Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1909)
- Date
- 1909-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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29. April 1909. und anderes mehr erforderten gegen früher bedeutende Mehraufwendungen. Die 1. bis 3. Kommission haben sich einstimmig für die beantragte Erhöhung des Zuschusses ausgesprochen. Der Gemeinderat beschloß mit Stimmenmehrheit dem Gesuche stattzugeben und den Beitrag auf 1500 Mk. zu erhöhen. Karlsruhe, 25. April. Herr Stadtrabbiner Dr. Appel teilt uns mit, daß sich sein Sohn nicht um das Rabbiuat in Konstanz beworben habedie Nachricht aus Konstanz ist hiernach, soweit sie sich auf Dr. Appel bezieht, zu berichtigen. Stuttgart, 26. April. Die politischen Zeitungen haben in voriger Woche eine Nachricht gebracht, derzufolge die Kgl. Israel. Oberkirchenbehörde es den Rabbinern frei gestellt habe, in den Versammlungsräumen der Krematorien bei Leichenfeiern zu fungieren. Wie uns unser dortiger Korrespondent, der sich an zuständiger Stelle erkundigt hat, mitteilt, ist diese Nachricht vollkommen unwahr. Schweiz Die Tagung des idimei?eri(dien israelififdien 6emeindebundes. (Bon unserem Korrespondenten.) Basel, 19. April. Die Delegjerten-Versammlung des Schweiz. Jsr. Gemeindebundes wurde heute unter dem bewährten Präsidium des Herrn Dr. Guggenheim-Zürich, welcher mit Takt und Umsicht die Verhandlungen leitete, eröffnet. Er erörterte zunächst in einem kurzen Ueberblick die augenblickliche Lage der Juden in der Schweiz und bezeichnete diese als eine durchaus günstige. Wenn die Gesamtheit des Volkes, durch antisemitisches Heldentum, welches in der Maske des Tierschutzes arbeitete, einen unbarmherzigen Strich durch die in der Verfassung gewährleistete Religions- und Gewissensfreiheit machte, indem sie gegen das Schächten stimmte, so stellte sie sich damit in stricten Gegensatz zu der obersten Behörde, welche den hervorragendsten Autoritäten auf denk einschlägigen Gebiete beipfiichteten, daß das Schächten die humanste aller Tötungsarten seieine Behauptung, für deren Richtigkeit jeder Tag neue Beispiele liefert. — Als zweiten Gegenstand acceptierte der Gemeindebund den Antrag des Ceutralcomitees betreffend Bestellung einer Commission zur Erforschung der Geschichte der Schweizer Juden. Die Delegierten kamen durch diese Schlußnahme einem längst gefühltenBedürfnis entgegen. B. Dreyfuß-Brodski in Basel, Präsident der dortigen Cultusgemeinde, welcher den Antrag motivierte, betonte die Notwendigkeit, daß der zu gewinnende Autor zur Abfassung der Geschichte der Schweizer Juden ein echt jüdisch fühlendes Herz mitbringen müsse, damit unsere Jugend sich daran erheben und begeistern könne. Im Grunde genommen ist ja auch in der Schweiz die Geschichte unserer Glaubensgenoffen nichts anderes als eine lange Kette von Leiden, Verfolgungen und Verkümmerung der Menschenrechte. Als unvergängliche Lichtpunkte — und daran dürfte sich unsere Jugend ganz besonders stählen und erbauen! — erscheinen in dieser Chronik immer wieder unerschütterliche Glaubens- und Gesetzestreue, die in der Liebe zu Gott n"a ihren Urquell hatten und wie ewig goldene Sterne die Golus-Nacht erhellten. Ob der Chronist bei der Darstellung der heutigen Epoche diese erwärmenden Herzenslichtstrahlen am Himmel des Schweizer Judentums finden wird? — Lobende Erwähnung verdient der Beschluß der Delegierten-Vcrsammlung, an den Bundesrat mit der Petition zu gelangen, die jüdischen Soldaten an den jüdischen Hauptfeiertagen (Rosch Haschonoh und Jom Kippur) vom activen Dienste zu dispensieren. Wenn man auch mit dem Umstande rechnen muß, daß in der Schweiz, weil sie kein stehendes Heer besitzt und die General-Ma¬ Der JSraeltt. növer gerade in die Zeit der Herbstfeiertage fallen, eine Beurlaubung schwierig ist, so ist von der Liberalität der Schweizer obersten Behörden doch zu erwarten, daß sie die Petition des Gemeindebundes gewiffenhaft prüfen und ihr möglichst entsprechen wird. — Das Haupt-Tract. der Versammlung war das seit Dezennien immer wieder erörterte Problem der jüdischen Armenfürsorqe. Seit dem Fall der Ghetto Mauern ist diese Frage actuell geblieben, weil eine neue Erscheinung dieser Frage, der Wanderbettel, immer intensiver in den Vordergrund tritt. Diesen Gewohnheits- und Wanderbettel zu unterbinden, hat der Gemeindebund eine dreistündige, resultatlose Discussion über sich ergehen laffen. Herr Victor Wyler in Basel, Präsident der dortigen Armenpflege, hatte bereits im vergangenen Jahre in der Tagung zu Olten ein ausführliches Referat über dieses Thema gehalten. In einem historischen Rückblick beleuchtete er die jüdische Armenfürsorge des alten Judentums und stellte sie in Vergleich mit den Gegenwartsbestrebungen auf diesem G-biete. Z'doko heiße Gerechtigkeit und es entspreche nicht der Gerechtigkeit, dem professionellen Schlwrrertum in der Schweiz tatlos gegenüberzustehen, man müsse ihm die Wurzeln abgraben durch eine — Grenzsperre! Der heutigen Versammlung liegt in der Tat ein Reglement vor, das von einer fünfgliedrigen Commission ausgearbeitet wurde, dessen Schöpfer aber offenbar in der Hauptsache Herr Victor Wyler ist, das diese Radikalkur für die Abhaltung der „Schnorrer" tatsächlich empfiehlt Man höre: § 3. b) „Gewohnheitsbettler dürfen nicht ins Innere der Schweiz oder von Ort zu Ort befördert werden, sondern sind direkt bis an die Grenze oder über diese hinaus abzuschieben." Man braucht über diesen Paragraphen, der von edler Menschenwürde diktiert ist, kein Wort zu verlieren! Bis jetzt war diese Praxis nur bei der Maul- und Klauenseuche üblichdaß man bei dieser Taktik an das animalische Reich gedacht hat, erhellt ohne weiteres das geschmackvolle „abschieben!" Das ist auch ein Symptom für die jüdische Denkart der Gegenwart über eine der vornehmsten jüdischen Pflichten! Jeder, der die Frage der angeblichen Gewohnheitsbettelei zum Gegenstand ernsten Nachdenkens gemacht hat, weiß, daß die Ursachen tiefer liegen. Das größte Contingent dieser wandernden Dürfftigen stellt unzweifelhaft Rußland. Xlnb dieses eine Wort Rußland wirft ein helles Licht auf die Wurzel des Uebels. Die Schweiz ist ein freiheitlicher Staat, die, Gott sei Dank, die Menschenrechte auch den Juden zugesprochen hat. Aber der wandernde russische Jude ist ein Opfer der wirtschaftlichen Verhältnisse seines Landeser hat keine Heimat und kein Gewerbe - die Länder Europas Almosen heischend zu durchwandern, ist wahrlich kein beneidenswertes Geschäft. Denken wir doch immer wieder daran, daß der sogenannte Gewohnheitsbettler ein Produkt des sozialen Milieus ist, aus dem er hervorgegangen. Er soll zur Arbeit angehalten werden! Das ist ein durchaus richtiges Prinzip, denn der Segen der Arbeit wird auf den ersten Blättern der hl. Thora verkündet. Wenn aber nun ein Kaufmann kommt oder ein Gelehrter, ein Techniker, die den Wunsch nach Arbeit äußern, will man ihn als Handlanger beschäftigen zur Ersteigung eines hohen Gerüstes? Und wie steht es mit der Beobachtung des hl. Schabbos? Natürlich wer selbst die Heiligkeit dieses Tages nicht in der ganzen Tragweite empfindet ist nicht imstande, die Gefühle anderer zu würdigen, die lieber hungern möchten, als ein strenges Gebot Gottes zu vernachlässigen! Der Vorstand der Gemeinde Baden, vertreten durch die H. H. .Adolf Guggheim und Louis Wyler hat gegen die bezeichnete radikale Lösung des Problems energisch Stellung genommen. Er befürwortete eine Reglementierung in dem Sinne, daß auf die Arbeitsunfähigen gebührend Rücksicht genommen werde und jenen Arbeitsuchenden, welche sich in der Schweiz eine Existenz gründen Nr. 17. Seite 7 wollen, die Beobachtung des hl. Schabbos ermöglicht. Unsere Meinung ist die: Man mag über die Lösung des Problems so ernst und tief Nachdenken wie man will, es gibt am Ende nur ein Facit: So lange im Riesenreich Rußland, wo 6 Millionen Juden wohnen, die Sonne der Kultur noch nicht aufgegangen ist, welche auch dem Juden freie Betätigung auf allen Gebieten des erwerbenden und schaffenden Lebens ermöglicht, werden wir eine dauernde Heilung nicht erwirken. Zur Besserung der Lage kann von jüdischer Seite, namentlich von Seiten der russischen Juden selbst, allerdings manches geschehen. Der „Israelit" hat in jüngster Zeit mehrfach die sehr vernünftige Ansicht vertreten, daß im Osten die Gründung von Schulen ins Auge gefaßt werden müsse, in welchen nach dem alten Grundsatz jüdisches Wissen im Verein mit moderner Bildung gepflegt würde. Das sollte nach unserer Meinung nicht nur in Rußland, sondern auch in allen Lindern des Westens für die wandernden Armen, besonders für die Jugend, geschehen. Es kommen auch zu uns in die Schweiz so viele Analphabeten. Welch ein Verdienst könnte sich der Gemeindebund erwerben, durch Schaffung einer oder einiger Schulen den Kindern von russischen heimatlosen Familien die Elementarkenntnisse des Lesens, Rechnens und Schreibens zugänglich zu machen. (Selbstverständlich ohne Vernachlässigung des Jüdischen.) Damit wäre unendlich mehr getan, als durch eine Plakatinschrift an den Grenzpfählen: Eintritt verboten. Von dieser Fürsorge für die russische wandernde Jugend versprechen wir uns einen hübschen Erfolg, m der Voraussetzung, daß solche Schulen von gesinnungstüchtigen jüdischen Lehrern gelestZ Den. Sagt doch schon der Philosoph Leibnitz: „So oft ich über die Wege zur Beförderung des allgemeinen Wohls nachdenke, komme ich auf dasselbe : daß das menschliche Geschlecht sich nur vervollkommnen wird, wenn die Erziehung der Jugend eine bessere Gestalt erlangt". Gestewetch. 6ine Zwangs-Organisation der Jade» in Oesterreick? (Von unserem Korrespondenten.) Wien, 26. April Der österreichische Gemeindetag, der am 17. April 1908 in Wien tagte, setzte ein Komitee zur Schaffung einer autoritativen Gesamtorganifation der Juden Oesterreichs ein. In dieses Komitee wurden die Vertreter der bedeutendsten Kultusgemeinden Oesterreichs gewählt mtd ihnen vor allem zur Richtschnur gegeben 1) die Autonomie der Kultusgemeinden zu wahren, 2) die Gefühle aller religiösen und politischen Parteien zu schonen, Bedingungen, die wohl von vornherein der zu schaffenden Organisation die Sympathien der österreichischen Judenschaft sichern mußten, deren Einhaltung aber bei reiflicher Erwägung unmöglich schien. Man denke nur, die tschechisch, chauvinistischen und jüdischnationalen, die bürgerlich-demokratischen und sozialdemokratischen Juden, die alle ihre feste Organisation haben, sollen unter einen Hut gebracht werden, die Neologen aller Schattierungen mit Gesetzestreuen und Chassidim an einem Strange ziehen. Da müßte die Organisation vor allem international oder auational und, da sie doch nicht interkonfessionell sein könnte, areligös sein. Wie sie dann noch jüdisch sein sollte, auf welchem gemeinsamen Boden — außer Religion und Nationalität — sich Juden noch zusammensinden können, bleibt ein Rätsel - sie könnte nur eine Totgeburt werden, eine Organisation des sogenannten Matrikeljudentums. Man hegte also nicht viel Vertrauen auf eine gedeihliche Tätigkeit des Komitees, und dies umsoweniger als diese Tätigkeit sich geheim abspielte und nur ganz unverbürgte Nachrichten in die Oefflntlichkeit drangen, die allerdings so beunruhigend waren, daß die galizischen Gesetzcstreuen eine energische Abwehr einlelteten und beim Ministerium gegen die geplante Organisation iAtadüiitiäiafGäia