Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1909)
- Date
- 1909-05-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. l9 des „Israelit". m £ euilleton UcrgciruMd. Kulturbild uns der jüngsten Vcrgangcnl e t in Rußland. (Fortsetzung.) Langsam bewegte sich der Alte wie traumveriö#' Weltentrückt zur Synagoge, die heute “ \Pptremfimtt Kastand. Die Männer sahen ihm eine Weile traurig nach. „Er ist ein Zadik, wie es nur wenige gibt," sagte der Rabbiner. „Schade, daß ihm auf seine alten Tage so großes Herzleid nicht erspart bleiben sollte — — —" Der Rabbiner brach nritten im Satze ab, denn es entging ihm nicht, wie sich das Gesicht eines seiner Begleiter, des Herrn Berkowitz, verfärbte. „Ja," sagte er dann, vergebens nach einer Ablenkung suchend, „es ist eine böse Zeit herangekommen, unsere Kinder wollen uns nicht n:ehr verstehen. Aber noch ist die Hoffnung nicht verloren. Wie sagen doch unsere Weisen: Jugend gleicht gährendem Weine. Gebe nur Gott, daß bald ruhigere Zeiten wiederkehren, sie werden sich und uns wiederfinden, die heute den Weg verloren." Die Männer sprachen nicht, sondern bewegten die Lippen, als galt es, ein tiefempfundenes Gebet nrit einem leisen Amen zu bestätigen. Auf dem Rasen zwischen der Straße und der Parkallee, den die Männer jetzt passieren mußten, stand eine Gruppe von Jünglingen, die eifrig miteinander verhandelten, indem sie nach allen Seiten spähten und lauschten. Als sie der Männer ansichtig wurden, kam einige Bewegung in die Gruppe. Einer wich etwas verlegen zur Seite. Berkowitz erkannte seinen Sohn, der dem Blick des Vaters auswich und sich unter der Buche duckte. Die anderen blieben trotzig und herausfordernd stehen. „Gott grüße Euch, liebe Kinder!" sagte der Rabbiner sanft, „was macht Ihr hier?" Nur einer aus der Gruppe trat hervor und antwortete mit fester Stimme: „Wir wollen hier der Gefahr begegnen!" Es war der Sohn des alten Salum. „Wenn Gefahr wirklich im Anzuge ist," sagte der Rabbiner mild, „dann tut ihr wohl am besten, wenn ihr nach Hause geht und-" Der Anführer der Jünglinge kieß den Alten nicht ausreden und er unterbrach ihn barsch: „Nach Hause gehen und uns abschlachten lassen, natürlich — — Aber nein, dies überlassen wir euch Alten. Wir haben Mut, spüren Kraft in unseren Muskeln mrd wollen den Kampf aufnehmen." „Schön gesprochen," erwiderte der Greis, „aber angenommen, ihr wäret im Besitze der Kraft und des Mutes, deren ihr euch rühmt, ziemt es den Söhnen Judas, auf eigne Macht vertrauend, von Selb st wehr und Selbstverteidigung zu sprechen und herausfordernd dem Feinde entgegenzutreten? Geht nach Hause, bitte ich euch nochmals, und stehet den eurigen bei mit allen zu Gebote stehenden und durch die Stunde gerechtfertigten Mitteln!" „Davon versteht ihr, verehrter Rabbi nichts", sagte der Jüngling trotzig. „Wir wollen Freiheit und wir werden sie erkämpfen für uns, für das Land, für das ganze unterdrückte russische Volk. Auch heute stehen wir nicht als Juden da, sondern als Kämpfer für Recht und | Freiheit gegen die Mächte der Finsternis und ihre Vertreter, die uns Juden zunächst als Opfer wählen. Wir werden mutig dem Feinde die Stirn bieten und ihm, wenn nötig, mit der Waffe entgegentreten!. ..." Der Jüngling zog einen Revolver hervor und fuchtelte damit in der Lust. Die Männer erbleichten und der Rabbi versuchte noch einmal sanft und milde auf die jungen Leute einzureden. „Wisset Kinder" - sagte er „von Jakob heißt es in der Schrift, es war ihm angst und wehe, als er Esau entgegenzog, wozu unsere weisen Lehrer bemerken: a n g st vor der Gefahr getötet zu werden und wehe vor der Möglichkeit, töten zu müssen. Diese zweite Möglichkeit sollte euch mehr mit Grauen erfüllen als die Gefahr und wolltet ihr würdige Söhne Jakobs bleiben und nicht zur Stufe jener Mordgefellen heruntersinken, euch veranlassen, die Waffe, solange es sich nicht uni äußerste Notwehr handelt, beschämt aus der Hand zu lassen." Auf die jungen Leute schienen die herzlichen Worte des Rabbi einigen Eindruck zu machen. Unter der Buche regte und räusperte es sich. Josef suchte den flehenden Blicken des Paters auszuweichen. Doch der Sohn des alten Salum ließ sich nicht entmutigen. „Rabbi" - sagte er in beharrendem Trotze — „sollten wir einmal Lust verspüren, eine Predigt anzuhören, dann kommen wir zu euch in die Synagoge. Heute gilt es aber Taten zu vollführen und nicht unnütze Worte zu verlieren. Redet zu denen, die uns Tod und Verderbeil bringen, oder zu dem Gewaltigen, vor dem ihr euch heute beugt und der zu jenen gehört, welche Land und Volk ruinieren und die Freiheit, deren sich heute sonst alle Welt erfreut, gewaltsam aufhalten . . ." „Die Freiheit", lachte der Greis bitter, mehr zu seinen Begleitern gewendet als zu den Jüirglingen, die seine Worte verschmähten, „sie wird heranblühcn, diese Freiheit auf einein Boden, der init jüdischen: Blute gedüngt ist, für alle, aber nicht für euch, ihr Schwärmer und Verführte. Hört ihr wohl den rohen Gesang und wilden Lärm in den Teehäusern? Es sind die Arbeiter, die heute nicht zur Kirche gingen, dieweil auch sie Staat und Kirche Haß geschworen, weil auch sie als Bundesgenossen mit euch für Recht und Freiheit zu kämpefn angebjen Es wird sich heute zeigen, ob sie ihvepr Treueid gemäß, euch, uns zur Seite stehen, oder mit denen gemeinsame Sache nachen, die gegen uns sind," Aus den Reihen der Jünglinge antwortete keiirer. Die Turmglocke an der nahen Kirche setzte sich in Bewegung, ihr folgten bald andere; ein Summen und Brummen erfüllte die Luft, ei:: ohrenbetäubendes Glockengeläute. Der Gottes bienft in den Kirchen war zu Ende und schon ergossen sich die ersten Massen der Kirchengänger auf die Straße. Die jungen Männer der Selbstwehr schaarten sich enger und kampfbereit zusammen. Die Alten aber bewegten sich bestürzt und entmutigt weiter, nach dem Schloßparke. IV. , Lange mußten die Männer der Deputation warten, bis sich ihnen die vergitterte Türe zum Schloßparke auftat. Und als sie endlich vochenden Herzens im Audienzzinlmer vor den: Gewaltigen standen, hielt ihnen dieser eine Ansprache voll Zurechtweisungen, Warnungen und auch verhaltener Drohungen. Revolutionäre, Aufwiegler und Störer der Staatsruhe, sagte er, seien die Juden und hätten als solche eigentlich einen Pogrom verdient, zu dem es aber nicht kommen würde. Ihre Ailgst, die sie dazu treibe, ihn, der wahrlich besseres zu tun hätte, wiederholt zu belästigen, zeuge von Mißtrauen, von Mißachtung der staatlichen Autorität, was schon an sich Strafe erfordere. Eingeschüchtert und aufs tiefste bestürzt ob dieser Abkanzelung standen die Männer ratlos da und wagten kaum ein Wort zu reden. All die I schönen Worte, die tausend Argumente, die sie sich zurechtgelegt hatten, cHarben auf ihren Lippen angesichts der abweisenden, schroffen Haltung des Mannes, bei denr sie klageführend Schutz und Hilfe suchten. Die Kläger waren zu Angeklagten geworden, die kaum noch ein Wort der Verteidigung wagten. Unwillkürlich mußte der Rabbiner an die Worte des Jünglings auf dem Parkrasen denken. „Ein Tyrann, der zu den Mächtigen gehört, welche die Freiheit aufhalteir". Ob er aber der Stimme der Vernunft, des Rechtes sein Ohr wird ganz verschließen können? Sollte er kein Herz mehr haben für den Angstschrei tausender Unschuldiger. Er mochte eine solche Verstocktheit und Herzlosigkeit bei einen! Menschen, einem Ebenbilde Gottes nicht voraussetzen, der greise Rabbi. Er gab daher den:,Sprecher der Deputation, dem mit der russischer: Sprache an: besten vertrauter: Herrn Berkowitz, ein ermunterndes Zeichen, das Wort zu ergreifen. „Hoher Herr!" fing dieser an, „ivir wissen, wessen wir beschuldigt werde::, und es dürfte uns ein Leichtes sein, an Hand von Zahlen und Tatsachen Euere Gnaden davon zu überzeugen, daß wir Juden zu den Treuesten im Lande gehören, daß wer treu sein Judentum wahrt, auch an dessen Devise festhält: „Fürchte Gott und den König!" Aber heute, Herr, handelt es sich nicht darun:. Unser Leben ist bedroht, unser Eigentum den Horden preisgegcben. Schon sammeln sich die blutgierigen Rotten, um zu morden und zu plündern. Ten: können nur Euere Gnaden Halt gebieten! Wir erbitten Schonung, Schutz und Hilfe für uns, für das bedrohte Leben unserer Kinder-" Berkowitz redete sich in den Mut her Verzweiflung hinein und fand flammende" Worte. Seine Sprache wurde inrmer beredter und überzeugender und der Mächtige hörte ihn, erst mit Widerwillen, dann aber n:it Interesse an. „Mag sein!" sagte der Gouverneur gedehnt, „daß Ihr Alte:: darüber anders denkt. Aber die Jugend, euere Kinder - Warum mahnt ihr sie nicht zur Ruhe und Ordnung? Warum lasset ihr sie gewähren und ungestört den Staatsbau unterwühlen? Ich habe sie schon lange beobachten lassen. Auch heute sollen sie Ansammlungen auf dem Rasen vor der Allee veranstaltet haben und eine recht drohende Haltung eingenommen haben. Sollte heute diese der Volkszorn treffen und blutige Rache an ihnen genommen werden, so hätten sie es sich selber zuzuschreiben. Ich lverde nicht im stände sein, so sehr ich Ausschreitungen vermeiden möchte, das selbst heranfbeschworene Geschick von ihnen abzulvenden." Berkowitz erblaßte. Er verstand den wahren Sinn der Worte und auch die Drohung. Er war nun in der Tat der Angeklagte, der kein Wort der Rechtfertigung fand. Ta trat der Rabbiner vor und nahm das Wort. Er sprach nur gebrochen russisch, aber seine abgehackten, stoßweise hervorgebrachten Sätze wirkten um so rührender und überzeugender. „Unsere Jugend-", sagte er, „ist nicht besser und nicht schlimmer, als die russische, polnische und andere Jugend, drängend, ungeduldig und stürmisch. Sie, die Jungen, empfinden die Entrechtung mehr als wir und Protestierten, mit dem Munde bloß. Sie werden bald zur Einsicht gelangen, je milder und gerechter sie behandelt werden, desto eher. Was aber die heutige Ansammlung betrifft, so hatte sie keinen anderen Zweck, als das Leben ihrer Brüder zu schützen und sich, wenn :wtig, zur Wehr zu setzen. Wir redeten auf sie eindringlich ein und baten sie, ruhig nach Hause zu gehen, indem wir sie auf die Hilfe verwiesen, die zunächst von Gott kommt, und dann von seinen Vertretern auf Erden zu erwarten sei, von den Hütern von Zucht Und Ordnung, zu denen hier in erster Reihe Euere Gnaden gehören." (Fortsetz, folgt.)