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Der Israelit · 1909-05-13 · Heft 19 (13.5.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 19 (13.5.1909)
Date
1909-05-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. t l t 1 tum erinnert und ihn angefragt, warum er nun, da er doch ein Rabbineramt bekleide, seine mit so großem Enthusiasmus angekündigten Reformideen nicht v rwirkliche. Die gewundene Antwort Geigers bekundet den berechnenden Opportunisten, der dem abergläubigen Judentum Rechnung trägt, um sich seine Stellung nicht zu verderben. „Aeußerliche Reformen kannst du natürlich von hier aus nicht erwarten, sowie überhaupt die Umänderung der Form erst mit der Umänderung dediese hervorrufenden und erhaltenden Geistes heilsam eintreten kann) freilich wirkt die Form auch wieder auf den Geist zurück, aber doch weit weniger und schwächer als dieser aus jene, da ja dieser jene notwendig nach sich zieht. Dies Verwerfen einer früheren Form oder die Annahme einer neuen, ehe der Geist eine andere Richtung erhalten, wird immer den größten Anstoß erregen." (A a. O.) An dem Anstoß lag Geiger freilich nichts, aber seine Stellung stand dabei auf dem Spiel. Und das bewog ihn, jedem Anstoß aus dem Wege zu gehen. Die Wiesbadener Gemeinde bestand nämlich zum allergrößten Teil aus ganz einfachen Landjuden, die am Hergebrachten hingen und für alles, was Geiger Aufklärung nannte, kein Interesse hatten. Geiger hütete sich sorgsam, sich dort in seiner wahren radikalen Gesinnung zu offenbare». Alle die kühnen Pläne, an denen er sich vor Antritt seines Amts berauscht hatte, waren wie Spreu verflogen, als die Wirklichkeiten des Lebens an ihn herantraten: „Die Wiesbadener sind echte Landsleute, wenigstens größtenteils, und bei ihnen ist, wenn irgendwo, ein bedächtiges Auftreten nötigwar es nun schon früher mein Grundsatz, neue Grundlagen zu legen und auf ihnen aufzubauen, das Alte zu ignorieren und es in sich zerfallen zu lassen oder erst dann die Hand daran zu legen, wenn es völlig morsch ist, so gebietet die Klugheit noch mit größerer Strenge diese Maßregeldennoch aber halte ich hartnäckig an völligen! Ignorieren, und obgleich ich das Judentum zu heben juche und es als hoch und heilig darstelle, demselben auch die wichtigsten religiösen Ged nken als Bestandteile zuschreibe, so spreche ich durchaus niemals von etwas Speziellen!, das nicht die Wahrheit als Religion und Sittlichkeit ausstellt. Ersteres aber muß ich tun, damit die sittliche Kraft des Einzelnen gestärkt werde durch die Würde, die er als Jude zu haben glaub!, ferner muß ich vorzüglich aus die Regierung zu wirken suchen, daß di se sich bereit finden läßt zur kräftigen Unterstützung und, wenn es nottnt, zuweilen zu Eingriffen." (An Dernburg, 14. Dez. 1832. A. Z. d. I. 1896, ©. 79.) Der religiöse Stürmer und Dränger, dem alles Attjüdische ein Greuel war, das er am liebsten mit Stumpf und Stiel ausgerottet hätte, mußte, um seine Stelle zu behaupten, zum bedächtigen Diplomaten werden. Es war allerdings klar, daß ein solcher Zustand ihm höchst unbehaglich sein mußte, zumal die Gemeinde und der ganze Wirkungskreis klein und eng war, und auch die Regierung sich nicht geneigt zeigte, sich zu Eingriffen bestimmen zu lassen. „Daß meine Gemeinde niit mir zufrieden ist, ist das einzige, was mir zuweilen eine recht vergnügte Stunde machtdenn ohne dies könnte ich gar nicht begreifen, wozu ein Geistlicher in einer solchen Gemeinde tauglich ist... Aber auf der anderen Seite sehe ich auch noch eine solche Waffe von Mißbräuchen, id) muf? so vieles, wenn auch blos durch Stillschweigen billigen, was ich recht bitter tadeln möchte, ferner ist alles so kleinlich, wohin ich wirken kann, daß ich mir dennoch gesteben muß: viel Mühe für geringen Erfolg." (An Dernburg. 18. Febr. 1833. A. a. O. S. 80.) VI. *' Es ist unmöglich zu bestimmen, ivie das relil giöse Glaubensbekenntnis Geigers beschaffen war, \ wie sich das Judentum in seinem Kopfe malte, s Fest stand bei ihm nur das Eine, daß das alte [ Judentum fallen müsse. Wie aber das neue, das er. schaffen wollte, aussah, das wußte er selber ' nicht. Es herrschte in ihm ein wildes, schwankeni des Gähren und Drängen. Er war, trotzdeui er j" jeden Sabbat sehr erbaulich und eindrucksvoll zu j predigen verstand, dennoch im Herzen ohne Glau- - ben an das, was er begeistert verkündete. „Ich selbst fühle in. Predigten recht oft die erbauliche l Kra t dieser Religion, aber ganz klar zun! Begriffe bringen £ kann ich sie mir nichr. Gort steht uns etwas zu hoch darin. So lange erNatwnalgott war, so lange er wenigstens bie Juden bevorzugte, da lebte er in unserer Nähe \ und erhob uns doch auch zu sich, Nimmt inan aber dem l Judentum a <ch dieses und har es ferner jenes Annähernde i der Liebe (D. h. wie das Christentum) auch nicht, auch * natürlich nicht die Berniittlung eines Menschen, dann steht uns der weise Herrscher, wenn er auch einige Milde yinzufügt, sehr fern. Darum lasse ich auch gern die gemütlichen Vorstellungen vom Verdienst der Väter z. B. in Seelenfeier-Predigten walten, natürlich vernünftig modifiziert, knrz das Judentum ist als positive Religion etwas zu abstrakt und der Rationalismus macht es noch abstrakt De» JSraeltt. terdies alles natürlich in Bezug auf eine Volksreligion. Welche jüdische Religion ich meine, wie ich von Offenbarung ganz abstrahiere, wie ich ferner auch ganz von theoretisch theologischem Gehalt nbsehe, wird Dir wohl klar geworden sein. Gesetzt nun auch, es sei wahr, daß die jüdische Religion wegen ihres Dogmenmanaels, der aber auch eben leider Mangel der als das Höchste anerkannten religiösen Ideen anzeigt, weit entwickelungsfähiger sei als andere, was sich in der Ersahrnng nicht zeigt, jo will dies blos so viel heißen als: es lassen sich die verschiedensten Ansichten mit dem Judentum verbinden, eben ein Be weis, daß in ihm fast keine liegt, und wer preßt dann aus einer nackten Hülse derart Erbauliches? Mein Urteil über das Judentuni ist freilich bei lveitem nicht so hart, als es liier aus manchem Ausdruck scheinen könnteaber ich will blos auf den Punkt verweisen, der dem jetzigen unbefangenen praktischen jüdischen Theologen eine recht große Sorge machen kann." lAn Dernburg, 15. Juli 1833. Ä. a. O. 'S. 91.) Daraus spricht deutlich genug, welche geringe Meinung Geiger eigentlich vom Judentum hatte, und um wie viel höher er das Christentum bewertete. In denselben Briefen bekennt er auch, daß er nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaube und er spricht die Hoffnung aus, daß diese Lehre schwinden werde. So sehr er auch, durch die Fesseln des Amtes genötigt, in der Praxis das Bestehende sanktionieren mußte, aus Furcht, das Zutrauen seiner Gemeinde zu verlieren, im Herzen war er ein Radikaler extremster Art. „Der Hinblick auf die Einrichtung des Kultus und wie selbst denkende Juden, denen die Bearbeitung des religiösen Elementes im Judentmn das Leben füllen soll, keine es durchdringende und belebende Idee zu finden wissen, und ivie sie hiermit doch jedenfalls zugestehen, daß es in seiner jetzigen Ausübung fast bloße Werkheiligkeit ist, mag einen jeden überzeuge!!, wie es in schneidendem Widerspruche mit unserer denkenden Zeit steht, und wie sehr nötig daher eine Radikaländerung demselben ist, da eben das Fortbestehen immer wieder neuerdings die Idee erzeugt, die zu verbannen ist. Ob nun die Natur des jetzigen Judentums wirklich so kräftig sei, eine Revolution zu ertragen, das ist eine Frage, die ich ebenso ans Portugal, Spanien und Italien änwenden möchte. Wo nicht gesunde, nachdaltige Kraft vorhanden ist, um die schmerzliche Operation siegreich bestehen zu können, da geht der Körper zu Grunde,' und seine einzelnen Stoffe kehren dorthin, von wo sie genommen sind, und werden zu anderen Körpern verwendet." (An Dernburg, 30. Sept. 1833. S. l04.) In dem alrgläubigen Judentum konnte er, da er selbst ohne Glauben war, keine „durchdringende und belebende Idee finden." Er hatte bei seiner Antipathie gegen dieses Judentum für die hohen religiösen Ideen, die es durchwalteten, kein Verständnis oder wollte keines haben. Die Gefahren, denen der Radikalismus das Judentum aussetzte, kannte er, wie man sieht. Aber die möglichen Folgen kümmerten ihn wenig. Er war sich zwar bewußt, daß wenn das Judentum, dessen Glieder inmitten einer andersgläubigen Majorität zerstreut sind, sich erhalten und behaupten solle, es einen spezifischen, festen, den der Majorität an Kraft übertreffenden Glauben haben müsse, und er führt diesen Gedanken auch im selben Briefe aus und hebt hervor, daß den Juden, die in der Minorität seien, immer Jüdisches eigentümlich werden müsse, da nur die Liebe zum Judentum sie abhalten können, unter der Menge zu sein. (Fortsetzung folgt.) Werschau. Eduard Glasers Forschungsreisen nach Südaradien. Don Dr. Otto Weber. Heft 2 der Sammlung. „Der alte Orient, gemeinverständliche Darstellungen". Leipzig 1909. J.C. HinrtchS. 32 S. Preis 60 Pfg. Das Heftchen gibt in großen Zügen eine Schilderung der vier Reisen des unermüdlichen Arabi^nreisenden und -Forschers Eduard Glaser nach den Stätten des alten Saba. Straft der nackten Tatsachen wirkt eS auf den Leser wie das Hohelied des unstillbaren menschlichen ForschungSdranaeS. Auf vier Reisen, auf denen er mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, in fast ständiger Lebensgefahr unter fanattfchen räuberischen Beduinenstämmen, nur mit den notwendigsten Geldmitteln ausgerüstet, ohne Mitarbeiter, oft mitten auf dem Ent- 13. Mai 1909. Rr. 1«. deckerzuge aus Mangel an Mitteln zur Umkehr gezwungen — so erforschte Glaser jenen vor ihm wenig bekannten Südwestwinkel Arabiens von Saba über Aden bis Omar und andererseits am Roten Meer hinauf bis nach Mekka, die Gebiete der ehemaligen südaravtfchen Reiche, des sabätschen, des minäischen und anderer. Bon Hause aus Phy iker, Mathematiker und Astronom, in der Epigraph» Autodidakt, aber von großer Genialität und mit einem feinen Spürsinn ' für die Erlauschung unbekannter Sprachen und Idiome und für die Entzifferung von Inschriften ausgestattet, hat er besonders zur Topographie, Ethnologie-und Linguistik dieses interessanten Erdstriches und zu feiner Geschichte (besonders der dormobammedanischen Zeit) ein erstaunlich großes, authentisches Material zusammengetragen, wie dies in solcher Vollständigkeit und mit solcher Gewissenhaftigkeit von keinem Orientfoi scher bisher geschehen ist: allein über 1000 Steindenkmäler, mehr als 1000 wertvolle arabische Handschriften, über 1000 sabäische Inschriften, ganze Stiften von Abklatschen wichtiger Texte, ganze Stöße neuer, tteffltcher Kartenskizzen und linguistischer Aufzeichnungen. Erst ei. Teil dieses enormen Materials hat bisher Bearbeitung gefunden. Während der Bearbeitung starb Glaser 1907 in München im Alter 52 Jahren; geboren war der jüdische Gelehrte in einem böhmischen Dörfchen. Weder von Privatpersonen noch von gelehrten Gesellschaften ist er irgend nennenswert unterstützt worben, und daS Ber- ,. mögen, das er durch ben Verkauf seiner Schätze an diu < die Museen erwarb, hat er immer wieder auf ben For* \ schungsreisen verbraucht, sodaß er nicht einmal einen sorgenlosen Lebensabend hatte. Wie sehr sämtliche Gebiete der Orientwtffenschaft durch diesen genialen und kühnen Forscher befruchtet worden sind, lehre ein Beispiel. Aus klassischen Autoren wußte man, daß neben Main, Saba und Hadkramant ein südarabisches Reich Kataban bestanden hat, von dem man kaum mehr als ben Namen wußte. Glaser erforschte seine Lage, Geschichte, Religion und Sprache und brachte gegen 100 katabantjche Inschriften in Abklatschen heim. Obwohl erst wenige von diesen Texten veröffentlicht worden find, so hat fich doch schon gezeigt, daß aus ihnen viel Licht auf die gesamte semitische Reltgtonsgeschichte fällt. Möge das ungeheure, mühsam erworbene Material, bas im Nachlaß Glasers aufgespetchert ist, der Wtfsenschast vom alten Orient noch neue, reiche Erkenntniffe bringen. Sd. Zur Regenerationsarbeit in Palästina. Bon Dr. Mettmann. Bortrag. Bern 1908. Der Verfasser tritt als Schulmann für die Aufnahme nicht zu theoretischen, sondern durch Uebung der Sinne und praktische Unterweisung geförderten Unterrichts in ber Naturkunde in den bisher zu einseitigen Lehrplan der meisten Schulen Palästt as ein. Auch die Begründung von Laboratorien, Bibliotheken, Sammlungen, Apparaten, Schaffung von Lehrbüchern usw. sei notwendig. Um diese päoagogschen Bestrebungen zu unterstützen und z organtfieren, und überhaupt das Verständnis für die Natur in der Bevölkerung des Landes durch Borträge, Schriften, Ausstellungen usw. zu wecken, ist ein „Akademischer Verein zur Förderung der Naturkunde in Palästina" inS Leben gerufen werden. Der Hauptzweck dieses Vereins, dem namhafte Gelehrte beigetreten find, ist aber der, die naturwtffenschaftliche Erforschung des Landes selbst zu fördern. Dieses so leicht erreichbare und so vielen Menschen heilige Land ist heute weniger erforscht, als zum Teil recht entlegene Gebiete Afttkas. „Und doch liegen hier die Museen auf der Straße." Flora, Fauna, Bodenbeschaffenheit, die Natur der Berge und Flüsse sind so wenig genügend durchforscht, daß eine Wieoererweckung des Landes zur a ten Blüte, sowie ein gedeihliches Fortschreiten der jüdischen Kolonisation ohne diese Erforschungsarbeiten nicht denkbar find. Es handelt sich also hier nicht nur um eine Ehrenpflicht der Juden, sondern um die rein prak ische Voraussetzung zur großzügigen Fortführung des Kolonisutionswerkes. Dieser im Lande selbst arbeitende Verein soll nun jene Erforschungsarbeiten etnleiten, wissenschaftliche Publikationen hcrausgeben und auch die anfangs erwähnte Aufgabe der Verbreitung von Naturkunde im Lande übernehmen. 86. Natnrftudie«. Heft 1: „Stoff und Kraft" von Prof. Dr. Groner. Heft 2: „Die Zelle ein Wunderwerk" von Prof. Dr. Dennert. lä 20 Pfg.) Naturwissenschaftlicher Verlag Godesberg b. Bonn. Man muß dem Keplerbund Anerkennung dafür zollen, daß er durch die hier angezetgren außerordentlich vtlligw Heftchen zu einer Populart erung der Naturw ffenschaften beiträgt, die wir von unserem Standpunkte nur mit Freuden begrüßen können. Gleich das erste Heft behandelt zwei so schwierige Begriffe wie Straft und Stoff in äußer st klarer und faßlicher Weise. Der Leser erhAt ein deutliches Bild dieser beiden phystkalisch wichttgen, aber nicht leicht zu bestimmenden Begriffe und wird dabei auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis gelenkt, indem fortwährend auf den erheblichen Unterschied zwischen gesichertem Wissen und vermutender Hypothesen hi gewiesen wird. Wir möchten daher dieses Heft ganz besonders der reiferen Jugend zur Lektüre aufS wärmste empfehlen. Auch das zweite Heft, das unter den gleichen Gesichtspunkten versaßt ist, wird bei der lernenden Jugend manchen Nutzen stiften, wenn auch sein Verfasser zuwellen etwas oberflächlich die Dinge behandelt. So z. B. ist S. 17 Fußnote die Definitton beS PrtSmas durchaus unzulänglich. Im ganzen aber wird auch hier das etgentuche Thema recht klar und mtsprechend behandelt. Stalefnik.

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