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Der Israelit · 1909-04-29 · Heft 17 (29.4.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 17 (29.4.1909)
Date
1909-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17. 39. April 1909. Der Israelit. Seit 9 kurz gemeldet, infolge eines von griechischer Seite ausgestreuten Ritualmärchens stark bedroht. Das entstand dadurch, daß ein kleines griechisches Mädchen das Haus Hes angesehenen Juden M Gatenio betreten hatte und lange Zeit aus demselben nicht herausgekommen war. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im christlichen Viertel das Gerücht, Gatenio habe das Christenmädchen in sein Haus gelockt, um es zum Ritualzwecke abzuschlachten. Die Christen rotteten sich in den Gassen, wo Juden wohnen, zusammen und attackierten die vorübergehenden Juden. Auf eine dringende Depesche der Mersiner Judengemeinde an den Großrabbiuer in Konstantinopel begab sich dieser sofort zum griechischen Patriarchen und bewog ihn, auf telegravhischen Wege auf seine Glaubensgenossen in Mersina aufklärend einzuwirken. Der Patriarch kam dem Wunsche des Chacham Baschi sofort nach Ebenso das Ministerium des Inneren, welches sofort an den Gouverneur von Mersina die Weisung ergehen ließ, auch die geringsten Ausschreitungen mit der größten Strenge zn bestrafen. Der Minister machte schließlich den Gouverneur für jede weitere Ruhestörung verantwortlich. Infolge dieser strikten, unzweideutigen Weisungen ließ der Gouverneur die Bewachung des Judenviertels verstärken und nur diesem Umstande ist es zu danken, daß es zu keinem größeren Blutvergießen gekommen ist. Erst nachdem die Behörden öffentlich erklärten, daß die strenge Untersuchung die vollständige Grundlosigkeit der von gewissenloser Seite verbreiteten Gerüchte erwiesen habe, haben sich die aufgeregten Gemüter allmählich beruhigt. Drei Tage spätei erschienen die ersten Kriegsschiffe der europäischen Mächte im Hafen von Mersina. Amerika. New-Aork, 10. April. Das angebliche Interview der New-Aorker Korrespondentin der „Nowoje Wremja" mit dem japanischen Botschafter Grafen Okuma hat sich, wie nicht anders zu erwarten war, als grober Schwindel herausgestellt. Der Sekretär der Kaiserlich japanischen Botschaft in Washington hat auf eine Anfrage wegen der Authentizität der angeblichen Aeußerung des Grafen Okuma, Japan hätte es verstanden, sich die Juden vom Leibe zu halten und Rußland müsse, um sich zu retten, das gleiche tun, unterm 20. März folgende vorläufige Auskunft erteilt: „Ich habe den Auftrag, Ihnen zu erwidern, daß es in Japan weder jetzt Gesetze gibt, noch jemals seit das Land dein Fremdenverkehr eröffnet wurde, Gesetze gegeben hat, welche gegen Juden oder irgend eine andere Raffe Ausnahmebestintmungen enthalten. Obwohl er von den: angeblichen Interview des Grafen Okuma keine Kenntnis hatte, ehe er Ihren Brief erhielt, bezweifelte er ernstlich dessen Authentizität, denn es ist kaum denkbar, daß irgend ein Mensch mit gesunden Sinnen in Japan, wo es nicht das geringste Vorurteil gegen die Juden gibt, eine solche Behauptung aufgestellt werde." Die ganze amerikanische Presse macht sich über die „Wahrheitsliebe" der russischen Antisemiten und die „Glaubenstreue" der deutschen Judenfresser, die das Interview der „Nowoje Wremja" in ihren Organen schleunigst nachgedruckt haben, gehörig lustig. vermischter. föttittifltci a M, 22. April. Inder öffentlichen Ausschußfftzung der israelitischen Gemeinde wurde gestern der Etat für 1909 bewilligt. Der Voranschlag sieht für das Ordinarium in Einnahme und Ausgabe 572000 Mk. (1908 : 517 000 Mk.) vor. Unter den Einnahmen befinden sich 4>3000 Mark Kultussteuern, unter den Ausgaben 102000 Mk. Zuschuß für das Philanthropin. Das Extraordinarium ist mit 778 OM Mk. veranschlagt, darunter 272 OM Mk. für den Neubau der Westend-Synagoge, 95 OM Mk. als letzte Baurate der Realschule, 410 000 Mk. für den Terratnerwerb des neuen Hospitals, Straßenherstellung und Bauvorarbeiten. Es wurde mitgeteilt, daß hinsichtlich des Neubaus der Vertrag mit der Stadt bereits vollzogen ist und nnr noch der Zustimmung der Stadtverordneten-Bersammlung bedarf. Der israelitischen Religionsschule wurde ein unverzinsliches Darlehn von 50M Mk. bewilligt. rV«üldausen i. E., 21. April. Vor dem Kriegsgericht der 29. Division dahier wurde gegen den Rittmeister Grafen v. Gersdorf vom Jägerregiment Nr. 5 verhandelt, der angeklagt war, durch vorschriftswidrige Behandlung und fortgesetzte Beleidigung den Einjährigen Block zum Selbstmord getrieben, ferner durch verschiedene Aeußerungen den Vater des Einjährigen beleidigt zu haben. Die Beweisaufnahme ergab, daß der Angeklagte sich zu persönlichen und antisemitischen Gehässigkeiten habe hinreißen lassen. Das Gericht nahm nur einen Fall von Beleidigung als erwiesen an und verurteilte den Angeklagten zu zwei Tagen Stubenarrest. München, 20. April. Hiesige Blätter berichten: „Mit der Schl achtp isto le machte man dahier bei der Provisorischen Einführung keine guten Erfahrungen. Die Tiere blieben meistens nach dem Schüsse noch stehen und mußten mit dem Beile niedergeschlagen werden. Man hat deshalb die Versuche wieder eingestellt und ist zur alten Schlacbtmethode zurückgekehrt." Und doch will die Hetze gegen das als bewährteste und humanste Tötungsart religionsgesetzlich gebotene Schächten nicht zur Ruhe kommen! Es wäre höchste Zeit, daß den Feinden des Schächtens die Augen aufgingen. Heidelberg. 28. April. Es wird vielen eine angenehme Nachricht sein, daß die Sommerfrischen, in denen der strenggläubige Jude ohne religiöse Bedenken seine Erholung suchen und seine allgegriffenen Nerven stärken kann, sich um eine vermehrt hat, die den Vorzug besitzt, eurem der schönstell »Gebiete Deutschlands anzugehören. Herr F. Kahn, der Besitzer des Hotel Braunschweig in Basel eröffnet >n dem7.50 Meter hoch gelegenen Tritz erg, einem der schönsten Plätze des badischen Schwarzwaldes, in dieser Saison eine Restauration und Hotel. Daß die Verpflegung nicht nur bezüglich der Qualität vortrefflich, sonderll' auch in Betreff des Kaschruth in jeder Beziehuilg zufriedenstellelld sein wird, dafür bürgt das Renommee, das Herr Kahn in Basel sich erworben hat. Posen, 15. April. Bei den Kaufmannsgerichtswahlen sind die „Deutschllationalell" völlig unterlegen. Ihre Liste I ging völlig leer aus. Dabei war die Wahlbeteiligung sogar ziemlich stark, sie betrug etwa über 60 Prozent? Wnesen, 20. April. Leider ist auch hier die jüdische Schule irr der Schülerzahl erschreckend zurückgegangen. Noch vor einigen Jahren wirkten an ihr drei Lehrer, heute nur einer. Die Wohnung des früheren Hallptlehrers wurde von der Gemeinde ' vernlietet. Kaum 40 Schüler besuchen die jüd. Volksschule. Oberthulba bei Bad Kissingen, 22. April. Herr Salomon Distelburger stiftete unserer Gemeinde eine prachtvoll ausgeführte .-Hifi *)BD/ die am 'g fOttf eingeweiht wurde. Herr Rabbiner Dr. Bamberger aus Kissingen, der uns an diesem rottf mit seinem Besuche beehrte, hielt zu Ehren des Tages und des Stifters eine Ansprache, die die Gemeinde begeisterte und denr Gottesdienste ein festliches Gepräge verlieh. Bon einer größeren Feier wurde mit Rücksicht darauf, daß der Stifter z. Zt. ist, abgesehen. Wehrda (Kreis > ünfeld), 25. April. Die israelitische Gemeinde Burghaun beschloß den Neuball einer Svnagoge. Es konimt ein von Gebr. Schäfer, Hünfeld ausgearbeitetes Projekt zllr Allssühruilg, für das etwa 22 0M Mk erforderlich sind. Wien, 20. April. Der Kaiser hat den Pvstrat Norbert Lichtendorf in Czernowitz zum Obcrpostrat ernannt. Es ist der erste Fall in Oesterreich, daß ein Jude diese Stelle bekleidet. Eydtkuhnen, 25. April. In Krasnol Bero, einem Dorfe bei Schlobin, Gouv. Minsk, drang Mittwoch Nacht eine bewaffnete Räuberbande in die Wohnung einer aus Frau und 5 Kindern bestehenden jüdischen Kaufmanns familie ein, raubte nach Herzenslust und erschlug die unglücklichen Opfer. Bier der Mörder sind verhaftet, die übrigen Räubcrkunrpane siild leider entkommen. - Warschau, 20 April. Die Zahl der jüdischen Bevölkenulg in Russisch-Polen ist,.wie mall aus Warschau schreibt, in stetem Steigen begriffen. Im Januar dieses Jahres hat sie bereits die Ziffer von 1 800 0M überschritten, wovon auf Warschau allein 300 000 fallen. Die Warschauer Gemeinde ist somit die größte in Europa und die zweite in der ganzen Welt nach New-Zjork. In Russisch-Polen bilden die Juden etwa 15 voni Huildert der ganzen Bevölkerung. Umin$wmn. Frankfurt a. M., 26. Aprli. Der Verein Mekor- Ehajtm, E. B., Schützenstraße 2,!. versendet seinen Lehrplan für das Sommersemester 1909, der folgende Lehracgenstände umfaßt: (n*0"Q 'DD) Sonntag Morgen 9 Uhr und Dienstag Morgen 71/7 Uhr (Herr Rabb.-Ass. G. Posen.) (N2VN wm 'DD) «Nv): Montag Abettd 83/4 Uhr und Mittwoch Abend 8*/« Uhr (Herr Dr. Josef Breuer) n 12'• Sonntag Morgen 7l/4 Uhr und Dienstag Abend 8% Uhr (Herr Rektor B. Falk.) #-> p p: Sabbat Nachmittag 4 Uhr (Mitglieder-Bortrag.) Sabbat Vormittag nach Schluß der l-- ynagoge Friedberger Anlage, wenn weder Predigt noch Bortrag des Herrn Rabbiners stattfindet (Herr Rektor Falk.) -nKfcfi m *13 Ö: Sabbal Mittag 12 Uhr (Herr Sal. Steinberger.) Tlcmentar-KursuS in N7LN, und D'tt'H: Sabbat Mittag 12 Uhr (Mitglieder des Vorstand.) Die yny |n fo* und Ti«Dn rniD-Borträge finden im Hörsaale der Synagoge Friebberger Anlage statt, die übrigen im Bereinslokale. Berlin, 25. April. Der Israelitischer Fortbildungs- Verein „Montefiore" sendet uns seinen Lehrplan für das Sommer-Semester 1909 auf, der folgmde Lehrgegensiände umfaßt: *. ienstag, 9—10 Uhr abends, njfcflö (Herr Rabb. Dr. Ed. Btberfelb.) Sabbath, 1l212-ll,l Uhr vorm., «fi (Mitgliederfchiur.) Sabbath, V*3—*/,4 Uhr nachm., (Herr Dr. Neuwtrth.) Sabbath, 4—5 Uhr nachm., "pfl (Herr Oberlehrer Dr. Jos. Carlebach.) Die Gemoroh»Kurse find auch speziell für Anfänger berechnet. Wettere Schiurim werden auf Wunsch bei genügender Beteiligungsziffer gern eingerichtet. In allernächster Zeit sollen auch im Stadtteil Bellevue Lernkurse eingerichtet werben. Emde«. 25. April. Die feierliche Einweihung des imposanten Waisenhauses in Emden, über welches wir bereits kurz berichteten, fand unter großer Betelltgung der ganzen Gemeinde, zahlloser auswärtiger Gäste aus den Provinztalgemeinden und in Anwesenheit der Vertreter der städtischen Behörden am 21. April statt. Die Weiherebe hielt Herr Landrabbtner Dr. Löb. Er gedachte in erster Linie deS verstorbenen Begründers des Waisendereins „Esras Jesaumim", des Landrabbtners Dr. Buchholz dessen Andenken durch eine Marmortafel sowie durch sein Porträt tm Sitzungssaale dem Waisenhause erhalten bleiben wird. Sodann wies der Redner an der Hand geistvoller Midraschstellen und finnig gewählter Bilder auf die Bedeutung deS Hauses hin, und schloß mit Dank und Segenswün chm für alle Spender in nah und fern. Der Oberbürgermeister Herr Geheimrot Fürbringer, Mttglied de« preußischen Abgeordnetenhauses, der als zweiter Redner das Wert ergriff, b. tonte, daß er noch unter dem mächttgen Barne dt ser Weiherede stehend, von neuem daran erkannt habe, welcher Opferstnn und welcher Idealismus bei den Juden wohne und daß er in seiner seitherigen Hochachtung vor dem jüdischen Staatsbürger noch mehr bestärkt worden sei. Aber besonders wohltuend habe er den warmen pattiottschen Geist, die Erwähnung unseres erhabenen Kaisers in der Rede empfundener wisse es als Haupt einer Stadt mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung, wie aus seinem langjährigen politischen Leben, daß die deutschen Juden von tiefer patriotischer Wärme erfüllt seien. Aber auch die herrlichen Grundzüge der jüdischen Religion hatten ihn stets mit Bewunderung erfüllt, er habe eine alte landrabbtnatltche Jnfiruktton zur Hand, aus welcher er gelernt habe auch die ethisch-soziale Sette des Judentums zu würdigen. Redner führte einige Punkte der Instruktion, die vom früheren Landrabbtner Samson Raphael Hirsch herstammt, an, der bei seiner Verfügung damals wohl nicht geahnt hat, daß fie nach 70 Jahren eine Grundlage sein werde zur Verherrlichung des Judentums von hoher Stelle aus. Hierauf entwarf Herr Hauptlehrer Selig aus Emden ein Bild der Entwickelung des Waiienvereins von seinem winzigen Ursprünge an bis heute. Herr Vorsteher Jakob Pels- Emden sprach sodann Herrn Dr. Löb mit zündenden Worten dm Dank der ostfriefischen Judenheit aus für seine aufopfernde Arbett, Reisen und Sammlungen für das Waisenhaus; nur dieser Arbeit allein sei eS zu verdanken, daß das Ziel erreicht worden sei. Es brachten dann noch die Herren Dr. Zorn die Glückwünsche der Embener Bürgerschaft, deren Präsident genannter Herr ist, Herr Hauptlehrer Wolf Aurich diejenigen der Lehrerschaft, Herr. Landrabbtner Dr. Mannheimer die Wünsche deS Jüdischen LandeSgemeinderates des Herzogtums Oldenburg, und der Inspektor des christlichen Waisenhauses in Emden, die Grütze dieser Schwesteranstalt. Die ganze zweistündige Feier, die von meisterhaft vorgetragenen Gesängen deS Synagogenchores sowie von Hymnen des KinberchoreS begleitet war, machte auf alle Zuhörer einen überwältigenden Eindruck. Am Abend fand ein wohlgelungenes und herrlich verlaufenes Festbimkett statt. Oftrvwv, 22. April. Der hier seit ca. 25 Jahren bestehende israelitische Darlehns Hilssverein c. V. zählt nach dem in der diesjährigen Generalversammlung erstatteten Rechenschaft bericht des Jahres z. Zt. 114 Mitglieder und außerdem 4 immerwährende Dkitglieder. Dao Vereinsvermögen beträgt gegenwärtig 10125 Mk. Der Verein hat den Zweck, an jüdische Gemeindemitglieder, die in Not geraten, zinslose Darlehn zu gewähren. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurdet» wiedergewählt. Meran, 25. April. Am 28. Januar 1909 fand die Einweihung deS neuen Hauses, des Genesungsheimes deS Vereins „Asyl für mittellose kranke Israeliten", statt und am 26. d. M. wurde das Genesungsheim mit Kranken belegt. Vom 26. Januar bis 1. Februar wurden 60 Pfleglinge ausgenommen, vom 1. Februar bis 15. Februar weitere 24, sodaß zu diesem Termine das Asyl vollständig i esetzt war. Mit Aufgebot aller Kräfte gelang eS den Leitern des HauseS trotz vielfacher Hemmungen im Betriebe aller Htnderntffe Herr zu werden und dm Kranken ihren sehnsuchtsvollen Wunsch, ln die Anstalt aufgenvmmm zu werdm, zu erfüllen. Unter den 84 Pfleglingen warm auS Böhmm 12, aus Deutschland 17, aus Wim 33, aus Mähren und Schlefien 11, die übrigen Krankm rekrutiertm fich aus Galizien, Ungarn, Steiermark, und Rußland. Dem Stande nach waren 40 Handelsangestellte, die Uebrigm verteilten sich auf Lehrer, Techniker und Handwerker. Verheiratet warm davon 15, die Pfleglinge standen im Alter von 151(i bis 50 Jahren. Aus dieser vorläufigen Statistik,'.die wenn möglich monatlich veröffentlicht werdm sollen, ist zu ersehm, daß aus allm Ständen, aus allm Altersstufen und auS allen Ländern in unserem Heim Hilfe gesucht wird. Für die Verpflegung, welche auS 7 Mahlzeiten besteht, für Wartung, Bedienung, Beheizung rc., hat der Verein einen Aufwand von -ca. 90.000 Kr. zu bestreiten, hievon find ca. 50.000 Sr. ungedeckt. Die Anstalt ist auf die Subvmtionm der Vereine sowie auf die Unterstützung

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