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Der Israelit · 1909-05-06 · Heft 18 (6.5.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 18 (6.5.1909)
Date
1909-05-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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6. Mat 1909 No. 18. 5 eite 5. sich unglaublich rasch alle amerikanischen Bürgertugenden aneignen. Das und vieles mehr hat das Jiformationsbureau in seinem Berichte zahlenmäßig und unwiderleglich festgestellt,- und das ist sein Verdienst, für das man ihm Dank wissen wird. Ueber seine eigentliche Tätigkeit, soweit sie die Hilfeleistung durch Erteilung von Rat und Auskunft und Gewährung von Mitteln an die Emigranten betrifft, werden aber die Meinungen immer noch weit auseinandergehen, solange das Bureau seine Aufgabe so erfaßt, als handele es sich lediglich darum, einem „fahrenden Menschenmaterial" die Reise zu erleichtern. Das russischjüdische Menschenelement hat auch Ansprüche psychischer Natur, geistige und religiöse, auf die es selbst in Zeiten der Not und auf der Wanderschaft nicht verzichten mag. Solange denselben nicht genügend Rechnung getragen wird, wird auch von einer Popularität und einer allumfaffenden, segensvollen Wirksamkeit des Jnformationsbureaus nicht ernstlich die Rede sein können. Der Präsident des Bureaus, Dr. Goldflamm, antwortete auf die Frage, wie sich die verschiedenen Parteien zur Emigrationsbewegung verhielten, wie folgt: „Die Orthodoxen find scharfe Gegner der Emigrations- Regelung und fie würden am liebsten daS Schicksal des jüdischen Volkes der Vorsehung überlasten, die uns demnächst nach ihrer Anficht einen MesfiaS bescheren wird. Die Asfimilanten sehen in der Emigration den Verrat an der polr ischen Sache. Die nationalistischen Parteien wieder versprechen sich davon die Lösung der Judenfrage. Wir aber als Gründer des Jnformationsbureaus sehen darin eine ökonomische Erscheinung. Unsere persönlichen Ansichten stellen wir zurück und find bloß bemüht, die Katastrophe zu verringern." Keine üble und jedenfalls eine recht originelle Einteilung: Orth od oxe, Ass im ilanten,Nat i o n a l e und „Wir Wir, d. h., um von unten anzufangen, das zwei Personen umfassende Jnformationsbureau, sehen in der Emigration eine rein ökonomische Erscheinung und wollen sie als solche geregelt wiffen. Gegen eine solche Auffnssung wird nichts einzuwenden sein, wohl aber gegen die Art, in der, nach dem offenherzigen Geständnis des Bureaus, versucht wird, dieser Auffassung gerecht zu werden. Ist die Auswanderung eine rein ökonomische Angelegenheit, so erfordert sie zu ihrer befriedigenden Lösung, wie jede andere Volks ökonomische Frage, vor allem eine völlige Kenntnis des Volkes, seines Charakters, seiner Wesensart, seiner Wünsche, Leiden, Hoffnungen und Bedürfnisse, kurrum aller Gesichtspunkte, unter denen allein sich eine erfolgverheißende wirtschaftliche Aktion denken läßt. „Wir" aber nehmen scheinbar auf dies alles keine sonderliche Rücksicht. DaZ Informatik nsüabkil würden. Tenn viele dieser jüdischen Sildaten entstammen religiösen Eltern, denen unsere heiligen Gesetze am Herzen liegen, und die armen Reservisten aus 'Galizien und Siebenbürgen mußten gar Frau und Kinder an eineni durch Plage und Mühe würdig vorbereiteten Pessach zu Hause lassen, um dem Einberufungsbefehl der Armee Folge zu leisten. so kam der Erew-Pessach. Tie jüdischen Soldaten kamen zu mir und flehten herzzerreißend um Rat und Unterstützung. Gegen 30 jüdische Soldaten versiegte ich mit Freitischen in Häusern, wo die Vorschriften des Pessach beobachtet werden. Für die anderen 100 faßte ich eine Idee, deren Durchführbarkeit ich jedoch zuerst bezweifelte. Als ich aber den Eifer gesehen, mit welchem die jüdischen Soldaten den Plan aufgriffen, sagte ich mir schon, „wir werden, Brüder, einen koscherer» Pessach haben". Wir errichteten am Erew-Pessach eme jüdische Soldatenküche, an der die Soldaten selbst alle werktätig mithalfen und deren Grundlage von meiner Gemeinde durch Fleisch und durch Mazzot für drs ersten zwei Tage gelegt wurde. Telegraphisch wandten um* uns an größere Gemeinden wegen prompter Mazzotsendung, worauf zirka 600 Kilogramm Mazzot und 120 Liter Wein eintrafen. Außerdem flößen dank der Opferwilligkeit und Gutherzigkeit unserer aschkenasischen und sephardischen Bruder und Schwestern in Banjaluka tagtägl'ch neue Geld- und Materialspenden der Küche zu, so daß sie sich ohne Schwierigkeiten und Entbehrungen alle acht Tage hindurch erhalten konnte. V i *; Auch in der Landeshauptstadt Sarajevo und Otuzla wurden ähnliche von Erfolg gekrönte Veranstaltungen ins Werk gesetzt, dank den Rabbinern und jüdischgesinnten Vorstehern dieser Gemeinden, deren guter Wille und Opserwilligkeit es auch ihren Glauvensbrüdern ermöglicht hat, ihr Freiheitsfest in der Fremde ruhigen Gewissens feiern zu können. __Der Israelit. bureau kennt nur sich und seine von der Maffe, vom Complex der jüdischen Bestrebungen losgegelösten „großen Ziele". Die jüdische Assimilation in Polen ist gewiß nicht besser und nicht schlechter als die in anderen Ländern. Gesinnungstüchtigkeit zeichnet sie nicht aus und hoffnungsarm, verärgert und durch anhaltende Mißerfolge verzweifelt macht sie denselben erbärmlichen Eindruck wie allüberall. Allein zu Ehren der Wahrheit muß doch gesagt sein, daß die Asfimilanten in Polen genau so wenig etwas gegen die Emigration und eine zweckmäßige Förderung derselben einzuwenden haben, wie ihre Gesinnungsgenossen in Westeuropa. Indifferent wie in allen jüdischen Dingen, bringen sie dieser Frage kein sonderliches Jntereffe entgegen. Indessen die Auswanderung als einen Verrat an der polnischen Sache betrachten, das hieße doch die Logik, auf die gerade die sog. „Intelligenz" sich etwas zu gute tut, gar zu sehr auf den Kopf stellen Wandern doch auch so und so viele tausende christliche Polen jährlich aus dem Lande, die die polnische Nation, die allezeit stolz ist auf die polnische Diaspora, nicht nur nicht als Verräter und Ueberläuser betrachtet, sondern sie sogar durch unzählige Stiftungen und Institutionen in der Fremde mit Rat und Tat unterstützt. Das muß doch den „Polen jüdischen Glaubens" bekannt sein — da sie zu den Mitteln der besagten Institutionen nicht den geringeren Teil beitragen. Und es muß . anerkannt werden, daß die jüdischen Asfimilanten in Polen, ob auch in vielen Beziehungen polnischer als die Polen, an einer Abwanderung ihrer „Konfessionsgenoffen" aus dem Lande nicht das Geringste auszusetzen haben, daß sie zum Teil sogar auf diesem Gebiete ihr „jüdisches Herz" entdecken und an der „Lösung der jüdisch-sozialen Frage" auf diesen nicht mehr ungewöhnlichem Weg eifrig Mitarbeiten. Wollte das Bureau ehrlich und dankbar sein, es müßte zugeben, daß es seine Entstehung neben den Nationalen auch den Asfimilanten mitverdanke. Ja die Nationalen, die natürlichen Väter des Jnformationsinstitutes scheinen „Wir" ganz und gar nicht mehr kennen und anerkennen zu wollen. Daß die Jüdischnationalen in Rußpolen, mit deren Ansichten wir uns durchaus nicht identifizieren möchten, von der Auswanderung, wie sie das Bureau zu fördern sich bestrebt, eine Lösung der jüdischen Frage erwarten, ist mehr als eine Uebertreibung, ist eines der vielen Märchen, das in dem Lande, in welchem Vieles, daan sich nicht das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen hätte, im Geheimen und Dunklen geschehen muß,sich besonders an die nationale Richtung knüpfen. Tatsache ist es, daß die russisch-polnischen Zio- Tas hiesige k. k. Starionskommando war uns bei unserem Unternehmen sehr behülflich und zuvorkommend, es besorgte sogar selbst die Vermittlung der Mazzotsendungen." _ ’ (Aus vergilbten Blättern. -Herr Bezirks-Rabbiner Tr. Löwen st ein aus Mosbach schreibt uns: Tie unter dieser Ueberschrift in Nr. 17 Seite 5 des „Israelit" gebrachte Notiz bezieht sich auf den bekannten Josef <2Üß Oppenheimer, Finanzminister des Herzogs Karl Alexander von Württemberg, der am 4. Februar 1738 in Stuttgart am Galgen den Tod iand. Tie Geschichte seines Lebens hat Hauff in einer Novelle „Jud Süß" und Manfred Zimmermann (Jos. Süß Oppenheimer, ein Finanzmann des 18. Jahrhunderts) beschrieben. Auch Tr. Lehmann ^"^7 hat im „Israelit" seine Lebensgeschichte zum Gegenstand einer Erzählung gemacht. 22 Flugschriften sind über ihn und seine Justif Nation erschienen, von denen ich einen Teil in einer interessanten Sammelschrift besitze. Ein besonderes Flugblatt habe ich in meinen Blättern für jüdische Geschichte und Litteratnr", 1903, S. 60 f. abgedruckt. D’U 12?m) Ter dänische Bischof D. G. Monrad schreibt in seiner Schrift „Gegenrede des Liberalismus auf Bischof Martensens soziale Ethik": „Martensen macht darauf aufmerksam, daß die Juden ihre Nationalität als eine königliche betrachten, zu der alle anderen Nationalitäten in einer Art Vafallen-Verhältnis (?) zu stehen hätten. Ich pflichte dieser jüdischen Anschauung bei, obgleich ich sie zum Teil auf andere Gründe stütze als die Juden. Das jüdische Volk ist nicht allein merkwürdig, es ist ganz und gar einzig dastehend. Tie Juden sind in unserer Mitte und legen, nicht durch ihr Bekenntnis, nisten, die getreu dem Parteiprogramme einer Regelung der Auswanderung ihre Mitwirkung nicht versagen duften, andererseits aber das jüdische Problem tiefer fassen und sich — mit Recht oder Unrecht — allen Emigrationsbestrebungen gegenüber recht skeptisch, allen außerpalästinischen Kolonisationsversuchen aber entschieden ablehnend verhalten. Die Jto, die mit Rücksicht auf die Not der russischen Juden nach praktischen und erreichbaren Zielen streben zu muffen glaubt und eifrig nach neuen G o l u s - ländern (ein in Rußland geprägter Ausdruck) sucht, hat gerade im Lande der Not die wenigsten Anhänger. Nach dem letzten Mißerfolg der Jto-Expedition in Cyrenaica ist der Kredit dieser zionistischen Seitenlinie in Rußland derart gesunken, daß sie in den russisch-jüdischen Blättern aller Schattierungen, die förmlich darin wetteifern, den Nachweis zu erbringen, daß sie Zangwill mitsamt seiner „Bewegung" niemals ernst genommen hätten, nur noch als Zielscheibe des ätzenden dieser Presse eigenen Spottes dient. Wir wollen dieses Gebühren weder rechtfertigen noch verurteilen, aber wie weltfremd und fern von den sie umgebenden Richtungen und Strömungen müssen doch nach all dem der Herr und die Dame des Jnformationsbureaus sein, die da den aufhorchenden nichtjüdischen Reportern ahnungslos erklären, die Nationalen erwarteten von der Emigration eine Lösung der jüdischen Frage! Das Jnformattonsbureau kennt das Milieu nicht, in dem es entstanden ist. Es kennt aber auch, was für seine Tätigkeit weit verhängnisvoller ist, das „Menschenmaterial", das Material, auf dem sich seine Wirksamkeit aufbaut, nicht recht. Und das ist es, was ihm von orthodoxer Seite in erster Reihe zum Vorwurf gemacht werden muß. Zeugen die Auslassungen des Herrn Dr. Goldflamm überhaupt nach Inhalt und Form von krasser Unkenntnis der Verhältnisse, unter denen er seine Wirksamkeit zu entfalten hätte, so zeigt doch ganz besonders seine hämische Benkdrkung in Bezug auf die Orthodoxen, wie wenig er sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt zu versetzen vermag und wie wenig er daher auch berufen ist, eine Organffation, die in erster Reihe für die großen in ihrer Mehrzahl gesetzestreuen Massen gedacht ist, zu leiten. Wahr ist es, daß die Orthodoxie Rußlands — die die weitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung umfaßt — wie überall, „am liebsten das Schicksal des jüdischen Volkes der Vorsehung überlassen möchte". Es ist aber wahrlich eine nicht zu leugnende Tatsache, daß die gesetzestreuen Führer wie die Maffen, auf die Hilfe Gottes vertrauend, in echt jüdischem Geiste alle vernünftigen, vom religiösen Pflichtbewußtsein gebilligten Mittel jederzeit angewandt haben, wohl aber durch ihr Dasein Zeugnis von der Wahrheit der Offenbarung ab. Man hat mir gesagt, daß Judenblut .stärker fei als jedes andere Blut, daß der jüdische Volksthpus weit kräftiger durchschlage als jeder andere Volkstypus. Wenn man die geringe Zahl der Juden bedenkt und dann erwägt, wie viele sich zu Einfluß und Bedeutung in der Gesellschaft emporringen, so kann man nicyr umhin, die lleberlegenheit der jüdischen Nationalität anzuerkennen. Denkt nur, wenn Dänemark zu gründe ginge, wenn die Dänen als Sklaven verkauft und in der ganzen Welt verstreut würden, wie lange würdo es wohl währen, bis jede Spur der dänischen Nationilät verschwunden wäre? Mer über achtzehnhundert Jahre ist es her, seit Jerusalem eingenommen, der jüdische Staat vernichtet und die Juden in der ganzen Welt verstreut wurden und noch heutigen Tages besteht die jüdische Nationalität. Ist das nicht merkwürdig? Wenn wir das sehen, sehen wir nicht mit eigenen Augen ein Wunder?" <Tie „Versteigerung der Zehngebote.) Jni Jahrgange 1846 des „Intelligenz-Blattes für die Provinz Oberhessen", das in Friedberg erschien, befindet sich folgende Notiz: „Mannigfaltiges. In einer israelitischen (Gemeinde zu A. Kreises F. besteht noch das an altem Sauerteig klebende Herkommen, daß bei Gelegenheit des Laubhüttcnfestes, während des Gottesdienstes, eine öffentliche Versteigerung der Zehngebote vorgenommen und hierdurch das Bethaus zu einem Handelsorte herabgewürdigt wird. Möge doch höheren Ortes bald dafür gesorgt werden, daß solche Mißbräuche, welche in sonstigen israelitischen Gemeinden schon lange außer Acht gesetzt sind, nicht mehr Vorkommen. Ein Religions freund."

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