Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1909)
- Date
- 1909-05-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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13. Mai iE Lette 3 Nr. IS in welcher ihre Interessen nicht gewahrt werden. Ich sage Ihnen dies als der Obmann der „Freien Bereinigung" zur Wahrung der Interessen der strenggläubigen Judenschaft. Wenn wir mit Ihnen halten würden und Sie nach Ihrem Statut eine Rabbinerschule gründen, so wäre die Folge, daß daraus Rabinner hervorgehen, die für uns nicht maßgebend sind. Sie würden eine Organisation zur Heranbildung von Schächtern gründen, wir würden aber von diesen Schächtern nichts genießen. Ein Schächter aus dieser Schule hätte für uns dieselbe Wirkung, wie ein Schächtverbot vom Staate. Sie sagen uns freilich immer, das alles steht nicht in dem Statut. Aber schon in den Sprüchen Salomos heißt es: Mein Sohn gib acht! Ich sage eben, wir werden uns von diesem Netz nicht sangen lassen. Ich bitte, betrachten Sie aber einmal, wie die Geschichte in Wirklichkeit ist. Zuerst heißt es, es soll nichts Religiöses vorko mmen und schon in § 2 sprechen Sie von H a b - binern, Schächtern und Religio nslehrern. Was sollen überhaupt die Verhandlungen der Organisation und des Gemeindetages, wenn es.nicht rituelle Angelegenheiten sein sollen. Wollen Sie Börsen-Agenten oder den Terminhandel erörtern? Natürlich können Sie nur religiöse und Kultusangelegenheiten verhandeln. Wir sind doch keine Bürgerversammlung, sondern die Vertreter von Kultusangelegenheiten und in diesen müsien wir die nötige Freiheit haben. Genau angesehen, stellt sich das Bild folgendermaßen: UntendieGemeinde, dannderLandesverband, schließlich die Ober st e In - stänz: „Und ihre Spitze reicht bis zum Himmel". Unsere Weisen erklären dies so, daß sie wagten, erneu v Kampf gegen die Vorsehung auszunehmen. Ich ver- 0 weise da aus Raschi. Diesen Kamps aber werden wir nicht zulassen. Man könnte freilich sagen: Treten wir nur zur Organisation zusammen, sie wird alles Gute wirken. Das zu behaupten war möglich, als 1806 in Frankreich die große Synode zusämmentrat. Heute aber, »rach io.) Jahren, haben wir schon den Beweis von dem Schaden, den derartige Organisationen stiften. Wenn nach Frankreich nicht Juden aus dem Elsaß und aus Voten gekommen wären, wäre es zu Ende mit dem Judentum in Frankreich. Frankreich ist das Land, wo sich unsere Befürchtungen bestätigt haben. Ebenso steht es in anderen Ländern. Was die gallischen Juden betrifft, die mich allerdings nichts angehen, so hat mir Herr Schreiber aus Trohobycz erklärt, daß von ihnen 241 Proteste gegen die Organisation vor liegen. Auch ich meinerseits habe von 34 Minoritäten in Böhmen und Mähren gleiche Vollmachtenmit dem Ersuchen, gegen die SacheStellungzunehmen. Ich wiederhole: Bei Organisationen unfreiwilliger Art können wir nicht mit tun. Sie wollen die Regelung des Religionsunterrichtes, die Heranbildung der Religionslehrer, die Qualifikation der Rabbiner: Ist das vielleicht nichts Rituelles? Wir würden die Funktionäre aus diesen Schulen keineswegs anerkennen. Wir gehen nicht in dieses Netz! Eine allgemeine Vertretung der Judenheit dagegen ist uns sehr erwünscht: ein Gemeindebund in größerem Stile als die „Union" mit dem speziellen Zweck, die Rechte der Juden zu wahren, aber mit Ausschluß des religiösen Moments. Eine der Hauptgefahren für uns ist oie Kompetenz des Oberrates zur Erstattung von Gutachten. Ich werde einen Antrag in tiefer Richtung stellen. Wir können nur mittun, wenn uns schon der 6.'. l Sicherheiten nach dieser Richtung schaff t, dahingehend, daß in die höchste Stelle des Bundes nur Personen kommett dürfe n, die den Sabbat nichtübertreten und n i ch t t r e f e essen. Wenn nicht alle Beschlüsse dem S ch u l ch a n-A r u ch entsprechen, ist unsere Mitwirkung ausgeschlossen." Die Rede des Herrn Hofbauer, von vielen Zwischenrufen unterbrochen, machte sichtlichen Eindruck auf die Anwesenden, und der Präsident schlug in einer Erwiderung eine sehr verähnliche Sprache an. Er weist auf die Stellung der Wiener Gemeinde in der Schächtsraae hin und meint auch mit Rücksicht auf diese Angelegenheit, die Schaffung einer Organisation empfehlen zu müssen, nicht minder auch mit Rücksicht aus das S o nn t a gs ru h e - G e f e y und seine Gefahren für den sabbathaltenden Teil der jüdischen Bevölkerung. Einer Autorität im Namen der 11/2 Millionen würde es ein Leichtes sein, entsprechende Ausnahme-Bestimmungen zu erhalten. Er erklärt nochmals, daß es keiner Organisation je einsallen würde, irgend einer Gemeinde einen Rabbiner oder Schächter auszuzwingen, oder sonst den Gesetzestreuen irgend Anlaß zu geben, sich über Bedrückung und Gewissenszwang zu beschweren. Ter böhmische Delegierte Steiner aus Kolli» verlangt die Stawierung eines gesonderten tschechischen und eines deutschen Verbandes, oder wenigstens zwei getrennter Sektionen. Abgeordneter Stand protestiert, wie sein Kollege Tr. Gabel, gegen die willkürliche Zusammensetzung der Versammlung, ob er auch Der Jsrnelir. im Namen der Zionisten den Gemeindebund als notwendig erachtet. In den Rahmen der Organisation gehöreg seiner Meinung nach auch kulturelle und ökonomische Fragen. Die Proteslbriefe aus Galizien nehme er nicht ernst. Er wünsche aber ein demokratisches Wahlrecht und öffentliche Rechenschaft über die Tätigkeit des Verbandes. Auch Tr. Körner bemängelt daß in dem Entwürfe die kulturellen Angelegenheiten zu kurz kämetr. Sein Antrag geht dahin, das endgültige Votum einer gewählten Vertretung zu überlassen und schon heute alles auszuschneiden, was die religiöse Autonomie der Gemeinschaft tangiere. Abgeordneter Tr. S t r a u ch e r wünscht eine nationale Organisation, wie man sic im Osten sich denke. Er bedauert, daß die Orthodoxen sich prinzipiell gegen eine Organisation aussprechen. Darauf ergriff Herr Oberrabbiner Dr. Güedemann das Wort, um feine volle Zustimmung zum Organisation s - Plane auszudr'ick n. Herr Hofbauer hätte seine Oppositionsrede um zwanzig Jahre zu spät gehalten, denn bereits 1890 sei das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden geschaffen worden und den Gemeinden die Ordnung vom Staate aufgedrängt worden. ES sei unertlärlich, daß damals sich von Seiten der Orthodoxen teiire Stimme gegen die Zwangsordnung erhoben habe. Ter Redner ernrnert an den Kampf, den damals der Vorstand gegen ihn unternahm, weil er es wagte, dem Abgeordnetenhaus«: eine Bittschrift zu überreichen, in der er für die Rechte der Rabbiner cingestanden war, er könne es daher nicht fassen, daß gerade Galizien, dieser Herd unserer Religion, keine oppositionelle Stellung damals eingenommen hätte. Im Uebrigen mahne er zur Eintracht. „Als vor 36 Jahren oie Narrheit begangen wurde, daß aus der Synode zu Leipzig einige A e n d e r u n g e n ln unserem K u l t u s gemacht wurden, die der selige M a n n - yermer ei »geführt Yak, wurde von Seiten der Orthodoxen der Versuch gemacht, sich l 0 s zu l ö s e n. Sie sind "aber schließlich im Rahmen der Gemeinde gebileben." Sie sollten iich daher auch jetzt nicht ausschließen. Er befinde sich oft auf Seiten der Herren von der Schifischule. Das Fernbleiben der Galizianer sei schon darutn zu verurteilen, »veil die Thora gar oft von Deutschland ansgegangen sei. (?) Herr Wolf Pappenheim dankt zunächst dem Präsidium für dia llebertraguug der Mandate an oie Vertreter der Orthodoxie. Ter Oberrabbiner habe die galizischeir Proteste irrtümlich beurteilt, da sie sich hauptsächlich gegen die Zurücksetzung der Rabbiner im Statut wendeten. Hirschler und Hosbauer härten sich seinerzeit für die Rabbiner sehr eingesetzt, die nackt dem Gesetze nur eine Art besserer Schames wären. Redner weist auf die Aeußernngen hin, die im „Berliner Tageblatt" gelegentlich des Gemeindetages über Judentum und Rabbiner gemilcht wurden, die er als schauderhaft bezeichnet. Wohin die Taktik der Reformer führe, hätte man ln Frankreich gesehen, wo vor einem Jahre 37 Rabbiner Ehegesetze zu reformieren beschlossen haben: dort soll die jüdische Scheidung aufhören, da die gerichtliche genüge. Tas sei ein Hinwegräumen der Grundlagen des Judentums. In Frankreich hätte es erst des Einschreitens des Barons Rothschild bedurft, um diese Maßregel hinsichtlich der Scheidung hintanzuhalten. Das feken die Folgen der Ko nzentration. Was speziell den Iudenrat betreffe, den der Entwurf Vorschläge, so würdeit i/:, seiner Mitglieder aus Westöstcrreichern fortschrittlicher Richtung bestehen, und durch diese würde dann die Regierung autoritativ über jüdisch-rituelle Angelegenheiten informiert. T i ' - s e r Rai würde der Gemeinde v 0 r s ch r e 1 - betl, w e 1 ch e r 2 ch ä ch t e r ihr genügen soll, das könnten auch Leute sein, die viell e i ch t 2 a m s t a g rauchen oder selbst 1 r e f r essen. Man werde zugeben, daß wir uns einem solchen Gutachten um keinen Preis fügen können. Die orthodoxen Juden haben sich auch gegen die Macht der Kultusgemeiude gewehrt. Redner erinnert au loen Fall Wr.-Neustadt, bei dem er selbst intervenierte, dort sei ein Mann mit einem Vermögen von vielleicht 20,000 Gulden gekommen, und nachdem man jhn nur aus dem Grunde, weil er orthodox war, in die höchste Klasse der Kultussteuern e i n g e r e i h t hätte, habe mail i h ttt außerdem noch verboten, zu Haufe -in M i n j a n zu mache n. Auf eine Vorhaltung des Vizepräsidenten Dr. K 0 h n erklärt Herr Pappenheim ferner, daß die 207 galizischen Gemeinden, die Proteste an die Regierung senden wollen, sich durch ihn auch an len Präsidenten wegen Rücksprache gewendet hätten, da sie im Falle der Ablehnung ihrer Wünsche den beabsichtigten Schritt ausführen müßten. Redner warnt davor, den Gemeindebund zu einer Zwangsgenoffenschft zu machen. Rabbiner Fürst weist die Angriffe gegen die aalizischen Rabbiwr zurück und tritt auch einigen Ausführungen des Oberrabbiners entgegen. Der Judenrat bedeute eine Gefahr für die orthodoxe Judenheit. Redner verliest dann einen schriftlichen Protest folgenden Wortlautes: „Im Namen der strenggläubigen Judenschasi Oesterreichs protestiere ich gegen jeden Versuch der Schaffung einer staatlichen Organisation der Gesamtjudenschast, die die Stellung der R a b - b i ir e r untergräbt, die A u t 0 n 0 m i e de v G e ttt e i tt d e n vernichtet und b e st i m ttt t t st, B ek e n n e r e n t g e g e n gesetzter W e l t a n - s ch a 11 u u g e n i tt e ine k it '11 st l i ch e E inheil - s a tu in c il z u z w ä n g e u. T tt r ch eine solch e Verc i n i g u n g kann nur die Zwietracht gefördert und die Irreligiosität p r 0 p a - gr e r t werde tt. Verzichten Sie auf eine Zwangsorganifation und bauen Tie den Bund zu einem freiwilligen Zusammenschluß aller Juden Oesterreichs aus, der nach außen sowohl als nach innen zur Verteidigung unserer politischen Rechte und Förderung von Woh!fahrtseinrichtungen nicht viel geringeres Ansehen haben lvird, als eine staatlich anerkannte Behörde, die den Nenn der Zwietracht säet." In der Nachmittags-Sitzung stellt der Präsident der Brünner Kultusgemeinde, Dr. Fialla den Antrag, die Organisation mit Rücksicht auf die ablehnende Haltung der Galizianer unter Ausschluß der letz, teren anzustreben. Dagegen meint Kaiser!. Rat Pollak aus Bielitz, es würde sich auch mit Galizien aus ruhigem Wege ein Abkommen treffen lassen. Herr Dr. Sonnenschein schließt sich dem Anträge des Dr. Fialla an, ebenso der Präsident Dr. Stern. Gegen den Antrag auf Ausschluß der unbotmäßigen Galizianer protestieren in heftigen Worten die Abgeordueten Gabel und Stand. Ihnen schließt sich Dr. Braud e an mit einer Rede voll Verdächtigungen und Beschimpfungen an die Adresse der Orthodoxen in Galizien, deren Proteste nichts als „Mache und Schwindelprodukt e" wären. Die orthodoxen Vertreter erklären sich mit dem Antrag Fialla einverstanden, worauf er vom Präsidenten zur Abstimmung gebracht wird. Die Majorität stimmte aber gegen den AusschlußGaliziens und wurde daher beschlossen, die Organisation auch für die Galizianer gegen ihren Willen heranzustreben. Es werden dann mehrere Anträge minder wichtiger Natur eingebracht und meistens abgelehnt. Ein Antrag der Herren Dr. David und Dr. Feuchtwang, der ebenfalls abgelehnt wird, lautet: „Sind am Sitze des Verbandes mehrere Geuleiiiderabbiner angestetlt, so hat der Vorstand der Kttliusgemeinde am Sitze des Verbandes zwei Rabbiner zur Teilnahme an der Verbandsversammlang zu bestimmen. Bei der Wahl der Rabbiner ist aus die religiösen Richtungen in den Gemeinden jederzeit Rücksicht zu nehmen." Am zweiten Verhandlungstage charakterisirt Dr. Spitzer als Vertreter der Wiener Kultusgemeinde die entstandene Opposition und wünscht, aus dem Entwürfe alles auszuschalten, was irgendwie eine Spitze gegen die orthodoxe Judenschaft bedeuten sollte. Die galizische Judenschaft hält: Leuchten der jüdischen Wissenschaft hervorgebrachr und verdienen die abfällige Beurteilung keineswegs. Der Redner tritt dafür ein, den geistigen Führern, speziell den Rabbinern, die gebührende Stellung und den berechtigten Einfluß einzuräumen. Es werden noch viele Zusatz- und Abänderungs-Anträge gestellt, die aber zumeist abgelehnt werden. Der Entwurf wird sodann mit einigen unwesentlichen redaktionellen Aenderungen angenommen. ifoRlanfe. Die Rabbiner-Honferenj. Wilna, 5. Mai. Am Montag den 3. Mai, trat hier die schon äugst erwartete und wiederholt angekündigte Rabbinerversammlung zusammen. Da die Zeit, die Tagesordnung und selbst die Lifte der Vertreter erst von der Regierung genehmigt werden mußten, jo mußte sich das einberufende Komitee sie größte Beschränkung auflegen, und daher i'ommt es, daß man viele Rabbiner Rußlands von Namen und Einfluß bei der Konferenz aus 1 «ü/tür+liA iVtHiM