Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1909)
- Date
- 1909-04-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 17 Der Israelit. 29. April 1909. aller Glaubensgenossen angewiesen Solche nimmt der „Verein- Asyl für mitellose kranke JSrael-ten in Meran" dankend entgegen Personalien. Breslau, 23. April. Ter „Israelit" hat bereits in flüchtigen Zügen die Persönlichkeit nnd Wirksamkeit des Heimgegangenen Herrn Professor Tr. Badt gezeichnet. Allein die Vielseitigkeit und weitragende Bedeutung des Mannes rechtfertigt es, wenn wir Breslauer ihm in den Spalten dieses Blattes noch einmal ein Wort des Gedenkens loidmen. Hat er ja in einem Kreise, in dem der i.aische Liberalismus tagtäglich Triumphe feiert, durch seine Persönlichkeit den glänzenden Beweis geliefert, das; das gesetzestreu c Judentum in Wirklichkeit die einzig wahrhaft liberal? Lebensauffassung darsteltt. Tie Liebe zum gesetzestreuen Judentum war die eigentliche Seele seines ganzen Seins. Welche Freude hatte er an den kleinen ABC- Schützen, die sich seiner religiösen Erziehung zugänglich zeigten. Wie verfolgte er ängstlich den' Werdegang jedes einzelnen und erzog si immerhin Generationen, die zum Teil dem Judentum längst völlig den Rücken gekehrt hätten, wäre ihnen nicht durch Badt die tiefe Ehrfurcht vor der überlieferten Religion eingeflößt worden. Wie empfand er es als Schmach, wenn Charakterlosigkeit und Strebertum den einen oder anderen ehemaligen Schüler fahnenflüchtig werden ließ. Tann beugte ihn der Schmerz nieder als ob sein ganzes Lebenswerk zerstört worden wäre. Was aber hat er erst in der Synagogengemeinde Breslau nnd für sie geleistet! Sagen wir etwa zuviel, wenn wir es kühn aussprechen, daß es einzig und allein seinem mutigen und unerschrockenen Vorgehen zrr verdanken ist, wenn in den Verwaltnngskörperschasten unserer Synagogcngemeinde der Sinn für die jüdische Tradition noch nicht erlosch? Wer war cs anders als Badt, der seit den letzten nahezu anderthalb Dezennien, wo sich immer die Gelegenheit ini Repräsentantenkollegium bot, betonte, daß wir vor allem „jüdisch denken" und „jüdisch fühlen müssen", wenn wir eine jüdische Gemeinde verwalten wollen? Wie hat er sich.auch nicht um das Geringste von dieser seiner Ueberzeugung abbringen lassen, und wie oft kam es vor, daß ihm nicht einmal die Unterstützung auch nur eines Mitgliedes unter allen übrigen 14 Repräsentanten zuteil wurde. Ta stand er allein und verteidigte mit gesteigerter Kraft seine heiligsten Güter, die er bedroht und der gewaltsamen Vernichtung preisgegeben sah. Wie empörte es ihn aber, wenn dann irgend ein jüngeres Mitglied der Verwaltung, das zwar selbst mit dem Judentum nichts anderes mehr als den Namen teilte, ihm die Bedeutung jüdischer Gesetze erklären wollte! Ihm, der im jüdischen Gesetz grau geworden, der Generationen für da-selbe herangezogen und ihnen die Begeisterung nnd Opferfreudigkeit für ihren Glauben ins Herz zu pflanzen verstanden hatte, ihm wollten jene Herren erklären, was jüdisch und unjüdisch ist! Und er, dem der Frieden über alles ging, mußte sich in den alle niedrigen Leidenschaften entfachenden Wahlkämpfen mit Schmutz bewerfen lassen, weil er von seiilem rechtlichen Standpunkt nicht um ein Haarbreit abweichen wollte. War cs ein Wunder, daß seine Lebenskräfte jetzt aufgezehrt ivaren? Wie berechtigt waren alle Befürchtungen, die man um dieses kostbare Leben hegte, als man ihn in den letzten Sitzungen der Repräsentantcn-Vcrsammlnng unter der erdrückenden Last der Abwehr zusammenbrechen sah. Wie war abdr fein Leben so innig verknüpft mit der ihm liebgewordenen zweiten Heimatgemeinde nnd welch bitteren Schmerz bereitete es ihm, als er sah, daß diese von Jahr zu Jahr mehr und mehr ihr jüdisches Gewand abzustreifen versuchte - wußte er doch, daß mit dem jüdischen Gewand auch die jüdische Seele erstarb. Und als ihm noch in letzter Zeit Freunde nahelegten, angesichts einer Vergewaltigung, die ihm w edersahren war, eines seiner Gemeinde-Ehrenämter niederzulegen, da sagte er leicht abweisend: „?luf mich kommt es hier nicht an, ich bin über die Art der Behandlung erhaben, die Sache wird aber dadurch, daß ich sie im Stiche lasse, nicht gefördert", und er kämpfte die Erregung nieder, um, sobald sich seine Gesundheit wieder gebessert, von Neuem mutig in die Schranken zu treten. Vertveilen wir aber noch einige Augenblicke bei den Lebensfreuden dieses Mannes, die ihm zu bereiten sich die kleine Schar Getreuer herzlich bemühte. Ta hatte er noch vor kaum zehn Jahren den „Verein zur Förderung der Interessen der Synagogengemeinde Breslau" gegründet, der ihm die Unterstützung, die ihm die Gemeiirdeverwaltung versagte, gewähren sollte. Sv wußte er auch einige wenige Männer für sich zu gewinnen, die zwar selbst nicht aus traditionellem Boden stehend, dennoch sein Lebenswerk zu fördern suchten. Was dieser Erfolg bedeutet, vermag nur der zu beurteilen, der die internen Verhältnisse der Breslauer -Lynagogengemeinde kennt. Mit Unterstützung seiner Freunde verwirklichte er ein Jahr vor seinem Tode den Wunsch eines eigenen Organs, das. sachlich, aber rücksichtlos die Breslauer Gemeinde- Verhältnisse der Oesfentlichkeit vorlegen sollte. Daß er fast allein den Inhalt dieser seiner Zeitung, der „Breslauer Jüdischen Nachrichten" bestritr legt wie herum Zeugnis von seiner genialen Schaffenskraft ab. Und welche Freude bereitete ihm das von ihm unter Aufwendung von mannigfachen Opfern begründete Minjan. Wiederholt hatte er die Einrichtung einer kleinen Synagoge im Osten Breslaus von den Gemeindebehörden gefordert, war aber stets abschlägig beschieden worden. Kurz entschlossen stellte er fein eigenes Studierzimmer zu diesem Zweck zur Verfügung nnd siehe da, ein reges Leben entwickelte sich daselbst. Das, was nevloge Synagogen vergebens erstreben, die Heranziehung der Jugend war ihm ohne offizielles Gotteshaus und -ohne das übliche offizielle Gepränge geglückt. Tie Knaben, die frühmorgens nur sieben Uhr in der Schule sein sollten, fanden sich an den Sabbaten bereits nach 5 Uhr bei ihm ein, um gemeinsam mit ihm den Morgengottesdienst zu verrichten. Uird rvie wetteiferte einer mit dem andern, um durch besonders schönen Bortrag den geliebten Lehrer zu erfreuen urrd ihn: zu zeigen, das; seine Lehren ans fruchtbaren Boden gefallen! Noch vor einigen Wochen leistete einer dieser Knaben sein erstes Tebüt als Vorbeter. Da stellte sich Badt selbst neben ihn, mit kräftiger Stimme über die Klippen der den; jungen Mann noch nicht zur Gewohnheit gewordenen Niguninl hinwegzuhelfen. An; Jo;n tow und Rnufch Ehaudesch, a;n C-Haul ha moed, an den Slichos-Tagen nnd anderen besonderen Tagen des Jahres, fanden sich alle seine lieben, jungen Freunde Pünktlich ein. Auch ihnen war cs bereits eine liebe Pflicht geworden, den Morgengottesdienst im Verein;nit den Genossen zu verrichten, wenn ihnen auch ihre häusliche Erzichnng nicht immer solche Pflichten anserlegtc. Bedarf es nocb.der Versicherung, daß Badt in seiner eigenen Familie die Gottes lehre heimisch zu urachen suchte und trotz seiner angcrstengten Außentätigkeit sein Familienleben zu einen; wahrhaft jüdischidealen zu gestalten wußte? Nun ist die Krone dahin, der Stern hat zu leuchten anfgchört. Eine wohl zweitansendköpsige Menge hatte sich a;n 27. Nissan eingefnnden, nin den verehrten Meister und Freund zur letzten Ruhe zu betten. In herzzerreißenden; Wehklagen gaben seine Freunde ihren; Schmerz Ausdruck sich wohl bewußt, daß sie an der Bahre eines edlen Großen in Israel stehen, dessen unersetzlicher Verlust mit;edc;n nenanbrechenden Tage fühlbarer werden wird. Als wir vom Friedhöfe zurückkehrten, vergoldeten die letzten Strahlen der nntergehenden Sonne die friedliche Ruhestätte. Wollten sie andeuten, daß auch hier eine Sonne untcrgegangen? Oder kündeten sie etwa glückverheißeno an, daß das Licht, welches hier erloschen, neu verjüngt erstehen werde, wie die Zeit der Finsternis wieder dein Hellen Tage weichen müsse? O, daß diese Prophezeihung doch wahr werden möge! Arnstein, 18. April. Unsere Gemeinde hat einen schweren unersetzlichen Verlust erlitten und mit ihr die Gesamtheit, wenn anders das talmudtsche Wort zutrifft: l'snp San ntttP MH* ,/Wenn ein Weiser stirbt, so find alle seine Verwandten." Unmittelbar nach dem Pe'achfeste verstarb unerwartet unser allverchrter und geliebter Lehrer, Herr Emanuel Oppenheimer ^"^1, 38 Jahre hat er in unserer Mitte geweilt und fast 24 Jahre das Amt des Lehrers und fcOlp b$2 verwaltet. Als echter n"n als der er sich zu Füßen des Rabbi Hirsch Berliner in dessen Hause er wohnte, weiterhin des Ratbt Jona Rosenbaum b"1 in Zell, dcs Rabbiners Samson Raphael Hirsch V f in Frantfur, endlich des Rabbi Seligmann Baer Bamberger b'‘l in Würzburg de en Lieblivgsschüler er gewesen war, Üerangebildet hatte, betrachtete Emanuel Oppenhet' er das Studium der j-nifl als sein ftfölK in echt talmubischcm Sinnecr widmete stch unausgeietzt Tag und Nacht mit begeistertem Eifer dem Lernen. Und sein Lernen war rein Er zog von den Lehrstätten, die er viele Jahre in eifrigem Studium frequentiert hatte, als Kaufmann in unser Städtchen einerst 14 Jahre später übernahm er, nach dem Tode unseres Lehrers Gatt amt, die Stelle des Religionslehrers, in der er wahrhaft Ersprießlichcs leistete, seine Schutzbefohlenen zu echter AKT erzog. Für unsere ganze Umgegend wirkte er mtr Zustimmung der zuständigen Rabbtnate als und wurde bei Verhinderung unseres Herr Distriktsrobbt, ers Dr. Stein in Schweinfurt von demselben stets als sein Stellvertreter in der nK'Tin ausgestellt. *18 ein echter n"D war der Verblichene ein bjD/ wie man selten ihn zu b.obachten Gelegenheit hat. Ern in wahrem Sinne des Wortes, ja mehr noch, ein ‘T'Dpj von einer derart ängstlichen Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung der man auf ihn das Wort anwenden kann: Tttn NNQV nW, Er war ein vom alten Schlage, wie n an ste leider heutzutage bei uns in Deutschland selten mehr antrifft. Unterstützt durch seine ausgezeichnete, vortreffliche Gaitin schuf er st in Haus zu einem Tempel des auch dadurch im Sinne der j-[KT wirkend, daß er gesetzestreuen Reisenden selbstlos gern Verpflegung gewährte. Wie sehr man ihn nicht nur in unserer Gemeinde, sondern in der ganzen Umgegend geschätzt und verehrt hat, davon legt seine Beerdigung, die in Schwanfeld erfolgte, ein laut sprechendes Zeugnis ab. Der langjäh ige Nachbarkollege und Freund Herr Eschwege sprach im Hause des -)tDS3 in Arnstein, auf dem Friedhof zu Schwanfeld Herr Distriktsrabbiner Dr. Stein, der auf Grund des Wortes vaTIp flttü 22N ein Lebensbild des Verblichenen entwarf und seinen Charakter schilderte, ganz besonders aber auf den Verlust der Gesamtheit hinwies, die nicht mehr reich an echten 'Tttbn D’ÖSn sei. Der Kultusvorstand Herr Veilchenblau sprach dem Verblichenen den Dank der Gemeinde aus, für sein segenreiches, hingebungsvolles Wirken und Herr Kantor Stetnem aus Landau, ein Verwandter und von dem Verstorbenen erzogener oifp, entrichtete in warmen Worten den Zoll kindlicher Dankbarkeit und Liebe. Wir rufen au»: pronWÖ bv bin und find überzeugt, daß die Sa it, die der Verblichene ausgeslreui hat, noch auf Geschlechter nachwirken wird. Derelnsbalender. Verein Mekor-Chajim (E. B.) Samstag den 1. Mai nachm. 4'/, Uhr Mikro-Vortrag des Herrn Professor A. Weyl. Misrachigruppe. Montag 3. Mai8-'|t Uhrnachm. Borrrag des Herrn Dr. Cahn, Esslingen, über das Thema: Gibt es ein von Thora losgelöstes Nationaljudentum? In; Saale des früheren Kaufm. Vereins, Langstraße. Damen willkommen. Druckfehler-Berichtigung. In der in der letzten Nr. des „Israelit" gebrachten Mitteilung von der Abschiedsfeier des Cölner Seminars muß es statt Lc hrer Bog richeig heißen: „Lehrer H. Levy, C ö ln- Eh r e n fel d, dankte im Namen der A b i t u r i e n t e n." In; Rätsel in der Kinderecke soll es in der vierten Zeile heißen: Und auch den Bau zusammenhalten (nicht: Zusammenhalt). lamMennacdricdten. Geburten: Einen Sohn: Rothmübl (Socknitzer) hier. — Eine Tochter: Jsee Levy (Ehrenreich) London Verlebte: Rahcl Sulzbach, Lazaar Hamburg Frankfurt a. M.-A;nheim. Vermahlte: Ernst Roßwald, Flora geh. Spier, beide dahier. Sabbat - Anfang u. Ausgang OBT: Anfang Datn« Ausgang Uhr >Min. 1909 5669 Uhr iMn. 1. 10. Ijor Jlrankfurt a. M 7 10 Mai 8 35 Berlin ... — 8 18 München . 7 — 8 10 Strastbnrg 7 15 8 30 Stuttgart. . — ' 8 22 Posen . . - - 8 14 Nürnberg - 8 15 Hamburg. - - 8 40 Prag — 8 1 ' >.Landeshuter | ~M\ Leinen- und Gebild-Weberei F. V. Grünfeld Königl., Grossherzogi. u. Fürstlicher Hoflieferant Berlin W., lelpzIgirstrHM 20-2. Grösste Auswahl aller Wäscheartikel für den Hausbedarf. Anfertigung ganzer flisstattnin. 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