle. Zu diesem Zwecke müßte man vor allem auf Gründung eines Preßfonds bedacht sein. Ein diesbezüglicher Antrag wird von der Versammlung einstimmig angenommen. Die Verhandlungen über das Schächtverbot in Finnland leiden unter den Einschränkungen, die von der Behörde den Beratungen auferlegt wurden, da jedes bittere, unüberlegte Wort zu einer Schließung der Versammlung und einer Lahmlegung der ganzen, mit so viel Liebe und Energie begonnenen Arbeit führen könnte. Es fehlt auch nicht an Stimmen, die ein Eingehen auf diese Frage mit Rücksicht auf die Stimmung im ganzen Reiche für gefährlich hlten und daher eine Streichung dieses Punktes von der Tagesordnung wünschen. Diese ängstlichen Gemüter werden aber von den anderen überstimmt und durch den würdigen, maßvollen Verlauf der Diskussion auch wohl beruhigt. Das einleitende Referat über diese Frage hielt Herr Rabbiner Tr einin aus Petersburg, der in der Hauptsache eine Eingabe der Versammlung an das Ministerium vorschlägt, außerdem die Veröffentlichung und Massenverbreitung aller Schriften und Gutachten, die zugunsten des Schächtens von den größten Autoritäten der Wissenschaft abgefaßt und abgegeben wurden. Der Rabbiner aus Chorel macht dann in der Diskussion aus die 1910 stattfindende Konferenz der Tierärzte in Rußland aufmerksam und nimmt an, daß dieselbe wichttge Beschlüße über die Schächtfrage fassen würde, womit jetzt schon zu rechnen sei. Herr Getz macht auf die Gutachtensammlung des Herren Dr. Hirsch Hildesheimer aufmerksam, deren Nebersetzung und Verbreitung er empfiehlt. Nach längerer Diskussion wird entgegen der Ansicht von Rabbi Eh. Soloweizik, der auf einer Ignorierung dieser Frage besteht, mit großer Stimmenmehrheit folgende Resolution gefaßt: „Die Rabbinerversammlung befchließt, ihrem großen Schmerze über das Unglück, das infolge des Schächtverbots unsere Brüder in Finnland betroffen hat, Ausdruck zu verleihen. In der Annahme, daß dieses Verbot auf e ner irrigen Auffaffung und auf Unkenntnis der jüdischen Religionsgesetze Vonseiten des Senats beruhe, findet es die Versammlung für nötig, nachdrücklichst zu betonen, daß daS Schächten zu den wichtigsten religiösen Institutionen des Judentums gehört, die in der schriftlichen Lehre wurzelnd noch ausführlich durch die mündliche Lehre überliefert wurden. Die Berfammiung spricht die Hoffnung aus, daß eine nochmalige Beratung über diesen Gegen,'and seitens der Vertreter des finnischen Volkes von den Grundsätzen der Reltgions- und Gewissensfreiheit, die in Finnland dominieren, geleitet fein wird, die dann eine Aufhebung deS durch nichts, gerechtfertigten Gchächtverbots zur Folge haben wird." Dienstag um 1 Uhr versammelten sich die Mitglieder zur Schlußsitzung, die vorzugsweise formalen mW materiellen Fragen gewidmet war. Es wird von einigen Mitgliedern auf die Notwendigkeit einer regeren Beteiligung der Rabbiner am sozialen Leben aufmerksam gemacht. Der Rabbiner dürfe sich nicht mehr dem Leben verschließen und müsse stets, mit allen Fragen der Zeit vertraut, mit dem Volke und für das Volk arbeiten. Ein anderer wunder Punkt sei die Käuflichkeit des Rabbineramtes, wodurch das heilige Amt zum Schaden des Gesamtjudentums entwürdigt werde. Es wird beschlossen, eine Besserung in dieser Beziehung anzustreben. Es wird auch noch über die Mittel und Wege beraten, die zu ergreifen wären, um eine Besserung der materiellen Lage der jüdischen Massen jerbeizuführen und die fruchtbare Diskussion ergibt dann folgende einmüttg angenommene Resoution: „Die Rabbinerversammlung ist zur Erkenntnis geangt, daß die Hauptursache des geistigen Niederganges merhalb der russischen Judenhett in ihrer gedrückten rateriellen Lage liegt. Die vielfachen Beschränkungen und