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Der Israelit · 1909-05-21 · Heft 20 (21.5.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 20 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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21. Mat 1909. »er Mraeltt. No. SO. Seite 5. ihren Brüdern 200000 Weiber, Söhne und Töchter, und auch große Beute plünderten sie von ihnen) und sie brachten die Beute nach Schomron." Man bedenke, was es heißt „200000 Gefangene, Weiber, Söhne und Töchter". An einem Tage 120000 Tote und 200000 Gefangene! Wahrlich, das war eine Schlacht, die auch für moderne Begriffe als eine sehr bedeutende zu betrachten wäre. (Schluß folgt.) Korrespondenzen und E^achrichten. DerrtMres Hamburg, 18. Mai. Die Kunde von einem großen, unersetzlichen Verlust durcheilt soeben unsere Stadt. Unser hochverehrter, allseitig geliebter Oberrabbiner Marcus Hirsch ist heute vormittag im Alter von 76 Jahren gestorben. Der Schmerz um den Dahingeschiedenen, an dessen Leiche abwechselnd Angehörige der hiesigen Beerdigungsbrttderschaften die Totenwache halten, ist unsagbar, und alle Herzen sind erfüllt von der Trauer um das Erlöschen dieses leuchtenden Sternes am Himmel des Judentums. — Es soll einer berufeneren Feder Vorbehalten sein, über das unermüdliche Wirken dieses großen Mannes, der mit seiner unbeschreiblichen Herzensgüte die Herzen aller seiner „Gemeindekinder" gewonnen hatte, zu berichtennoch ist die Wunde zu frisch, wir sind nicht imstande, alles zu sagen, was unser Herz erfüllt. 8. L. (Wir behalten uns eine eingehende Würdigung des Verstorbenen noch vor. Die Red.) Bremen, 7. Mai. Der offizielle Bericht über die Seeschiffahrt im April besagt u. a. „Die Auswanderung über Bremen hat nach dem amtlichen Ausweis 8277 Personen betragen gegen '105)7 im April 1908 und 21248 im März 1909. Seit 1. Januar betrug sie 58 l 10 Personen gegen 14 570 in 1908 und 84 769 in 1907. In dem Rückgang der Ziffer des Monats April gegen die des März, ein Rückgang, wie ihn, allerdings in weniger ausgeprägtem Maße, auch die Hamburger Statistik aufzuweisen hat, zeigt sich die erfahrungsgemäß den Auswandererverkehr immer beeinflussende Wirkung der jüdischen Osterfeiertage. Nachdem diese vorüber waren, hat sich gegen Ende April und Anfang Mai die Auswanderung wieder lebhafter entwickelt. Ob diese Entwicklung anhalten wird, hängt in erster Linie von der Lage in den Vereinigten Staaten ab, deren Gestaltung schwer zu beurteilen ist." 3um Set» Blodi. Mühlhausen 16. Mai. Die Affäre des durch Rittmeister von Gersdorff in den Tod getriebenen Einjährigen B l o ch will nicht zur Ruhe kommen und wird, wie bereits in letzter Nummer mitgeteilt, voraussichtlich auch mit dem heute gefällten Urteil des Oberkriegsgerichtes als zweiter Instanz noch keineswegs ihren Abschluß gefunden haben. Hier einige Stellen aus dem Gange der Verhandlungen vor dem hiesigen Oberkriegsgerichte, die volle zwei Tage in Anspruch nahmen: Nach Verlesung der Protokolle der ersten Berhandlnng wurde der Angeklagte über die in der Berufungsklage wieder ausgenommenen Antlagepunkte vernommen. Durch Arbeitsübeihäufung bei Uebernahme der Eskadron, in der die Disziplin nicht auf der Höhe n»ar, sei er gereizt gewesen. Den Ausdruck „Beten Sie zu Moses >nd den Propheten", habe er scherziveise getan, aber eine beleidigende Absicht dabei nicht gehabt. Den zum Vorwurf gemachten Ausdruck „Bilden Sie sich nichts ein auf Ihr Geld, das Ihr Pater erworben hat, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen," sucht der Angeklagte durch einen Zusatz zu mildern. Des Ausdrucks „Iudenjunge" könne er sich nicht entsinnen. Wenn er ihm gebraucht habe, so habe er auch dabei eine beleidigende Absicht nicht gehabt. Er widerlegt in längeren Ausführungen den Vorwurf des Antisemitismus. Beiläufig erfährt man dabei, daß gegen den Wachtmeister Köcke, der bekanntlich wegen Meineidsverdacht verhaftet wurde, auch eine Untersuchung wegen Unterschlagung von Dienstgeldern schwebt. In weiteren Ausführungen versucht der .Angeklagte, den Hauptbelastungszeugen Gefreiten Ieuster als unglaubwürdig hinzustellen. Als erster Zeuge wird Vizewachtmeister Rilchow vernommen. Der Einjährige Bloch habe Lust und Liebe zum Dienst gezeigt und den Dienst so getan, wie er konnte; er sei jedoch zu schwach gewesen. Disziplinwidrigkeiten habe er höchstens aus Gedankenlosigkeit begangen. Er habe vor dem Rittmeister Angst gehabt, tveil er stets ausgefallen sei und beschimpft wurde. Auf dem Reitplatz habe der Rittmeister zu dem Einjährigen gesagt: „Jeder Bauernjunge ist mir lieber als Sic." Der Einjährige sei von jener Unterredung weinend zurückgekommen und habe geäußert, daß er als anständig erzogener Mann diese Behandlung nicht mehr länger ertragen könne. Den Ausdruck wegen des Geldes und des zweifelhaften Erwerbs durch den Vater Blochs hat der Zeuge im Sinne der Anklage verstanden. Ierner habe er die Aeußernng gehört: „Beten Sie zu MoseS und den Propheten. Das Genick werden Sie sich nicht brechen, und wenn auch, so wird das Vaterland an Ihnen nichts verlieren". Der Zeuge wiederholt seine Auffassung, daß Bloch aus Angst vor dem Rittmeister in den Tod gegangen sei. Bloch habe sich geäußert: „Entweder er oder ich". Kriegsgerichtsrat Förster, der die Untersuchung in der ersten Instanz geführt hat, fragte damals den Vizewachtmeister Buchow, was seine menschliche Auffassung von dem Motiv des Selbstmordes gewesen sei. Er habe die Antwort erhalten: „Furcht vor dem Grafen". Bloch habe wenige Tage vorher geäußert: „Wie wird es mir ergehen, wenn der Graf wieder vom Urlaub zurückkebrt!" Es werden dann mehrere Militärs unter Ausschluß der Oeffentlichkeit als Zeugen vernommen. Nacb^ Wiederherstellung der Oeffentlichkeit wird der Vater des' Einjährigen Bloch, Fabrikant und Stadtrat Adrian Bloch als Zeuge vernommen. Sein Sohn sei mit Lust und Liebe Soldat gewesen, aber er sei nicht so wie andere Rekruten behandelt worden. Der Zeuge läßt sich sodann über die einzelnen Aeußerungen des Angeklagten aus, aus denen er schließt, daß der Angeklagte gegen seinen Sohn voreingenommen gewesen sei. Sein Sohn habe über Verletzungen lediglich des Rittmeisters geklagt. Zeuge Armand Bloch, ein Vetter des verstorbenen Einjährigen, ist ebenfalls zu der Ueberzeugung gekommen, daß nur die Behandlung durch den Rittmeister Schuld am Tode des Bloch geloesen sei. Zu Gunsten des Angeklagten sagen aus, eine Gouvernante desselben, die das „väterliche" Benehmen des Grafen rühmt und der wegen Meineidsverdachts verhaftete Wachtmeister Köcke. Mehrere Zeugen sagen übereinstimmend, die Behandlung des Bloch sei im ganzen Regiment ausgefallen. Einjähriger Jäger Wernke lveiß, daß Bloch Selbstmordgedanken wegen der Behandlung durch den Mttmeister gehegt habe. Bloch sei zu schwach gewesen und habe auch eine leichte Dienstauffassung gehabt. In der Nachmittagssitzung führte der Anklagevertreter in seinem Plädoyer folgendes aus: „Der Selbstinord des Einjährigen Bloch, des Sohnes eines angesehenen Industriellen, hat in der Stadt Mülhausen, die durch die Industrie groß geworben ist, ungeheueres Aufsehen erregt. Bald war es klar geworden, daß keine anderen.Gründe und Motiv: vorhanden gewesen seien, als die Behandlung des Moch durch den Rittmeister Grasen von Gersoorff. Das Urteil erster Instanz hat berechtigtes Aufsehen erregen müssen, da es viel zu milde war. Per Ausdruck „Judenlümmel" charakterisierte sich als Verletzung des Heiligsten eines Menschen, namentlich der Religion und Abstammung und damit als eine schwere Beleidigung. Von Offizieren und Eskadronchefs müsse man Schonung des Ehrgefühls anderer ganz besonders verlangen. Auch die Aeußernng wegen des Geldes stellt eine schwere Beleidigung dar Im ganzen hat die jetzige Verhandlung ein viel vernichtenderes Ergebnis gebracht, als die erste. Am schärfsten fe* die Aeußernng über den Gelderwerb des Vaters Bloch zu bestrafen und so der Ehre der Familie Genüge zu tun. Es gibt keine größere Beleidigung, als wenn jemand statt die Person den Vater dieser Person beleidige. Ueber diese Redensart hatten sich auch die Offiziere der Garnison empört gezeigt." Der Vertreter der Anklage beantragt eme Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis. Der Verteidiger plaidiert auf Freisprechung. Auch der Angeklagte sucht sich noch einmal reinzulvaschen und behauptet, daß ihm antisemitische Ansichten durchaus fern seien. Nach kurzer Beratung verkündet das Gericht folgendes Urteil: „Die Berufung des Angeklagten wird zurückge- Dinge. .nein anderer als der gering geachtete Freßjokew tonnte der stille Wohltäter der Witwe seither gewesen sein. Ms er in Jokews Stube trat, lag dieser «ruf seinem alten Sofa und stöhnte. Teilnehmend frug ihn der Rabbiner ob er denn so große Schmerzen habe. Jokew verneinte und gestand dem Rabbiner, daß nicht der verrellkte*Fuß - ihn so schmerze, wie der Gedanke, jetzt niüßig daliegen zu müssen und er sei nun einmal die Lust und das Gehen gewöhnt und nun habe Gott ihn so empfindlich gestraft. Nach einigen Trostworten »><m der Rabbiner so ganz nebenbei hin, daß auch Witwe Stern heute bei ihm gewesen sei. Da entging es ilnn nicht, daß Jokew bald blaß, bald rvt wurde und ih»t ein tiefer Seufzer, den er zu unterdrücken sich bemühte, entfuhr. „Auch das mußte ihr passieren". „Was?" frug der Rabbiner, scheinbar gleichgültig. Jokern stotterte etwas her, ivoratls der Rabbiner beruhigend sagte: „Sie fümieit ganz ohne Sorgen sein, Gott wird der armen Witwe.weiter helfen, wie Sie, lieber Jokew ihr bisher beigestanden haben." Der alte Mann schwieg; auch die Mädchen blieben stnmin. Sie begriffen wohl, was der Greis mit seiner Erzählung sagen wollte. Sie enthielt eine große.und eindringliche Lehre. Was bedeuteten neben dieser Herzensbildung eines einfachen und nach allgemeiner Auffassung ungebildeten jüdischen Botengängers, die neuesten modernen Kreise, wo auf die Aussprache einer fremden Sprache, mit jahrelangem Entbehren eines Kindes und auf Kosten der Familienbande, mehr Gewicht gelegt kvird, als auf die Pflege des Herze,is? Die jungen Mädchen mochten auch selber fühlen, daß ihre Schulbildung und Kenntnisse nicht das Wertvollste sind, was der Menschheit dient. Nach kurzem Schweiyen begann der Greis wieder ernst: „Ms es allmählich bekannt wurde, wie der Jokew an der armen Witwe in so zartfühlender Weise gehandelt, nannte ihn Niemand mehr Freßjokew, sondern nur noch Jokew. Wer aber wie ich sich noch entsinnen kann, wieviele Entsagung sich dieser stets hungrige Boteugänger auferlegte, um aus verschwiegenst: Art eine arme Witwe zu unterstützen, wird sich wohl überlegen, diesen einfachen, nach unserer heutigen Ansicht manierlosen Menschen, als roh oder ungebildet zu betrachten .... Nicht die Summe des Wissens bestimmt den-Grad der Bildung. Auch nicht die angeblich feineren Manieren, die in zierlichen Verbeugungen, höflichen Grüßen, gewählten Redensarten, exaktem oder korrekten! Verhalten, in der Beherrschung einer oder zweier Sprachen und sogenannter anständiger Kleidung bestehen, haben etwas mit der wahren Bildung zu tun. Sie alle treffen nicht den Kern der Sache und betreffen nur I armen, die man freilich nicht gerne vermisserl mag. Was nutzen sie aber, wenn der innere Mensch nicht damit Schritt hält? Gesetzt den Fall, der Jokew hätte alle genannten Formen und Sprachen beherrscht — was hätten sie der armen Witwe genützt, wenn nicht die innere Stimme, das Gefühl und Gemüt, mit einem Wort, die einzig echte und wahre Herzensbildung den Botengänger bestimmt hätte, auf feine ihm eigene und mögliche Weise ihr zu helfen?" Die Mädchen schwiegen; sie stimmten somit dem Großvater zu. Tann nahm Herta Bernauer das Wort: „Die Geschichte ist wirklich schön und ich möchte sie Mama erzählen, wenn nicht so häßliche Namen Jokew und Sorte und so weiter vorkämen. Mama pflegt stets zu sagen, diese jüdischen Namen schlagen ihr auf die Nerven." „Sie dürfen,es ruhig wageu," warf der alte Mann ein, „denn ich glaube der Name Jokew, früher Freßjokew ist Ihrer Mama nicht so ganz fremd?" „Wieso?" frug Herta erstaunt. „Er tvar ein leiblicher Vetter vom Bankier Hermann Mrkenthau." „Meinem Großvater?" frug das junge Mädchen erschrocken zurück. „Ja, demselben," bestätigte der Greis langsam und nachdrucksvoll. Wiederum entstand eine lauge Pause, bis Ottilie begann: „Du hattest aber doch mit einer ganz andern Person begonnen, Großvater, mit einer Frau, die . . . na, wie sagtest Du doch, wie sie hieß? Ach ja, Sorte . . „Sie war Fräulein Simons Urgroßtante." „dtun, darm sind wir ja quitt," wandte sich Herta zu Klara Simon. „Hoffentlich braucht mich das nicht zu beunruhigen," gab Klara zurück. „Keineswegs," stimmte der Großvater bei. „Auch loird sich Nienrand von Euch zu schämen brauchen, tvenn ich bei ünserm nächsten Zusammenkommen von Sorte, als einer alten Verwandtin von Euch, erzählen werde." „Dann bitte ich ebenfalls uni einen Einblick in die Memoiren unserer gemeinsamen Ahnin," fiel Maria Lieb hold lachend ein. „Trotz ihrer häßlichen Namen, und trotzdenr sie so unsauber und der Bürgerrechte kaum würdig waren?" frug der Greis schalkhaft. ..Ualgre celaf“ beteuerte Dttitte mit reinstem Accent.

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