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Der Israelit · 1909-05-21 · Heft 20 (21.5.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 20 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8 Rr. 30 Der JSraeltt. 31. Mat 1909 tz namentlich die des Wohnrechtes wirken geradezu ruinierend auf daS Erwerbsleben der Juden und verursachen im Rayon unbeschreibliche Armut. Hand in Hand mit dem materiellen Niedergänge geht aber auch der Verlust der religiösen und moralischen Werte. Die Rabbtnerversammlung steht mit höchster Sorge diese traurige Erscheinung und bittet daher die demnächst einzuberufende Rabbinerkonnnisfion, gegebenen OrteS auf die wahren Ursachen des materiellen und geistigen Niederganges aufmerksam zu machen und auf eine Besierung der materiellen Lage durch Aufhebung der Einschränkungen htnzuwirken, durch die auch der geistige Stand naturgemäs; gehoben werden müsse." Es werden noch einige Fragen ritueller Art erledigt und die Wahl der verschiedenen Kommissionen vorgenommen, worauf dann Rabbiner T re in in die Schlußrede hält, in der er einen Neberblick auf die geleistete Arbeit gibt und die Hoffnung ausspricht, daß sie eine fruchttragende sein werde. Nach Dankesworten des Präsidenten und der älteren Rabbiner an alle Beteiligten und Mitarbeiter wird die Versammlung um 4 Uhr nachmittags geschloffen. Das Protokoll der IDarfdiauer Rabbiner-Konferen?. Warschau, 6. Mai. Am 27. April trafen sämtliche Vorsitzende des letzthin abgehaltenen Rabbiner-Kongresses hier ein, um das Protokoll zu verlesen, welches von den Rabbinern Trajstmann aus Radom, Grohbard aus Staszow, Brohn aus Lukow und Trunk in Ciechanow redigiert wurde. Zur Prüfung des Protokolls wurden die Rabbiner aus Kutno, Sochaczew, Güra Kalwarija, Alexandria und Wyszegrod gewählt. Nach Unterzeichnung des Protokolls begab sich die Kommission, zu welcher die Rabbiner aus Radom, Staszow und Lukow gehörten, am Mittwoch zu dem Warschauer Oberpolizeimeister, dem sie das ganze Protokoll mitsamt den Beschlußfassungen des Kongreffes zwecks Nebermittelung des Materials an den Generalgouverneur überreichten. Der Oberpolizeimeister empfing die Kommission sehr freundlich. Das Protokoll enthält lediglich die wichtigeren Beschlußfassungen, da die verschiedenen Meinungsäußerungen und Reden, die auf dem Kongreß gehalten wurden, darin keine Aufnahme fanden. Das Protokoll weist auf die Notwendigkeit hin, den jüdischen Soldaten die Möglichkeit zu geben, die religiösen Vorschriften zu befolgen und schlägt vor: 1. daß zur Friedenszeit die Juden an Sonnabenden von der Arbeit befreit werden, dagegen sollen sie an Sonntagen beschäftigt werden, 2. für die jüdischen Soldaten eine Koscherküche einzurichten oder ihnen anstatt Speisen Geld zu geben. Ueber die Beschlußfassungen betreffs der Sabbatruhe heißt es im Kongreßprotokoll: „Das Sabbatgebot ist die Grundlage der jüdischen Religion. Ungeachtet dessen, daß sich die Lebensbedingungen der Juden im Laufe der Zeit änderten, verblieb die Sabbatfeier doch, wie früher, die Hauptgrundlage der jüdischen Religion. Und da der Glaube an und für sich die Grundlage der Moralität ist, so wird die Nichtbeachtung des Sabbats von den Juden als moralisches Vergehen erachtet. Aus diesem Grunde befindet der Kongreß, daß für die Juden solche Bedingungen zu sichern seien, die ihnen die Sabbatheiligung ermöglichen, und hält es der Kongreß für seine Pflicht, auf einzelne Gesetze hinzuweisen, welche den Juden zur Nichtachtung des Sabbats zwingen. Die Forderung, an christlichen Feiertagen nicht zu arbeiten und nicht zu handeln, ist durchaus normal im Verhältnis zu den Christen, iedoch die Juden zwingt das zur Nichtachtung des Sabbats oder zur Vernachlässigung ihrer Jntereffen, da sie mit den Christen nicht konkurieren können. Wenn die ökonomischen Anforderungen des Geschäfts die geistigen Anforderungen überwiegen, so kann die jüdische Bevölkerung, da sie den religiös-moralischen Boden verliert, tatsächlich zu einem schädlichen Element werden, umgekehrt aber, falls die geistigen Anforderungen die ökonomischen überwiegen, werden die jüdischen Massen noch mehr verarmen. Dies in Erwägung ziehend, ist der Kongreß bemüht, die Juden, welche den Sabbat tnnchalten, von dem Schließen der Läden an christlichen Feiertagen zu befreien, mit Ausnahme der Stunden, in welchen der Gottesdienst in den Kirchen abgehalten wird." Gngtand. London, 14. Mai. Wieder fand hier (in der Goat Assembly Hall) eine große Versammlung statt, bei der Herr Z a n g w i l l, der Präsident der „Jto", der Hauptredner war. Er erwähnte als geeignete Plätze für eine jüdische Kolonie Jamaica und Mesopotamien. Jamaica habe man neuerdings fallen gelassen und müsse sich jetzt mit dem Studium von Mesopotamien beschäftigen. Die Gelegenheit, Mesopotamien für jüdische Zwecke zu verwenden, sei aber vielleicht bereits geschwunden. Denn Abdul Hamid, der ein ungeheuer gewandter Finanzmann sei, habe Sir William Willcocks zu sich kommen lassen und dieser habe einen Plan entworfen und nachgewiesen, das sich mit einer Aufwendung von weniger als 77- Millionen Lstr. in Mesopotamien mehr als 3 Millionen Acker Land zu Ansiedelungszwecken brauchbar machen ließen. Sir W. Willcocks wies ferner nach, daß dieses Land jährlich für die Staatskasse einen Nutzen von einer Million Lstr. bringen werde. Er habe daraufhin mit der türkischen Regierung sofort einen Kontrakt abgeschlossen, der fünf Jahre laufe, 100000 Pfd. Sterling aufgebracht und bereits mit der Arbeit begonnen. Nach der Einführung der Verfassung sei die Angelegenheit in die Hände des Ministers der öffentlichen Arbeiten übergegangen. Es frage sich nun, ob das jüdische Volk die Gelegenheit wahrnehmen und sich kontraktlich verpflichten solle, der Türkei das Kapital, die Arbeitskräfte und die Bevölkerung für Mesopotamien zu liefern. Wenn, wie anzunehmen ist, das Land für die Juden von heute ebenso zuträglich sei, wie für die großen Patriarchen, die einst ihre Heerden dort getrieben hätten, dann müßten sich alle Juden vereinigen in dem Versuche, dort das gewünschte Land der Freiheit, der Glückseligkeit und des Friedens für die verfolgten jüdischen Massen aufzuhauen. Die Rede wurde von der nicht überaus zahlreichen Versammlung kühl ausgenommen. Nach den letzten Mißerfolgen der Jto gelangt man nach und nach zu Ueberzeugung, daß den geistreichen Reden Zangwills nicht mehr Wert als der einer schönen Rhetorik beizumessen sei. Frankreich. P a r i s ,2. Mai. Hiesige Blätter berichten: Die Durchführung des Gesetzes über die Sonntagsruhe in Algier, mit der vorigen Sonntag dort begonnen wurde, macht den dortigen Juden einige, wenn auch nicht unüberwindliche Schwierigkeiten. Der weitaus größte Teil der jüdischen Bevölkerung schließt die Läden am Samstag und hält sie am Sonntag offen. Da Artikel 2 des Gesetzes den Sonntag als Schließungstag bezeichnet, zog eine Gruppe von nichtjüdischen Angestellten und Kaufleuten durch die Straßen und zwangen diejenigen, welche ihre Geschäfte offen hatten, d. h. die Juden und einige Europäer, wie Friseure und Konfektionshändler, ihre Geschäfte zu schließen. Die meisten haben nachgegeben. Ernstere Zwischenfälle haben sich nicht ereignet. Die Frage des Geschäftsschlusses der Juden an Samstagen ist der Administrationsbehörde überwiesen worden. Tatsächlich stand die Sache bislang so, daß die Araber am Freitag, die Juden am Samstag und die Christen am Sonntag feierten. Der Friede war dadurch am besten gewahrt/ ihn empfindlich zu stören, blieb den französischen Antisemiten Vorbehalten. Vettästirra. Jaffa, 2. Mai. Als die Nachricht von der Beilegung der Unruhen in Konstantinopel und der Thronbesteigung Mehmed V. hier offiziell bekannt wurde, erfaßte die gesamte Bevölkerung unendlicher Jubel. Die Leute zogen scharenweise über die Straßen, sangen Lieder in allen Sprachen und hielten Festreden zu Ehren des Tages. Alle Häuser waren beflaggt, und als die Nacht hereinbrach, wurden ohne jeden Zwang die Häuser illuminiert. Sämtliche hiesigen Rabbiner erschienen im Palais des Kaimakam, um im Namen der Juden Glückwünsche zum Ausdrucke zu bringen. Der Oberrabbiner Kuk hielt eine Rede in hebräischer Sprache, die dann von einem Dolmetsch ins Arabische übersetzt wurde. Aus Jerusalem und den anderen Städten Palästinas wird von ähnlichen Feierlichkeiten berichtet. Sa fed, 2. Mai. Die Existenz der acht jüdischen Niederlassungen in Glieder - Galiläa hat einen günstigen Einfluß auf die Gestaltung des Distrikts gehabt, der vordem von Räubern und Banditen heimgesucht wurde. Der ganze Charakter des Landes hat sich verändert, und große Flächen, die früher unfruchtbar waren, sind nun mit Getreide bebaut. Die ersten Bebauer hatten anfänglich nicht geringe Schwierigkeiten, sich selbst vor den Scharen von Wegelagerern zu schützen, aber sie organisierten arabische und jüdische Mannschaften, um denk Lande Schutz zu verschaffen. Dessenungeachtet lebt es sich noch nicht mit völliger Sicherheit in diesen Provinzen. Vorige Woche erst schoß ein Araber einen Juden nieder und zwei andere Juden wurden kürzlich auf dem Wege uach Nazareth von zwei räuberischen Arabern äuge griffen. Einer der Juden wurde verwundet und mußte von seinem Bruder nach Sedera zurückgebracht werden, nachdem dieser die Angreifer zur Flucht gezwungen hatte. Amerika. New-Jork, 12. April. Der Ausschuß des „Verbandesjüdischer Farmer Amerikas" hat in seiner letzter Sitzung beschlossen, während der ersten Oktoberwoche des Jahres in New- Aork eine Ausstellung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen seiner Mitglieder zu veranstalten. Die Bedeutung einer solchen Ausstellung in dem jüdischen Zentrum New-Ä)ork für das äußerst wichtige Problem der Verteilung der einwandernden Massen auf das flache Land liegt auf der Hand, und es ist zu hoffen, daß die landwirtschaftlichen Erfolge ihrer Glaubensgenossen auch unter den Ghettobewohnern eine gesunde Strömung zu gunsten agrikultureller Betätigung auslösen werden. llelmkcdtes. Frankfurt a. M., li>. Mai. Die Tempel A usstellung des Herrn L e o n S ch iv a r s b a d) (Allerheiligensträße 74) erfreut sich regen Besuchen, und höchste Bewunderung wird van allen Seiten dem seltenen Kunstwerke, das ein anschauliches Bild des Heiligtums auf Morijah bietet, gezollt. Eine von geschätzter Seite uns zugegangene künstlerische Würdigung des Modells mußte wegen Raummangels für nächste Nummer zurückgestellt werden Karlsruhe, 16. Mai. Der Sohn eines orthodoxen Gemeindemitgliedes dahier wurde S o n n t a g ittag u nt 12 U h r u n t e r H a I l v h der Schuljugend in de n libe ra l e n Religio ns unterricht von eiitemSchutzmanit transportiert. Als Gegenstück zu diesem Vorgehen sei das kulante Vorgehen des Direktors des Reformglnnnasitlms Prof. Heimburger, rühmend hervorzuheben, der aus Veranlassung des an diesem Gymnasium eingestellten Prof. Schell anordnete, daß ein aus Samstag geplanter Schulausflug mit Rücksicht anf die jüdischen Schüler auf Milt woch verlegt wurde. Gotha. 16. Mai. Das hiesige Schöffengericht verurteilte den Kamnlerherrn voll Wangenheim .auf Gut Hütscheroda, einen Führer der agrarischen Partei in Gotha, tvegen Beleidigung des Güteragenten Friedrich Lehnlann in Magdeburg zu einer Geldstrafe von 300 Mark und Kostentragung. Herr von Wangenheim hatte in der „Thüringer Landeszeitung" einen Artikel veröffentlicht, in dem er die Landwirte des Landes vor den gewissenlosen Güterschlächtern warnte und dabei auch öfter den Buchstaben L. in Beziehung mit angeführten einzelnen Fällen gebracht. Kläger bezog dies den Umständen nach auf sich und erhob, da der Artikel schwere, vollständig aus der Luft gegriffene Beleidigungen enthielt, Klage. Der edle Agrarier und Berufsantisemit suchte vor Gericht allerlei Ausflüchte: Er habe nur das Treiben der Juden im allgemeinen bezeichnen wollen und mit L. ttuv einen unbestimmten, unpersönlichen L e v i treffen wollen. Auf diese bekanttten antisemitischen Mätzchen ging das Gericht nicht ein. Es nahm eine Beleidigung der Firma Lehntann als erwiesen an und erkannte auf die obenerwähnte Strafe.

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