Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1909)
- Date
- 1909-05-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 18 Der JSraeltt. 6. Mai 1909 Die buchartschen Juden sehen mit Dangen und Entsetzen dem Ende dieses Jahres entgegen, das den meisten von ihnen den Ruin ihrer Exi- ' stenz, den Verlust ihres jahrzehntelangen Wohnsitzes bringen soll. Die Juden haben ja hier schon ihre Pflicht getan. Handel und Industrie zu bedeutendem Aufschwung gebracht. — Nun können sie davon ziehen- Petersburg, 1. Mai. Nach dem Falle Dubrowins benimmt sich die schwarze Presse wie rasend. Wie schamlos sie jetzt ihr hetzerisches Werk betreibt geht daraus hervor, daß sie nicht einmal die bisher beobachteten Rücksichten bewahrt. Das jüngste Produkt der holiganischen Presie ist eine Zeitung, die sich ganz unverhüllt: „Stolpotworenije Judeiekoje" („Jüdische Sintflut") nennt. Die Führer der extremen Rechten sind selbstredend alle Mitarbeiter dieses sauberen Blattes. Schon das Titelblatt allein würde in jedem halbwegs zivilisierten Staate konfisziert werden. Die Karikatur stellt Stolypin den »Judenminister" dar. Im Hintergrund des Bildes plündern die Juden Bauernhäuser. Bis jetzt hörte man von einem Einschreiten des Staatsanwaltes gegen dieses Hetzwelk nichts. Kurts 28. Aprll Bor einem halben Jahre besetzten die hiesiegen Mitglieder des russischen Volksverbandes („Echte Russeu"),die hier unumschränkte Gewalt ausüben, gemeinsam mit der Polizei die Börse und begannen bei den dort weilenden Juden die Aufenthaltserlaubnispapiere zu revidieren. Der Börseuvorsteher verlangte die Abfassung eines Protokolls über dieses Verfahren, was die Polizei jedoch verweigerte. Das Börsenkomitee protestierte darauf in einem an das Handelsministerium gerichteten Telegramm gegen die ungesetzliche Handlung der Administration. Der Protest ist jedoch bis jetzt unbeantwortet geblieben und soll nun erneuert werden. Der Regierungsapparat funktioniert eben in Rußland nur dann prompt, wenn es sich um Maßnahmen gegen die Juden handelt. t ft k.'- England. London, 28. April. In England gibt es bekanntlich keine obligate Militärdienstpflicht, sondern nur Freiwillige. In jüngster Zeit wurde eine starke Agitation zur Bildung einer großen - freiwilligen Territorialarmee eingeleitet. Dem patriotischen Rufe haben auch zahlreiche Juden Folge geleistet. Diese jüdischen Soldaten, die sich zumeist aus der Mittelklasse rekrutieren, begegnen in ihrem Militärdienste gewissen Schwierigkeiten wegen ihrer religiösen Ueberzeugung. Besonders ist es der Mangel einer rituellen Verköstigung, den sie am empfindlichsten verspüren. Es wurde nun in Kreisen der jüdischen Soldaten der Wunsch laut, daß sie zu einem jüdischen Corps formirt und mit eigener ritueller Kost versehen werden. Die Frage wird in den englischen Tagesblättern lebhaft diskutirt und Stimmen für und gegen die Bildung eines jüdischen Corps werden laut. Bemerkenswert ist, was das englische Militärblatt „United Service Gazette" hiezu schreibt: „Ein Punkt, der in der Arbeit zur Stärkung unserer territorialen Macht übersehen wurde," schreibt das genannte Blatt - „ist das glänzende Echo, welches der Ruf in der Mischen Bevölkerung dieser Inseln gefunden hat. Daß unter ihnen stets ein starker patriotischer Geist gelebt hat, war längst bekannt allen jenen, die sich die Mühe nehmen, die Dinge nicht nur oberflächlich zu beurteilen. Hätte es überhaupt noch eines Beweises der Liebe der Juden zum Militärdienst bedurft, so wurde dieser durch die Tatsache erbracht, daß sobald das Projekt der Schaffung einer territorialen Armee greifbare Formen angenommen hatte, fast jeder Jude, der in der alten Freiwilligen- Armee gedient hatte, wie auf einem Schlag sich in die Territorialarmee eimrcrgen ließ. Es wurde die Anregung gemacht, daß nachdem die Zahl der jüdischen Soldaten in der Territorialarmee groß genug ist, ein eigenes jüdisches Corps geschaffen werde. Wir halten jedoch einen solchen Vorschlag für ebenso uupolitsch als unerwünscht." Hoffentlich gelingt es auch auf anderem Weg die rituelle Beköstigung der relativ noch nicht so zahlreichen jüdischen Soldaten in England durchzuführen. Türkei. üemen. Konstantinopel, 30. April. Zu den Folgen der türkischen Staatsumwälzung gehört auch die Regelung der Verhältnisse in Jemen. Wie die hiesigen Zeitungen berichten, hat der Ministerrat in Konstantinopel beschlossen, der Provinz Jemen in Arabien, mit Rücksicht auf die dort anhaltenden Unruhen, Autonomie zu verleihen. Erst vor kurzem berichteten wir von dem Notschrei, den die Juden in Jemen, welche auch sonst schlimmen Verfolgungen ausgesetzt, unter den jetzigen Wirren aber besonders viel zu leiden haben, an die Zentralbehörden in Konstantinopel und ihre dortigen Glaubensbrüder erlassen haben. In Jerusalem bilden, wie jedem bekannt ist, die yemenitischen Juden in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung die A e r m st e n d e r Armen, was aber nicht verhindert, daß die Kolonie noch täglich durch neue Flüchtlinge Zuwachs erhält. Es wird denn auch die erste Frage des Juden bei der Nachricht von der Neuordnung der Dinge in Jemen sein, ob und inwieweit sie auch die Juden betreffen und zu einer Besserung ihrer trostlosen Lage beitragen würde. Man darf auf die jungtürkische Regierung in Konstantinopel, die in jeder Hinsicht ganze Arbeit liebt, vertrauen, daß sie einen Ausschluß der Juden von den politischen Rechten auch in den asiatischen Provinzen nicht zuläßt und es verstehen werde, den Lokalbehörden in Jemen mit den Worten und Buchstaben des neuen Gesetzes auch den Geist desselben zu übermitteln, von dem sie dann auch bei der Behandlung der Juden sich notgedrungen werden leiten lassen. Vielleicht beginnt eine neue bessere Epoche für die Juden in Jemen, die ihre günstige Rückwirkung auf die Verhältnisse in ' Palästina nicht verfehle^ dürfte. Nalästtria. Jaffa, 5. April. Die Erwartungen, die die Kolonisten an den diesjährigen Orangenhandel geknüpft hrben, sind in der Praxis noch bei weitem übertroffen worden. Aus eine so ertragreiche Ernte haben selbst Optimisten nicht gerechnet. Die meisten der abgelesenen Orangen sind bereits in England zu^ungeahnt hohen Preisen abgesetzt worden. Im Durchschnitt wurden 11 Franks per Kiste a 140 Orangen gezahlt. Da die Transportkosten sich auf 3 Franks belaufen, so wird nach Abzug der Selbstkosten und des Zinses für aas aufgewendete Kapital ein Reinertrag voll 6 — 7 Franks bleiben. Von den Einnahmen wird nicht nur der diesjährige Verlust gedeckt werden, sondern auch an die Beteiligten eine hohe Dividende abgeführt werden können. Petach-Tikwah allein hat tu diesem Jahre 40.000 Kisten abgelesen, die anderen Kolonien 15.000. Es muß hier noch vermerkt werden, daß die Juden einen ganz minimalen Anteil an dem Orangenertrag des Landes, der sich etwa auf eine Million Kisten beläuft, besitzen. Aber der Anteil der Juden ist in fortwährendem Wachsen begriffen. Die Fachmänner hegen die Zuversicht, daß nach etwa fünf Jahren, wenn der Bau in Palästina mit größerer Jntensivität wird betrieben werden können, und alle jetzt noch jungen Gärten Früchte zeitigen werden, die Kolonie Petach - Tikwah allem jährlich 500.000 Kisten Orangen Hervorbringen wird. Da die Nachfrage in den Absatzländern sehr stark ist, so hoffen die Kolonisten, daß der Orangenbau ihnen in der Zukunft schon dann eine Existenzmöglichkeit gibt, wenn jede Kiste nur mit 4 Franks bezahlt wird. Amerika. UmerlkanMe Neuigkeiten. New-Jork, 15. April. Die jüdische Gemeinde New-Jork darf nunmehr als konstituiert gelten. Der Vorstand bestehend aus 25 Personen, wurde am 27. März gewählt. Es gehören ihm folgende Personen an: Jakob Schiff, Rev. Dr. I. L. Magnes, Louis Marshpll, Rabbi M. Z. Margolis, Rev. Dr. H. Pereira Mendes, Joseph H Cohen, Cyrus L. Sulzberger, Rev. Dr. Bernard Drachmann, Harry Fischell, Joseph Barondeß, Bern. Semell, Dr. S. Neumann, Leon Kamaiky, Nathan Lamport, Nathan Bijur, Isidore Straus, Daniel Guggenheim, Benjamin Blumenthal, Abraham Abraham, Samuel Dorf, Sam. B. Hamburger, Rev. Dr. Joseph Silbermann, S. Jarmulowsky, Dr. Pierre A. Siegelstein, Rev. Dr. Philipp Klein. Der Legislative von A l b a n y liegen z. Zt. einige neue Gesetzentwürfe zur Sonntagsruhe vor, die zum Teil dahin zielen, diejenigen Personen, dje einen andern Wochentag als den Sonntag feiern, von der Beobachtung der Sonntagsruhe zu dispensieren. Die Sabbat-Association unter Führung des Rev^ Dr. Drachmann entfaltet eine lebhafte Propaganda, um die Annahme dieser Bestimmung durchzusetzen. Die Mannigfaltigkeit der philantropi scheu Bestrebungen Jakob Schiffs hat wiederum zu einer neuen Gründung geführt. Es handelt sich um eine Art privater Wohltätigkeits- Zentrale, die durch ihre juristische Form über das Leben und den Wirkungsbereich des einzelnen Wohltäters hinausgeht. Gründer der Organisation sind die Herren Jakob H. Schiff, Morris Loeb, Paul M. Marburg und Isaak N. Seligman. Als Zweck wird die Anahme und Verwaltung von Fonds zur Förderung humanitärer oder kultureller Unternehmungen in den Bereinigten Staaten bezeichnet. Ein Komitee unter Führung von R e v. Dr. Mendes plant die Herausgabe einer „Jüdischen G e s ch i ch t e" in 12 Bänden von je 600 Seiten mit 1800 Illustrationen. Das Werk soll ein Pendant zur „Jewish Encyclopedia" werden. New York 23. April. Hiesige Zeitungen melden von einer erschütternden Szene, die sich vor Kurzem auf der EinwanderungSinfel Ellis Island zugetragen hat. Ein jüdisches Kind von 2% Jahren, namens Jossel Pasker wurde seinen Eltern übgenommen und nach Rußland zurückgeschickt. Der Vater des Kindes ist ein armer Schneider in Philadelphia, der vor drei Jahren, nach dem großen Pogrom aus Kischenew ein gewandert ist Er mühte sich und kargte so lange, bis es ihm gelang, seiner Familie, bestehend ans seiner Frau und zwei Kindern die Mittel zur Ueberfahrt einzuschicken. Ein halbes Jahr nach seiner Auswanderung wurde Jossel geboren. Im vorigen Jahre landete nun die Frau mit ihren drei Kindern in Ellis Island. Die Frau mit den älteren zwei Kindern konnten anstandslos landen, das jüngste Kind aber wurde wegen einer Hautkrankheit zurückgehalten und in ein Spital gebracht. Fast ein halbes Jahr lang blieb das Kind im Kranken hause, bis schließlich die Äerzte erklärten, daß seine Krankheit unheilbar sei, worauf die Einwanderungsbehörde den Beschluß faßte, das 2% jährige Kind unter Aufsicht der Schiffsbeamten nach Rußland zurückzuschicken und es dort seiner' Großmutter zu übergeben. Da es der Einwanderungsbehörde bekannt war, daß der Vater des zur Deportation verurteilten Kindes unmöglich nach Rußland znrückkehren könne, wurde er im Wege der „Jewish Immigrant Aid Society" einfach von der Deportirung verständigt. Während der Abfahrt des Kindes spielten sich in Ellis Island unter den übrigen Einwanderern erschütternde Szenen ab, die selbst die hartgesottensten Einwanoerungsbeamten zu Tränen rührten.