Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1909)
- Date
- 1909-05-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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JjeWart e rares Abraham Geiger s religiöser Charakter. Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) IV. Während Rießer eine flammende Protestschrift gegen Paulus veröffentlichte, hatte Geiger, unbelehrt durch die böse Erfahrung, die er gemacht, nichts wichtigeres zu tun, als bei einem judenfeindlichen") Schulrut Rossel, der eine Monatsschrift herausgab, die Rabbiner anzuklagen, die ,ganz vom bösen alttalmudischen Geiste besessen, ganz abgewandt von wissenschaftlichem Streben" Schuld trügen, wenn bei den Juden „Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit gegen Religon und Sittlichkeit einreißt." ,;i) Man muß die Verteidigung R i e ß e r s, der doch Jurist ist, und die Anklage Geigers, der Rabbinatskandidat ist, mit einander vergleichen, um den großen Abstand zu ermeffen, der zwischen der Hochherzigkeit, dem Gemeinsinn und der Charakterstärke Rießers und der Engherzigkeit und Lieblosigkeit Geigers obwaltet. Welch' zornflammende Sätze schleudert der Jurist Rießer gegen die Taufe um der Karriere willen, und wie zahm und beinahe entschuldigend klingen die gleichzeitigen Worte des Rabbinatskandidaten Geiger über diesen Punkt in seinem Schreiben an Rossel: „Wie viele nun, die vielleicht Zierden der Wissenschaft geworden wären, müssen, da sie entweder bei der Taufe sich ilicht zu Glaubensmeinungen bekennen wollen, denen ihr Herz fremd ist, oder weil Rücksichten für Familien und Freunde sie zurückhalten, mit gebrochenem Herzen den geliebten Musen Valet sagen, um dein ihnen verhaßten Handel sich zuzuwenden. . . Gesetzt, ich hätte mich nicht entschließen können, Theologe zu werden, die Schwierigkeiten wären nrir zu bedeutsam gewesen: was hätte ich anders tun könnerl, als entweder iit den Schoß der auf Erden allein selig machenden Kirche überzugehen oder, was wahrscheinlicher ist, zu handeln und zu schachern?" ") Man erwartet ein Wort des Abscheus gegen die, welche unl des Profits willen ihr Judentum verschachern, und hört lediglich den Ton des verdrießlichen Märtyrers, dem in dem Konflikt zwischen der Taufe und dem Kaufmannstande das Verwerfen der Taufe nicht etwa selbstverständlich, sondern nur „wahrscheinlicher" ist. Man würde in einem anderen Falle glauben, daß, wer so spricht, nicht gar so weit von der Taufe entfernt gewesen ist. Geiger schien kein Herz für seine Brüder zu haben. Er ivar so vom Aufklärungswahn besessen, daß er den Plan betrieb, eilte staatliche Trennung der aufgeklärten von den altgläubigen '*) A. o. O. S. 40. ,;l) A. fl. £. S. 50. 14) sl. a. O. S. 51. Juden herbeizuführen, welche den erjteren. N&te bürgerliche Gleichberechtigung ermöglichen sollte. Er schrieb darüber an seinen Freund, den Rabbiner Ullmann in Koblenz: „Die Juden eines ganzen Staaten, die sich im Herzen vom Talmud losgesagt haben, sollen auch laut dasselbe tun und von ihrem' Staate die Erlaubnis zur Bildung einer besonderen Gemeinde fordern. Halte diesen -Plan nicht für abenteuerlich, er ist sehr einfach und leicht ausführbar. Ich habe einen Aufsatz hierüber geschrieben. . . Wenn wir diesen umgestaltet haben und den uns entstellenden Koloß id. h. ben Talmud) abgelegt haben, dann können wir auf religiöse - und bürgerliches Wohl mit gerechter Hoffnung blicken. . . . Ich war vor einigen Tagen mit meinem Aussatze beim Dr. Wolf, sprach mit ihm hierüber fast zwei Stunden - er, der der Taufe nicht so abgewandt ist, wie ich es bin, kann freilich nicht diese Wärme dafür Haber«, aber dennoch bemerkte er, daß, wenn er diese Ueberzeugung hätte, daß diese getrennten Inden begründete Hoffnungen aus bürgerliche Gleichstellung hätten, er dazu kräftigst Mitwirken würde."7') Für diesen listigen Plan suchte er Verbündete und wollte seinen Freund veranlassen, in diesem Sinne durch Zeitungsartikel zu wirken: „Einen Aussatz der Art, der die Rachteile hervorhebt, welche die gewaltsame Verbindung dieser zwei so getrennten Teile hervorbringt sowohl in Bezug aus das religiöse und sittliche als auch bürgerliche Leben der Nichtgläubigen Inden, jedoch letzteres in geringerem Maße betont, weil es dann fast bloßer Eigennutz und nicht wahrhaft religiöses Streben scheinen könnte, ein solcher Aussatz, sage ich, in ein Mainzer Blatt eingerückt, wird gewiß auch seine Wirt samkeit nicht verfehlen." lö) Einem solchen Tun gilt das zitierte Wort Rießers: „Schande über diejenigen, die. sich den Lohn ihrer Bildung und Aufklärung mit der Preisgebung ihrer minder glücklichen Brüder bezahlen lassen." Man sollte meinen, daß Geiger damals, bei einer solchen Gesinnung, überhaupt nicht daran dachte, ein Rabbineramt iri einer altgläubigen Gemeinde anzunehmen. Das war aber durchaus nicht der Fall. Um sich ein solches Amt nicht zu verscherzen, war er bestrebt, seine wahre Gesinnung mit kluger Berechnung zu verheimlichen. So heißt es z. B. in einem Briese an seinen Bruder: „Schon seit einiger Zeit halte ich den festen Entschluß, nach Beendigung meiner Studien an der hiesigen Universität . . . nicht nach Frankfurt, als meinem Aufenthaltsorte, zurückzukehren, sondern mir dazu eine andere große Stadt .... anszuwählen .... In einer jeden großen Stadt findet jetzt natürlich ein Konflikt der Meinungen statt, irr welchem sich für eine Partei zu entscheiden die Fremden nicht nötigt, wohl aber die Vaterstadt, wo jeder schritt mehr beobachtet, ein jedes Wörtchen mehr gebeutet wird, unumgänglich macht. Eine solche Entscheidung aber ist teils bei Erreichung eines Mittelweges für beide Parteien ungenügend, teils auch ist sie für einen solchen, der einst im Leben wirksam ans zutreten sucht, vor den« Dasein eines Wirkungskreises sowohl in politischer Hinsicht schädlich, als auch der späteren Wirksamkeit in den Weg tretend." 17) Daß es auch etwas gibt, was mau Nebcr- ,0) A. fl. O. S. 55. ,ö) A. u. O. S. 50.!7> A. o. C. S. 5?.. zeugungstreue nennt, dafür scheint Geiger das Verständnis gefehlt zu haben. Im Sommer des Jahres 1832 bewarb er sich ohne Erfolg um das Rabbinat der altfrommen Gemeinde Hanau. Im Novervber 1832 wurde er zum Rabbiner in Wiesbad en gewählt. V. Für die Beurteilung von Geigers Charakter und innerer Persönlichkeit kommen, wie schon aus den bisherigen Proben zu ersehen war, besonders seine Briefe in Betracht, zumal diejenigen, die er an vertraute Freunde richtete, und in denen er seine Gedanken unverhüllt und ohne Rücksichtnahme zum Ausdruck brachte. „Gerade in Briefen an den innigen Freund, wo man sich konzentriert, wo nicht irgend ein Verhältnis und irgend eine Beziehung besprochen wird, sondern der ganze ^Mensch in seiner Einheit aus dem Knotenpunkt heraus, der sein ganzes Sein und Wirken umfaßt, hervortreten soll"") spiegelt sich das Wesen des Menschen am deutlichsten wieder. Die Briefe Geigers hat Lu dwig Geiger als fünften Band der „Nachgelassenen Schriften" veröffentlicht"). Ferner liegen seine Briefe an I. Dernburg vor"). Diese, von demselben Herausgeber bearbeitet, sind zwar gekürzt und gemildert. Aber sie sind auch in der vorliegenden Faffung besonders wertvoll, da Geiger gerade mit Dernburg innig befreundet war und ihm ohne Scheu seine Gedanken mitteilte. Seinen oben erwähnten abenteuerlichen Plan eine Trennung der Aufgeklärten von der Gesamtgemeinde des Judentums zum Zwecke politischer Gleichstellung herbeizuführen, scheint Geiger nun mit dem Eintritt ins Amt aufgegeben zu haben: „Siehe, lieber Freund, zwar geht es bei theologischen Dingen so wie bei politischen, so lange «nan nicht selbst an s Ruder gekomnien, bildet man die Opposition und hat immer blos das letzte Ziel vor Augen, und die Huldigung, die der Verjährung und der Gewohnheit gebracht wird, ist ein Greuel; ist «nan aber selbst einmal ans Ruder gekommen, da ideiltifiziert man sich mit den Wünschen des Prinzips, zu dem man sich bekennt, was aber blos zum Teil r chtig ist. Wahr ist, daß, da man nun einnial dahin gelangt ist,' die Getvalt in den Händen zu haben, und aus dieser Gewalt Aussichten sich eröffnen zur Realisierung der Wünsche, man auch streben niuß, die Gewalt zu befestigen, damit man auch Mittel bleiben könne zu diesem höchsten Gedanken, aber nicht wahr ist es, daß nun schon durch das Erlangthaben der (Gewalt alles geschehen sei, und alles blos daraus ankomme, die Gewalt zu behaupten. Hiernach richtet sich nun auch durchaus, meine Wirksamkeit: : allerdings trete ich bedächtig auf, aber entschieden, l«nd huldige keinem Aberglaubens sondern das Gelindeste ist, daß ich ihn ignoriere."' «Brief an Grünbaum, 2!».Dez. 1*82. V. i. B S. 74.) - Der Freund, au den diese Zeilen gerichtet sind, hatte offenbar Geiger an deffen frühere Meinungen und Aeußerungen über das Juden- ,s) Allg. Zeit. d. Jud. 1800 S. 820. ,a) Berlin IST*. - > Allg. Zeit. d. Z. 1*00.