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Der Israelit · 1909-05-06 · Heft 18 (6.5.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 18 (6.5.1909)
Date
1909-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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*?m t 6. SÖtat 190Ö resp. Auflösung ein großes nationales Unglück. Alle Volkskrast wurzelt im Bauernstand, dessen wir nicht . entraten können, wenn wir nicht numerisch und physisch reduziert werden sollen. Und auch aus spezialpolitischen Gründen müssen wir mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln versuchen, die jüdischen Dorfgemeinden möglichst zu erhalten. Auf dem Dorfe kann der Jude gesetzestreu leben und bleiben, ohne in Schwierigkeiten wie in der Stadt zu geraten, ohne Konflikt der materiellen und religiösen Interessen. -Die ganz gleichen Erwägungen haben vor etwa 9 Jahren einsichtige jüdische Männer bewogen, den Bodenkulturverein zu gründen. Es war daher auch nur folgerichtig und selbstverständlich, daß bei Gründung dieses Vereins bestimmt wurde, die Heranbildung von jungen jüdischen Bauern oder Landwirren müsse in jüdischem Geiste geleitet werden. Und so außerordentlich verschieden auch die religiösen Ansichten der einzelnen Mitglieder des Vorstandes waren, soweit sie in ihrer Lebensführung hierin auch von einander abwichen, darin, daß die Lehrlinge auf dem jüdischen Lehrgute nicht nur rituell verpflegt, sondern auch zur Jnnehaltung des Sabbaths gehalten sein sollten, waren sie sämtlich eines Sinnes. Der verstorbene Herr Oberamtmann Cohn, der doch nichts weniger als ein streng konservativer Jude war, hielt mit größter Strenge daraus, daß in das einmal festgelegte Prinzip keine andere Deutung hineingelegt wurde. In gleichem Sinne sprach sich auch der inzwischen ebenfalls verstorbene stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Herr Gustav Tuch, als ich ihn während der Unterhandlung mit Hannover in Hamburg aussuchte, aus. Daß der derzeitige Vorsitzende, Herr Prof. Marburg nicht anders in diesem Punkte denkt und auch die übrigen inzwischen hinzugewählten Vorstandsmitglieder hierin voll und ganz übereinstimmen, braucht sicherlich nicht bezweifelt zu werden. Und daß der Bodenkulturverein von diesen seinen Grundvrinzipien keines, irgend einer Allianz zuliebe, opfern wird, kann ich mit aller Bestimmtheit schon jetzt aussprechen. Charlottenburg, 26. April 1909. Dr. Arthur Kahn. Uns scheint an diesen Ausführungen am bedeutungsvollsten der Schlußsatz, in dem ziemlich deutlich zum Ausdruck kommt, daß auch der Bodenkulmr-Verein das Verhalten der Simon- Stiftung mißbilligt. Eine offizielle Erklärung in dieser Hinsicht wäre immerhin sehr erwünscht. Was endlich das von der Simon-Stiftung angekaufte Lehr gut betrifft, so soll hier festgestellt werden, daß bisher für die religiöse Erziehung der auf diesem Lehrgute zu beschäftigenden jungen Leute nicht die geringsten Garantien geboten worden sind. Es muß nachdrückl ch davor gewarnt werden, junge Leute nach Stein Horst zu geben oder das Unternehmen finanziell zu unterstützen, so lange die Verwaltung auf die in loyaler Weise von berufener Seite an sie gerichteten Anregungen und Vorschläge in dieser Beziehung nicht ausreichende Auskunft erteilt. Sur Lage in Ännlang. Das Schächtverbot in Finnland ist, wie wir bereits berichtet, allen Bemühungen von Helsingfors und Petersburg aus zum Trotze in Kraft Der Arraeltt._ getreten. Seit voriger Woche entbehren die Juden in Finnland des Fleisches, da eine raffinierte Verwaltungsmaßregel, die auf Grund einer angeblichen Viehseuche die Fleischeinfuhr verbietet, dem Gesetze noch verschärfte Kraft verleiht. Und dieses zu einer Zeit, da zu den vielen schächtgünstigen Gutachten noch eine Reihe neuer von anerkannten Autoritäten hinzukam, da sich Gemeinde- und Staatsbehörden, wie Fachgelehrte und Sachverständige aus praktischen, hygienischen und tierfreundlichen Rücksichten einmütig für das Schächtverfahren und gegen jede andere Tötungsart aussprachen. Der altfinnische Senat, der in der jetzigen parlamentlosen Zeit alleinherrschend ist uno in der Judenfrage auch der russischen Zentralregierung gegenüber freie Hand hat, kennt weder hygienische noch tierfreundliche Rücksichten, er kennt nur eine Rücksicht, d ie auf die Instinkte der Volksmaffen — und er treibt judenfeindliche Politik. Da hört es sich denn wie blutiger Hohn an, wenn der Senat zur gleichen Zeit von einer Gleichstellung der Juden spricht. In der Tat ist ein diesbezüglicher Entwurf vom Senate ausgearbeitet worden, der auf den ersten Blick einer völligen Emanzipation ähnlich sieht. Alle einheimischen Juden sollen, nach dem Gesetzentwürfe, Gleichberechtigung erhalten. Das hörte sich säst wie eine Erlösung an, wüßte man nicht, was das ominöse Adjektiv „einheimisch" in gewiffen Ländern zu bedeuten hat. Der Entwurf geht auf eine Unterscheidung zwischen finnischen und fremden Juden hinaus. Die Entscheidung darüber, wie das Heimatrecht für den Juden zu erwerben sei, bleibt indes noch einer weiteren noch nicht genau präzisierten Gesetzesbestimmung Vorbehalten. Den Fremden aber wird der Aufenthalt in den Städten nur unter gewiffen Bedingungen und Beschränkungen gestattet, in den Dörfern gänzlich untersagt u. s. w. Also eine rumänische Judenemanzipation in zweiter . erweiterter Auflage. Es wird indeffen von beiden Seiten Berufung eingelegt. Die Antisemiten hoffen, daß die Zentralregierung in Petersburg, deren Sanktion das Gesetz auf alle Fälle bedarf, die im Entwürfe vorgesehenen „unerhörten Judenbegünstigungen" nicht zulaffen wird. Die Juden und mit ihnen alle gutgesinnten Finnen, denen der in Finnland allzubekannte Ruf: Recht und Freiheit! kein leerer Schall ist, setzen ihre Hoffnungen auf den ftüher oder später zusammentretenden Landtag, durch den es doch noch gelingen würde, die dehnbaren „Judenrechte" in eine ganze und volle Gleichberechtigung der Juden umzuwandeln. Mögen diese Hoffnungen in Erfüllung gehen. 18 Var Warschauer Iusormariour. bureau. In Warschau existiert seit 1907 ein Jnformationsbureau für jüdische Emigranten, welches von den Auswanderern, die in vielen Fällen über ihre Reiseziele im Unklaren sind, stark in Anspruch genommen, eine rege und bis zu einem gewiffewGrade auch nützliche Tätigkeit entfaltet. Bor kurzem machte das Bureau von sich reden, als seine Leiter und Begründer den Redakteur eines führenden polnischen Blattes, der eine Enquete über die jüdische Emigration durchzuführen versuchte, rückhaltlos mit ihrer Tätigkeit, ihren Hoffnungen und Strebezielen und vor allem mit den Gebrechen, an denen zur Zeit ihr Werk ihrer Meinung nach kranke, vertraut machten. Damit haben die Leiter deS Jnformationsbureaus den schönsten und nützlichsten Informationsdienst geleistet — und zwar der jüdischen Oeffentlichkeit, die das größte Interesse daran hat, über den Geist, der in dieser an sich unumgänglich notwendigen und von öffentlichen Mitteln erhaltenen Institution herrscht und die Voraussetzungen, von denen sie geleitet wird, vollkommen unterrichtet zu sein. Es ist besonders im Hinblick auf das Gerede der Feinde in Rußland wie in Amerika, die in den Emigranten den spekulativen, nach Reichtümern haschenden Teil der Bevölkerung erblicken, interessant zu erfahren, daß, wie sich an Hand der Statistik Nachweisen läßt, kaum 5% der Auswanderer etwas mehr besitzen als die bloßen Reisespesen, welche erst nach Verkauf aller Habseligkeiten notdürftig aufgebracht werden, und daß auch die wenigen „Bemittelten" nicht dem eigenen Triebe gehorchend, sondern notgedrungen und von Sorgen und Gefahren aller Art gezwungen, sich erst mit schwerem Herzen zur Auswanderung entschließen. Noch wichtiger und charakteristischer für den Patriotismus und das Heimatsgefühl der russisch-polnischen Juden ist dle Mitteilung, daß die Emigranten sich sehr oft nach dem Heimatlande zurücksehnen und zuweilen sogar auf Anordnung des Arztes, der die Quelle einer Krankheit in einem unbezwingbaren Heimweh-Gefühl entdeckt, zurückgeschickt werden müffen. Auch die harte bittere Not ist nicht imstande, dem Juden die Liebe zu der Scholle zu rauben, auf der er geboren, in der seine Erinnerungen wurzeln, zu dem geweihten Boden, in dem feine Ahnen ruhen. Das gilt besonders von den Alten, a s deren Rethen sich die Rückwanderer zumeist rekrutieren, während die Jungen, die in der neuen Welt geboren, oder mit unverbrauchter Jugendkraft und frischem Mut dahinzogen, sich bald in die neuen Verhältniffe hinetnfinven und „Kein Wunder, daß die Christen solche Juden nicht zu Bürgern machen wollten. Ich kann es ihnen wohl nachfühwn . . . ." „Pst!" machte der Greis. „Man merkt, liebes Kind, daß Sie zwei Jahre in einem christlichen Pensionat gelebt haben. So würden Sie nicht sprechen, wenn Sie statt des protestantischen Lehrers einen wirklich gebildeten Judenlehver zur Seite gehabt hätten. Doch das ist nicht meine Sache. Das werden Sie einmal mit Ihren Eltern abzumachen haben. Doch wenn Ihr lieben Kinder mir altem Mann einmal zuhören wollt, so will icb dieses Bildungsthema, bei dem Eure Großeltern und Ureltern so schlecht wegzukommen scheinen, in einer anderen Form mit Euch besprechen." „Bitte, ja," kam es fast gleichzeitig von den Lippen der Mädchen. „Nicht zu schnell!" mahnte der Alte bedächtig, „wir wollen dieses interessante Gespräch nicht einseitig führen. Ich denke jetzt an die philosophischen Gespräche der alten klassischen Zeiten, wo jeder seine Ansichten und Gedanken während und nach den Mahlzeiten und beim Spazierengehen, aussprach; ähnlich wollen wir hier erfahren. Ich werde daher hie und da eine Frage an Euch richten, und wir werden dann allmählich den Begriff klären. Ist Euch das recht?" „Bitte, ja, jawohl," riefen die Mädchen erfteut, auch Otttlie empfand eine gewisse Freude dabei. So war der Großvater, den ihre eigenen Eltern einen „altfränkischen" Menschen nannten, weil er noch sehr unmoderne Ansichten vertrat und nichts in einem langen und erfolgreichen Leben von dem preisgab, was er noch aus dem „Ghetto" mitgenommen und auch so zähe daran festgehalten hatte, als er schon längst Stadtrat geworden. „Nun," begann der Großvater Otttliens, nach einem minutenlangen, erwartungsvollen Schweigen, „nun, sagt mir einmal, Ihr lieben Kinder, Ihr geht doch Alle zu den Vorträgen im hiesigen Literaturverein. Ich glaube wenigstens. Euch schon dort gesehen zu haben. Auch wie vor kurzem ein junger Mann über den Zionismus sprach, wäret Ihr zugegen." „Ach ja!" rief mit schwärmerischer Begeisterung Klara Simon aus, „wie der hübsche Assessor, mit den feurigen Augen und den prachtvollen Zähnen so schwungvoll sprach." Die Freundinnen lachten laut auf, auch der Greis lächelte still. Unbeirrt fuhr aber Klara fort: „Bitte, lacht nur, aber ich bekenne, was der Redner damals sagte, war wunderschön und hat mich überzeugt." „Daß Du Jüdin bist?", frug Herta spitz. „Das war nicht nötig," gab Klara schlagfertig zurück, „denn ich war in keinem christlichen Pensionat, wo man das vergessen lernen soll." „Gut gegeben, aber nun seid Ihr quitt": beschwichtigte der alte Mann. „Und wenn Ihr redet und zankt, so komme ich ja nicht zu Wort." Dann fuhr er fort: „Ihr werdet mir zugestehen, daß man vernünftiger Weise den Begriff Bildung gar nicht so ohne Weiteres ausdrücken und erklären kann. Jede Situation, jede Stunde, geben ihr ein anderes Gepräge, jeden Augenblick ändert sich ihr Wesen. Ihr habt von ungebildeten Juden gesprochen und in diesem Augenblick stand das Bild eines unsauberen Menschen, unwissend, ohne Manieren, unmodern in Kleidung und Bewegung vor Eurem Auge. Tann hörte ich Euch von Ghetto und Ghettojuden sprechen. „Ghettostandpunkt" und „Ghettvwesen", als sei das Ghetto eine Sammelstätte dxr Beschränktheit, der Unwissenheit, des Schmutzes und der Charakterlosigkeit gewesen; ein Pfuhl von Fanattsmus, von geistigem und moralischem Elend. Habe ich recht? Ihr schweigt. Damit gebt Ihr auch zu, daß nach Eurer Vorstellung im Ghetto kein Raum war für Bildung, Wissen; und guter Ton und Takt ebenso unbekannt waren, wie etwa die körperliche Reinlichkeit. .Was werdet Ihr aber dazu sagen, wenn ich Euch von dem so viel verleumdeten Ghetto, dessen Ausläufer, die alte Judengasse vor hundert und vor noch fünfzig Jahren war, berichte, daß selbst in heutiger Zeit nicht halb so viele echte Bildung und klares Wissen und halb so viel Charakter unter den Juden herrscht wie vor hundert Jahren in dem vielgeschmähten Ghetto? Ja, Ihr seht mich mit so großen Äugen an, daß, ich es mit meinen schwachen Augen selbst bei der bereits eintretenden Dämmerung noch wohl wahrnehme. Doch ich will mich nicht in Betrachtungenergehen, denen Ihr wahrscheinlich doch nur wenig Beifall zollen würdet. Vielleicht wird Euch die altjüdische Bildung im Ghetto und in der Judenyasse durch selbst erlebte Beispiele klarer, als durch die Euch weniger zusagenden fremden Anschauungen." Tie Mädchen drängten, durch Erzählungen und Selbsterlebtes ihnen einen Begriff der Ghetto- und Judengassenbildung zu geben. (Fortsetzung folgt.) (Rituelle Solvateuverpflegung.) Herr Rabbiner Pinchas Halewi Keller in Banjaluka (Bosnien) teilt uns über dieVerPflegungderjüdischenSoibaten, die in seiner Gemnnde sich am letzten Pesachfeste aushielten, u. a. folgendes mit: „Einige Tage vor Pessach, da die Annexionskrise in der serbischen Frage den Höhepunkt erreicht hatte und große Truppenverschiebungen nach Bosnien stattfanden, wurde ich verständigt, daß in Banjaluka cirka 130 jüdische Soldaten stationieren. Ich wurde mir dessen klar, daß ich und meine Gemeinde anläßlich des vor her Türe stehenden Pessachs eine große Aufgabe zu lösen rJttÄ-. VfcftY - , iVi* ihi "i' « t ■ V "i AiT

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