Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1909)
- Date
- 1909-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. Mat Idvv nichts anderes.als eine Kodifikation des gegenwärtigen Zustandes des Nesorm- Judentums. Nur so findetdie Stellurg der Gemeludnt mib ihr Verhältnis zu den Rabbinen, sowie die Regelung der Ausbildung der Rabbinen befriedigende Erklärung. Die Lücke, die durch Abrogierung des Religionsgesetzes entstanden ist und seit Jahren so schmerzhaft klaffte, ist nun ausgefüllt: An die Stelle des Religionsgesetzes ist die Organisation getreten. (Schluß folgt.) ochmrnnöschau von Ser Simon-Sliklung ln ttannooer. Mit Bezugnahme auf den in Nr. 15 unseres Blattes erschienenen Artikel von Dr. W. in R. „Jüdischer Antisemitismus" empfangen wir von dem Syndikus der angegriffenen „Alexander uiib Fanny Simon-Stiftung", Herrn Dr. Katz, eine Zuschrift, die wir in Folgendem unter Weglassung der unwichtigen Einlei tungs- und Schluß- Sätze zum wörtlichen Abdruck bringen: Unsere Stiftung hat einen Arbeitsnachweis zur Vermittelung landwirtschaftlicher Lehrstellen errichtet. Hiermit erfüllt .die Stiftung eine ihrer sozialen Aufgaben, die ihr durch das Testament des Stifters vorgezeichnet find. Obwohl aber dieser Arbeitsnachweis neutral ist, und neutral sein muß, wenn anders er als solcher leistungsfähig sein soll, ist trotzdem unsere Stiftung in weitgehendem Maße Ansprüchen orthodoxer Slrcije entgegengekommen. Erhebliche Geldsummen fließen jährlich von Hannover aus an orthodox geleitete Institute. Vor allem aber: wo die Stiftung eigens Betriebe errichtet, wird für daselbst untergebrachte Zöglinge sowohl Sabbathruhe als rituelle Verpflegung eingeführt. L>o wird bekanntlich im .Herbst der Lehrbetrieb auf dem Gute Steinhorst eröffnet werden, das die Simvn'sche Stiftung gemeinsam mit dem Bodenkultur-Verein erworben hat. Tiefer Erwerb geschah hauptsächlich aus dem Grunde, um auch orthodoxen Kreisen die Möglichkeit bieten, eine ihren Wünschen entsprechende tüchtige Berufsausbildung in der Landwirtschaft zu finden. Ebenso wird in einer Lehranstalt, die die Stiftung im Begriff ist zu errichten, allen rituellen Anforderungen Genüge geleistet. Tie Stiftung hält also hier die gleiche Linie ein, wie etwa der Hilfsverein der Deutschen Juden. "'Ist aber die Stiftung in der Lage, jungen jüdischen Leuten, die sowieso nicht rituell leben, Lehrstellen zu verschaffen, in denen ebenfalls nicht rituell gelebt wird, so sieht sie keinen Grund ein, vor solcher Vermittclungstätigkeit zurückzuscheuen, falls im übrigen damit Arbeitsuchenden wirtschaftlich uno sozial gedient ist. Zu einer solchen Haltung ist die Stiftung dem ganzen Geist ihrer VerfassuM nach sogar verpflichtet. DaS Büchlein, reichhaltig, mannigfaltig und vielgestaltig, darf in st tner Ganzheit auch in apologetischer Bczthunz seine Wirkung nicht verfehlen. Das erkannte auch der Meister auf dem Gebiete der altsemit schen Literatur, A u g u st Wünsche. In einem Anerkennungsschreiben an i en Verfasser, das uns im Original vorliegt, schreibt dieser großer Kern r der al jüdischen Literatur u a. folgendes: „Ist Ihnen die Umformung schon bei den Sprüchen und Sentenzen in höchstem Maße gelungen, so trifft dies noch mehr zu bet den Fabeln, Parabeln und Erzählungen. Sie haben diesen ein Gewa d angrzvgen, das sie geeignet erscheinen läßt, tn volkstümliche Lehrbücher ükerzugehcn, ich wünsche, daß ihr Buch in recht viele Hände kommt, ban it die Wclt, besonders die christliche, srkennt, welche ltierartschen Schätze der tn den letzten Jahrzehnten so vtel umstrittene urd verlästerte Talmud auch nach der rein poetischen Seite enthält. Ein Buch, das so vtel Schöncs ter Dichtkunst nach der linen Sei e darbietet, ein Buch, das die Sünde als Ungehorsam gegen den Schöpfer fast auf jedem Blatte straft, sollte auf der anderen Setle dem Volke, das es geschaffen, gebieten, zu lsgen, zu betrügen, falsch zu schwören und wohl gar zu morden? Welcher'Widersinn! welche Absurdität! Sehr schön wäre es, wenn Sie daran gehen n Schien, einmal die rein religiösen und elbischen Gedanken des Talmuds zu bearbeiten und fie in ein äh> lich s Gewand zu kleiden," In der unavsbletbltchen Wirkung dieses wohlgelungemn Werkes nach innen und außen, mag der Ve,- faffer den reichverdienten Lohn seiner Mühe finden. Wie lautet doch nur der von ihm;o schön zum Ausdruck gebrachte Weisenspruch? „Der Hörer Andrang zeigt der Predtgt Wert, „Und Dank der Grabesrebe ist die Zähre, -M,- Der Israelit. Im vorliegenden Falle handelte es sich darum, einen Jüngling,'der die Schule hinter sich hatte, und der iciemals rituell gelebt hatte, dessen Bermögensverhältuisse sehr schlecht waren, und der. dabei den glühenden Wunsch hatte, Landwirt zu »oerden, möglichst schnell bei einem tüchtigen Lehrmeister unterzubringen. Beniühungen, ihn außerhalb der Lehrstelle rituell unterzubringen, sind von mir gemacht worden. Wenn dies aber am Ende doch nicht geschah, dann war es aus Gründe^, die sich zur Wiedergabe irr per Presse nicht eignen, die aber jedem sachlichen Interessenten von uns privat aus den Akten nntgeteilt werden können. Zur Darstellung der wirklichen Verhältnisse scheint es mir richtig, auch darauf hinzuweisen, daß von mehr als 100 jüdischen Landwirten, an die sich die Stiftung bisher wegen Unterbringung junger Leute gewandt hat, nur ein einziger Gelegenheit zur Sabbathruhe und ritueller Lebensweise gibt. /Falls uns tüchtige jüdische Landwirte, insbesondere in Süddeutschland namhaft gemacht werden, die gleichzeitig die genannten religiösen Vorschriften innehalten, so sind wir mit der allergrößten Freude bereit, diesen eine niöglichst große Anzahl junger Leute zuzusenden und damit das jüdische Gemeindewesen auf dem Lande zu stärken. Liegt doch dies nur im eigensten Interesse unserer Strftungsziele selbst. Nur komme man uns nicht mit Händlern, Kaufleuten u.s.w. als landwirtschaftlichen Lchremistern, wenn diese sich nebenbei auch mit Landwirtschaft „beschäftigen"! Tenn, was wir für die uns anvertrauten jüngeren und älteren Glaubensgenossen suchen, ist in allererster Linie eine tüchtige Berufsausbildung. Syndikus der A. und F. Simon'schen Stiftung. Tr. Eugen. Katz, Wir können auf Grund dieser Zuschrift nur konstatieren, daß die Mitteilungen unseres Mitarbeiters, soweit sie tatsächlicher Natur wäre n voll inhaltliche Bestätigung gefunden haben. Es ist danach Folgendes als feftgestellt zu betrachten: 1. Die Simon-Stiftung hat einen kaum der Schule entwachsenen, also überaus erziehnngsbedürftigen jungen Menschen bei einem christlichen Schmiedemeister und Landwirt zur Erkennung der Landwirtschaft in die Lehre gegeben, läßt ihn hier verbotene Kost genießen und den Sabbat entweihen, trotzdem rituelle Kost am Orte zur Verfügung gestellt war und trotzdem der Lehrherr, wie er unserem Gewährsmann ausdrücklich versichert hat, ihn sehr gern von der Sabbat-Arbeit befreit haken würde. 2. D'e Simon-Stiftung hat durch ihr Vorgehen in diesem Falle einen noch bildungsfähigen jungen Menschen nicht nur dem religiösen Nihilismus und nach unserer religiösen Auffassung der völligen Entfremdung vom Judentum überliefert, sondern sie hat auch, was in den Augen unserer neologen Brüder vielleicht noch schwerer wiegt, in einem kleinen Orte wie H. einen grandiosen Chillul haschem verursacht. Es ist widerspruchslos festgestellt, daß der christliche Orts-Geistliche seiner Entrüstung darüber Ausdruck gegeben hat, daß eine „jüdische" Stiftung das Judentum in solcher Weise öffentlich blosstellt. „Der Lohn des Lehrers, daß man gern ih.> tjöir, „Und der d r Forschung, daß sie Dunkel kläre." Ungebildete Heute. Von Arthur Kahn. I. Bis auf drei ihrer intimsten Freundinnen, hatten sich alte zum Kaffee geladen gewesenen jungen Mädchen entfernt. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte Ottilie, die Tochter des Hauses, die erst vor wenig Tagen aus dem Pensionat zurückgekehrt war. Wie schön war es doch im Elternhaus! Wieviel schöner als in dem eleganten Pensionat, das jetzt, nachdem Ottilie als erwachsenes Mädchen heimgekehrt und als junge Herrin, gleich nach der Mutter rangierte, ihr wie ein vornehmes Gefängnis erschien. Alle ihre einstigen Schul- und Jugendgenossinnen waren heute dagewesen. Es ging laut her, lustig und ausgelassen, und in der Türschwelle war Niemand wie im Pensionat erschienen, um die Fröhlichkeit der Jugend zu dämpfen, mit der Mahnung, das schicke sich nicht für junge gebildete Mädchen. Währerrd Ottilie, die ihre Gäste bis zur Treppe geleitet hatte, in das große, wohlige Zimmer zurückkehrte, überkam sie Gedanke, wie doch diese Bildung, deren Herrin und Sklavin sie zugleich geworden, etwas so Weitschichtiges und gar nichts Zusammenhängendes sei. Drei volle Jahre war sie dieser Bildung wegen vom Elternhaus entfernt gewesen. Wegen der Aussprache zweier fremden Sprachen, die sie nebst vielen andern hierzu gehörigen Dingen fließend erlernen sollte, war sie so lange von Vater, Mutter und Geschwistern ferngehalten worden. Und von dem lieben alten Mann, der jetzt am Fenster saß und mit zärtlichen Blicken allen ihren Bewegungen folgte, dem «o. 18 Sette 3 Wenn die „Simon- Stiftung" ihr Borgehen damit zu rechtfertigen sucht, daß sie ihren Arbeitsnachweis für „neutral" erklärt, so würde eine solche auf dem Boden des überlieferten Judentums unbekannte Neutralität den gesetzestreuen Kreisen selbst dann die Mitarbeit nicht gestatten, wenn es sich dabei um erwachsene Personen handelte, die nach freiem Ermessen darüber verfügen können, ob sie das Religionsgesetz verletzen wollen oder nicht. Halbwüchsigen Jungen gegenüber jedoch diese Art von „Neutralität betätigen, bedeutet nach Lage der Dinge eine sehr nachdrückliche Propaganda für den Abfall. Es ist bedauerlich, daß sich der Syndikus der Stiftung dieser Tatsache nicht bewußt zu sein scheint, und es wäre wünschenswert, daß die doch einigermaßen mitverantwortlichen Mitglieder der Verwaltung sich überlegten, ob sie eine solche Art von „Neutralität" gegenüber den kostbarsten idealen Gütern der jüdischen Gesamtheit für zulässig erachten. Zu der Angelegenheit ist uns ferner eine Zuschrift des Herrn Dr. Arthur Kahn in Charlottenburg zugegangen, die sich mit dem Verhältnis des Bodenkultur-Vereins zur Simon-Stiftung befaßt. Das Schreiben lautet: In dem in Nr. .15 dieser Zeitschrift erschienenen Artikel: „Jüdischer Antisemitismus" von Tr. W. in N. ist auch meiner Anrede in der „Kommission für ländliche Wohlfahrt", gelegentlich der Tagung der Freien Vereinigung in Frankfurt a. M, in einer Weife gedacht, die mir geeignet erscheint, über meine Stellung zu den unliebsamen Vorkommnissen, die in belegtem Artikel besprochen wurden, Mißdeutungen zu veranlassen. Zunächst habe ich zu bemerken, daß ich nicht als „Generalsekretär" des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands erschienen bin, und das Wort ergriffen habe. Vielmehr kam ich als Mitglied der Freien Bereinigung und als Delegierter der hiesigen Ortsgruppe des Verbandes der Sabbathsreunde. Es ist doch nur ganz natürlich, daß ich in einer Angelegenheit, für die ich schon vor mehr als 25 Jahren eingetreten bin unb für deren Entwickelung ich nicht nur als Schriftführer des Bodenkulturvereins mich aufs Lebhafteste interessiere, sondern weit mehr noch als Verfechter der Sabbathheiligung, bei jeder Gelegenheit eintrete, wo ich glaube, der Sache zu dienen. Als die „Landflucht" in den siebziger Jahren einsetzte und, besonders in Ineiner engeren rheinischen Heimat, den Bestand der kleinen Dorfgemeinden aufs .Aeußerste gefährdete, erblickte ich in dieser Erscheinung eine Gefahr für das Judentum. Die Städte, insbesondere die Großstädte zehren das Judentum auf und die vielen dort von jüdischer Seite ins Leben gerufenen Institutionen und Wohlfahrtseinrichtungen wie auch Vereine, erscheinen mir irur als der Ausfluß eines die Gefahren ahnenden Gefühls, die man abzuwenden wähnt, wenn nian eben recht viele Einrichtungen trifft, die den Großstadtjnden ständig an sein Judentum erinnern sollen, das er sonst nur allzuleicht hier vergißt und aufgibt. Auch vom volkshygienischen Standpunkt aus erscheint mir im Interesse der bedrohten physi- 'chen Existenz die Erhaltung der Landgemeinden ungemein wichtig unt» erblicke ich in deren Rückgang Großvater, der sie, das älteste Enkelkind, so verzärtelt und verhätschelt hatte. Eben, als sie wieder eintrat, legte er die Brille ab und das Buch, in dem er bisher, trotz des fröhlichen Lärmes um ihn her 'gelesen hatte, auf die Seite. Ein leichter Tämmerschatten legte behutsam einen dunklen Mantel auf die Möbel, die Bilder leuchteten nur noch schwach aus ihren goldenen Rahmen, ver Kanarienvogel am Fenster wurde still und bauschte sein gelbes Gefieder auf. Die drei Mädchen, die noch zurückgeblieben waren, schienen erschöpft von ihrer bishirigen Lustigkeit und hatten sich zu dem alten Mann gesetzt, der, wie sie wohl erwarten mochten, nunmehr der Unterhaltung eine andere, abwechselnde Richtung geben würde. Merkwürdig kam es Ottilie vor, daß soeben das Wort Bildung, an das sie gerade gedacht, an ihr Ohr schlug. Es war aber ganz natürlich zngegangen. Edith Heilborn hatte in ihrer heitern Art sich bei dem alten Mann wegen des bisher verursachten Lärms, der ihn wohl in seiner Lektüre gestört haben mußte, entschuldigt, und meinte neckend, so etwas sollte denn doch bei gebildeten jungen Leuten nicht Vorkommen. Und nun war es da, das Gespenst mit dem Namen Bildung. So kam das Gespräch denn bald aus dieses niemals ganz harmlose Thema. Die Mädchen wurden allgemach lebhaft dabei. Maria Liebhold meinte, so viel stehe fest, daß die Bildung im Allgemeinen sehr fortgeschritten sei und daß es in früheren Zeiten, wo besonders die Juden alle, oder doch meistenteils nur Hausierer oder Talmudjuden gewesen, ganz schrecklich gewesen sein mußte. Auch das jüngste der Mädchen, Herta Bernauer, die ebenfalls erst aus einem vielgenannten Pensionat heimgekehrt war, aus einem solchen, das sonst keiner Jüdin so leicht offenstand, sekundierte ihrer Freundin Maria.