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Der Israelit · 1909-05-21 · Heft 20 (21.5.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 20 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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21. Mai 1909 Der cHtaestt. sich nunmehr auch in New Aork, wo das jüdische Leben zur Zeit überhaupt im Zeichen der Konzentration steht, eine „Amerikanisch-jüdische Gesellschaft zur Regulierung der Immigration" gebildet hat, die von großen Gesichtspunkten geleitet und im Besitze reicher Mittel gewiß dazu berufen sein dürfte, eine umfassende Tätigkeit z^u entfalten. Ob diese Tätigkeit auch in allen Teilen den gewünschten Erfolg bringt und den erwarteten Segen zeitigt, wird lediglich davon abhängen, ob und inwieweit die neue Gesellschaft aus den Mißerfolgen ihrer Vorgängerinnen zu lernen suchen wird. Nicht an die Arbeit der in Rußland bestehenden Emigrationsbureaus, von denen das in Warschau als typisch gelten muß, darf die Gesellschaft anknüpfen, sondern zu allernächst an den Gegenstand ihrer Für- Isorge selbst, an die Wünsche und Bedürfnisse, an die Gefühle und Erwartungen des Einwanderers, an sein Leben in der Hemmt, der er notgedrungen den Rücken kehren mußte, an seine religiösen Empfindungen und geistigen Interessen, die ihm, dem Armen und Heimatlosen zur Zeit größter Not allein Halt und Stütze geboten und ihn auch überall aufrecht gehalten. $$ Wir wollen damit keineswegs irgend einen Zweifel an den ehrlichen Intentionen der Männer, die an der Spitze der Gesellschaft'stehen, nach dieser Richtung aussprechen. Es soll hier vielmehr lediglich eine Hoffnung zum Ausdruck gelangen, die Hoffnung, daß die Bestrebungen der Jmmigrationsgesellschaftvon den Voraussetzungen geleitet werden, die allein den gewünschten Erfolg versprechen. Und die auf der von 250 Delegierten besuchten koustituierenden Versammlung gefaßten Resolutionen, sowie der das Wesen der Organisation kennzeichnende Aufruf an die jüdische Bevölkerung enthalten glücklicherweise nichts, was uns von vornherein diese Hoffnung nehmen könnte, wenn sie auch bestimmte und positive Satzungen nach dieser Richtung leider verrnissen lassen. Die Organisation will, nach ihrem Programm, allen Bestrebungen nach gesetzlicher Einschränkung der Einwanderung entgegenarbeiten, ohne jedoch die Emigration direkt zu fördern. Zu diesem Zwecke will sie entsprechende Ortsgruppen allerorten in Amerika errichten, sich mit allen bestehenden Körperschaften, welche gleiche Zwecke verfolgen, verbinden und besonders im Einvernehmen mit der „Hebrew Immigrant Aid Society“ eine planmäßige Ablen kung der jüdischen Einwanderung nach neuen Ortschaften und neuen Erwerbszweigen erstreben. Auf diese Ablenkung, auf die Schaffung von neuen Ansiedlungen und Erwerbsgelegenheiten wird es in erster Reihe ankommen. Ist die Jmmigrationsgesellschaft schon bei ihren ersten praktischen Schritten darauf bedacht, durch Ermöglichung der Sabbatruhe und sonstiger ungestörter Religionsübung auch jüdische Lebensmöglichkeiten in ihren neuen Ansiedlungen zu schaffen, so kann ihr Bestreben, den jüdischen Auswandererstrom in ein gesundes Bett zu leiten, das Ziel nicht verfehlen, da ihr in diesem Falle die Mitarbeit aller Kreise und, was noch weit mehr bedeutet, das uneingeschränkte Vertrauen der Emigranten sicher sein dürfte. Vom kranMkltien flnfifemitismus. Mit der endgiltigen Erledigung der Dreyfus- Affäre hat der Bund zwischen den Royalisten und Klerikalen in Frankreich seine Aktuali tät nicht eingebüßt und seine Wühlarbeit gegen die Juden nicht eingestellt. Mit der Parole des Judenhasses, die ihre Wirkung auf den Pöbel noch nie und nirgends versagt hat, fahren die Royalisten fort, auf die Masse einzuwirken und besonders durch Gründung von Jugendvereinen sich eine treue, allezeit marschbereite Truppe zu erhalten. Es ist indes doch erfreulich, daß die Hilfe, die ihnen bei diesem löblichen Bestreben von der Kirche wird und auf die sie sich nicht genug einbilden können, eigentlich nur vom niederen Klerus herrührt, wahrend die höhere Geistlichkeit eine andere Auffassung von der Aufgabe der Religion hat und zuweilen auch ihren pflichtvergessenen .Untergebenen nachdrücklich^ Halt zu gebieten versteht. Ein solcher Fall ist jetzt in Paris zu verzeichnen. Der berüchtigte Hetzaposiel Abbe Gaffre, jder seit Jahren in Wort und Schrift den blindwütigsten Judenhaß predigt, glaubte es der Welt schuldig zu sein, feine Weisheit in Form eines fünf Hetzreden enthaltenen Bandes der weiteren Oeffentlichkeit zu übermitteln. Der Erzbischof von Paris Mgr. Anteile fand es aber in gerechter Würdigung der moralischen Qualität des ihm gut bekannten Autors für nötig, das Buch zunächst einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Das Resultat war die Streichung einer Anzahl von Kapiteln, die weiter nichts als eine Wiederholung aller bekannten und tausendfach widerlegten antisemitischen Anklagen gegen die Juden als „Vater landsverräter" enthielten. Natürlich können die Antisemiten diesen Beweis der Toleranz von so hoher kirchlicher Seite nicht verwinden und lassen es an Verleumdungen gegen den Erzbischof nicht fehlen. Sie versuchen sogar, ihn wegen seines Eingreifens zugunsten der Juden als „Modernisten" in Rom zu denunzierelt und den Vatikan zur Erteilung eines Verweises an den „Judenbischof" zu bewegen. Hoffentlich wird man in Rom die Verdienste des treuen Dieners der Kirche, der auch darin eine heilige Aufgabe seines Amtes erblickt, seine Untergebenen wenn nötig an ihre Pflicht als Menschen und Priester zu erinnern, vollauf anerkennen und sie vielen andern zur Nachahmung empfehlen. unairieclensbewegung. Bon Dr. M. Ascher in NeuchLtel. (Fortsetzung.) Wie grausam und vertiert nun aber auch jene Völker waren, so durfte doch nicht mit ihnen gekämpft werden, wenn sie sich zu beffern versprachen. So finden sich diesbezüglich höchst bedeutsame Stellen, welche nicht genug beachtet werden können: iTinatP 'ttfVTai n‘s a^nan *i"a V'a pavn 'SBim Vs ferner urteilt auch so rwur nte a'ana riote : Mittel Vs a"aan mnab natnr 'a pwm '“x triaa1? 0222 xte np nnrte a-tete rrxvw 'a m» fnm' .new' narrte mtppb narrw 'a „Drei Botschaften sandte Josua den Völkern Kanaans, bevor er den Krieg gegen sie eröffnete, 1. wer fliehen will, möge fliehen,- 2. wer Frieden schließen will, möge mit uns Frieden schließen; 3. wer Krieg will, möge gegen uns Krieg führen. Der Satz c'a ana-r) ante1? 1'p te anpn '2 aiteS n'te runpi n'te. „Wenn Du dich näherst einer Stadt sie zu bekriegen, so sollst du ihr zuerst den Frieden anbieten", bezieht sich nicht nur auf alle sonstigen Völker, mit denen man einen Kulturkrieg zu kämpfen hat, sondern auch auf die B’BP % auf die Völkerschaften Kanaans. Man verlangte von diesen Völkerschaften nur, daß sie die m '22^ iimot mxa P2V, die sieben schon den Noachiden aufgetragenen Grundgebote annähmen und gab sich vollständig damit zufrieden. Es handelte sich hier wesentlich um Kulturkriege. Nun könnte man wohl entgegnen, daß unter der Flagge „Kulturkrieg" ja auch im finstern Mittelalter die schrecklichsten Greueltaten und Ungerechtigkeiten verübt wurden, und was dem einen als Kulturkrieg gilt, dem anderen vielleicht als entsetzlicher Eroberungskrieg Vorkommen mag. Dem muß man aber gegenüberhalten, daß bei dem Zuge gegen die Kanaaniten diese ja nicht zu Juden gemacht werden sollten sondern nur zu Menschen, die verdienen Menschen genannt zu werden, zu Menschen, die zumindest sich nach den allerwichtigsten Regeln von Gerechtigkeit und Recht richten. Ausdrücklich urteilt a"2an in Besten Vs: mxa rar ite’ptr w’.tt la’tenr nn« le’temr nnx anS stsSt anana nps?1? matt - .roxo rar itepr verstrickt ist in den Knäuel von Alltagssorgcn, und ste ihn niederzudrückrn suchen, dann kommt der zweite Augenblick, in dem er von den kleinlichen Plagen und Torgen sich losreißcn und im Gebete nachprüsen muß, ob er den am Morgen gefaßten Entschluß zur Ausführung gebracht hat. Aber er soll nicht mutlos werden, wenn er seine Pflicht nicht ganz so erfüllt hat, wie er sie angestrebt hatte. Der Tag ist ja erst zur Hälfte dahin —. noch kann er seinem mißlungenen Streben, mtc deni Vertrauen auf Gottes Hilfe, den rechten Weg bahnen, wenn er sich, im Gebete neu für das tätige Leben weiht und stärkt. Den Menschen heiligen und stärken für das dem Abend sich zuneigende Leben soll das Mittagsgebet. Die zweite Hälfte des Tages ist nun auch in geschäftigem Wirken und Tun dahingegangen. Der Menjch hat seine Tagesarbeir beendet, und auch über die Natur hat sich der Schleier des Schweigens gelegt. Schon diese heilige Ruhe — im Gegensatz zum tosenden Alltagsleben — ruft im Innern des Brenschen seltsame Empfindungen hervor. Empfindungen, die ihn zum Nachdenken anregen, ob er denn die Weihe, wie er sich zu und nH3Ö vorgenommen hatte, auch wirklich dem Tage gewidmet hat, ob er in all seinem Handeln von dem Gedanken an Gott erfüllt war. Hier, diesen Zeitpunkt, haben unsere Weisen in ihrer umfassenden Weisheit zunt dritten Zeitpunkt des täglichen Gebetes bestimmt. Jetzt soll der Mensch Rückblick über den ganzen Tag halten, ob er denn auch ein Gottesdiener draußen im Leben war, ob er die am Morgen erhaltenen neu belebten, und gestärkten geistigen wie körperlichen Kräfte auch bewußt in den Dienst Gottes gestellt hat. Mit diesen Gedanken tritt der Mensch in: Abendgebet vor seinen Gott, und mit dem R ückblick über den vergangenen Tag hält er gleichzeitig eilten Ausblick aus die Zukunft mit dem festen Bvrjatz, die nun Gott zurückerstatteten Kräfte — wenn er sich ihrer nicht unwürdig gezeigt hat — von nun an vollkommen in den Dienst Gottes zu stellen. Also ,n b S n7 im ursP t u n g l ich en Sin n e Über sich selbst richten, über sich selbst und sich s e l b st R e ch en s ch a f t n b e r s e i n B e r h ä l t - ni s zu Gott a b zu g e b e n , das will das Abendgebet. Haben wir uns hiermit die beiden berechtigten Fragen „Wozu beten wir?" und „Warum hat nlan bestimmte Gebete und Zeiten festgesetzt?" zu erklären gesucht, so bleibt lroch eine dritte Frage zur Beantwortung übrig, ilämlich: „Weshalb verrichteri w i r unsere Gebete nicht in der betreffenden Landessprache?", ja, warum gehen unsere Weisen so weit, daß jeniand, selbst wenn er nur die allgenreine Bedeutung der Gebete und ihren Sinn kennt, sie doch ans *71 p H p T S beten soll? Ein Grund wäre zunächst einmal der, daß ein Gebet stets an poetischer Schönheit und innerem Gehalt bei der ttebertragung in eine andere Sprache verlieren wird. Aber was ist denn der allgemeine Zweck der Gebete? In der ntefi Mt in Worten der Geist niedergelegt, den die ritenp ausdrückten. Die Gebete sollten aber dem ills Exil hinauswanderndell Israel eitle geistige stütze, ein inneres Erbauungsmittel irr trüben Zeiten sein. Was gab denn deni Juden die zähe Kraft, das schreckliche Mittelalter trotz all seinen Anfeindungen zil durchschreiten, was war es anders als seine miji und tesn, aus denen er immer wieder neuen Lebensmut schöpfte! Wie konnten die in alle Weltteile hin zerstreuten Juden bester zusammengehalten'und im Geiste geeinigt werderr, als durch das geistige Band der Sprache. Schon der erhabene Gedanke : der im fernsten Erdenwinkel weilende Bruder, er steht in diesem Augenblick im Gebet, er drückt die gleichen Gedanken in derselben heiligen Sprache aus, m ü ß t c n jeden an seine Pflicht und an seine Ausgabe, die er unter den Nationen zu erfüllen hat, stets erinnern. Was konnte ein Volk ans eilt weitentferntes Mutterland, das es tagtäglich lNl Gebete mit den ihn umgebenden Verhältnissen in Beziehung bringt, und nacho eNt es im Gebete stets das A n t l i tz wendet, besser aus Generatiolren hinaus einen, als die Muttersprache, die seine Borfahreil schon vor tausenden von Jahren gesprocheil habeil? Bon diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, fönne» wir die Verordnung tlnserer großen Weisen verstehen, daß aüch derjenige, der nur dell S i n u d e r Gebete kennt, sie doch in hebräischer Sprache beten soll; wohl r ü h l t er nur, was seine Mitbrüder aus s p r e ch e n , aber er ist von den gleichen Gedanken lind Gesinnungen beseelt, loie sie. — Noch zwei ausfallende Erscheinungen sind uns verständlich, wenn tvir nten in oben ausgeführteni Sinne austasten. Nämlich: wie kann das Kind, das doch nicht einmal d e n Sinn der Gebete keilnt und die abstrakteil Begriffe der ntefi nicht fasten kann, für das G e s u ll d e il eines Kranken beten? Jedoch in der Jugend liegt die Zukunft der Welt, der ganzen Menschheit. Indem nun der Kranke das Kind für sich beten läßt, bittet er gleichsam die Zukunft, für seine Genesung zu beteu. Mithin stellt er sich in Beziehung z u r Z u k u u f t und nimmt wieder Anteil an dem Fortbestand und der Elltwicklung der ganzen Menschheit. Und als Glied und Mitarbeiter an her Entwicklung und Bervollkoinmnung der ganzen Menschheit hat auch feil, E i n z e l l e b e n, das er doch in den Dienst der Allgemeinheit stellen lvill, Berechtigung zun: Weiterleben. Ulld nurt zum Schluffe noch eine Frage, die eigentlich schon in der vorhergehenden äuge Schnitten wurde: „Wieso kann man überhaupt für einen' altdern Menschen beten, so wie wir es z. B. bei Moscheh

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